Der gescheiterte Putsch in der Türkei: Deutschtürkische Stimmen zur Diskussion

Der Putsch des Militärs in der Türkei ist gescheitert – die Auswirkungen werden noch lange zu spüren sein. Auch in Deutschland polarisiert der Putschversuch die Debatten. Dabei geht es zunehmend auch um die Reaktionen der türkischen Regierung auf die versuchte Machtübernahme der Armee und die angekündigten Repressionen gegen deren vermeintlichen Unterstützer.

Die folgenden Stimmen von türkeistämmigen Deutschen machen die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Ereignisse deutlich. Die Sammlung hat nicht den Anspruch, die Diskussionen abzubilden, sondern soll Anregungen bieten, um mit Jugendlichen über den Putsch und die Folgen ins Gespräch zu kommen.

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„Es ist der Zeitpunkt, mehr Demokratie zu wagen“

Deutliche Kritik an der versuchten Machtübernahme des Militärs äußerte die Türkische Gemeinde in Deutschland, die zugleich den Widerstand der Bevölkerung als Zeichen einer gefestigten demokratischen Kultur herausstellte. Dabei warnte sie auch davor, den Putschversuch als Rechtfertigung für Repressionen gegen die politische Opposition zu nutzen:

„Die türkische Bevölkerung als auch die im türkischen Parlament vertretenden Parteien haben durch ihren mutigen Einsatz gezeigt, dass sie vom Militär nicht politisch bevormundet werden wollen und dass sie bereit sind, gegen undemokratische Strukturen auf die Straße zu gehen.

Gerade vor dem Hintergrund dieses historischen demokratischen Aktes möchten wir die politisch Verantwortlichen in der Türkei eindringlich davor warnen, die Geschehnisse als Vorwand für die Aushöhlung rechtstaatlicher Prinzipien zu nehmen. Der abgewendete Putsch des türkischen Militärs darf keine Einladung dafür sein, gegen sämtliche unbequeme Oppositionelle vorzugehen. Die Menschen in der Türkei haben ihr Leben riskiert, viele haben ihr Leben verloren. Es ist der Zeitpunkt, mehr Demokratie zu wagen.“ (tgd.de, 18. Juli 2016)

„Es bedarf nicht unbedingt eines Militärputsches, um die Prinzipien der Demokratie auszuhebeln“

Diese Ablehnung des Putsches spiegelte sich auch in Kommentaren, die von Kritikern des türkischen Präsidenten Erdogans und der AKP-Regierung formuliert wurden. So schrieb der Hamburger Jurist und Vertreter der alevitischen Gemeinde, Baris Önes, in einem kurzen Eintrag auf Facebook:

„Ein Militärputsch ist für einen Demokraten natürlich nicht akzeptabel. Eine noch so unzureichende Demokratie ist besser als eine Militärdiktatur. Gerade die älteren Menschen in der Türkei wissen das am besten. Aber die aktuelle Entwicklung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ebenfalls besorgniserregend: Über 2.000 Richter, die kurzerhand festgenommen werden oder der aktuellste Vorstoß, die Todesstrafe wieder einzuführen, setzen nur das fort, was schon in den letzen Jahren angefangen hat. Es bedarf nicht unbedingt eines Militärputsches, um die Prinzipien der Demokratie auszuhebeln.“ (Facebook, 17. Juli 2016)

„Die Bevölkerung muss aus sich heraus die Kraft entwickeln, eine Zivilgesellschaft zu formen“

Auch Kemal Hür, Journalist des Deutschlandfunks, spricht in einem Beitrag von der Gefahr, die Regierung könne die Ereignisse nutzen, um nicht nur gegen Oppositionelle, sondern gegen alle Andersdenkenden vorzugehen:

„Dieser Putschversuch, von wem und warum auch immer er organisiert wurde, hat ein klares Ergebnis gebracht: Er verhalf Erdoğan zur Verfestigung seiner Macht und zur Stärkung des Selbstbewusstseins seiner islamistischen Anhänger.“

Angesichts einer drohenden Polarisierung der Gesellschaft betont er die Notwendigkeit, die Demokratie aus mit zivilgesellschaftlichen Mitteln zu stärken:

