Für eine demokratische Diskussionskultur im Netz – das Projekt Streitkultur 3.0 der Berghof Foundation

Symbolbild Jugendlicher mit SmartphoneDas Projekt „Streitkultur 3.0“ der Berghof Foundation setzt auf die partizipative Entwicklung innovativer Medienpädagogik von und für Jugendliche. Das Projekt will junge Menschen für Hass und Gewalt online sensibilisieren und ein engagiertes Miteinander im Netz entwickeln. Projektmanagerin Nicole Rieber erklärt, wie das gelingen kann.

 

 

 

Ufuq.de: Frau Rieber, bitte führen Sie uns doch kurz in das Projekt „Streitkultur 3.0“ der Berghof Foundation ein. Worum geht es in dem Projekt? Wie ist die Idee entstanden?

Nicole Rieber: Die Berghof Foundation betreibt seit 2005 das Kinderportal www.frieden-fragen.de, auf dem Kinder und Jugendliche ihre Fragen zu Krieg und Frieden, Gewalt und Streit stellen können und eine individuelle Antwort von unserem Redaktionsteam bekommen. Bei den gestellten Fragen bemerkten wir in den letzten Jahren zum einen eine zunehmende Angst und Unsicherheit angesichts der aktuellen (weltpolitischen) Ereignisse wie Gewalt, Unterdrückung, Terrorismus oder Krieg. Zum anderen fällt es Kindern und Jugendlichen teilweise schwer, Gerüchte von Fakten zu unterscheiden. Dadurch gelingt es Verschwörungstheoretikern und Extremisten, Medien für ihre Sache zu instrumentalisieren, Ängste zu schüren oder Jugendliche sogar zu radikalisieren. Aus diesem Grund wollen wir mit dem Projekt Streitkultur 3.0 die friedenspädagogische Medienkompetenz von Jugendlichen stärken und sie darin ermutigen, das Netz als positiven Gestaltungsraum zu begreifen.

Wofür steht eigentlich der Name „Streitkultur 3.0“?

Porträtfoto Nicole RieberDr. Nicole Rieber promovierte in Psychologie und absolvierte einen Master in Medienwissenschaften. Sie produzierte einen Dokumentarfilm über geflüchtete Kinder in Deutschland und entwickelte gemeinsam mit Kolleginnen der Berghof Foundation Begleitmaterialien für den Einsatz des Films im Unterricht. Seit 2013 arbeitet sie als Projektmanagerin bei der Berghof Foundation.

Wir glauben, dass auch im Netz eine gute, konstruktive Streitkultur möglich und sogar unerlässlich für ein friedliches, gewaltfreies Miteinander ist. Zu dieser digitalen Streitkultur gehören für uns die fünf Themen:

  • Fake oder Fakt: Zum kritischen Umgang mit Informations- und Meinungsbildungsangeboten
  • Hass und Hetze: Angebote gegen Menschenverachtung, Ausgrenzung und Gewalt
  • Bots und Algorithmen: Leitfaden für Multiperspektivität statt Meinungsmache
  • Friedenspädagogische Medienkompetenz: Beiträge zu einer digitalen Ethik
  • Engagement im Internet: Gewaltfreiheit und Demokratie stärken.

Das 3.0 steht für ein aktives, engagiertes Miteinander im Netz – weil wir nicht nur im realen Leben eine starke, bunte Zivilgesellschaft benötigen, sondern auch digital. Außerdem steht das 3.0 für eine Verschränkung von analog und digital bei der Umsetzung der Dialoglabore: Die Jugendlichen erhalten über ihr Smartphone digitale Impulse, die dann analog bearbeitet und diskutiert werden.

Wo steht das Projekt aktuell? Was ist bislang passiert, und wie geht es weiter?

