Islamismus im Netz: Mit Löschen allein ist es nicht getan

Der Umgang mit extremistischen Inhalten in sozialen Medien wird aktuell heftig diskutiert. Dabei wird dem Löschen von Hate-Speech und gewaltverherrlichenden Inhalten eine besondere Rolle zugemessen. Allerdings beschränken sich extremistische Angebote gerade aus den islamistischen Spektren nicht auf strafbare Inhalte, sondern behandeln oft ganz alltägliche Themen, um entsprechende Botschaften zu vermitteln. Mit dem Löschen von strafbaren Inhalten allein ist dem Problem daher nicht beizukommen.

Bildschirmfoto 2018-01-07 um 16.21.34Der Aufstieg des „Islamischen Staates“ ist ohne das Internet nicht zu verstehen. Zur Hochzeit des selbsternannten Kalifates im Sommer 2015 waren dessen Veröffentlichungen weltweit für jeden mit wenigen Klicks zugänglich. Zehntausende Seiten und Kanäle auf Facebook, Youtube oder Twitter dienten dem IS und seinen Anhängern als Forum, um die Erfolge der Dschihadisten im Irak und Syrien zu feiern und Muslime dazu aufzurufen, sich dem neu ausgerufenen Kalifat anzuschließen. Allein im August 2015 veröffentlichte der Islamische Staat mehr als 750 offizielle Videos und Fotoserien, die über Soziale Medien verbreitet wurden.[1] Nicht selten orientierten sich die Macher dabei an aktuellen jugendkulturellen Trends. Computerspiele und Hollywood-Filme dienten als Vorbilder, die in den Videos imitiert wurden. Größere Verbreitung erhielt insbesondere das PC-Spiel Salil al-Sawarem, das sich in der Optik an dem populärem Vorbild Grand Theft Auto orientierte.[2]

Angesichts der großen Sichtbarkeit dieser Angebot gerieten Plattform-Betreiber wie Facebook oder Youtube zunehmend in die Kritik und sperrten seit 2016 zahllose Accounts dschihadistischer Gruppierungen. Auf Youtube werden Gewaltverherrlichungen des IS und seiner Ableger mittlerweile innerhalb kürzester Zeit gelöscht. Heute sind es vor allem Messenger-Dienste wie Telegram oder Whatsapp, auf denen einschlägige Videos verbreitet und die nicht selten für die gezielte Ansprache von Sympathisanten genutzt werden.

Niedrigschwellige Angebote für alltägliche Fragen

Doch immer noch werden über das Internet und die Sozialen Medien islamistische Einstellungen verbreitet. Ein großer Teil der deutschsprachigen islamistischen Internetinhalte stammt heute aus der salafistischen Szene, aber auch für andere Strömungen wie Muslimbruderschaft oder die Hizb ut-Tahrir spielen Online-Medien eine wichtige Rolle.[3] Gezielt werden vor allem Soziale Medien genutzt, um die Ideologie unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu verbreiten. Ziel der „Online-Dawa“, der Missionsarbeit im Internet, ist die Islamisierung der Gesellschaft nach der salafistischen Vorstellung des Islams sowie das Werben um neue Anhänger. Facebook-Seiten aus dem Umfeld des Predigers Pierre Vogel kommen mit ihren Inhalten auf weit mehr als 200.000 Likes. Zum Vergleich: Die Facebook-Seite der Ditib Zentralmoschee in Köln kommt auf knapp 10.000 Nutzer. In sozialen Netzwerken prägen die Salafisten damit viele gesellschaftliche Debatten über den Islam und die Frage über das richtige Leben als Muslim.

Bildschirmfoto 2015-07-03 um 09.25.31Dr. Götz Nordbruch ist Islamwissen-schaftler und Co-Geschäftsführer von ufuq.de.

