Zum pädagogischen Umgang mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft

Bildschirmfoto 2017-12-22 um 15.49.16Die jüngsten Demonstrationen gegen die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels haben heftige Debatten über den Umgang mit antisemitischen Einstellungen unter Jugendlichen ausgelöst. Diese Debatten sind nicht neu, umso ärgerlicher sind die Pauschalisierungen und rassistischen Instrumentalisierungen, mit denen in einigen Beiträgen „den“ Muslim_innen oder „dem“ Islam antisemitische Haltungen zugeschrieben werden. Nicht weniger ärgerlich sind die Vorwürfe, das Problem selbst würde verharmlost und nicht ernst genommen. Schließlich gibt es mittlerweile zahlreiche Ansätze und Methoden, die sich für eine Auseinandersetzung mit antisemitischen und verschwörungstheoretischen Einstellungen in der Migrationsgesellschaft eignen.

Für den aktuellen Kontext bieten sich verschiedene Beiträge von Muslim_innen und/oder Menschen mit Migrationshintergrund an, die auf die Debatte reagieren. Sie eignen sich, um auch im Gespräch mit Jugendlichen auf unterschiedliche Wahrnehmungen des Konfliktes in Israel/Palästina hinzuweisen und antisemitischen wie rassistischen Ressentiments entgegenzuwirken.

Auseinandersetzung statt reflexhafte Reaktionen

So wendet sich der Publizist Eren Güvercin gegen reflexhafte Reaktionen sowohl von politischen Akteuren, die im Antisemitismus vor allem ein importiertes Problem aus dem Nahen Osten sehen, als auch gegen Vertreter_innen muslimischer Organisationen, die das Problem als Phantom abtun.

Aus seiner Sicht geht kein Weg daran vorbei, sich dem Phänomen in seinen unterschiedlichen Ausprägungen zu stellen: „Die Debatte über ideologisch motivierten Hass wie Antisemitismus und Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft ist zu wichtig, um sie über Reflexe abzuhandeln. Nein, wir brauchen eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen. Da hilft es eben nicht, wenn Politiker, die jetzt mit dem Finger auf den antisemitischen Mob am Brandenburger Tor zeigen, und von einem importierten Antisemitismus sprechen, aber man von ihnen nichts hört, wenn Jahr für Jahr die antisemitischen Straftaten aus dem rechten Lager zunehmen.“

Dabei sieht er durchaus die Notwendigkeit, auch von muslimischer Seite Position zu beziehen: „Denn gerade der Nahost-Konflikt beeinflusst seit Jahrzehnten das Denken vieler Muslime, weil dieser politische Konflikt fast zu einem Kernbestandteil der Religion gemacht, ja quasi islamisiert wurde, so als ob dieser Konflikt die sechste Säule des Islams sei. Und man beobachtet das absurde Phänomen, wie manche Muslime, die den Antisemitismus klar von sich weisen, gleichzeitig vor lauter Bewunderung Herzrasen bekommen, wenn Hamas-Steinzeitideologen in Propagandavideos ihrem Hass Ausdruck verleihen. Die Haltung ‚Es kann nicht sein, was nicht sein darf’ führt in eine falsche Richtung!“ (https://erenguevercin.wordpress.com/, 20. Dez. 2017)

Auch ein Beitrag von Ozan Z. Keskinkılıç, dem Vorsitzenden Salaam-Shalom-Initiative, wendet sich gegen eine Instrumentalisierung von antisemitischen Vorfällen. Dabei kritisiert er vor allem jene Stimmen, die den Antisemitismus als Problem der „Anderen“ beschreiben.

„Die Grenze in dieser Debatte ist überschritten, wenn Antisemitismuskritik für ein rassistisches Spiel instrumentalisiert wird. Das ist dann der Fall, wenn ‚unser’ Antisemitismus zur Ausnahme und Vergangenheit erklärt wird. Wenn er auf andere externalisiert wird, um ‚uns’ reinzuwaschen und um unsere Privilegien zu sichern. Wenn die Anderen zum Sinnbild des Antisemitismus werden, und deshalb anders als „wir“ behandelt werden sollen, weil sie so aussehen, wie sie aussehen, weil sie Migranten, Türken, Araber, aber auf jeden Fall alle Muslime (warum eigentlich?) sind.

Immer weiter driftet die Debatte um den Antisemitismus der anderen ins Absurde. ‚Der Muslim’ wird zum ‚wahren Feind’ erklärt. Für viele stellt er plötzlich die extreme Rechte in den Schatten. Er soll schlimmer sein, als eine in den Bundestag gewählte rechtspopulistische Partei, die gegen unsere Rechtsstaatlichkeit agiert, ein rechtskonservatives Familienbild und völkisches Gesellschaftsmodel propagiert, das Grundgesetz umdeutet und das Recht auf Presse- und Religionsfreiheit angreift. Aber wer braucht schon Angst vor Rechten zu haben, die als Volksvertreter im höchsten Parlament des Landes sitzen und Zugang zu politischer Autorität genießen, wenn man ‚den Muslim’ hat.“ (causa.tagesspiegel.de, 19. Dez. 2017)

Der Nahostkonflikt als persönliche Geschichte: kein Widerspruch zum Kampf gegen Antisemitismus

Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli engagiert sich seit Jahren gegen Antisemitismus, betont aber zugleich die emotionale Bedeutung, die Jerusalem und der Nahostkonflikt auch für sie als deutsche Muslimin palästinensischer Herkunft hat. In ihrem aktuellen Einwurf wird deutlich, wie sehr der Konflikt in Israel/Palästina für viele Menschen mit arabischen oder muslimischen Familienhintergrund auch heute noch präsent ist – und wie wichtig es auch in der Bildungsarbeit ist, diese Perspektive wahrzunehmen.

