„Da sind wir quasi Punks!“ Facetten der Religiosität von muslimischen Jugendlichen

Junge Muslim_innen bekennen sich immer selbstbewusster zu ihrer Religion. Gleichzeitig lassen sie sich nicht mehr in einen Widerspruch zwischen „muslimisch“ und „deutsch“ zwingen. In Vereinen und Initiativen entwickeln und finden sie Identität, Spiritualität und Orientierung, berichtet Götz Nordbruch (ufuq.de). Ein attraktives Angebot macht ihnen auch der Salafismus.

„Ich arbeite seit 25 Jahren an dieser Schule und plötzlich muss ich immer wieder über Gott reden!“ Mit Verwunderung berichtet eine Berliner Lehrerin über das wachsende Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler, auch im Politikunterricht über religiöse Fragen zu reden. Bis vor wenigen Jahren war dies in ihrer Schule in Neukölln kaum ein Thema, nun bringen ihre überwiegend muslimisch sozialisierten Schüler/-innen immer wieder religiöse Perspektiven in den Unterricht.1 Die Verwunderung ist ein Hinweis auf den gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem sich religiöse Identitäten entwickeln. Der Wunsch vieler junger Muslime und Musliminnen, auch über religiöse Themen zu sprechen, spiegelt die Aufmerksamkeit, die dem Islam in den öffentlichen Debatten zukommt. Studien, die in den vergangenen Jahren unter den etwa vier Millionen Muslim/-innen in Deutschland durchgeführt wurden, dokumentieren eine hohe subjektive Religiosität unter jungen Muslimen.2 Die Ergebnisse von jungen Muslim/-innen unterscheiden sich dabei deutlich von nichtmuslimischen Gleichaltrigen. So beschrieben sich in einer 2008 durchgeführten Studie 43 % der 18- bis 29-jährigen Muslim/-innen als sehr religiös, während unter den gleichaltrigen Nichtmuslimen lediglich 14 % eine ähnliche Selbsteinschätzung abgaben (Blume 2008, 44). Selbst im Vergleich mit Muslim/-innen anderer Altersgruppen sticht die hohe Religiosität junger Muslim/-innen ins Auge.

Bildschirmfoto 2015-07-03 um 09.25.31Dr. Götz Nordbruch ist Islam- wissenschaftler und Mitarbeiter von ufuq.de.

Dennoch wäre es falsch, von einer einheitlichen Ausdrucksform muslimischer Religiosität und Glaubenspraxis auszugehen. Das Gegenteil ist der Fall, schließlich zeigen sich gerade unter jungen Muslim/-innen unterschiedliche und bisweilen widersprüchliche Zugänge zu religiösen Themen und Praktiken.

Auffallend ist das Auseinanderfallen von subjektiven Einschätzungen und dem Stellenwert, der bestimmten religiösen Werten und Praktiken, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft mit dem Islam in Verbindung gebracht werden, tatsächlich im Alltag der Befragten spielen. So schreiben 52 % der 18- bis 29-Jährigen dem regelmäßigen Gebet eine hohe Bedeutung zu, aber nur 23 % praktizieren dies auch selbst (ebd., 46). Auch hinsichtlich anderer Positionen – beispielsweise zum Kopftuchgebot und der Partnerschaft mit Nichtmuslimen – gehen die Einschätzungen bezüglich der Wichtigkeit eines bestimmten Verhaltens und dem eigenen Alltag auseinander.