In den heute vorherrschenden Beiträgen geht es dabei in der Regel nicht um den Aufruf zur Gewalt, sondern um die Verklärung einer vermeintlich wahrhaftigen islamischen Ordnung, in der Muslime unbehelligt von weltlichen Verlockungen leben können. Glücksspiel, globale Ungerechtigkeit oder Ehe für alle – die Liste der Themen, die für die Sündhaftigkeit und Verwerflichkeit der modernen Gesellschaften stehen, ist lang. „Die Krise heißt Kapitalismus – Systemwechsel“, heißt es beispielsweise in einem Bildbeitrag der Initiative „Islamisches Erwachen“. Systemwechsel steht hier für eine islamische Ordnung, wie sie von Salafisten propagiert wird.

Tatsächlich fällt es vielen Menschen ganz unabhängig von Herkunft und Religionszugehörigkeit schwer, sich zu vielen der hier angesprochenen Themen eine Meinung zu bilden: Wie lassen sich sexistische Darstellungen von Frauen in der Werbung rechtfertigen, wenn doch überall von Gleichberechtigung und Emanzipation die Rede ist? Wie lässt sich die Kinderarmut in Deutschland erklären, während die Gewinne von Banken und Wirtschaft steigen? Und wieso gilt das saudische Königshaus auch in Deutschland als wichtiger Bündnispartner, wenn es doch Demokratie und Menschenrechte mit Füßen tritt? Der Islam, wie er von Salafisten in sozialen Netzwerken beworben wird, erscheint dagegen als ebenso einfache wie verlässliche Alternative zu einer zunehmend schwerer zu durchschauenden Welt. Mit ihren rigiden Normen und Ritualen bietet sie Orientierung und verspricht Ordnung – und nimmt dem Einzelnen damit von die Last, Verantwortung für eigene Entscheidungen zu tragen.

Auch Berichte über Diskriminierungserfahrungen, rassistische Gewalt oder zivile Opfer in den verschiedenen Konflikten im Nahen Osten spielen eine wichtige Rolle, um eine Abkehr von der Gesellschaft und eine Hinwendung zu salafistischen Szenen zu befördern. Videos, die das Leid der Zivilbevölkerung in Syrien zeigen, oder Berichte über rassistische Angriffe auf Muslime in Deutschland und Europa dienen hier dazu, das Bild einer grundsätzlichen Feindschaft „des Westens“ gegenüber Muslimen zu zeichnen („Muslime sind Opfer des Westens!“). Diskriminierungen und Rassismus werden instrumentalisiert, um einen Rückzug auf die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, zu beschwören.

Soziale Medien sind ein wichtiges Forum, um diese Botschaften zu verbreiten und Gefühle der Ohnmacht und Nichtzugehörigkeit zu verstärken. Dennoch herrscht in der Forschung mittlerweile weitgehend Einigkeit, dass die Nutzung Sozialer Medien allein nicht ausreicht, um eine Hinwendung zum gewaltbereiten Islamismus zu erklären. In aller Regel sind es erst reale Kontakte zu einzelnen Predigern oder Freunden und Bekannten, die den Einstieg in die gewaltbereite Szene ermöglichen. Das Internet wirkt als Katalysator, ist aber nicht selbst Ursache für eine Radikalisierung.[4]

Dies spiegelt sich auch in den Debatten über mögliche Ansätze der Präventionsarbeit in Sozialen Medien. Großangelegte Videokampagnen, wie sie zum Beispiel in Frankreich wenige Wochen nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo („Stop Djihadisme“) von der Regierung initiiert wurden, erwiesen sich als weitgehend erfolglose Versuche, die Propaganda des IS und anderer dschihadistischer Organisationen wahlweise als moralisch falsch, archaisch oder unmenschlich zu entlarven.[5] In den Augen vieler Nutzer waren die Urheber der Kampagnen schlicht unglaubwürdig, wenn es darum geht, für Demokratie und Menschenrechte zu werben.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen entstanden in den vergangenen Jahren zahlreiche Initiativen, denen es nicht vorrangig darum geht, salafistische Vorstellungen zu widerlegen, sondern darum, eigene Perspektiven auf religiöse Fragen stark zu machen und dafür zu werben, dass Muslime selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind. In Deutschland haben sich die „Datteltäter“ mit diesem Ansatz einen besonderen Namen gemacht. Mit ihrem „Satire-Kalifat“ macht sich die Gruppe junger, vornehmlich muslimischer Youtuber über den Islamischen Staat und dessen Sympathisanten lustig. Gleichzeitig repräsentieren sie ein Bild von Muslimen in Deutschland, die ganz selbstverständlich mit ihrer Religion umgehen und zur Gesellschaft dazugehören.