„Als Trump die Entscheidung getroffen hat, hatte ich meine Mutter am Telefon. Sie weinte. Es kam vieles hoch. Für sie und für mich. Unser Leben in Unsicherheit und Armut, meine Diskussionen mit Lehrern, die nichts mit meinem Status als Staatenlose anfangen konnten, das Reiseverbot wegen dieses Status, meine erste Reise als dann Eingebürgerte ins libanesische Lager, in dem meine Eltern zwei Jahrzehnte gelebt haben, der Besuch Haifas und das Gefühl, an dem Ort zu sein, an dem meine Mutter geboren wurde. (…)

Die Geschichte des Nahostkonflikts ist Teil meines Lebens, Teil meiner Identität. Wer ich bin und wofür ich stehe, hat mit dem Schicksal meiner Eltern zu tun und mit meinen palästinensischen Wurzeln. Und es hat auch etwas mit meinem Vater zu tun, der Zeit seines Lebens für Gerechtigkeit kämpfte, zu hassen nicht in der Lage war, stattdessen immer mit offenem Herzen durchs Leben zog.“

All das steht für sie nicht im Widerspruch zu einem Engagement gegen Antisemitismus. Im Gegenteil: „Der Kampf gegen Antisemitismus muss auch der Kampf der Muslime sein. Ebenso wie Muslime wollen, dass die Gesellschaft ihre Stimme hebt, wenn sie als Minderheit angefeindet und diskriminiert werden, so ist es ihre Pflicht, sich für Juden einzusetzen und gegen Antisemitismus zu kämpfen.“ (tagesspiegel.de, 20. Dez. 2017)

Diese Stimmen gibt es zuhauf, kommen in der aktuellen Debatte allerdings nur am Rande zu Wort. In der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen lassen sie sich gut einbringen.

Weiterführende Materialien

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus bietet seit Jahren Materialien zu den Themen Nahostkonflikt, Antisemitismus, jüdisches Leben in Deutschland und den Umgang mit Verschwörungstheorien. Erwähnenswert ist hier vor allem die Handreichung „Widerspruchstoleranz. Ein Methodenhandbuch zu antisemitismuskritischer Bildungsarbeit“ (2 Bände), die mit Hintergrundtexten und Lernmaterialien Anregungen für die politische Bildung geben. Hilfreich ist auch die Handreichung „Discover diversity. Politische Bildung mit Geflüchteten“, in der konkrete Ansätze für die Arbeit mit Geflüchteten vorgestellt werden.

Interessant ist zu diesem Thema auch das Themenheft „Bildungsarbeit zum Thema Nationalsozialismus mit und für Geflüchtete?“ der Online-Zeitschrift Lernen aus der Geschichte. Darin geht es u.a. darum, die Geschichte des Nationalsozialismus auch in ihren globalhistorischen Dimensionen zu behandeln.

Materialien für die Jugendarbeit finden sich in der Handreichung „‚Läuft bei dir!‘ Konzepte, Instrumente und Ansätze der antisemitismus- und rassismuskritischen Jugendarbeit“ der Amadeu-Antonio-Stiftung. Antisemitismus und Rassismus werden hier im Zusammenhang mit anderen Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit behandelt.

Für den Unterricht eignet sich zudem das Unterrichtsmodul „Berlin goes Gaza. Der Nahostkonflikt in Deutschland“ aus dem Projekt „Zwischentöne – Materialien für Vielfalt im Klassenzimmer“ des Georg-Eckert-Instituts. In dem Modul geht es anhand eines Filmes über deutschjüdische und deutschpalästinensische Jugendliche in Berlin um die Aktualität des Israel/Palästina-Konfliktes im Alltag: „In diesem Unterrichtsmodul wird der Einfluss des Nahostkonfliktes auf das Selbstverständnis von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionszugehörigkeit in Deutschland erarbeitet.“

Ein solcher biographischer Zugang steht auch im Mittelpunkt der Materialien, die von der Bundeszentrale für politische Bildung zu dem Film „Neukölln unlimited“ erarbeitet wurden. Um Antisemitismus geht es dabei nur am Rande, deutlich wird aber, warum der Konflikt in Israel und Palästina für arabischstämmige Jugendliche auch heute noch sehr präsent ist.

Zu den Hintergründen von antisemitischen Einstellungen in der Migrationsgesellschaft gibt es mittlerweile einige Publikationen. Hilfreich ist hier u.a. die Handreichung „Antisemitismus und Migration“ von Michael Kiefer (Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, 2017) sowie der Beitrag „Zwischen Berlin und Beirut – Antisemitismus bei Jugendlichen arabischer, türkischer und/oder muslimischer Herkunft“ von Jochen Müller in der Zeitschrift „Bürger im Staat“.