„Erdoğans Gefolgsleute werden sich legitimiert fühlen, Frauen, die keine Kopftücher tragen, zurechtzuweisen, Menschen, die Alkohol trinken, als Ungläubige zu verprügeln. Und trotz dieser Horrorszenarien, die sich bereits abzeichnen, bleibt eines festzuhalten: Nichts legitimiert das Militär oder Teile davon, eine demokratisch gewählte Regierung durch einen Putsch zu stürzen, nicht einmal einen Erdoğan, der ohne verfassungsrechtlichen Auftrag die Türkei allein regiert. Die Türkei ist schon lange kein demokratischer Staat mehr, weil Erdoğan es geschafft hat, die demokratische Grundordnung aus ihren Fundamenten zu heben. Aber die Bevölkerung muss aus sich heraus die Kraft entwickeln, eine Zivilgesellschaft zu formen – mit demokratischen Mitteln, auch wenn es im Moment nach einer Utopie klingt. Das Militär gehört in die Kasernen, nicht ins Parlament.“ (Cicero.de, 17. Juli 2016)

„Ich bin keine Außenstehende am PC. Ich bin betroffen“

Viel Zuspruch bekam die Berliner Juristin Betül Ulusoy für ihre Kommentare – aber auch wutentbrannte Reaktionen. In einem Tweet sprach sie davon, der Putsch biete die Gelegenheit, „Dreck zu säubern.“ (siehe @ismael_kupeli) In einem Beitrag auf Facebook antwortet sie ihren Kritikern und erklärt, wie der Tweet gemeint gewesen sei: Im Türkischen stünde die Formulierung für das Trennen von Spreu und Weizen: „Die Spreu (Befürworter einer Militärdiktatur) vom Weizen (Demokratie) zu trennen.“

Lesenswert ist dieser Beitrag, weil er die persönliche Betroffenheit beschreibt, die ihre Wahrnehmung des Putsches und der anschließenden Reaktionen prägen:

„Ein Militärputsch in der Türkei ist der Grund, weshalb ich in Deutschland geboren wurde. Mein Vater war ein Jugendlicher, fast noch ein Kind, als sich Ende der 70er Jahre linke und rechte Gruppierungen heftige Gefechte lieferten. Aus Angst, er könnte zwischen die Fronten geraten, schickte meine Großmutter meinen Vater – damals gegen seinen Willen – zunächst nach Deutschland. 1980 folgte dann der Militärputsch und in der Folge eine Verhaftungswelle, Folter und Todesurteile. Für meinen Vater gab es kein Zurück mehr. Mit ihm saß ich am Freitag Abend vor dem Fernseher, dem Laptop, am Handy, um die Geschehnisse in der Türkei zu verfolgen. Natürlich wurden bei ihm Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend geweckt; ständig verglich er die Situation damals mit den Geschehnissen heute, um daraus die Entwicklungen jetzt verstehen und einordnen zu können. Für mich war das schrecklich: Mein eigener Vater, meine Familie kannte diese Bilder, die ich schockiert am Bildschirm verfolgte.“

„Ich bin nicht irgendeine Außenstehende, die es sich am PC bequem macht. Ich bin betroffen. Ich möchte so etwas niemals wieder erleben. Niemals.“

Zugleich äußert sie ihre Sorge über Forderungen wie jener nach der Wiedereinführung der Todesstrafe, wie sie in den vergangenen Tagen von Unterstützern der AKP-Regierung vorgetragen wurden:

„Wer heute die Todesstrafe einführt, wird morgen mit den Geistern kämpfen müssen, die er rief. Wenn das türkische Volk für Demokratie auf die Straßen geht, muss es seiner Linie auch dann treu bleiben, wenn er sein Land vor der Diktatur rettet. Demokratie funktioniert niemals ohne Rechtsstaatlichkeit, auch das muss trotz aller Emotionen klar sein.“ (Facebook, 18. Juli 2016)

„Nun werde ich als Erdoğan Anhänger, AKP Opfer, PKK Mitglied, Gülen Liebhaber und und und bezeichnet“

Auch die Bloggerin Eşim Karakuyu wendet sich in einem Kommentar auf Facebook entschieden gegen den Putsch-Versuch, kritisiert aber vor allem jene Stimmen, bei denen sie Sympathien für den Staatsstreich vermutet:

„Unglaublich, dass es Menschen gibt die sich über einen Militärputsch freuen können! Was mit dem Stimmzettel kam, darf nicht mit Waffen und Panzern vernichtet werden, liebe europäische Freunde! Wo bleibt denn eure Liebe zur Demokratie?!“

Kritikern, die ihr die Unterstützung eines autoritären Regimes vorhalten, erwidert sie:

