„Cooler Salafismus“ – Ein Interview zur Bedeutung von Szenen, Peers und jugendkulturellen Aspekten

Pierre-Vogel-Grafik, Bild: ufuq.de, frei für jede nicht-kommerzielle NutzungWährend islamistische Szenen besonders junge Menschen anziehen, scheinen Islamismus und Jugendkultur von außen betrachtet zunächst einen Widerspruch darzustellen. Tatsächlich aber gibt es auf einigen Ebenen Überschneidungen, die deutlich über einen strategischen Einsatz von Jugendkulturen für islamistische Rekrutierung hinausgehen. Julia Gerlach beobachtet die Verflechtung von Jugendkulturen mit Islamismus, aber auch mit dem Islam seit vielen Jahren. Sie ist Autorin des Buches „Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland“. Auf der Grundlage von Beobachtungen der Szenen und vielen Gesprächen mit Jugendlichen gibt sie in diesem Interview Einschätzungen zu jugendkulturellen Aspekten von (gewaltorientiertem) Islamismus. Das Interview führten Anja Frank und Maruta Herding vom Deutschen Jugendinstitut.

Anja Frank/Maruta Herding: Inwieweit kann man beim Islamismus von einem Jugendphänomen sprechen?

Julia Gerlach: Islamismus ist ein sehr großes Wort, um damit Jugendliche zu beschreiben, die mit traditioneller Kleidung, Jalabiyyas und Bärten durch deutsche Innenstädte laufen und vom heiligen Krieg träumen. Islamismus ist ja ein sehr viel älteres Phänomen und eine viel größere Bewegung. In Bezug auf die Jugendbewegung würde ich lieber das Adjektiv salafistisch verwenden.

Wenn wir über diese Bewegung oder Szene sprechen, dann ist klar, dass es sich nicht nur um etwas handelt, das aus dem Ausland kommt. Sie hat viel mehr mit der deutschen Gesellschaft zu tun als mit dem Islam. Es sind Jugendliche, die zum größten Teil hier aufgewachsen oder von der hiesigen Gesellschaft stark geprägt sind. Sie haben sich diesem Lifestyle oder dieser Bewegung aus Gründen angeschlossen, die eher in der Sozialisation von Jugendlichen in Deutschland zu sehen sind. Das sind ganz häufig Jugendliche, die auf der Suche sind und die vielleicht provozieren wollen. Wenn man früher provozieren wollte, dann hat man sich, so war das beispielsweise bei mir, eine schwarze Lederjacke angezogen, die Haare rot gefärbt, Häuser besetzt und solche Sachen. Aber damit kann man heute keinen Lehrer und keine Mutter mehr schocken, denn so etwas in der Art haben sie selbst gemacht und sie fänden das eher normal. Aber wenn ein junger Mann sagt: „Ich möchte vier Frauen heiraten“ oder eine junge Frau den Wunsch äußert, einen Dschihadisten zu heiraten oder sich in ein entsprechendes Frauenbild einzufügen, dann ist das eher geeignet, um eine Lehrerkonferenz auszulösen, zum Schulleiter zitiert zu werden oder vielleicht sogar von der Schule verwiesen zu werden. Dafür bekommt man Aufmerksamkeit. Sich dem Salafismus anzuschließen, ist ein sehr starkes Provokationsinstrument und insofern vergleichbar mit anderen Jugendbewegungen, die es auch gegeben hat und die es noch gibt.

