Hilfsbereite Partner: Muslimische Gemeinden und ihr Engagement für Geflüchtete

Wie sehr sich muslimische Gemeinden und Initiativen für Geflüchtete engagieren, davon bekommt die Öffentlichkeit wenig mit. In einer neuen Broschüre der Bertelsmann Stiftung werden zehn vorbildliche Projekte vorgestellt. Die Arbeit soll dadurch sichtbar und gewürdigt werden. Natürlich gilt es auch, andere zum Nachmachen zu ermuntern. Wir dokumentieren eine Zusammenfassung der Studie von ufuq.de-Mitarbeiterin Julia Gerlach.

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Die Integration der Geflüchteten ist die große Aufgabe für Staat und Gesellschaft. Um diese Herausforderung zu meistern, sind alle gesellschaftlichen Gruppen gefragt. Dies gilt insbesondere auch für muslimische Gemeinden. Sie sind ganz besonders geeignet, den Neuankömmlingen Orientierung zu geben. Viele der Neuangekommenen haben Schreckliches erlebt und oft ging die Aufnahme in Deutschland mit enttäuschten Hoffnungen und Unterbringung in Massenunterkünften einher. Religion kann hier eine stützende Rolle haben und es sind Seelsorger gefragt, die eine Brücke schlagen können zwischen der Herkunftskultur und dem neuen Leben.

Zudem gilt es, die Geflüchteten möglichst schnell mit den Besonderheiten des Lebens in Deutschland vertraut zu machen. Hierzu gehört auch der Islam und der Art, wie er in Deutschland gelebt wird. Ist hier doch eine muslimische Kultur entstanden, die das Zusammenleben mit anderen Religionen und Lebensentwürfen als normal betrachtet und zudem in sich vielfältig ist: So gibt es eben nicht den einen Islam in Deutschland, sondern sehr viele verschiedene Entwürfe nebeneinander. Dies zu vermitteln, können nur Muslime.

Tatsächlich gibt es sehr viele muslimische Gemeinden, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind und diese Punkte ansprechen. Einige, besonders gelungene Beispiele werden in der vorliegenden Broschüre vorgestellt.  Dabei wurde darauf geachtet, eine möglichst große Spannbreite verschiedener Projekte hervorzuheben. Das Spektrum reicht von der türkisch geprägten Ditib Gemeinde im Schwäbischen, deren Frauenverband in Flüchtlingsheimen Hilfe leistet, über den Verein Inssan in Berlin, der mit dem Projekt Wegweiser ein besonders engagiertes Mentorenprojekt betreibt, bis zur neuentstandenen Gemeinde in Merseburg, die es geschafft hat, das Miteinander in der ostdeutschen Stadt positiv zu prägen. Es werden sehr bekannte Projekte vorgestellt: Die al-Nour Gemeinde aus Hamburg, die 2015 extrem viele Geflüchtete aufnahm und das Haus der Weisheit e.V. aus Berlin, das vom Senat mit dem Betrieb einer Wärmehalle beauftragt wurde. Es werden aber auch besondere Projekte gewürdigt: So ist Alkawakibi Verein e.V. sehr effektiv in der Betreuung syrischer Ärzte und Dua Zeitun hat in Osnabrück gleich mehrere sehr Projekte, die interkulturelle Jugendarbeit mit Flüchtlingshilfe verbinden.

Viele Gemeinden haben sich durch die Geflüchteten stark verändert

In allen Fällen zeigt sich, dass die Ereignisse des vergangenen Jahres die Gemeinden und Gruppen stark verändert haben: Sie sind sehr gewachsen und haben sich oft in ihrer Zusammensetzung verändert. So wurde aus der von iranischstämmigen Akademikern gegründete Imam Hossein Moschee in Wiesbaden eine Art afghanischer Kulturverein. In der eher türkisch geprägten al-Aksa Moschee in Goslar, die zur IGMG gehört, sind jetzt Flüchtlinge für Vorstandsposten im Gespräch, weil die Syrer hier längst die Mehrheit stellen. In vielen Moscheen wird das Freitagsgebet wegen des großen Andrangs mehrmals gehalten. In vielen Gruppen wurde die bestehende Sozialarbeit im vergangenen Jahr ausgebaut und professionalisiert. Neu ist auch, dass es mehr öffentliche Förderung für muslimische Akteure gibt. Dies führt zu einem Ausbau der Strukturen und kann mittelfristig zu einer besseren Verankerung in der Gesellschaft führen.

Zugleich wäre es falsch, den Beitrag muslimischer Akteure zu idealisieren oder zu übertreiben. Wie auch in der Gesellschaft insgesamt, ist auch bei muslimischen Gruppen die große Euphorie über die Ankunft der Geflüchteten längst vorbei und vielerorts zeigt sich Frustration und Ermüdung. Hier spielt natürlich auch der wachsende Rassismus und die Propaganda rechter Parteien eine Rolle. Es zeichnet sich aber auch ab, dass die Beziehungen zwischen den alteingessenen und den neuangekommenen Migranten nicht immer Spannungsfrei sind. Hier geht es auch um Konkurrenz beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt. Problematisch ist auch, dass die alteingesessenen Muslime den Neuankömmlingen auch ihre negativen Erfahrungen im Umgang mit der oft abweisenden Mehrheitsgesellschaft vermitteln. In den 50 Jahren, in denen sich ein islamisches Leben in Deutschland etabliert hat, konnte sich viel Frust aufstauen. Das Erstarken radikaler Tendenzen unter einer Minderheit gerade junger Muslime ist eine Konsequenz daraus. Die Radikalen wiederum versuchen, die enttäuschten Hoffnungen der Geflüchteten auszunutzen, um bei ihnen Einfluss zu gewinnen. Dies kann zu einer Bedrohung werden.

Umso mehr gilt es, die neuen Chancen zu nutzen. Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahren ein bisschen islamischer geworden, weil es mehr Muslime gibt, allerdings ist zugleich der Islam auch ein bisschen deutscher geworden. Die neue Rolle und Anerkennung, die muslimische Gemeinden im Zuge der Flüchtlingsarbeit bekommen, bietet die Möglichkeit zu einem Neuanfang. Jetzt gilt es die Beziehungen neu zu gestalten. Miteinander, statt gegen- oder nebeneinander. Dazu ist es wichtig, den Beitrag, den Muslime leisten, fair zu würdigen. Dies ist das Anliegen der vorliegenden Broschüre.

Es gilt Projekte und Engagement sichtbar zu machen und den Erfahrungsaustausch unter den Aktiven zu fördern, Interessierte zum Aufgreifen und Weiterentwickeln der Projektideen zu motivieren.

 

Die Broschüre zum Download:

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Zum gleichen Thema:

Reportage in der aktuellen Ausgabe der Monatszeitschrift Chrismon.


 

zum Weiterlesen:

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