Jenseits von Kulturalismus und Abgrenzung: Weiterbildungen zur Jugendarbeit und Prävention für Imame und Religionsbedienstete

Die Jugendarbeit ist ein wichtiges Arbeitsfeld der islamischen Verbände. Zugleich mangelt es vielen Vereinen an qualifiziertem Personal und finanziellen Mitteln, um der wachsenden Bedeutung von Angeboten für Jugendlichen gerecht zu werden. Das Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück bietet seit 2010 Weiterbildungen zum Thema Jugendarbeit in Moscheegemeinden und Extremismusprävention für Imame und Religionsbedienstete. Neben Informationen zum Islam und Muslim_innen in Deutschland werden hier vor allem auch pädagogische Ansätze für die Gemeindearbeit vermittelt. Aylin Yavaş sprach mit Prof. Dr. Bülent Uçar über das Programm.

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Wie entstand die Idee zu den Weiterbildungen?

Die Idee zu den Weiterbildungen entstand aus der wissenschaftlichen Betrachtung der Moscheenlandschaft einerseits und dem staatlichen Bemühen andererseits, um Verbände und letztendlich die Moscheegemeinden als Partner im Integrationsprozess – jedoch auch in der Auseinandersetzung mit Gefährdung durch fundamentalistische Ideen und Überzeugungen –  zu gewinnen. Zudem kam auch aus den Moscheegemeinden heraus der Wunsch nach Unterstützung im Integrationsprozess sowie der Verbesserung des Beratungspersonals durch Imame und Religionsbedienstete in den Moscheegemeinden.

Wir setzen daher in der Weiterbildung drei Schwerpunkte: Wir unterstützen die Teilnehmenden bei der Verbesserung ihrer pädagogischen Fähigkeiten und stärken damit grundsätzlich die Jugendarbeit in den Moscheegemeinden. Darüber hinaus behandeln wir explizit das Themenfeld Extremismusprävention – ein Bereich, der innerhalb der Jugendarbeit für manche Moscheegemeinden an Bedeutung gewinnt. Im Zuge des aktuellen Jahrgangs unseres Institutes kommt nun als neuer Schwerpunkt die interkulturelle Bildung hinzu. In Zusammenarbeit mit dem Museum für Islamische Kunst in Berlin wird es den Moscheegemeinden möglich sein, über die engen kulturellen Verbindungen zwischen den islamisch geprägten Ländern und Europa zu sprechen. Auf diesem Weg können sie anschaulich vermitteln, dass kein Widerspruch zwischen der Religion des Islam und der Zugehörigkeit zu Deutschland besteht. Wir wollen damit in dem sehr wichtigen Bereich der Identitätsbildungsprozesse aktiv werden und Integrationsprozesse beschleunigen, die lange Zeit zu wenig vorangekommen sind. Teilnehmen können dabei grundsätzlich alle Imame, Religionspädagogen und Seelsorger, die haupt-, neben- oder ehrenamtlich in Moscheegemeinden tätig sind. Also Personen aus der Praxis, die sich weiterbilden möchten.

Ucar

Prof. Dr. Bülent Uçar ist Islamwissenschaftler und Religionspädagoge. Seit Juni 2008 ist er ordentlicher Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück und Direktor des Instituts für Islamische Theologie.

Welche Ziele verfolgen Sie denn genau?

Alle Bereiche religionspädagogischer und sozialer Gemeindearbeit bedürfen einer wissenschaftlichen Begleitung. Beide Aufgabenfelder sind elementar. Während erstere Ebene eine gewisse Entwicklungstradition hinter sich hat, sind die Aufgabenbereiche der sozialen Arbeit relativ neu für die Moscheegemeinden. Hier gilt es, die Gruppen der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für ihre neuen und veränderten Aufgaben vorzubereiten. Gleichzeitig werden sie mit hiesigen Werte- und Glaubensvorstellungen konfrontiert und lernen, diese reflektiert zu betrachten. Neu dabei ist, dass dem kulturellen Moment durch Einbeziehung der Museumspädagogik eine besondere Rolle zukommt.