Zudem handelt es sich häufig um Jugendliche, die bestimmte Bedürfnisse haben, die auf der Suche sind nach Gemeinschaft und Halt und die vielleicht unsicher sind. Sie gehen genau in diese Richtung, weil sie durch die dort wahrgenommenen festen Strukturen Sicherheit bekommen. Andere Jugendliche – Sie sehen, man kann das nicht wirklich verallgemeinern – suchen genau das Gegenteil, nämlich das Abenteuer. Besonders in der Möglichkeit, beispielsweise nach Syrien zu gehen, unterscheidet bzw. unterschied sich diese Bewegung von anderen Jugendbewegungen. Diesen Weg gibt es in dieser Form heute nicht mehr und es gibt eigentlich so gut wie niemanden mehr bzw. nur noch sehr sehr wenige Leute, die überhaupt auf die Idee kommen könnten, nach Syrien auszureisen. Dies hat die Bewegung sehr stark in eine andere Richtung verändert. Aber es gab diesen Weg nach Syrien und es gibt nach wie vor diese Verbindung vor allen Dingen zu Daesch, zu dem sogenannten Islamischen Staat, der das Ganze in andere Dimensionen führt und abenteuerlicher, aber auch für die Gesellschaft gefährlicher macht.

Porträt Julia Gerlach, Foto Benny GolmJulia Gerlach ist Politik- und Islamwissenschaftlerin und Autorin mehrerer Sachbücher, unter anderem „Zwischen Pop und Dschihad – Muslimische Jugendliche in Deutschland“ und „Wir wollen Freiheit – Der Aufstand der Arabischen Jugend“.

Insofern würde ich sagen, dass es sich bei dieser Art von Salafismus um ein jugendkulturelles Phänomen handelt, das sehr von der deutschen Gesellschaft geprägt ist und das in dieser Ausprägung wahrscheinlich auch nicht ältere Erwachsene anzieht (es sei denn sie haben ein Jugendlichkeitsproblem), sondern sehr stark auf diese Altersgruppe zugeschnitten ist.

Konversion: Bedürfnis nach Sicherheit und einem klaren Lebensweg

Wie gehen islamistische Ideologie und Jugendkultur eigentlich zusammen – auf welcher Ebene treffen sich die beiden Konzepte?

Ich glaube, dass sich beide auf der Provokationsebene treffen und hier sehr gut funktionieren, aber auch auf einer anderen. Der Salafismus hat auf sehr vielen Ebenen etwas anzubieten. So war ich einmal bei einem Gottesdienst einer salafistischen Gemeinde hier in Berlin, die dafür bekannt ist, dass viele Leute konvertieren, und auch an diesem Tag ist eine Gymnasiastin konvertiert. Sie kam aus Charlottenburg und konvertierte in dieser Moschee in Neukölln und dieser Weg war für sie offensichtlich sehr lang gewesen: von ihrer wahrscheinlich sehr gutbürgerlichen oder wohlsituierten Familie in diese Moschee, die genau so war, wie in der Zeitung häufig der Islam beschrieben wird: radikal, sehr streng und mit einer starken Gemeinschaft. Sie wurde nach ihrer Konversion von den Frauen der dortigen Gemeinschaft mit sehr großer Freude empfangen. Ich habe sie hinterher nach ihren Motiven gefragt, und sie erzählte, dass sie zwei Mal da gewesen wäre und dass sie das Gefühl gehabt hätte, sie müsse das machen, um ihre Seele in Sicherheit zu bringen. In ihrem Fall, so denke ich, ging es um das unglaubliche Bedürfnis nach Sicherheit, Klarheit und einem klaren Lebensweg, die Aufnahme in die Gesellschaft sowie wahrscheinlich die zu erwartende Reaktion von ihrem Elternhaus. Diese Mischung ist wahrscheinlich bei sehr vielen Jugendlichen, die in diese Richtung gehen, entscheidend.

Es gibt zudem verschiedene, ansprechende Ebenen. Es ist spirituell: Man kann sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens begeben. Es ist politisch: Man kann sich mit einer gesellschaftlichen Gruppe solidarisieren, die als im Allgemeinen ungerecht behandelt wahrgenommen wird und sich sogar weltweit mit Menschen solidarisieren, die in Bedrängnis sind. Und es ist ein Lifestyle: Es ist etwas zum Festhalten und es ist eine Gemeinschaft. Ob man dann beispielsweise entsprechende Musik gut findet und sich Naschids in ihrer dschihadistischen Variante anhört oder ob man eher Rap richtig gut findet und sagt, das kann man jetzt auch mit dem Islam vereinbaren, ist je nach Typ, je nach Bedürfnis unterschiedlich und da kann man sich ein bisschen was raussuchen.

