Islamische Jugendarbeit in Deutschland – Junge Muslime als Partner

In Deutschland leben etwa 1.8 Mio. junge Muslim_innen unter 25 Jahren. In der Jugendarbeit spielen sie eine wichtige Rolle – nicht nur als Zielgruppe, sondern auch als Akteur_innen. Dennoch werden sie in der Öffentlichkeit oft übersehen, wenn es um Kooperationen in der Kinder- und Jugendarbeit geht. Dr. Hussein Hamdan hat die islamische Jugendarbeit untersucht und fordert eine stärkere Öffnung für islamische Träger. Aber auch die Strukturen der islamischen Verbände müssen sich verändern.

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“Gesellschaft gemeinsam gestalten – Junge Muslime als Partner“ – unter diesem Titel stand ein Forschungsprojekt der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, das von Juni 2012 bis Mai 2014 durchgeführt wurde. Dabei wurden Strukturen, Schwerpunkte und Ausrichtung der Jugendarbeit von verschiedenen islamischen Vereinigungen hauptsächlich in Baden-Württemberg untersucht.[1] Dazu wurden Interviews mit muslimischen Jugendleiterinnen und -leitern, Vereinsvorständen und Verantwortlichen islamischer Jugendverbände und Jugendgruppen sowie kommunalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Verantwortlichen in der Jugendhilfe geführt. Darüber hinaus wurden in verschiedenen Regionen Deutschlands modellhafte Projekte untersucht, in denen muslimische Jugendliche mit anderen Trägern beteiligt sind.[2] Insgesamt wurden in beiden Forschungsfeldern 62 qualitative Interviews mit 96 Gesprächspartnerinnen und -partnern sowie zusätzlich etwa 50 Hintergrundgespräche geführt.

Ein Blick auf das demographische Bild in Deutschland macht deutlich, warum die Auseinandersetzung mit diesem Thema so wichtig ist. Deutschlands Muslime sind insgesamt eine junge Bevölkerungsgruppe, über 40% sind unter 25 Jahre alt und werden zukünftig das gesellschaftliche Zusammenleben noch stärker mitgestalten. Außerdem leistet islamische Jugendarbeit bei der Identitätssuche vieler junger Muslime einen entscheidenden Beitrag.

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Dr. Hussein Hamdan ist Islamwissenschaftler und Mitarbeiter der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Er arbeitet als “Islamberater” für Kommunen und islamische Organisationen in Baden-Württemberg.

Unsere Studie hat ergeben, dass islamische Jugendarbeit in Deutschland vielfältig ist. So beschränken sich die Angebote keineswegs auf religiöse Themen. In den Gemeinden werden unter anderem Hausaufgabenbetreuung, Freizeitgestaltung und sportliche Aktivitäten angeboten. Der Schwerpunkt der Jugendarbeit ist aber eindeutig religiös dominiert. Die Vermittlung religiöser Werte und die Stärkung der religiösen Identität der Jugendlichen stehen dabei im Vordergrund. In erster Linie geschieht dies durch unterschiedliche Formen von Koran- und Islamunterricht, aber auch Gesprächskreisen zu religiösen und aktuellen Themen, die die Jugendlichen zum Teil allein, mit einem Jugendleiter/in oder in Begleitung eines Imams abhalten. Etwas anders gestaltet sich dies in der alevitischen Jugendarbeit. Dort sind kulturelle Aktivitäten nur zum Teil mit religiösen Inhalten verbunden. Besonders hervorzuheben sind hier das Erlernen des Lauteninstruments Saz und des Semah-Tanzes, die beide zentrale Elemente der alevitischen Gottesdienste darstellen.