Religiosität als Bekenntnis

Der Religionswissenschaftler Michael Blume hat die wachsende Bedeutung von Ritualen und nach außen getragenen Bekenntnissen zu Islam treffend als einen Übergang von einer „religiösen Alltagspraxis zur Bekenntnisreligion“ (ebd., 46) beschrieben. Danach gewinnen religiöse Symbole und Rituale gerade für Jugendliche, die sich ihre Religion in einem Minderheitenkontext aneignen, an Relevanz, um sich auch gegenüber der Umwelt als Muslim/-in erkennen zu geben. Anders als für die Eltern- und Großelterngeneration, die vielfach noch in muslimischen Gesellschaften aufgewachsen sind, stehen diese Jugendliche vor der besonderen Herausforderung, ihre Identität als Muslime und Muslimin auch für andere sichtbar zu entwickeln. In der Türkei oder in Ägypten ist das Muslimsein selbstverständlich, in Deutschland und anderen mehrheitlich nichtmuslimischen Ländern dient das demonstrative Bekenntnis zum Islam auch als Statement über das eigene Selbstverständnis. In diesem Sinne lässt sich die wachsende Popularität islamischer Kleidung – sei es in Form traditioneller Gewänder, dem Kopftuch oder einer islamischen Streetwear – verstehen. So wirbt das unter Jugendlichen populäre Modelabel Style-Islam ausdrücklich mit der Botschaft, die die angebotenen Kleidungsstücke vermitteln: „Die Skizzen, Motive und Slogans auf unseren Produkten sind nicht nur funky, sondern haben auch Inhalt. Wir kommunizieren die Religion des Friedens in der Sprache der Jugend, ohne dabei unsere Werte zu verlieren. Checkt unsere Produkte und zeigt, wer wir sind. Styleislam – go spread the word.“3 Auch die Verbreitung von „islamischen“ Produkten wie den Energy Drinks „Muslim Power“ und „Halal“, die seit einigen Jahren in Deutschland produziert und verkauft werden, lassen sich als Ausdruck eines solchen Wunsches nach Sichtbarkeit deuten. Mit einem Getränk mit dem Namen „Halal“ (den islamischen Speisevorschriften entsprechend) gibt man sich in Deutschland als Muslim/-in zu erkennen – in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften wie Ägypten, Marokko oder dem Iran wäre eine solche Namensgebung unverständlich, schließlich werden hier mit wenigen Ausnahmen alle Produkte selbstverständlich nach islamischen Speisevorschriften hergestellt. Ganz ähnlich lassen sich auch die Botschaften deuten, die von vielen Jugendlichen in Sozialen Netzwerken gepostet werden. „Wer sich den Namen Muslim gibt, der muss auch den Nachnamen Gebet haben!“4, lautet beispielsweise ein Slogan, der über das Internet verbreitet wird. Auch hier verbindet sich das Muslimsein mit einem sichtbaren Ritual, durch dass das eigene Selbstverständnis erst bekräftigt wird.

Religiosität als Sinnsuche und Spiritualität

Gleichwohl lässt sich die hohe Religiosität vieler junger Muslim/-innen nicht auf den Aspekt des demonstrativen Bekenntnisses beschränken. Die Vielzahl muslimischer Vereine, die in den vergangenen Jahren auf lokaler Ebene von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegründet wurden, verweisen zugleich auf einen weitverbreiteten Wunsch nach Orientierung und Spiritualität.5 So stehen Vereine wie die Muslimische Jugendcommunity Osnabrück oder das Islamische Jugendzentrum Berlin (IJB) auch für ein wachsendes Interesse, unabhängig von etablierten Verbänden und Moscheegemeinden religiöse Ausdrucksformen und Gemeinschaften für jugendliche Zielgruppen zu entwickeln. In diesem Sinne fasst das IJB seine Ziele zusammen: „Egal ob du den Islam besser (kennen-)lernen möchtest, Islam-konforme Freizeitaktivitäten suchst oder einfach nur neue Geschwister im Glauben treffen möchtest – für jeden ist etwas dabei! (…) Unser Ziel ist klar: Wir wollen, dass du als muslimischer Jugendlicher deine Religion in Deutschland selbstbewusst ausleben kannst.“6 Gemeinsam ist dabei vielen dieser Initiativen das Interesse, den Islam auch in seinen spirituellen Facetten als integralen Bestandteil des eigenen Alltags zu leben: „Es geht (…) nicht nur um den Gottesdienst, sondern um vieles mehr. Charakter, Geschwisterlichkeit und die islamische Moral gehören ebenso dazu wie auch das spaßige Beisammensein mit den Glaubensgeschwistern“.

Auffallend ist darüber hinaus eine vielfach betonte Abgrenzung gegenüber dem religiösen Selbstverständnis der Eltern und Großeltern. Deutlicher als diese suchen viele junge Muslim/-innen nach Möglichkeiten, den Islam auch im deutschen Kontext selbstbestimmt zu leben. Die gleichzeitige Zugehörigkeit zum Islam und zur deutschen Gesellschaft steht für diese Jugendlichen außer Frage. Das bedeutet auch eine Abgrenzung gegenüber bestimmten Glaubensvorstellungen und religiös-kulturellen Traditionen aus den Herkunftsländern, die mit hiesigen Lebenswirklichkeiten unvereinbar scheinen. So entstanden in den vergangenen Jahren verschiedene Initiativen junger Muslim/-innen, die sich gegen tradierte Praktiken wie das Arrangieren oder Erzwingen von Eheschließungen wenden. Aus Sicht dieser Initiativen stehen solche Praktiken – trotz der oft angeführten Begründungen mit islamischen Traditionen – im Widerspruch zu den eigentlichen Werten und Normen des Islam.

