Gesellschaftliche Anerkennung von jungen Muslim_innen: Geht doch!

Unter dem Titel “Mut zum Zusammenhalt” hatte der Verein JUMA am vergangenen Samstag zum Fastenbrechen ins Rote Rathaus eingeladen. Auch Bundespräsident Steinmeier war unter den Gästen.

Juma

„Was für eine Gesellschaft wünscht Du Dir?“, diese Frage stellte das Team von JUMA e.V. einigen ihrer aktiven Mitglieder. Aus deren Antworten ist ein Video entstanden. Sie wünschen sich Vielfalt, aber echte Vielfalt. Sie wollen Respekt und Toleranz, und zwar als gesellschaftlichen Konsens. Vor allem aber wollen sie, dass sie als religiöse oder weniger religiöse Muslime selbstverständlich als Teil der Gesellschaft anerkannt werden.

Wie eine solche Gesellschaft aussehen und welche Rolle der Islam in ihr spielen kann, darauf gab es am vergangenen Wochenende einen Vorgeschmack. Unter dem Motto „Mut zum Zusammenhalt“ hatte der Verein JUMA e.V. zum Fastenbrechen eingeladen. JUMA steht für jung, muslimisch, aktiv. Die 2010 gegründete Initiative gilt als Trendsetter, was den Islam in Berlin angeht und offensichtlich sehen auch die Verantwortlichen in der Politik den Verein als wichtigen Partner. Fand das Iftar doch im großen Saal des Roten Rathauses von Berlin statt. Mehr als 160 Gäste nahmen teil. Die meisten waren Mitglieder, es waren aber auch zahlreiche Gäste aus der Politik, von Stiftungen und Medien anwesend. Ehrengast des Abends war kein anderer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Sawsan Chebli gilt vielen als Vorbild

Star des Abends war allerdings Sawsan Chebli. Sie war gleich in doppelter Hinsicht Gastgeberin: Gehört sie doch zu denen, die JUMA 2010 mit auf den Weg gebracht haben, zudem ist sie als Staatsekretärin des Landes Berlin, zuständig für Integration und Internationales und somit Hausherrin im Roten Rathaus. Kein Wunder, dass sich viele drängten, sich mit ihr zu fotografieren. Lange hieß es, dass die neue Generation junger Muslim_innen in Deutschland ein Vorbild braucht: Sawsan Chebli füllt diese Rolle für viele inzwischen gut aus – und fand auch noch die richtigen Worte: In einer sehr persönlichen Rede, in der sie Bezug nahm auf die Anfeindungen, die sie selbst erlebt hat, wandte sie sich an die Aktiven. Eine Rede, die viele wohl in Erinnerung behalten werden; wegen ihres Tons und wegen ihres Inhalts:

„Ich weiß, dass angesichts der Entwicklung, die wir in den vergangenen Wochen und Monaten erleben, einige denken: Egal, wie sehr ich mich auf den Kopf stelle, egal, wie sehr ich mich integriere, ich werde nie ein wahrer Deutscher sein. Ich werde nie ein Mensch ohne Migrationshintergrund sein. Und dann steht man vor dem Dilemma, diese Anfeindungen zu thematisieren und die Diskriminierung offen anzusprechen, und da sagt man sich aber: Will ich das wirklich? Denn dann steht man allzu schnell als Opfer dar und keiner von Euch hier im Raum möchte gerne Opfer sein, da bin ich mir sicher.

Ein weiteres Dilemma kennen auch viele von Ihnen. Wenn es nämlich darum geht, Missstände, Rückständigkeit und Unterdrückung in der eigenen Community anzusprechen. Soll man nicht lieber schweigen, wo doch viele nur darauf warten, dass sie Islambashing betreiben können? Ich würde sagen, es ist wichtig, dass wir Missstände ansprechen, denn das ist, was am Ende die Muslime stark macht.

Eine der großen Herausforderung für die muslimische Community ist der Terror. Der Terror, der immer öfter auch im Herzen europäischer Metropolen zuschlägt. Da sehen sich viele unter Druck, sich zu rechtfertigen, weil andere, die ich Monster nenne, im Namen des Islam Unrecht begehen. Aber ich sage auch hier: Es ist wichtig, dass wir uns distanzieren, denn es sind nun einmal nicht Mitmenschen, die sich als Christen in die Luft sprengen, sondern Menschen, die den Islam hijacken und sich als Muslime in die Luft sprengen. Da ist es wichtig, dass die Muslime aufstehen und sich distanzieren. Auch, wenn es nervt, sich ständig zu rechtfertigen.

