#btw17: Die Angst der „Anderen“. Reaktionen auf den Wahlausgang (Teil 4)

Der Wahlerfolg der AfD ist überall Thema. Eine häufig geäußerte Reaktion lautet, man müsse die Sorgen und Ängste der AfD-Wähler_innen zukünftig ernster nehmen. Aber was ist eigentlich mit denen, gegen die sich die Politik der AfD richtet? Im letzten Teil unserer Serie zur #btw17 möchten wir dazu anregen, die Ängste der „Anderen“ auch im Unterricht aufzugreifen.

Bildschirmfoto 2017-09-29 um 14.12.45Nach dem Wahlerfolg der AfD ist viel die Rede von den Sorgen und den Verunsicherungen, die viele Menschen in Deutschland beschäftigen: Angst vor Terroranschlägen, Verunsicherungen durch die Folgen von Globalisierung und Digitalisierung oder Alltagskriminalität. Dabei fällt auf, wie selten die wachsende Zahl von Angriffen auf Muslim_innen, Menschen mit Migrationsgeschichten oder Homosexuelle angesprochen wird. Auch die Morde des NSU spielen in diesen Debatten auffallend selten eine Rolle. Diese Angriffe sind real, genauso wie Diskriminierungen, die diese Menschen im Alltag erleben (siehe dazu zum Beispiel den aktuellen Bericht der Europäischen Agentur für Grundrechte oder die Zahlen zum Anstieg antimuslimischer Straftaten).

Der Wahlerfolg der AfD ist ein Anlass, um auch im Unterricht über die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Gefahr und Verunsicherung ins Gespräch zu kommen und dabei anzusprechen, was in der Debatte sonst zu kurz kommt. Wenn Politiker_innen davon reden, dass man die „Ängste der Bürger_innen“  ernst nehmen müsse – von welchen Bürger_innen sprechen wir dann eigentlich, und um welche Ängste geht es konkret?

„20% sind mehr als 13%“

Serap Güler ist Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Nordrhein-Westfalen und Kind türkischer Einwanderer. Die Abgeordnete der CDU schreibt auf Facebook: „In den letzten zwei Jahren haben wir viel über Ängste und Sorgen gesprochen. Über die Angst vor Überfremdung, die Angst, sozial abgehängt zu werden, die Angst vor Islamisierung … Zu Recht haben wir das getan. Ob berechtigt oder nicht, Angst ist nicht immer rational begründet. Deshalb war es wichtig, darüber zu sprechen, Angst ernst zu nehmen. Nun ist es an der Zeit über die Ängste der anderen zu sprechen. Zum Beispiel über die Ängste und Sorgen der 20 Prozent der Gesellschaft, die eine Migrationsgeschichte haben. (…) Schließlich sind 20% mehr als 13.“

„Orte, an die man nicht geht“

Wenn von Straßengewalt die Rede ist und davon, dass man manche Orte meiden sollte, weil man sonst Gefahr laufe, Opfer von Gewalt zu werden, denken viele an soziale Brennpunkte. Und an Orte mit einem hohen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichten. Für viele Menschen stellt sich das anders da, wie Sophie Sumburane in ihrem Blog beschreibt. Die „Mutter äußerlich nicht deutscher Kinder“ spricht anlässlich der Wahlergebnisse über ihre Erfahrungen in Sachsen, und warum sie aus Leipzig weggezogen ist: „Wir leben nicht mehr in Leipzig, auch, weil der latente Rassismus uns zu zermürben drohte. Weil wir es nicht mehr hören konnten, wenn Menschen im Zoo sagten: ‚Schau, da ist einer aus dem Affenhaus abgehauen.‘ Weil wir uns nicht mehr zwei Mal überlegen wollten, ob man Abends wirklich noch mal auf die Straße will, ob man wirklich ein sprichwörtliches Fass aufmachen muss, wenn ein Kind aus dem Kindergarten das eigene Kind als ‚Kaka‘ bezeichnet und die Mutter lacht, ob man sich wirklich ärgern will, wenn die Nachbarn tuscheln: ‚Seit die Schwarze hier wohnt, spielen die Kinder viel lauter.'“

„Gelassenheit ist leicht, wenn man nicht betroffen ist“

Hasnain Kazim wendet sich in einem Kommentar gegen die Appelle, auf die Wahlerfolge der AfD mit Gelassenheit zu reagieren und Ängste und Sorgen der AfD-Wähler_innen ernst zu nehmen. Es gehe schließlich um ganz konkrete Drohungen: „Doch wir dürfen diese Drohungen nicht akzeptieren. Wer hasserfüllt redet und schreibt, der bereitet der physischen Gewalt den Weg. Und wer glaubt, dass wir das hinnehmen, uns unsichtbar machen, gar Deutschland den Rücken kehren, der täuscht sich gewaltig. Ich werde für mein schönes, freies, tolerantes, liberales Deutschland streiten. Ich werde nicht schweigen. Ich bin 87 Prozent. Ich bin das Volk.“

„Jetzt erst recht“

Auch Canan Topçu plädiert dafür, jetzt erst recht das Wort zu ergreifen und sich der AfD entgegenzustellen. Die Journalistin schreibt in einem Beitrag: „Noch herrscht bei mir Katerstimmung. Angst war meine erste Reaktion, daraus erwuchs Wut. Doch ich weiß, dass mich beides nicht dauerhaft begleiten wird. Und allmählich befreie ich mich von diesem Tiefpunkt und verspüre eine ganz große Aufbruchstimmung in mir. Gerade wir, Menschen mit ‚Migrationshintergrund‘, dürfen uns nicht von unserer Angst beherrschen lassen. Denn wir wissen: Es gibt keine Alternative zur pluralistischen Gesellschaft – ob das nun Gauland & Co. wollen oder nicht! Wir sind hier und werden auch weiterhin für die Vielfalt dieses Landes eintreten und dazu beitragen, das politische Parkett nicht den Angstmachern zu überlassen. Jetzt erst recht: Das muss das Motto der Demokratie bleiben.“

„Ich bleibe und leiste damit Widerstand“

Bereits wenige Tage vor der Wahl kamen in der taz neun junge Muslim_innen zu Wort und berichteten über ihren Umgang mit dem wachsenden Rechtspopulismus in der Gesellschaft. Ozan Keskinkilic betonte dabei, wie sehr ihn der Rechtsruck auch jenseits der AfD beschäftige. Trotzdem erklärte er: „Auswandern? Damit der Traum eines reinen, weißen, deutschen Volkes in Erfüllung geht? Den Gefallen will ich weder Petry noch Seehofer tun. Mit meinem Körper im öffentlichen Raum leiste ich Widerstand.“

 

 

Bildschirmfoto 2017-09-29 um 14.07.08Weitere Anregungen zum Umgang mit Rassismus und Diskriminierung in der pädagogischen Arbeit finden Sie in unserem Dossier „Weder sprachlos noch ohnmächtig Zum Umgang mit Islamfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus“.