Musliminnen und Muslime erfahren sich und ihre Religion zunehmend auch unter kulturellen Aspekten. Mittelfristiges Ziel der Weiterbildung ist es, die pädagogischen Kompetenzen in den Moscheegemeinden zu entwickeln. Langfristig geht es auch darum, die Strukturen in den Gemeinden zu stärken, sie auf ihrem Weg zu unterstützen, als Institutionen eine zunehmend wichtigere Rolle im gesellschaftlichen Leben in Deutschland zu spielen. Mit den Jahrzehnten, seit denen Musliminnen und Muslime in bedeutender Zahl Deutschland leben, wird es für die Gemeinden immer wichtiger, nicht ausschließlich als Interessenvertretung ihrer Mitglieder zu fungieren, sondern auch an Bedeutung für die Gesamtgesellschaft zu gewinnen. Daher helfen wir den Moscheegemeinden dabei, auch Bereiche wie Bildung und Soziales zu etablieren.

Alle Aspekte der Weiterbildung an unserem Institut sind für die Gesamtgesellschaft relevant: Eine fundierte religiöse Ausbildung immunisiert junge Musliminnen und Muslime gegen die vereinfachenden, konfrontativen und theologisch zweifelhaften Argumentationen von Extremisten. Die verstärkte Wahrnehmung sozialer Aufgaben entlastet den Staat und wirkt der verbreiteten Fehleinschätzung entgegen, wonach Probleme bei der Integration von Musliminnen und Muslimen eher religiöse oder kulturelle als sozio-ökonomische Ursachen haben. Mittels interkultureller Bildung schließlich können wir langfristig einen Mentalitätswechsel herbeiführen. Muslime wie Nicht-Muslime begreifen, dass sich der Islam und die deutsche Staatsbürgerschaft sehr gut vereinen lassen. Eine heterogene Gesellschaft ist eine Bereicherung für alle. Es geht nur darum sie zu gestalten. Dazu ist es wichtig Integration nicht ausschließlich problemorientiert zu betrachten. Durch die Kultur lassen sich die Vorteile und Errungenschaften des kulturellen Austauschs sehr gut hervorheben. Etwas, von dem wir alle lernen können.

Sie haben die weitverbreitete Vorstellung angesprochen, es gäbe einen Widerspruch zwischen dem Deutschsein und Muslimsein. Wen betrifft dies – Musliminnen und Muslime oder die Mehrheitsgesellschaft?

Es ist für ein bestimmtes Bevölkerungssegment partiell ein beidseitiges Phänomen. Manche schotten sich bewusst ab, während andere den Musliminnen und Muslimen das Deutschsein absprechen. Deutschsein wird häufig mit essentialistischen Vorstellungen verbunden. Die Kulturalisierung der homogenen deutschen Bevölkerung reicht in diesen Kreisen soweit, dass die Zugehörigkeit zum Islam als Ausschlusskriterium gilt. Andererseits fokussieren sich viele Muslime auch nur auf dekadente Aspekte der deutschen Gesellschaft und assoziieren diesen mit kulturellem Verfall und Sittenlosigkeit. Beides ist gleich problematisch.

Spielen Imame denn im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch eine große Rolle?

Imame und Religionsbedienstete – wobei die zweite Gruppe auch aus einem großen Anteil an Frauen besteht – haben großen Einfluss auf die Jugendlichen, wenn sie ihrerseits von den Jugendlichen als religiöse Rollenvorbilder akzeptiert werden. Aber auch, wenn sich Jugendliche von ihrer Gemeinde entfernt haben und vermeintlich einfachen Lösungen hinterherlaufen, sind die Imame und die Religionsbediensteten immer noch in Reichweite. Hierfür ist es wichtig, dass sich die Imame und ihre Mitstreiter auf die jeweilige Zielgruppe einstellen und eine adressatenbezogene Arbeit leisten. Letztlich sind Imame und weitere Akteure des religiösen Bildungs- und Erziehungsprozesses der Gemeinden immer noch die zentralen Ansprechpartner für Jugendliche und Heranwachsende. Hierin liegt ihre zentrale und wichtige Stellung.

Haben Imame auch Einfluss auf bereits radikalisierte Menschen?

Imame haben auch auf bereits radikalisierte Muslime Einfluss, wenn sie es vermögen, eine sachliche Auseinandersetzung mit der Problemstellung zu ermöglichen. Sie müssen sich zunächst ein Stück weit in die Gedanken und Entscheidungsprozesse der sich radikalisierenden Menschen einfinden, um sie dort argumentativ von der negativen Tragweite ihrer Entscheidungen für sich selbst und die Gesellschaft zu überzeugen. Konkrete Angebote müssen gemacht und die Betroffenen auch aktiv unterstützt werden, was letztlich jedoch sehr zeit- und personalintensiv ist.