Für unser Projekt ist die Zusammenarbeit mit dem sogenannten „Jugendrat“ sehr wichtig. Ihm gehören 22 Jugendliche aus fünf unterschiedlichen Projektschulen in Tübingen und der näheren Umgebung an. Die Jugendlichen sind in einem dialogorientierten, partizipativen Prozess an der Entwicklung der Lernmedien, also der Erklärfilme, Straßenumfragen und Module der App „Streitkultur 3.0“ beteiligt. In den ersten vier Themen-Workshops haben wir gemeinsam mit den Mitgliedern des Jugendrates Drehbücher für die Erklärfilme sowie erste Modulideen für die Dialoglabore konzipiert. Die ersten Erklärfilme sind auf unserem YouTube-Kanal sowie in der neu gelaunchten Themenwelt „Gewalt im Netz“ auf www.frieden-fragen.de zu sehen. Außerdem gibt es auf www.frieden-fragen.de jetzt einmal wöchentlich, nämlich dienstags von 15.00 bis 16.30 Uhr einen moderierten Chat, in dem sich Kinder und Jugendliche austauschen und der Redaktion Fragen stellen können.

Standbild Trickfilm Hate Speech 1

Ganz neu ist auch unsere Projektwebseite, auf der sich Multiplikator_innen später einloggen und ihre ganz individuellen Dialoglabore gestalten können. Ende Oktober soll es eine Beta-Version unserer App geben. Hier sind wir mit unserer Agentur gerade in der heißen Produktionsphase. Dafür erarbeiten wir die unterschiedlichen Module für das erste Dialoglabor „Hass und Hetze im Netz“, das Ende des Jahres mit fünf Schulklassen bundesweit getestet wird.

Aktuell planen wir den fünften und letzten Themen-Workshop zum Thema „Engagement und Gewaltfreiheit im Netz“.

Im Zentrum Ihres Ansatzes steht das Erlernen kritischer Medienkompetenz durch Jugendliche. Welche Methoden stehen Ihnen da zur Verfügung?

Standbild Trickfilm Fake News 1Wir machen Jugendlichen konkret zwei Angebote: Erstens bieten wir ihnen die Möglichkeit, sich kritisch mit demokratie- und menschenfeindlichen Informations- und Meinungsbildungsangeboten im Netz beschäftigen zu können. Zweitens können sie sich in einem dialogorientierten, partizipativen Prozess an der Entwicklung von Lernmedien zur Stärkung einer Streitkultur im Netz und eines Peergroup-Ansatzes “Dialoglabor 2020” beteiligen. Dieser zweifache Prozess stärkt die Informations- und Handlungskompetenz nicht nur der direkt an den Prozessen beteiligten Jugendlichen. Das Projekt setzt unmittelbar an den Bedürfnissen der Zielgruppe an und stellt sie in den Mittelpunkt der initiierten und begleiteten Lernprozesse. Durch das offene, dialogorientierte und partizipative Konzept des Projektes ist eine hohe Akzeptanz seitens der beteiligten Jugendlichen und, darauf aufbauend, auch bezüglich der gemeinsam erarbeiteten Lernmedien und Lernangebote gegeben.

Welche Medien nutzen die Jugendlichen Ihrer Erfahrung nach vorrangig? Bewegen sie sich wirklich in so genannten „Echokammern“ oder „Filterblasen“, in denen kontroverse Diskussionen nicht stattfinden?

20181004_Jugendrat Bild 1Die Jugendlichen nutzen allen voran ihre Smartphones für verschiedene Aktivitäten. Die These der „Echokammern“ kann ich aus meiner Erfahrung heraus bestätigen. Besonders im Workshop zu Bots und Algorithmen wurden die sogenannten „Echokammern“ und „Filterblasen“ thematisiert. In diesem Zusammenhang berichteten einige Mitglieder des Jugendrats von ihren persönlichen Erfahrungen. Sie erzählten, dass ihnen in ihrem Online-Content nur Dinge angezeigt werden, die sie selbst interessieren. Dies empfanden die Jugendlichen als erschreckend. Sie reflektierten außerdem, dass ihnen kontroverse Perspektiven bei bestimmten politischen Ereignissen, wie etwa bei der Wahl von Donald Trump, kaum begegnet sind.