Melih Kesmen, der Gründer des Modelabels Style-Islam, sieht darin ein wesentliches Motiv für sein Bemühen, ein anderes Verständnis des Islam unter Jugendlichen zu fördern: „Ich stelle die Glaubenspraktiken gewisser muslimischer Strömungen in Frage. Dazu gehören auch Glaubenspraktiken meiner Eltern. Da findet eine solche Vermischung mit Tradition und Volkskultur statt, dass es nichts mehr mit der islamischen Kernbotschaft zu tun hat. Und da sind wir quasi ‚Punks’: Wir sagen, die Art und Weise, wie der Islam in einem Großteil gewisser Volksgruppen praktiziert wird, ist nicht in Ordnung, das ist Mist.“7

Salafismus als eindeutiges Identitätsangebot

Im Gegensatz zum Bemühen dieser Vereine und Initiativen, die Zugehörigkeit der Muslim/-innen und des Islam zur deutschen Gesellschaft herauszustellen, steht die gerade auch unter jungen Muslim/-innen einflussreiche salafistische Strömung für eine ausdrückliche Abgrenzung von der nichtmuslimischen Umwelt. Charakteristisch ist hier der Wunsch nach einem Rückzug auf eine klar umrissene Gemeinschaft der Muslim/-innen, die als alleiniger Bezugspunkt zu gelten habe. Ausgehend von einem literalistischen Verständnis der religiösen Quellen betonen sie die zeitlose Gültigkeit der Regelungen, die sie ohne eine historische Kontextualisierung aus dem Koran und den Berichten aus dem Leben des Propheten ableiten.

Für Jugendliche ist hier vor allem die Eindeutigkeit des Identitätsangebots attraktiv. Mit dem Rückzug auf die Umma, der weltweiten Gemeinschaft der Muslim/-innen, treten andere Facetten der Identität in den Hintergrund, die im Alltag von Jugendlichen zu Konflikten führen können. Mit dem Bekenntnis zum Islam, wie er von Salafist/-innen vertreten wird, erübrigen sich Fragen nach der Vereinbarkeit von religiösen Werten und Traditionen mit den Orientierungen und Erwartungen, die die deutsche Gesellschaft ansonsten prägen. Vor diesem Hintergrund wird auch die Attraktivität der salafistischen Lesart des Islam für Frauen verständlich, schließlich treten hier klare Rollenzuschreibungen an die Stelle von mühsamen Auseinandersetzungen mit Geschlechterrollen und aufreibenden Entscheidungen hinsichtlich der eigenen Lebensgestaltung.

Zugleich bietet das salafistische Selbstverständnis als vermeintlich authentische Gemeinschaft in der Tradition des Propheten eine überhistorische Erklärung für die Erfahrungen mit Ressentiments und Diskriminierungen, mit denen viele Jugendliche im Alltag konfrontiert sind. In diesem Zusammenhang wird auf eine Überlieferung aus der Frühzeit des Islam verwiesen, in der Mohammed selbst Anfeindungen und Entfremdungserfahrungen ausgesetzt war. Das Gefühl des Fremdseins, das im aktuellen Kontext durch antimuslimischen Rassismus befördert wird, erscheint hier nicht als Anlass für ein verstärktes Engagement für gleiche Rechte und die Anerkennung eigener Interessen, sondern als weiteres Argument für eine Abgrenzung von der nichtmuslimischen Gesellschaft.

Aspekte des Religiösen im Jugendalter

In diesem Sinne trifft der Bezug auf den Islam auf verschiedene Interessen und Erwartungen, die junge Muslim/-innen in der Begegnung mit der Gesellschaft entwickeln. Viele Jugendliche finden im Islam eine Gemeinschaft unter „Geschwistern“, die mit starken emotionalen Bindungen und dem Gefühl von Zugehörigkeit und Anerkennung sowie klar definierten Werten und Normen verbunden ist. Darin ähnelt dieses Gemeinschaftsangebot anderen religiösen und nichtreligiösen jugendkulturellen Strömungen, die Jugendliche über gemeinsame Orientierungen an sich binden und einen Ausgangspunkt für selbstbewusste und reflektierte Identitätsbildungsprozesse bilden können.

