Erinnerung bedeutet Anerkennung

Zoll- und Passkontrolle Flughafen Hamburg 1973. Bild: Heinrich Klaffs. (CC BY-NC 2.0)

In Deutschland ist die Leistung der sogenannten Gastarbeiter*innen trotz der Bemühungen einzelner Initiativen weitgehend unsichtbar. Dr. Fatma Sagir betont in ihrem Beitrag, dass die Geschichte der Gastarbeiter*innen Teil der Geschichte Deutschlands ist. Sie findet: Ohne die Anerkennung der Vergangenheit kann es keine Zukunft für die Nachkommen der Gastarbeiter*innen in diesem Land geben.

In Anatolien steht ein Grabstein. Ein Stein. Tausende Kilometer von Deutschland entfernt. Es ist der Grabstein meines Vaters. Mein Vater war ein Gastarbeiter. Er hat fast sein ganzes Leben in Deutschland gelebt. Wo er lebte, steht nichts. Kein Stein. Keine Erinnerung. Wo er immer wieder nur zu Besuch war, dort steht dieser Grabstein. Dort liegt er begraben. Und hier, hier in Deutschland, gibt es keine Erinnerung an ihn und Hunderttausende wie ihn, Frauen und Männer, die auszogen, um ein anderes Leben zu führen. Ohne die wir, ihre Nachfahren, vermutlich nicht hier wären. Dazu habe ich u.a. in meinem Buch Alphabet der Sehnsucht. Texte zum Vergessen. (Edition SchreibStimme, Herbst 2021) geschrieben, das zum 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei erscheint – ebenso wie dieses Dossier.

Einmal, vor vielen Jahren, besuchte ich mit meiner kleinen Schwester den Bahnhof Sirkeci in Istanbul, von dem unser Vater nach Almanya abgefahren war. Ich sehe uns noch, wie wir, zu Beginn hoffnungsvoll, die Bahnsteige auf- und abliefen auf der Suche nach einem Denkmal, wenigstens nach einer Plakette, einer Erinnerung an Tausende, die sich täglich von diesem Bahnhof aus nach Europa aufmachten. Doch zu unserer großen Enttäuschung fanden wir damals nichts.

Porträt Dr. Fatma Sagir. Bild: Privat.

Dr. Fatma Sagir ist Autorin, Journalistin, Wissenschaftlerin und Übersetzerin. Ihre poetische Textsammlung „Alphabet der Sehnsucht. Texte zum Vergessen“ erscheint im Herbst 2021 im Verlag Edition SchreibStimme. In Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg entstand ihr digitales erinnerungskulturelles Kunstprojekt „Gastarbeiter, Gast, Gast, Gast“ mit poetischen Stadtspaziergängen in Freiburg.

Als mein Vater starb, verstand ich, dass mit ihm und seinen Weggefährten die Geschichte der sogenannten Gastarbeiter zu verschwinden drohte. Gastarbeiter, ich verwende diesen Begriff als historischen Arbeitsbegriff, der Frauen und Männer vereinnahmte, sie gleichmachte und sie ihrer Individualität beraubte, über den es nachzudenken und den es zu problematisieren gilt, den wir Nachfahren aber ebenso von seinem Stigma befreien und umdeuten dürfen.

Anerkennung gegen Leistung: ein nicht eingelöstes Versprechen

In rechtspopulistischen Argumentationen spielt die Leistung dieser Menschen für den Aufbau Nachkriegsdeutschlands keine Rolle, denn Deutschland sei da bereits aufgebaut gewesen. Das ist eine besonders perfide Form der Unsichtbarmachung und Negierung.

In Gesellschaft und Politik ist die Leistung unserer Eltern und Großeltern trotz der Bemühung einzelner Initiativen weitgehend unsichtbar, wird ihnen die Anerkennung verweigert, die ihnen in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik gebührt. Doch selbstverständlich ist ihre Leistung sichtbar, die Straßen auf denen wir laufen, die Häuser, in denen wir wohnen. Die Gebäude, Fabriken, Firmen, in denen wir ein- und ausgehen. Mit dieser Abwesenheit und Ortlosigkeit habe ich mich künstlerisch hier auseinandergesetzt.

Zukunft braucht Geschichte

In der Geschichtsschreibung, also dort, wo eine identitätsstiftende Erzählung des deutschen Selbst praktiziert wird, sehen wir nach wie vor nur vereinzelte Versuche, diesen Teil der Geschichte zu integrieren.

Wenn wir Nachfahren dieser Gastarbeiter*innen sagen, die Leistung unserer Vorfahren muss anerkannt werden, dann sprechen wir auch von uns und über jene, die nach uns kommen werden. Ohne die Anerkennung unserer Vergangenheit kann es keine Gegenwart und Zukunft für uns in diesem Land geben, weil unser Dasein, unsere bloße Existenz, ständig auf diese Weise in Frage gestellt wird.

Das, so wissen wir aus den Mikroaggressionen im Alltag und aus den schweren rassistischen Verbrechen, fügt uns und damit dem gesellschaftlichen Gesamtgefüge Schaden zu. Jede Generation hat ein rassistisches Trauma erlebt, das alles für sie verändert hat, wie etwa den rechtsterroristischen Anschlag in Hanau und die Anschlags- und Mordserie des NSU für die letzten beiden Generationen. Für meine Generation war es der Brandanschlag von Solingen. Als ich einmal in einem Seminar Solingen erwähnte, wussten selbst „Betroffene“ nicht, wovon ich sprach. Niemand hatte ihnen erzählt, was in den 1990er Jahren geschehen war, als sie gerade einmal das Licht der Welt erblickten. Wie konnte das geschehen?