Ein weiteres zentrales Ergebnis ist, dass die Jugendarbeit noch stark von Erwachsenenverbänden oder Gemeindevorständen abhängig ist. Allerdings sind langsam Emanzipationsprozesse zu beobachten. Seit 1994 existieren die „Muslimische Jugend in Deutschland (MJD)“ als eigenständiger Jugendverband und der „Bund der alevitischen Jugendlichen (BDAJ)“, der aus dem Erwachsenenverband der Aleviten (AABF) entstanden ist und sich mittlerweile zur größten Migrantenjugendselbstorganisation in Deutschland entwickelt hat. Dem Weg des BDAJ versucht aktuell DITIB nachzueifern. In den letzten Jahren wurden 15 Landesjugendverbände gegründet mit dem Ziel, eine Mitgliedschaft in den Landesjugendringen zu erlangen. In Niedersachsen und im Saarland ist dies auch schon gelungen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die DITIB-Jugendverbände mittelfristig flächendeckend zu den Mitgliedern der jeweiligen Landesjugendringe gehören werden. Ein weiteres Ziel auf das die DITIB-Jugendlichen hinarbeiten, ist die Mitgliedschaft im Bundesjugendring. Im Januar 2014 organisierten sie sich mit dem Namen „Bund der Muslimischen Jugend (BDMJ)“ auf Bundesebene.

Loslösungsprozesse von etablierten Strukturen sind zum Teil auch auf lokaler Ebene zu sehen. Ein interessanter Fall auf den wir gestoßen sind, ist die Fatih-Jugend in Mannheim. Diese der hiesigen IGMG-Gemeinde angehörende Jugendgruppe machte sich selbstständig und entwickelte eine eigene Satzung. Außerdem strebt sie eine Mitgliedschaft im Mannheimer Stadtjugendring an. Der erste Versuch scheiterte allerdings, als andere Mitgliedsverbände Vorwürfe gegen die Fatih-Jugend erhoben und sie aufgrund Ihrer Zugehörigkeit zur IGMG in die Nähe des türkischen Nationalismus bzw. Islamismus brachten. Bei der Abstimmung über die Jugendgruppe bekam sie nicht die nötige Mehrheit und muss nun einen neuen Versuch starten.

Die Aufnahme in die jeweiligen Jugendringe ist eine der Kooperationsformen, um sich die junge Muslime in jüngster Zeit verstärkt bemühen. Der Fall der Fatih-Jugend zeigt, welche Hürden teilweise dabei noch bewältigt werden müssen. Wie geht man z.B. mit Gruppen um, die, wie die IGMG oder aber auch die MJD[3], vom Verfassungsschutz beobachtet werden? Die Fatih-Jugend hat nach ihrem Versuch der Öffnung nach außen hin einen herben Rückschlag einstecken müssen. Das hätte zu einem kompletten Rückzug der Gruppe führen können. Der Stadtjugendring in Mannheim suchte aber weiterhin den Dialog mit den Jugendlichen und bemühte sich um eine Lösung bezüglich ihrer Mitgliedschaft. Inzwischen ist die Fatih-Jugend wieder Probemitglied. Es wird spannend sein, wie sich dieser Fall in naher Zukunft entwickelt.

Eine weitere Kooperationsform, die in den Interviews sehr häufig genannt wurde, sind interreligiöse Dialogprojekte hauptsächlich mit christlichen Partnern. Dabei geht es jungen Muslimen insbesondere darum, den eigenen Glauben vorzustellen und somit Vorurteile abzubauen, die gegen sie in der Gesellschaft erhoben werden. Darüberhinaus möchte man die Glaubensvorstellungen der Christen kennenlernen und gemeinsame Werte entdecken. Der Austausch über religiöse Inhalte kann als ein erster und wichtiger Schritt für weitere Aktivitäten gesehen werden. Dafür braucht es nicht immer methodisch bis ins Kleinste durchdachte Programme. Manchmal reicht der Besuch eines Gotteshauses der jeweils anderen Religion, um Fragen zu klären und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Solche Erfahrungen können junge Menschen prägen und ihnen Angst vor dem nehmen, das ihnen fremd ist oder als fremd erscheint.

