Inhalte in 16 Takten: Rap und politische Bildung im Projekt RAPutation.tv

Jugendkultur und Religion, Hip Hop und Islam – für die einen sind diese Themen untrennbar miteinander verbunden, für andere zwei rote Tücher. Nicht erst seit der ehemalige Rapper Dennis Cuspert alias Deso Dogg in Videobotschaften zum Dschihad in Syrien aufruft, wird über mögliche Verbindungen zwischen Dschihadismus und Hip-Hop-Kultur gerätselt. Gewaltbereite Muslim_innen, so heißt es dann, finden im Rap ein Mittel, um Jugendliche mit ihren Botschaften zu erreichen.

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Tatsächlich finden sich in Texten von deutschen Rappern wie Alpa Gun, Farid Bang oder Kurdo immer wieder auch Statements zur eigenen muslimischen Religiosität. Dabei ist Rap mit seiner oft harschen Sozialkritik, in der auch Verschwörungstheorien ihren Platz haben, vor allem auch Ausdrucksform einer gesellschaftlich nicht anerkannten Bevölkerungsgruppe. Rap ist Ventil und der Versuch, komplexe Sachverhalte in wenigen Takten sprachlich zu fassen. Dennoch: Der oft geäußerte Verdacht, dass Rapper zu Gewalttaten neigen, mag naheliegen, ist aber falsch.

In der oft aufgeheizten Debatte um Hip Hop und Islam gerät das politisch-bildnerische Potential der Kunstform Rap in den Hintergrund. Das Projekt RAPutation.TV macht sich seit 2012 im Auftrag der Robert Bosch Stiftung für die politische Bildung und Beteiligung politikferner Jugendlicher in Deutschland stark. Ziel von RAPutation.TV ist es, die Lebenswirklichkeit junger Menschen sichtbar zu machen und eine Brücke zwischen Jugend und Politik zu schlagen. Die Frage, ob und wieviel Islam und Rap überhaupt miteinander zu tun haben, kam auch beim prominent besetzten Panel im Rahmen des Projektabschlusses in der Berghain-Kantine auf den Tisch. Mit Solmaz Sohrabi, die RAPutation.TV konzipiert und produziert hat, sprachen Aylin Yavas und Sindyan Qasem über die Hintergründe des Projekts und gewonnene Erfahrungen. 

Wie eng sind Rap und Islamismus tatsächlich miteinander verknüpft?

Solmaz Sohrabi: Im Kontext massenmedialer Berichterstattungen werden oftmals Bezüge zwischen Islamismus und Rap gesucht, zum Beispiel nach den Anschlägen in Paris im Januar 2015. Hier geht es vornehmlich um die Konstruktionen von Feindbildern.

Wieso werden Rap und Islamismus denn so oft miteinander in Verbindung gebracht?

Solmaz Sohrabi: Hier spielen Marginalisierungsmechanismen eine große Rolle. Diese greifen in alle Lebensbereiche ein. Schauen wir uns den Sprachgebrauch doch mal an: Zwischen den Begriffen Islamismus und Islam wird teilweise gar nicht mehr unterschieden. Die Rede ist von Islamismus, wenn eigentlich das Praktizieren oder die Ausübung des Islams gemeint ist. Der Begriff Islam ist komplett neu konnotiert, allerdings nicht von der muslimischen Gemeinde selbst, sondern von der mehrheitlich weißen, nicht-muslimischen Gesellschaft. Im Zeitalter von Pegida & Co. und einer rassistischen und menschenunwürdigen Flüchtlingspolitik zeigt sich hier auch in kleineren Debatten eine allgemeine Tendenz zu Undifferenziertheit.

Es gibt allerdings ganz deutlich Bezüge zwischen Rap und der Religion Islam. Der Islam spielt seit den Anfängen des Musik-Genres eine Rolle. Bezüge findet man bei Afrika Bambaataa, der immer schon gesagt hat, dass die „Nation of Islam“einen großen Einfluss auf seine Kunst hatte, aber auch bei Künstlern von Queen Latifah bis RZA, von Nas oder Mos Def bis Sister Souljah – sie alle bekennen sich zum Islam, für die meisten spielt der Islam in ihrem künstlerischen Schaffensprozess eine Rolle. Auch in Deutschland bekennen sich viele Rapperinnen und Rapper öffentlich zum Islam und die gehören dann auch zu den wenigen prominenten Muslimen in Deutschland.

Welchen politischen Einfluss hat Rap auf Jugendliche?

Solmaz Sohrabi: Wir machen die Erfahrung, dass Rap nach wie vor das wichtigste Sprachrohr für junge Menschen ist, um sich Gehör zu verschaffen, um politische Themen und Botschaften zum Ausdruck zu bringen.

Wie kam es zu dem Thema der Abschlussveranstaltung und welches Ziel hattet ihr dabei?

Solmaz Sohrabi: Wir haben im Vorfeld der Abschlussveranstaltung gemeinsam mit dem Rapper Matondo den Song Islam & Ich produziert. Wir waren überwältigt über die positive Resonanz zu dem Song und dem Musikvideo. Viele User haben sich bei Matondo dafür bedankt, dass er mittels Rap auf die Missstände und den erfahrenen Alltagsrassismus von jungen muslimischen Menschen in Deutschland hingewiesen hat.

Unser Ziel war es darüber zu sprechen, wie mittels der Annäherung von Rap und dem Islam, politische Bildungsarbeit aussehen kann, die sich zum Ziel macht, Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen, gleichzeitig über den Islam aufzuklären und junge marginalisierte Gruppen wieder mittels der Musik zu integrieren.

Bietet Rap denn Möglichkeiten der Prävention und politischen Bildung?

Solmaz Sohrabi: Ja, denn Rap gehört zum Hip Hop und somit zur größten Jugendbewegung bzw. Jugendkultur in Deutschland. Somit hat Rap eine Relevanz innerhalb der Gesellschaft – und das eben vor allem für junge Menschen. Mittels des Sprechgesangs kann inhaltlich sehr viel vermittelt werden. Rap-Akteure haben eine wichtige Funktion als Multiplikatoren – als Werkzeug der politischen Bildung sehen wir von RAPutation.TV daher großes Potenzial in der Bildungs- und Präventionsarbeit mittels Rap.

Welche Erfahrungen macht ihr mit der Religiosität junger muslimischer Rapperinnen und Rapper in eurem Projekt?

Solmaz Sohrabi: Es ist nicht möglich, eine allgemeine Aussage dazu zu machen. Aber natürlich können wir sagen, dass das Thema Religion auch in der dritten Staffel von RAPutation.TV eine Rolle gespielt hat. Jeder und jede ist eingeladen, sich ein eigenes Bild davon zu machen!

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