Haram und halal – Religiöse Gebote und Praktiken unter jungen Muslimen. Interview mit Paula Schrode

Religiöse Gebote und Rituale spielen für viele Muslim_innen eine wichtige Rolle. Dabei sind diese Gebote und Praktiken keineswegs starr und werden von allen Muslim_innen geteilt. Paula Schrode forscht zu religiösen Praktiken unter Muslim_innen in Deutschland und hat sich insbesondere mit dem sich wandelnden Verständnis der islamischen Speiseregeln beschäftigt. Im Gespräch beschreibt die promovierte Islamwissenschaftlerin, welche Bedeutung religiösen Geboten im Alltag von jungen Muslim_innen zukommt.  

Halalibo

In Ihrer Arbeit beschreiben Sie Speiseregeln nicht nur als wichtigen Aspekt der individuellen Glaubenspraxis, sondern betonen auch die soziale Komponente dieser Regeln. Worin besteht genau dieser soziale Aspekt der Speiseregeln?

Paula Schrode: Es sind eigentlich zwei Aspekte: Essen ist eine elementare gemeinschaftsstiftende Praxis. Umgekehrt werden überall, wo gemeinsames Essen und wechselseitiges Teilen von Nahrung durch religiös begründete Speiseverbote eingeschränkt werden, automatisch Gruppengrenzen und sozialer Abstand markiert. Der zweite Aspekt ist spezieller: Sobald man es mit Substanzen zu tun hat, die von geschlachteten Tieren stammen, hängt es nach verbreiteter islamischer Sichtweise von der Religionszugehörigkeit des Schlachters ab, ob das entsprechende Lebensmittel für Muslime erlaubt ist oder nicht. Wenn ich diese Regeln strikt befolgen möchte, muss ich häufig also nicht nur die konkreten Inhaltsstoffe, sondern auch die sozio-religiöse Herkunft eines Produktes berücksichtigen. In einer pluralen Gesellschaft wird das natürlich zu einer sehr komplexen Angelegenheit.

Der Alltag von Muslim_innen in Deutschland hat sich aber in den letzten Jahren merklich gewandelt – und damit auch die sozialen Erwartungen und Praktiken. Spiegeln sich diese Veränderungen im Umgang mit Speiseregeln – aber im weiteren Sinne auch in anderen religiösen Praktiken?

Schrode: Es gibt natürlich ganz unterschiedliche Typen von Religiosität, aber innerhalb der stärker praktizierenden Gruppe verstehen viele junge Muslime ihre Religion heute nicht als Fortführung von Traditionen der Eltern oder der Herkunftsgruppe, sondern als ein individuelles Projekt, das man eigenverantwortlich – wenn auch keineswegs isoliert – verfolgt: Hier bilden sich neue, multiethnisch-deutsche religiöse Netzwerke und Diskursräume. Neue Medien schaffen dabei Zugänge zu Diskursen, die früher Domäne der Gelehrten waren, das heißt, man entscheidet als Laie nicht nur selbst, an welche Autoritäten man sich hält, sondern man vergleicht und hinterfragt deren Fatwas, beginnt selbst zu recherchieren und bildet sich religiös fort. Die interaktive Suche nach Antworten im Internet ist eine eigene religiöse Praxis geworden. Zu allen rituellen Vorschriften und Lebensbereichen, zu denen sich das islamische Recht äußert, werden in den Foren ausführliche Diskussionen geführt. Diese unübersehbare Fülle an Fragestellungen und Zweifelsfällen oder Gerüchten über vermeintlich verunreinigte Lebensmittel hat aber auch einen verunsichernden Effekt. So lässt sich immer wieder beobachten, wie Forennutzer nach ausführlichen Debatten schließlich doch zu strikteren und damit aus religiöser Sicht sichereren Auslegungen tendieren. Solche Beobachtungen sagen aber nicht zwangsläufig etwas über die tatsächliche private Praxis dieser Nutzer aus, sondern vor allem über die Regeln dieser neuen religiösen Diskurse, in denen muslimische Laien aktiv an der Formung und Kontrolle ihrer Orthodoxie beteiligt sind.

Sie sprechen von Religion als „individuellem Projekt“, in dem dann beispielsweise auch sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit Regeln und Normen zum Ausdruck kommen können. Was bedeutet das für das Verhältnis eines Jugendlichen zu seinen Eltern?

