„Inside IS“ im Berliner Grips-Theater: Mit Schulklassen hingehen oder lieber nicht?

Selten hat ein Theaterstück unter Lehrer_innen und Pädagog_innen für so viel Diskussion gesorgt wie „Inside IS“, das in diesem Herbst auf dem Spielplan des Berliner Grips-Theaters steht. Einerseits ist es ein Stück, das Schüler_innen interessiert. Das Thema Terror ist spannend und der Autor Jürgen Todenhöfer kommt bei den Jugendlichen an. Andererseits ist das Thema heikel und der Kultstatus Todenhöfers macht die Diskussion über das Thema Terror zusätzlich kompliziert. So zögern viele Lehrer_innen. Was, wenn die Schüler_innen durch den Besuch erst richtig in den Bann der IS-Propaganda gezogen werden? Ufuq.de hat mit den Beteiligten an dem Grips-Stück viel über diese Fragen diskutiert und wird an den angebotenen Nachgesprächen beteiligt sein. So würden wir empfehlen: Hingehen, aber nur, wenn es ausreichend Zeit für Vor- und Nachbereitung gibt.

inside

„Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ liest sich wie ein Krimi. In dem 2015 erschienenen Bestseller beschreibt der Journalist Jürgen Todenhöfer seine Erlebnisse auf einer ganz besonderen Reise: Gemeinsam mit seinem Sohn Frederic hat er sich im Sommer 2014 auf den Weg in das vom IS eroberte Nordirak und und ins IS-Gebiet in Syrien gemacht. Als erster deutscher Journalist bereiste er ganz offiziell den sogenannten „Islamischen Staat“. Er beschreibt Begegnungen, bewaffnete Auseinandersetzungen und Diskussionen mit radikalen IS-Führern. Auf der Grundlage dieses Buches bringt nun das Berliner Grips-Theater ein Stück auf die Bühne und es richtet sich an die, die von Todenhöfer am meisten fasziniert sind: Jugendliche. Stärker als in der literarischen Vorlage thematisiert das Stück Radikalisierung. Wie werden Jugendliche zu fanatischen Islamisten? Warum reisen auch deutsche Jugendlichen nach Irak und Syrien, um sich den Kämpfen des IS anzuschließen? Was macht die Faszination IS aus?

Mit Schulklassen hingehen oder lieber nicht?

„Inside IS“ feierte Mitte Oktober Premiere und – so ist es im Grips-Theater üblich – wird vor allem in Aufführungen speziell für Schulklassen gezeigt. Viele Pädagog_innen und Lehrer_innen in Berlin stehen dem Stück mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber: Einerseits ist es eine Chance, mit Mittel- und Oberstufenschüler_innen ein Stück anzuschauen, das für Aufsehen sorgt und in der Öffentlichkeit breit diskutiert wird. Auch das Thema IS ist geeignet, Jugendliche anzusprechen und zudem ist der Autor Todenhöfer bei Jugendlichen sehr beliebt. Allein auf Facebook hat er derzeit knapp 700 000 likes. Es verspricht also ein gelungener Schulausflug zu werden.

Auf der anderen Seite haben viele Lehrer_innen Bedenken: Ist das Thema nicht zu heikel? Was mache ich, wenn Jugendliche von dem Stück eher zum radikalen Islam hingezogen werden, als sich abgestoßen zu fühlen? Klar ist auch: Es wird Diskussionen darüber geben und es ist wichtig, diese zu führen. Das Schlimmste wäre, wenn sich die Jugendlichen das Stück fasziniert anschauen und sich dann die Ohrstöpsel ihrer Handys wieder in die Ohren stecken. Wenn nicht die islamistische Propaganda aufgegriffen wird, dann könnte vielleicht die zum Teil einseitige Darstellung des Islams und der Muslim_innen – dass diese radikal sind und zum Terror neigen – unreflektiert übernommen werden.