Im Workshop erarbeiteten die Jugendlichen auch Möglichkeiten, aus den Filterblasen auszubrechen. Hier wurde deutlich, dass sich die meisten von ihnen mit praktischen Mitteln und Lösungen (wie etwa andere Suchmaschinen zu verwenden oder aktiv Accounts anderer politischer Lager zu folgen) noch nicht besonders beschäftigt hatten.

Insofern kann angenommen werden, dass sich die meisten Jugendlichen online in nur geringem Maße mit kontroversen Perspektiven auseinandersetzen. Obwohl die Jugendlichen eindeutig in der Lage sind, kontroverse Diskussionen zu führen, scheinen sie im Netz nur selten Gelegenheit dazu zu haben.

Welche Themen sind den Jugendlichen besonders wichtig?

20181004_Jugendrat Bild 2Es gibt eine Bandbreite an Themen, die für Jugendliche im Netz interessant sind. Diese hängen natürlich von den individuellen Interessen ab, wie etwa Sport, Freizeitthemen, Berufswahl etc. Aber auch politische und gesellschaftliche Themen werden von den Jugendlichen in Sozialen Netzwerken und anderen digitalen Medien rezipiert und stehen damit im Fokus ihres Interesses. Wichtige Themen waren hier die Wahl bzw. Politik von Trump, die Themen Flucht und Migration, aber auch welche Auswirkungen die aktuelle Politik auf ihr eigenes Leben und ihre Zukunft haben wird.

Was haben Sie von den Jugendlichen gelernt? Mussten Sie ihre Konzepte eventuell anpassen?

Wir haben gemerkt, dass es gerade für eine zielgruppengerechte Ansprache entscheidend ist, dass die Zielgruppe selbst in den Entstehungsprozess von Lernmaterialen einbezogen wird. Ein Beispiel dafür war die Gestaltung und das Design der Erklärfilme. Vor der Wahl des Designs der Erklärfilme hatten wir Angebote von verschiedenen Agenturen eingeholt. Mehrfach wurde uns dabei vermittelt, dass Filme mit der „Legetechnik“ out seien und wir auf ein innovativeres Format setzen sollten. Beim ersten Treffen des Jugendrates konnten die Jugendlichen selbst entscheiden, welches Design sie am ansprechendsten und für am besten verständlich hielten. Dabei wurde von den Jugendlichen ganz klar die Legetechnik präferiert. Also wurde es nicht ein neuartiges Design, sondern unsere Erklärfilme werden mit der Legetechnik realisiert, was bisher auch sehr gut ankam.Streitkultur3.0 Logo1_scvhwarzweiß

Sie arbeiten ja wie erwähnt gerade an der App „Streitkultur 3.0“ – wie wird diese App genau aussehen? Was bietet sie Jugendlichen?

Mit der Lern-App „Streitkultur 3.0“ werden die Medien- und Informationskompetenzen von Jugendlichen gestärkt und Handlungskompetenzen entwickelt. Dies befähigt sie zu einer kritischen Mediennutzung und ermöglicht ihnen, zu demokratischen Werten und Gewaltfreiheit im Netz beizutragen. Die App kann sowohl alleine als auch im Gruppenmodus genutzt werden. In den fünf unterschiedlichen Themenbereichen setzen sich Jugendliche damit auseinander, wie man Hass im Netz begegnen kann, wie sie manipulative oder gefälschte Inhalte erkennen können und wie auch trotz Filterblasen und Co. eine multiperspektivische Meinungsbildung gelingen kann.

Mehr über die App gibt es hier: www.digitale-streitkultur.de.

Das Projekt “Streitkultur 3.0: Lernräume und -medien für junge Menschen zur Auseinandersetzung mit Hass und Gewalt im Netz” wird im Zeitraum von September 2017 bis Dezember 2019 im Rahmen von Demokratie leben! aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

Erklärfilme des Projekts:

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