Schrode: Mit „individuellem Projekt“ ist gemeint, dass man es eigenverantwortlich und für sich selbst verfolgt, statt lediglich Traditionen des sozialen Umfelds oder der Familie fortzuführen. Entsprechend suchen sich religiöse Jugendliche auch eigene Angebote oder Moscheegemeinden, die sie vielleicht als authentischer empfinden. Damit ist aber kein Individualismus gemeint, in dem sich nun jeder seinen ganz persönlichen Islam entwirft: In der Regel gehen diese jungen Muslime in ihrem Selbstverständnis von bestimmten, als authentisch verstandenen Normen als einer Basis aus, die nicht verlassen werden darf. Konkrete Auslegungen können variieren, so lange sie sich innerhalb der Diskurslogiken als „islamisch“ vermitteln lassen. Jugendliche, die sich solches Diskurswissen aneignen, stellen traditionelle Autoritäten durchaus in Frage. Um ein Beispiel zu nennen: In manchen Milieus gibt es das Phänomen, dass Eltern für ihre Kinder nur Ehepartner aus der eigenen ethnischen Gruppe akzeptieren wollen. Ich habe aber schon mehrmals von Fällen gehört, in denen sich junge Muslime schließlich gegen die Widerstände der Eltern durchgesetzt haben, und zwar mit dem religiösen Argument, dass es nicht auf ethnische Herkunft, sondern viel mehr darauf ankommt, dass der Partner ein guter Muslim sei. Wenn Jugendliche bestimmte religiöse Grundnormen mit den Eltern teilen, kann sich also im Konfliktfall ein fundiertes Religionswissen auch gegen Familientraditionen durchsetzen. In dieser Konstellation geht es dann aber nicht unbedingt darum, die Grenzen des religiösen Diskurses neu abzustecken, sondern in erster Linie wird dessen Gültigkeit bestätigt. Es wäre also beispielsweise wenig erfolgversprechend, für die Ehe mit einem atheistischen Partner islamisch argumentieren zu wollen.

Für Nicht-Muslim_innen – zum Beispiel für Lehrer_innen, die in der Schule mit jungen Muslim_innen arbeiten  ist es oft schwer nachvollziehbar, dass die Überzeugungen und religiösen Praktiken unter jungen Muslim_innen oft sehr unterschiedlich sind, obwohl sie sich doch alle als Muslim_innen bezeichnen. Bisweilen erscheint diese Vielfältigkeit des gelebten Islam dann nicht als Normalität, sondern als Ausdruck von Beliebigkeit und Willkür, was zur Folge haben kann, dass bestimmte religiöse Überzeugungen nicht ernst genommen werden und als unbedeutend oder „ausgedacht“ abgetan werden. Was muss man sich als Lehrer vor Augen halten, wenn man mit solchen Fragen konfrontiert ist?

Schrode: Was im Islam als erlaubt oder verboten gilt und was wie praktiziert wird – das islamische Recht und seine Umsetzungen also – sind Ergebnisse weitverzweigter Auslegungstraditionen, die sich nicht etwa nur auf den Koran, sondern auf viel umfangreichere Quellen stützen, die zueinander in Bezug gesetzt werden. Aufgrund dieser Komplexität wird man wohl keine zwei Gelehrten finden, die in allen Fragen übereinstimmen. Das ist ja in weltlichen juristischen Diskursen ganz ähnlich, die trotzdem – genauso wie die islamischen – keineswegs beliebig sind. Mit Willkür oder Beliebigkeit hat das also nichts zu tun, nur ist es für Nichtmuslime vielleicht schwer zu verstehen, dass formelle Dinge wie der richtige Termin für bestimmte Praktiken – zum Beispiel im Ramadan – aus islamischer Sicht ernstzunehmende Rechtsfragen sind. Andererseits kann von Lehrkräften natürlich nicht erwartet werden, verschiedenste Rechtstraditionen in den Schulalltag einzubinden und für alles Raum zu schaffen, was irgendwie religiös begründet wird. Viele Debatten, die in letzter Zeit um die Rolle von Religion in der Schule geführt werden, sehe ich daher kritisch: Statt Religion ständig zu betonen und unter allen anderen Identitätsmerkmalen als prominent herauszugreifen, erscheint es mir wichtig, Kindern gerade nicht zu suggerieren, dass man von ihnen von vornherein erwartet, sich mit bestimmten Traditionen zu identifizieren, nur weil ihre Eltern dieser oder jener Herkunft sind. Wenn Schulen als staatliche Institutionen dann bestimmte Orthodoxien privilegieren, indem sie entsprechende Möglichkeitsstrukturen schaffen, machen sie damit individuelle Ausdrucksformen oder den Verzicht auf Religion indirekt zu einer Abweichung und greifen so auf problematische Weise in religiöse Machtstrukturen ein. Meiner Meinung nach sollten religiöse Praxis und die Protektion religiöser Lehren in einer immer pluraler werdenden Gesellschaft nicht in den Bereich der öffentlichen Bildung gehören. Allerdings geht der politische Trend genau dahin, diese Identitäten an der Schule gezielt zu fördern und zu prägen. Und an dieser Vorgabe soll dann häufig nicht nur der Religionsunterricht, sondern auch allgemein der Schulalltag ausgerichtet werden, was den Lehrern aber kaum zuzumuten ist.

Dr. Paula Schrode ist Islamwissenschaftlerin an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Islam in Deutschland, transnationale Aspekte des Islam und Islam und Nationalismus in der Türkei. In ihrem Buch ”Sunnitisch-islamische Diskurse zu Halal-Ernährung. Konstituierung religiöser Praxis und sozialer Positionierung unter Muslimen in Deutschland” (Würzburg: Ergon, 2010) gibt sie die Ergebnisse ihrer aktuellen Forschungen wieder.

Das Interview führte Götz Nordbruch für ufuq.de.