„Es ist einfach nur traurig. Eine schlaflose und anstrengende Nacht, in der wir alle vor dem Laptop saßen und beteten und hofften. Nun werde ich als Erdoğan Anhänger, AKP Opfer, PKK Mitglied, Gülen Liebhaber und und und bezeichnet. Was noch schlimmer ist, selbst das ‚Alhamdulillah‘ sagen, stößt Menschen auf! Naja, Parteilos zu sein, und einfach nur zu beten ertragen einige anscheinend nicht! Wir haben live mit erleben können wie ein Volk seine Demokratie schütze und sie nicht den Hunden zum Fressen gab. ALHAMDULILLAH! (…)

Jetzt ist klar, wer die wahren Demokraten sind und wer nicht! Und ich hoffe, dass die vermeintlichen Experten, seien sie auf Facebook oder in den Medien echt nen Gang runter schrauben und am besten Still sind!

Ich freue mich so so so sehr, dass das türkische Volk hinter seinen demokratischen Entscheidungen stand, alle zusammen, unabhängig von Partei, Religion und Herkunft! (auch Flüchtige waren mit auf der Straße) Möge der Herr die Türkei schützen, Gerechtigkeit und Frieden walten lassen!“ (Facebook, 16. Juli 2016)

„Erdogan ist nicht das Böse an sich“

Auch der Publizist Eren Güvercin kritisiert in einem Interview die Berichterstattung und bemängelt, dass die Gewalt der Putschisten kaum thematisiert werde. Berichtet werden vor allem über Übergriffe gegen die Putschisten. So diene der Putsch vor allem als Anlass, um Erdogan und seine Anhänger zu dämonisieren:

„Ich habe mir zum Beispiel am Sonntag den ARD-‚Brennpunkt‘ angeschaut. Da wurde kaum berichtet, was die Putschisten alles dort gemacht haben. Es wurde gar nicht erwähnt, dass das Parlament bombardiert wurde. Dort waren gerade Oppositionelle in einer Parlamentssitzung. Es wurde gar nicht gezeigt – obwohl es davon wirklich viele Bilder gibt – wie von Hubschraubern aus auf Zivilisten ohne Waffen geschossen wurde. Stattdessen wurde darüber gesprochen, ob das inszeniert ist oder nicht. Das finden viele Türken kränkend: Dort sind über 150 Zivilisten ums Leben gekommen. In der Türkei laufen gerade Straßenkämpfe ab, und die Menschen versuchen, diesem Putsch Widerstand zu leisten. Wie soll dann ein hier lebender türkischstämmiger Mensch diese Form der Berichterstattung als fair empfinden? Ich sehe gewisse Dinge in der türkischen Gesellschaft sehr kritisch. Zum Beispiel muss jeder Türke das Recht haben, eine andere Interpretation formulieren zu können – ohne als Vaterlandsverräter abgestempelt zu werden. Das müssen wir thematisieren. Das müssen auch türkische Bürger in der Türkei thematisieren dürfen. Aber: Erdoğan als das Böse an sich darzustellen, führt nicht dazu, dass wir die Verhältnisse in der Türkei differenziert auffassen können.“ (br.de, 18. Juli 2016)

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Tatsächlich fällt es (nicht nur) Jugendlichen schwer, sich in dieser bereits seit Monaten emotional aufgeheizten Debatte rund um Demokratie und gesellschaftlichem Pluralismus zu positionieren. Die Berichterstattung in Deutschland wird dabei nicht ganz zu Unrecht als einseitig wahrgenommen.

Gleichzeitig verstärkt die populistische Rhetorik der türkischen Regierung und ihrer Anhänger die Ablehnung von Andersdenkenden. Nicht selten spiegelt sich dies in Aussagen von Jugendlichen: Schwarz-Weiß-Denken und Absolutheitsanspruch können die Folge sein. Wichtig ist hier, die Komplexität der Situation und die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen aufzuzeigen: Geht es nicht viel mehr um Macht, politische Zerwürfnisse und persönliche Interessen als um einen Kampf von Gut gegen Böse? Inwiefern prägen die unterschiedlichen Lebenswege von Deutschtürken die Wahrnehmungen der aktuellen Ereignisse in der Türkei? Was bedeutet es, wenn anderen in den Debatten das „Türkischsein“ abgesprochen wird? Ist Kritik und Widerspruch gleichbedeutend mit Verrat? Welche Verantwortung tragen demokratisch gewählte Politiker für Demokratie und Rechtstaatlichkeit?