Hunderttausendfach werden die Videos geklickt, das Format ist in das Programm von „funk“, dem Online-Medienangebot von ARD und ZDF für Jugendliche aufgenommen. Der Erfolg der „Datteltäter“ steht und fällt mit der Authentizität ihrer Botschaft: Sie sprechen über und für sich selbst, ohne dass dabei ein bildungs- oder sicherheitspolitisches Ziel im Vordergrund steht. Und noch etwas macht die Glaubwürdigkeit eines solchen Ansatzes aus: In den Videos der „Datteltäter“ geht es nicht allein darum, was unter Muslimen falsch läuft, sondern auch um die Probleme, denen Muslime in der Gesellschaft ausgesetzt sind. Diskriminierung, Rassismus und Marginalisierung werden von ihnen als konkrete Probleme benannt, die den Alltag vieler Muslime prägen.

Um Ansätze der Präventionsarbeit in Sozialen Medien zu entwickeln, bieten die Erfahrungen solcher Initiativen wichtige Anregungen: Es geht nicht allein um die besseren Argumente, sondern auch um Angebote, die attraktiver sind als jene, die von Salafisten beworben werden. Ob diese Angebote überzeugen, entscheidet sich allerdings nicht allein im Internet. Erst die Erfahrung, auch als Muslime tatsächlich zur deutschen Gesellschaft dazu zu gehören, bietet die Gewähr, dass die Botschaften von Salafisten ins Leere laufen.

Anmerkungen

[1] Daniel Milton (2016): Communication Breakdown. Unraveling the Islamic State’s Media Efforts, Combating Terrorism Center at West Point, S. 21.

[2] Ahmed Al-Rawi (2016): Video games, terrorism, and ISIS’s Jihad 3.0. Terrorism and Political Violence, S. 7ff.

[3] Der Salafismus beansprucht ein einzig wahres Verständnis des Islams, wie er angeblich in der Frühzeit des Islams gelebt wurde. Alle andere Zugänge zum Islam gelten als Abweichungen von der „wahren Religion“. Dennoch gibt es wichtige Unterschiede zwischen einzelnen salafistischen Strömungen: 1) puristische Salafisten, die ein solches Islamverständnis vor allem für sich selbst als verbindlich betrachten, aber keinen politischen Anspruch erheben, 2) politisch-missionarische Salafisten, die alle Muslime in der Pflicht sehen, durch aktive Missionsarbeit auf eine gesellschaftliche Durchsetzung des Salafismus hinzuarbeiten und 3) dschihadistische Salafisten, die auch den Einsatz von Gewalt für die Verbreitung ihrer religiösen Überzeugungen für notwendig erachten.

[4] Vgl. dazu Meleagrou-Hitchens, Alexander/Kaderbhai, Nick (2017): Research Perspectives on Online-Radicalisation. A literature review, 2006-2016. Oxford: VOX-Pol Network of Excellence, S. 31.

[5] Vgl. zu den Problemen staatlicher „Gegennarrative“ Rachel Briggs und Sebastien Feve (2013): Review of Programs to Counter Narratives of Violent Extremism. What works and what are the implications for governments? London: Institute for Strategic Dialogue, S. 17.

Illustration: Eintrag auf dem Facebook-Profil „Der Islam verbindet“