„Kiezdeutsch ist eine Ressource“

Kiezdeutsch hat einen schlechten Ruf – zu Unrecht, meint Maria Pohle. Die Linguistin erforscht die Verwendung von Kiezdeutsch unter Jugendlichen und betont die Normalität dieses Sprachgebrauchs. Kiezdeutsch hat weniger mit fehlenden sprachlichen Kompetenzen als mit jugendlichem Solidaritätsgefühl, situativer Sprachanpassung und der allgemeinen Sprachentwicklung im mittlerweile mehrsprachigen Europa zu tun. Als modernes sprachliches Phänomen sollte es auch im Unterricht eine Rolle spielen. Sindyan Qasem hat mit ihr gesprochen.

Kiezdeutsch

Sie forschen zum Thema Kiezdeutsch. Was zeichnet das Kiezdeutsch aus – und wo genau liegt eigentlich der „Kiez“?

Im Begriff „Kiezdeutsch“ stecken ja gleich zwei wichtige Informationen: Es geht um einen „Kiez“ und es geht um „Deutsch“. Der Begriff „Kiezdeutsch“ bezeichnet also eine Varietät des Deutschen, im Gegensatz zum Beispiel zur Bezeichnung „Kanak Sprak“, die eine Sondersprache bezeichnen würde. Und dieses Wort „Kiez“ impliziert dabei nicht einen geographisch begrenzten Raum, sondern den konkreten Sprachgebrauch von Jugendlichen innerhalb ihres Wohnviertels, eben in ihrem „Kiez“. Es geht also um die informelle Kommunikation der Jugendlichen im Alltag.

Mehrsprachigkeit gilt vor allem in urbanen und multiethnischen Räumen als Folge der Globalisierung als Normalfall. Es sind also meistens Viertel wie Berlin-Kreuzberg, Berlin-Neukölln oder Hamburg-Altona, in denen sich Kiezdeutsch als Sprachgebrauch entwickelt. Gesprochen wird es vor allem von Jugendlichen, sowohl mit als auch ohne sogenannten „Migrationshintergrund“. Teils sind diese Jugendlichen mehrsprachig – deutsch-türkisch, deutsch-arabisch, deutsch-albanisch, deutsch-kurdisch und so weiter, sie können aber auch monosprachig sein. Denn Jugendliche sprechen Kiezdeutsch dann, wenn sie in einem Kiez aufwachsen, in dem ganz viele verschiedene Sprachen in Gebrauch sind. Wie in jeder Jugendsprache möchten sich die Jugendlichen dabei abgrenzen und gleichzeitig Solidarität untereinander vermitteln. Deswegen verwenden sie ganz viele neue Wörter.

Pohle_BildMaria Pohle ist Linguistin und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl der deutschen Sprache der Gegenwart der Universität Potsdam. Sie promoviert zum Thema „Kiezdeutsch im Sprachrepertoire“ (Betreuung durch Prof. Dr. Wiese) und führt dafür Studien zum situationsbedingten Sprachverhalten Jugendlicher in multiethnischer urbaner Umgebung durch.

Aber das ist ja kein neues Phänomenen.

Nein, das gab es auch in den historischen Formen der Jugendsprache des 19. Jahrhunderts oder im Jugendslang der 50er, 60er, 70er, 80er und auch 90er Jahre. Heute werden neue Wörter eben nicht mehr nur aus dem Lateinischen oder Englischen geschöpft, sondern auch aus dem Arabischen, Türkischen, Kurdischen, Russischen und Vietnamesischen. Das Besondere am Kiezdeutsch ist, dass es sich unter diesen neuen Bedingungen der Mehrsprachigkeit entwickelt hat, daher gibt es ganz viele unterschiedliche Sprachsysteme, auf die die Jugendlichen zurückgreifen können. Das bedingt nicht nur lexikalische Innnovationen, sondern auch grammatikalische und phonetische. Der Satz „Isch geh Schule, Lan“ ist so ein Beispielsatz, in dem sich diese sprachlichen Ebenen wiederfinden. Wir beobachten auf der phonetischen Ebene Merkmale wie die Koronalisierung des ich-Lautes als isch-Laut. Das ist relativ typisch und wird auch in medialen Stilisierungen immer wieder hervorgehoben.

Das Wörtchen „Lan“ sehen wir hier als Entlehnung aus dem Türkischen, es bedeutet so viel wie „Alter“ – ist also eine Form der Anrede. Und dann beobachten wir auch eine grammatikalische Besonderheit: Bei Ortsangaben können Präpositionen und Artikel weggelassen werden. Aus „Ich gehe in die Schule“ wird „Ich gehe Schule“. Es gibt dafür allerdings ganz konkrete und logische Regeln, keine dieser Variationen wird willkürlich vorgenommen. Die Präposition würde zum Beispiel nie fehlen, wenn dadurch Missverständnisse entstehen und die Aussage nicht eindeutig sein würde.