Die Verehrung Todenhöfers ist Teil der Diskussion

Auch im ufuq.de-Team gab es Diskussionen. Das Grips-Theater war schon in der Planungsphase an uns herangetreten, damit „Inside IS“ inhaltlich begleitet wird und die am Stück Beteiligten auf das Thema und auf die anstehenden Nachbereitungen mit den Schulklassen vorbereitet werden. Uns beschäftigte dabei vor allem die Rolle Todenhöfers in den Sozialen Medien und die Art, wie er dort von manchen verehrt wird. Dagegen ist nichts einzuwenden, richten sich seine Posts doch eindeutig gegen die Radikalisierung und gegen den IS. Er richtet sich auch an Jugendliche, die sonst auch von IS-Propaganda ansprechbar wären und holt sie dort ab, wo sie sind: So kritisiert er eine Doppelmoral der westlichen Politik in der Region und islamfeindliche Hetze der Medien. Unterdrückung und Unrechtsherrschaft werden als Ursache für Unterentwicklung und Armut benannt. Er nimmt die Anliegen der Jugendlichen ernst, verleiht ihnen dadurch eine Stimme. Dies ist geeignet, ihnen mehr Selbstvertrauen zu geben und wirkt als Empowerment. „Das Stück zieht die Lebenswirklichkeit von Jugendlichen mit ein und gibt ihnen das Gefühl – wie Zeitzeugen – an dem aktuellen Geschehen beteiligt zu sein. Thema und Fragen der Jugendlichen werden aufgegriffen und dadurch, dass der Islam auf eine positive und gleichberechtigte Ebene gehoben wird, kann man beobachten, dass es zu einer gewissen Aufwertung von Jugendlichen führt“, so Deniz Kaynak, die bei ufuq.de für die Workshops mit Jugendlichen zuständig ist.

Allerdings – und das erklärt die langen Diskussionen, die wir bei ufuq.de geführt haben –  bedient sich Todenhöfer dabei einer eher simplen Sicht auf die Welt, unterteilt sie in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß. Eine weitere Parallele zur IS-Propaganda ist, dass Muslim_innen in seiner Darstellung zumeist Opfer der Weltgeschehnisse sind. Er zieht daraus zwar ganz andere Schlüsse als der IS, er verurteilt eindeutig Gewalt und die Abwertung von anderen Lebensentwürfen, doch in der Art zu argumentieren gibt es viele Ähnlichkeiten. Schwarz-Weiß-Denken ist nicht nur problematisch, wenn es von radikalen Muslim_innen propagiert wird, auch bei anderen schränkt es die Sicht auf die Welt erheblich ein. Für Diskussionen sorgt dabei auch die Rolle Todenhöfers. Die Parallelen zu Lawrence von Arabien sind nicht zu übersehen und tatsächlich sind es vor allem die Reisenden aus dem Westen, die als selbstbewusst Handelnde dargestellt werden. Sie treffen fast ausschließlich auf radikale Muslim_innen, die zu verbohrt sind, um auf Augenhöhe zu argumentieren. Allein die Figur des Imam Ilhan steht für einen Mittelweg und so kommt der Islam der Mehrheit der Muslim_innen in der Darstellung deutlich zu kurz.

Klischeehafte Darstellungen – Ansatzpunkt für Diskussionen

Hier bieten sich gute Ansätze für Diskussionen mit Schüler_innen: Orientalismus und klischeehafte Darstellung des Orients im Allgemeinen in Medien und Literatur sind ein Thema, das viele interessiert. Gemeinsam mit Jugendlichen gilt es, den Kultstatus um Todenhöfer auseinanderzunehmen. Gelingt dies, bringt das die Zuschauer_innen sicherlich ein gutes Stück weiter.

So ist „Inside IS“ ein gutes Stück für Jugendliche ab etwa 15 Jahren und Lehrer_innen können sich sicher sein, dass ihre Klassen gerne ins Theater gehen. Zugleich ist aber klar: Es wird und es muss Diskussionen geben, die mit großer Wahrscheinlichkeit anstrengend und persönlich werden. Schließlich geht es hier um Identitätsfragen. Eine gründliche Vor- und Nachbereitung des Stücks und ein bisschen Zeit, um mit den Jugendlichen über Terror und Glauben, über Schwarz-Weiß-Denken und über Klischees und Helden zu debattieren, muss unbedingt eingeplant werden.