Träume in Koffer gepackt und nie wieder geöffnet

Wenn wir von einem Zusammenleben sprechen, wenn wir von Teilhabe, Sichtbarkeit und Anerkennung sprechen, dann müssen wir das von weit hinten denken, dort wo alles begann. Es kann keine Anerkennung ohne Erinnerung geben. Erinnerung an jene, die vor uns kamen, die ihre Träume in Koffer packten und diese nie wieder öffneten.

Jene, die festhielten an Visionen und Lebenszielen, gar als diese nicht mehr zu erreichen waren, in Entbehrung lebten, ihre Bedürfnisse hinter unsere zurückstellten, sie dürfen nicht vergessen werden. Jene, deren Sprachlosigkeit angesichts ihres Lebens in einer Fremde ganz anders war, als es jedes Klischee von Heimatlosigkeit überhaupt ausdrücken könnte. Die Sprachlosigkeit, die auch zu einer zwischen ihnen und uns wurde, den Nachfahren, die den Schmerz ihrer Eltern deutlich spürten, für die es keine Worte gab.

All das Abseits der deutschen Gesellschaft, in der das Wort „Gastarbeiter“, dann „Ausländer“, dann „Türken“ und schließlich „Muslime“, irgendwann das Wort „Migrant*innen“ ein je spezifisches Bild vermittelt, das sich über Jahrzehnte nur wenig zu wandeln schien, während unsere Leben sich ständig und drastisch veränderten.

Unsere Geschichte ist die Geschichte dieses Landes

Erinnerung bedeutet Anerkennung. Niemand will vergessen werden. Wir müssen erinnern, weil wir hier bleiben, weil wir hier sind, weil wir hierher gehören, weil unsere Geschichte, die Geschichte unserer Väter und Mütter, die Geschichte der Gastarbeiter*innen, auch die Geschichte dieses Landes ist. Wenn wir also dazugehören, so muss auch diese Geschichte dazugehören. So muss diese Geschichte erinnert werden. Erinnerung bedeutet Anerkennung.

Dass selbst die volkswirtschaftliche und gesellschaftliche „Leistung“ nicht gesehen wird, dass sie und in der Folge auch wir Nachfahren nicht gesehen werden, dafür ist die unablässige politische Forderung nach „Integration“ ein bezeichnendes Beispiel. Ein problematisches Konzept, das ich ablehne. Es gibt nichts zu integrieren. Wir sind da. Wenn wir die Anerkennung der Geschichte der Gastarbeitergeneration einfordern, fordern wir auch die Anerkennung und Sichtbarkeit von uns selbst ein. Dieses Engagement geht von den Nachfahren, von „Betroffenen“ aus, während überwältigend viele Menschen in Deutschland weder mit dem Begriff „Gastarbeiter*in“ noch mit ihrer Geschichte etwas anzufangen wissen, das über stereotype Reaktionen hinausgeht.

Aus der Vergangenheit in die Zukunft: Respekt

Geschichte und Erinnerung ist in diesem Land ein hochpolitisches und ebenso identitätsstiftendes Thema. Deutsche Identität wird erzählt in den Feuilletons, in der Geschichtswissenschaft, in deutscher Literatur. Hier sitzen nach wie vor die sogenannten Gatekeeper, die genau darauf achten, wer die heiligen Hallen dieser Selbsterzählung betreten darf. Was ist erinnernswert und was nicht? Was wird sichtbar gemacht und was nicht? Und wer verhandelt diese Entscheidungen? Was ist es wert, erzählt zu werden und was nicht? All das läuft auf die Frage hinaus, was ist Deutsch und schließlich: Wer gehört dazu? Und wer darf dieses Narrativ erzählen?

Auf meine Frage, was er von der deutschen Gesellschaft in Bezug auf seine Geschichte als Gastarbeiter erwarte, antwortete mir ein ehemaliger Gastarbeiter nach langem Überlegen: „Respekt.“

Unsere Vergangenheit akzeptieren und in die Historiographie, in die große Erzählung des deutschen Selbst aufnehmen, ins kollektive Bewusstsein holen, das ist der erste Schritt auf dem gesellschaftlichen Weg zu Vielfalt, Teilhabe und einem pluralistischen Zusammenleben. In einem Land, in dem wir unsere Geschichte und unsere Geschichten selbst erzählen. Dazu gehört auch eine Geste der Wertschätzung und Erinnerung, ein Feiertag oder ein Denkmal, etwas gegen das Vergessen. In einem Land, das sich seiner Praktiken der Erinnerungskultur rühmt. Erinnerung bedeutet Anerkennung.

Dieser Text erschien zuerst im Rahmen des Dossiers „60 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Türkei. Eine Familiengeschichte“ der Heinrich-Böll-Stiftung. Er steht unter folgender Urheberrechtslizenz: CC-BY-SA 4.0. Er kann hier auch auf Türkisch gelesen werden. Wir danken der Autorin und der Heinrich-Böll-Stiftung für die Erlaubnis, den Beitrag wieder veröffentlichen zu dürfen.


Zum Weiterlesen

Der Blick nach Osten – wie meine Eltern auf den Mauerfall blicken, www.ufuq.de, November 2020.

Diversity, Erinnerung und Geschichtslernen in der Migrationsgesellschaft: Einsichten, Ansichten und Aussichten, www.ufuq.de, Mai 2020.

Anders erinnern: Für eine ost-migrantische Erinnerungspolitik, www.ufuq.de, Oktober 2019.

Diversität und historisches Lernen: Eine besondere Zeitgeschichte, www.ufuq.de, Juli 2019.


Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerkes Islamistischer Extremismus / KN:IX.