Sie haben angesprochen, dass Kiezdeutsch in den Medien oft stilisiert wird und im Allgemeinen einen relativ schlechten Ruf hat. Warum ist das so?

Eigentlich ist der Zusammenhang ja logisch: Kiezdeutsch ist eine multiethnische Jugendsprache. Jugendsprachen waren generell nie beliebt. Das war auch zu anderen Zeiten so. Es wird immer sofort vom Verfall der deutschen Sprache gesprochen, von einem Generationenkonflikt, vom Verstoß gegen die geltenden Konventionen. Zusätzlich haben wir hier noch einen Zusammenhang von sozialen und ethnischen Faktoren, denn Kiezdeutsch wird in den sogenannten „Migrantenvierteln“ gesprochen.

Leider gehören diese Viertel noch immer zu den sozial schwächsten Vierteln in Großstädten. Automatisch werden alle negativen Assoziationen zu diesen „Migrantenvierteln“ auch auf das Kiezdeutsch projiziert. Dabei wird nicht die Sprache an sich bewertet, sondern immer die Sprechenden: Diejenigen, die Kiezdeutsch sprechen, seien dumm, aggressiv, sozial schwach – und sie können kein „richtiges“ Deutsch. Dieses Image spiegelt sich dann wiederum in den Assoziationen zum Sprachgebrauch, dessen negatives Image weiterhin – und immer mehr – auf seinen Sprecherinnen und Sprechern lastet. Heike Wiese, die viel zum Kiezdeutsch forscht, spricht in diesem Zusammenhang auch von einer sogenannten „Abwehrspirale“.

Zusätzlich gibt es im Kiezdeutschen sehr viele Abweichungen von der Standardsprache – wie auch in anderen Dialekten des Deutschen. Solche Abweichungen vom monolingualen Habitus werden ebenfalls nicht wohlwollend wahrgenommen, sondern als Verstöße gegen die Standardsprache empfunden, was ebenfalls zu diesem negativen Bild beiträgt.

In diesem Zusammenhang ist leider auch nicht zu unterschätzen, dass Kiezdeutsch zu einer Art Spielzeug in Medienberichten, in seriösen und weniger seriösen Veröffentlichungen und in Comedyshows gemacht wurde. Seitdem es die wissenschaftlichen Forschungen zum Kiezdeutschen gibt, ist auch die Darstellung in den Medien etwas differenzierter geworden. Trotzdem hat das, was in den Medien als Kiezdeutsch dargestellt wird, oft mit dem eigentlichen Dialekt wenig zu tun. Deswegen ist es gerade für Lehrende und Erziehende, die tatsächlich in ihrem Alltag mit Kiezdeutsch konfrontiert werden so wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen und eigene Vorurteile zu hinterfragen.

Kiezdeutsch wird sicherlich auch an Schulen gesprochen. Kann es sich lohnen, Kiezdeutsch in den Unterricht einzubauen?

Kiezdeutsch wird in der Regel gesprochen, wenn Jugendliche untereinander sind, also in informellen Situationen. Es kann natürlich vorkommen, dass Jugendliche auch im Unterricht Kiezdeutsch verwenden, das hängt aber meist nicht damit zusammen, dass sie Standarddeutsch nicht beherrschen, sondern es steckt durchaus eine Absicht dahinter: Provokation, Abgrenzung, Solidarität und so weiter. Und ja, natürlich sollten sowohl diese spezielle Jugendsprache als auch die Mehrsprachigkeit der Schülerinnen und Schüler im Allgemeinen unbedingt im Unterricht aufgegriffen werden. Jugendsprache und Mehrsprachigkeit können wunderbar als Ressource genutzt werden, um dann über das Standarddeutsch zu sprechen. Der Ansatz der letzten zehn, zwanzig Jahre besagt vor allem, man müsse die meisten Schülerinnen und Schüler in ihren Deutschkompetenzen fördern. Mittlerweile ist es ja aber so, dass die Schülerinnen und Schüler „mit Migrationshintergrund“ der dritten oder vierten Generation hier leben, sie wachsen mit Deutsch als ihrer Muttersprache auf – sie haben eben oft einfach mehrere Muttersprachen. Deutschkompetenzen sind also durchaus schon vorhanden.

Was eher ein Problem ist, ist die Registerkompetenz. Das heißt, es muss den Schülerinnen und Schülern gegebenenfalls noch bewusst gemacht werden, in welchen Situationen welcher Sprachgebrauch tatsächlich angemessen ist. Durch einen Vergleich im Unterricht zwischen Kiezdeutsch und Standardsprache, also dieser unterschiedlichen Register und sprachlichen Varietäten, wird Jugendlichen oft erst bewusst, dass sie ganz unterschiedliche „Sprachen“ verwenden, sie reflektieren ihren eigenen Sprachgebrauch und können viel bewusster in bestimmten Situationen eine bestimmte Varietät auswählen. Außerdem wird dieser fast mythische Status des Kiezdeutschen als „schlechtes Deutsch“, womit Jugendliche jeden Tag konfrontiert werden, dekonstruiert: Kiezdeutsch wird als etwas völlig Normales dargestellt, das sogar grammatikalischen Regeln folgt – damit wäre gegebenenfalls auch der besagte Provokationsreiz weg, Kiezdeutsch im Unterricht zu sprechen.