Ich weiß, dass ganz viele von Ihnen ständig diese inneren Kämpfe führen und sich denken: Ich bin Deutsch, ich gehöre dazu, was soll das alles? Auch ich kenne diese Momente des Zweifelns. Aber dann denke ich mir: Sawsan, was klagst Du eigentlich? Schau, wo du heute stehst! Wenn du in der arabischen Welt wärst, dann müsste dein Vater ein enger Verwandter des Präsidenten sein und deine Mutter Unternehmertochter, um eine solche Position zu haben. Aber weder ist meine Mutter Unternehmertochter noch ist mein Vater verwand mit Dir, Frank. Und trotzdem stehe ich hier. Und wenn ich dann wieder jemanden treffe, der zu mir sagt: Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh doch zurück, wo du hingehörst, dann denke ich mir: Mann, du tust mir leid!

Es kostet Energie, aufzustehen, nicht aufzuhören, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen, aber meine Bitte an Euch ist: Macht weiter! Erhebt eure Stimme, eure Stimme wird gebraucht. Ihr seid Teil dieses Landes und eure religiöse Identität ist geschützt durch Artikel vier des Grundgesetzes. Dort hat ein orthodoxer Jude genauso das Recht, seine Religion zu leben, wie ein konservativer Muslim. Darum sind wir stolz auf das Grundgesetz. Und wenn andere sich das Recht herausnehmen zu bestimmen, wer zur Gesellschaft dazugehört und wer nicht, dann treten wir diesen entschieden entgegen. Lasst uns mithelfen, dass Vielfalt keine hohle Phrase bleibt, sondern gefüllt wird mit Toleranz und Respekt. Dass man auch aushalten kann, was man sonst als Zumutung empfindet. Lasst uns mithelfen, Verkrampfungen im Umgang mit religiösen Gemeinschaften zu überwinden, indem wir zusammenhalten und mit Humor den Debatten etwas von ihrer Schwere nehmen. Dass Muslime und besonders JUMAner das können, das zeigt der heutige Abend. Denn es ist gut, wenn man über sich selbst lachen kann“.

Die Rede wird hier so ausführlich dokumentiert, weil sie in Inhalt und Stil die Haltung vieler junger aktiver Muslim_innen widerspiegelt. Gerade in den vergangenen Monaten wurden viele öffentlich angegriffen oder sogar verdächtigt, heimlich radikalen Strömungen anzugehören. Entsprechend gut kam an, dass auch der Bundespräsident in seiner Ansprache die richtigen Worte fand. Er betonte darin, wie wichtig die Arbeit und das Engagement der aktiven Muslim_innen für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist: „Sie werden gebraucht. Ihre Stimme ist wichtig!“, sagte er und beendete seine Rede mit dem Satz: „Ich möchte Ihnen von Herzen danken!“ Diese Anerkennung haben viele sich schon lange gewünscht.

Der neue Bundespräsident verzichtet auf einen Satz wie “Der Islam gehört zu Deutschland”

Tatsächlich gingen an diesem Abend viele Wünsche in Erfüllung: Dass eine muslimische Jugendorganisation das Fastenbrechen im Rathaus der Hauptstadt feiern kann, hat inzwischen schon Tradition, dass dabei wichtige Vertreter des Staates nicht nur zum Gratulieren vorbeischauen, sondern auch die richtigen Worte finden, ist etwas Neues. Mancher mag vom neuen Bundespräsidenten einen plakativen Satz erwartet haben, der für Aufsehen und Schlagzeilen sorgt, aber Steinmeier kam ganz ohne Aufregung und stattdessen mit sehr viel Sympathie und Einfühlungsvermögen aus. Und noch etwas: Dass der Veranstaltung dann auch noch die Strenge und Steifheit fehlte, die sonst häufig bei islamischen Veranstaltungen anzutreffen war, sondern Freundlichkeit und Humor dominierten, wer hätte das zu träumen gewagt? Dabei waren hier die wichtigsten Vertreter islamischer Organisationen versammelt, doch statt wie sonst, sich misstrauisch zu beäugen und zu beharken, freuten sie sich vereint über das Erreichte. Das passt zum Motto: Mut zum Zusammenhalt.

Der nächste Terroranschlag mit den dazugehörigen Anschuldigungen und dem Rechtfertigungsdruck kommt bestimmt, ebenso wie auch Enthüllungen über Verbindungen junger aktiver Muslim_innen zu extremistischen oder vermeintlich extremistischen Gruppen nicht ausbleiben werden. Da macht ein solcher Abend Mut, dass es auch anders laufen kann. Er zeigt, dass es durchaus Anerkennung und Respekt für junge aktive Muslim_innen gibt.