Am Beispiel des Salafismus werden allerdings auch problematische Aspekte einer ausschließlichen Orientierung am Islam sichtbar.8 So beschränkt sich die damit einhergehende Weltsicht nicht auf das Angebot einer gemeinsamen Identität und gemeinsamen Werten, sondern beinhaltet oft zugleich den Wunsch nach einer Normierung vermeintlich verbindlicher Orientierungen und das Ziel einer Dominanz und Deutungshoheit in der Gesellschaft hinaus. Der Bezug auf den Islam ist hier nicht Ausgangspunkt für eine konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Werten, Lebenswelten und Glaubenspraktiken, sondern Anlass für eine Abwertung alternativer Sichtweisen und eine Abgrenzung von der Umwelt.

Vor diesem Hintergrund wird die Notwendigkeit deutlich, entsprechende Ausdrucksformen von Religiosität zunächst als „normales“ jugendspezifisches Phänomen zu verstehen. Der Wunsch nach Spiritualität und die Betonung religiöser Zugehörigkeit beschränken sich schließlich nicht allein auf Jugendliche muslimischer Religionszugehörigkeit, sondern sind in tendenziell ähnlicher Weise beispielsweise in christlichen Zusammenhängen zu beobachten. Zugleich verweisen die Rigidität und Abgeschlossenheit salafistischer Denkmuster auf die Problematik, die mit einem solchen Verständnis der Religion einhergeht. Auch hier wird allerdings der Einfluss von jugendkulturellen Erfahrungen auf die Ausprägung entsprechender Orientierungen sichtbar. So lässt sich der Salafismus in Deutschland nicht auf theologische Aspekte beschränken, sondern ist letztlich auch Ausdruck von Fragen und Konflikten, denen sich Jugendliche im Migrationskontext gegenüber sehen. Umso wichtiger ist es, Jugendliche in ihren Bemühungen zu stärken, eigene Zugänge zu Religion und Identität zu entwickeln. Die Bereitschaft von Lehrkräften und Sozialarbeiter/-innen, Religiosität und Glauben als selbstverständliche Themen anzuerkennen, wäre hierzu ein wichtiger Beitrag.

Anmerkungen

1 Aussage einer Lehrerin im Vorgespräch zur Durchführung eines Workshops zum Thema „Islam, Islamismus und Demokratie“, die von ufuq.de in Zusammenarbeit mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg von 2010‑2013 in Berlin, Hamburg, Essen und Bremen durchgeführt wurden.

2 Zu nennen sind hier neben der im Auftrag des Bundesministeriums des Innern durchgeführten quantitativen Studie von Katrin Brettfeld/Peter Wetzels „Muslime in Deutschland“ (Hamburg 2007) und der unten zitierten Untersuchung des Religionsmonitors 2008 vor allem die qualitative Studie von Hans-Jürgen von Wensierski/Claudia Lübcke (Hg.) „‚Als Moslem fühlt man sich hier auch zu Hause‘. Biographien und Alltagskulturen junger Muslime in Deutschland“ (Opladen 2012) sowie die in diesem Forschungsprojekt erarbeiteten Einzelstudien, veröffentlicht in: Hans-Jürgen von Wensierski/Claudia Lübcke (Hg.) „Junge Muslime in Deutschland. Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen“ (Opladen 2007).

3 http://de.styleislam.com („Über uns“).

4 Siehe beispielsweise das Posting auf dem Facebook-Profil „Islam Dawa“ vom 29. März 2013.

5 Siehe für einen Überblick über entsprechende Vereine den „Atlas zur muslimischen Jugendarbeit in Berlin“ (RAA Berlin, 2014), der zahlreiche verbandsunabhängige Vereine und Initiativen in der Stadt vorstellt.

6 Islamisches Jugendzentrum Berlin, http://ijb-ev.de („Wer sind wir“).

7 Interview mit Melih Kesmen, www.labkultur.tv/blog/punk-trifft-prophet.

8 Siehe dazu: Claudia Dantschke/Ahmed Mansour/Jochen Müller/Yasmin Serbest: „Ich lebe nur für Allah“. Argumente und Anziehungskraft des Salafismus. Berlin 2011.

(erschienen in Thema-Jugend, 4/2014)