Bei Kooperationen mit muslimischen Verbänden im Jugendbereich sollten einige Aspekte berücksichtigt werden. So hat muslimisches Personal oft noch keine spezifischen Qualifikationen. Erst allmählich gibt es Bemühungen um den Erwerb von Jugendleitercards. Eine der größten Herausforderungen stellt der in der Regel ehrenamtliche Charakter islamischer Vereinsarbeit dar. Das ehrenamtliche Engagement wird zwar oft als „Gottesdienst“ verstanden und wird auch „für Gottes Wohlgefallen“ ausgeübt, lässt sich aber häufig nur schwer mit Familie und Beruf vereinbaren. Besonders auffällig wird das bei Kooperationen mit christlichen oder anderen Trägern, deren Projektverantwortliche hauptamtlich tätig sind. Während die muslimischen Verantwortlichen der Projektarbeit in ihrer Freizeit nachgehen und sich zum Teil Urlaub nehmen müssen, ist die christliche Seite im Rahmen ihrer Dienstzeit an dem Projekt beteiligt. Die Hauptverantwortung solcher Projekte liegt dann meist bei den nichtmuslimischen Trägern. Auf der einen Seite kann dies eine Erleichterung für die Muslime sein, auf der anderen macht es aber eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe nicht immer möglich. Ein christlicher Interviewpartner beschrieb die Zusammenarbeit als „David-und-Goliath-mäßig“, um auszudrücken, dass eine organisatorische Augenhöhe schlicht nicht existierte.

Über hauptamtliche Strukturen verfügt von den untersuchten muslimischen Gruppen nur der BDAJ. Interessanter Weise sind diese Strukturen aus dem dreijährigen Projekt „Integration durch Qualifikation und Selbstorganisation“ mit der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V. (2009 – 2012) hervorgegangen. Inzwischen verfügt der BDAJ auf Bundes- und Regionalebene über zehn Stellen. In den lokalen Gemeinden wird die Jugendarbeit allerdings weiterhin von Ehrenamtlichen getragen. Dennoch sind solche strukturfördernden Projekte im Hinblick auf die Nachhaltigkeit von besonderer Bedeutung und sind daher für die Weiterentwicklung muslimischer Gruppen sehr hilfreich.

Wollen wir ein kurzes Resümee zu unserem Projekt „Junge Muslime als Partner“ ziehen, so lässt sich festhalten, dass islamische Jugendarbeit in Deutschland mehr zu bieten hat als man zunächst annimmt. Gleichzeitig sind etwa im Vergleich zur kirchlichen Jugendarbeit sehr ungleiche Rahmenbedingungen sichtbar geworden. Junge Muslime brauchen in vielen Bereichen noch Unterstützung, um ihr Potenzial auszuschöpfen und bessere Arbeit leisten zu können. Gerade jetzt, angesichts der vielen gesellschaftlichen Herausforderungen ist es essentiell die jungen Muslime in verschiedenen Prozessen zu Partnern zu machen.

Weitere Informationen zu den Aktivitäten der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur Stärkung des gesellschaftlichen Engagements von jungen Muslimen, die von der Robert Bosch Stiftung gefördert werden, finden Sie auf der Webseite der Akademie.

Quellen

[1] Insgesamt waren neun Gruppen Gegenstand der Untersuchung: Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG), Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ), Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland (BDAJ), Muslimische Jugend in Deutschland (MJD), Hizmet („Gülen-Bewegung“), Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ), Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD) sowie ausgewählte arabische Gemeinden.

[2] Es wurden acht Projekte untersucht: JUMA – Jung, Muslimisch, Aktiv (Berlin), Jung. Hessisch. Muslimisch. Und selbstverständlich mit dabei (Hessen), Ibrahim trifft Abraham (Düsseldorf), Jüdisch-christlich-muslimische Kooperationen (München), Dialogbereit (Nordrhein-Westfalen), Coaching-Projekt (bundesweit), Christlich-islamischer Jugendkreis (Kirchheim unter Teck), Evangelisch-Muslimisches Mädchenprojekt (Emsdetten).

[3] Die Verfassungsschutzbehörden rücken zunehmend von einer Beobachtung der MJD ab. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht des Bundesministerium des Innern wird die MJD nicht mehr erwähnt. Bei der Vorstellung des Berichtes deutete Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen an, dass das Amt zukünftig auch die Beobachtung der IGMG einstellen könnte, siehe tagesspiegel.de, 12. Juli 2015.

Illustration: Ankündigung einer Veranstaltung der MJD und des DMK-Berlin für junge Muslime in Berlin