Wenn Kiezdeutsch als „schlechtes Deutsch“ wahrgenommen wird, wie wirkt sich das auf die Beurteilung von jungen Kiezdeutsch-Sprecherinnen und –Sprechern aus?

Das ist eine schwierige Frage, denn es wäre natürlich falsch, allen Lehrerinnen und Lehrer pauschal Vorurteile zu unterstellen. Es existieren allerdings auf jeden Fall bestimmte Stereotype. Eine der verbreiteteren ist eben, dass Jugendliche, die Kiezdeutsch sprechen, aufgrund von mangelnder Deutschkompetenz kein „richtiges Deutsch“ sprechen. Drumherum existieren dann eben noch andere Vorstellungen von den Sprechenden: „sozial schwach“, „bildungsfern“ und so weiter. Und natürlich wirken diese Vorurteile und Stereotype auch durchaus bei der Bewertung und Beurteilung der schulischen Leistungen. Inwiefern das bei einzelnen Lehrenden zum Ausdruck kommt, hängt von Erfahrung, Selbstreflexion und davon ab, wie viel sich ein Lehrer oder eine Lehrerin mit dem Thema schon auseinandergesetzt hat.

In meiner Arbeit in verschiedenen Projekten und Studien zu Kiezdeutsch in Berlin-Kreuzberg habe ich auch neben vielen positiven Beispielen auch einige schlechte Erfahrungen gemacht: Zum Beispiel war das erste, was eine Lehrerin zu mir gesagt hat, als ich mit ihren Schülerinnen und Schülern ein kleines Projekt durchführen wollte: „Erwarten Sie nicht zu viel, die können nicht sehr viel.“ Im Laufe des Projektes haben mir diese Jugendlichen das Gegenteil bewiesen. Was sie dafür gebraucht haben, war eine zu bewältigende Herausforderung, positive, unvoreingenommene Einstellung und Vertrauen in ihre Fähigkeiten.

Allerdings: Sobald Lehrende sich mit dem Thema beschäftigen und auseinandersetzen, können sie viel besser über solche Vorurteile reflektieren. Ich hatte diese Vorurteile selbst, bevor ich mich mit diesem Thema auseinander gesetzt habe. Vorurteile sind etwas normales und nachvollziehbares. Ich möchte andererseits auch nicht behaupten, dass alle Kids, die Kiezdeutsch sprechen, gut in der Schule sind, das wäre falsch. Genauso falsch wäre es zu behaupten, dass alle Jugendlichen, die Bayerisch sprechen oder zu Hause berlinern, allesamt erfolgreich – oder eben nicht erfolgreich – in der Schule wären. Ich möchte also lediglich sagen, dass es keinen Zusammenhang zwischen der schulischen Leistung und der Fähigkeit gibt, Kiezdeutsch mit den Freunden und Freundinnen zu sprechen.

Eine abschließende Frage: Wir beobachten in unserer Arbeit immer wieder, dass gerade auch religiös konnotierte Vokabeln eine große Rolle in der Jugendsprache spiegeln. Dadurch entsteht oft der Eindruck, die Jugendlichen seien auch tatsächlich sehr religiös. Geht es hier wirklich um etwas religiöses?

Aus meinen Erfahrungen heraus würde ich sagen, dass es tatsächlich eher eine veränderte Semantik ist. Wörter, die ins Kiezdeutsche übertragen werden – egal ob aus dem Arabischen oder Türkischen wie beim Wort „wallah“ („Ich schwöre bei Gott!“) oder bei Wörtern aus dem Englischen oder Standarddeutschen – verändern oft ihre Bedeutung. Genauso wenig wie das Wort „geil“ heutzutage etwas mit Sexualität zu tun hat, hat auch „wallah“ etwas mit Religiosität zu tun. Es wurde ein Prozess der sogenannten semantischen Gleichung vollzogen, bei dem die ursprüngliche Bedeutung gar nicht mehr auf das Wort zutrifft, es wurde eher zu einer Floskel, die zur Bekräftigung des Gesagten verwendet wird. „Wallah“ wird eben mittlerweile auch von Jugendlichen gebraucht, die nicht religiös sind. Die religiöse Bedeutung ging in diesem Sprachgebrauch, in diesem Kontext des Kiezdeutschen, beinahe vollständig verloren. Zum Vergleich noch ein Beispiel: Wenn ich überrascht bin und sage „Oh mein Gott!“, dann würden Sie ja wahrscheinlich auch nicht unmittelbar schlussfolgern, dass ich sehr religiös bin!

Foto: (c) Maria Pohle