Hip-Hop, Lifestyle und Islam

Sie haben gerade nach Typen unterschieden. Gibt es bestimmte Typen von Jugendlichen, für die gerade diese jugendkulturellen Aspekte anschlussfähig sind und spielen geschlechtsspezifische Aspekte hierbei eine Rolle?

Ich denke, dass viele in die Richtung „cooler Salafismus“ gehen. Auch wenn es schwierig ist, Labels zu verwenden: Häufig handelt es sich um Hip-Hop bzw. Musik und Lifestyle kombiniert mit strengem Islam. Häufig sind es Jugendliche, bei denen man wahrscheinlich sagen kann, dass die Hauptmotivation Diskriminierungserfahrungen sind, und diese Erfahrungen kommen in der Gesellschaft nicht so gut an. Deshalb möchten sie etwas dagegensetzen, ein Zeichen setzen. Aus dieser Überzeugung und aus diesem Bedürfnis heraus schließen sich viele dieser Richtung an. Auch fühlen sie sich in dieser typisch weißen deutschen Jugendkultur nicht wirklich zu Hause, während diese ihnen eher das Gefühl von Dazugehören, Heimat oder ähnlichem geben kann. Andere, die eher auf der Suche nach Sicherheit sind, würden sicherlich eher in die Richtung eines sehr strengen Salafismus gehen, der auf diese Accessoires der Jugendkultur tendenziell verzichtet, und beispielsweise an der ganz schlichten und strengen Kleidung Gefallen finden. Es gibt ja sehr große Unterschiede, wie sich Jugendliche in dieser Szene kleiden.

Bei Mädchen ist es schwierig, von Typen zu sprechen, aber auch da gibt es jene, die an Gemeinschaft interessiert sind und dazugehören möchten, aber auch die, die über den Salafismus eine wichtige Rolle unter ihren Gleichaltrigen finden, beispielsweise als Anführerinnen bzw. Führungsfiguren. Und das gerade in einem Bereich, der sonst nicht so geeignet ist, um Anführerin zu werden. Denn sie können sich in einer Frauenrolle profilieren, die in der hiesigen Gesellschaft gerade nicht sozial anerkannt ist, indem sie eine aus dieser Sicht besonders gute, typische, untertänige Frau werden. Häufig geht es dabei um den Druck, der auf vielen jungen Frauen und Mädchen lastet: der Druck, dass man etwas schaffen muss, irgendwie gut sein muss in der Schule, dass man studieren muss, einen Job haben muss, vielleicht auch noch Kinder haben will, dass man super aussehen muss, einen tollen Mann haben muss, und vielleicht sehen sie, dass sogar ihre Mütter damit nicht so richtig zurechtkommen. Diesem Druck kann man durch das Reinschlüpfen in so eine Szene ganz gut entkommen.

Jugendliche sind auf  der Suche nach Sinn und religiösen Antworten

Gibt es bestimmte gemeinsame Erfahrungen, Orientierungen oder Wissensbestände, die diese Szene kennzeichnen und zusammenhalten?

Meines Erachtens hat das sehr viel mit der Hinwendung zum Glauben zu tun. Ich denke, dass man den Jugendlichen nicht absprechen darf, dass sie sich tatsächlich auf die Sinnsuche gemacht haben und dass sie wirklich auf der Suche nach religiösen Antworten auf ihre Fragen sind. Das verbindet die Leute sicherlich: Die Suche nach Sinn für ihr Leben.

Von außen springt allerdings mehr ins Auge, dass sie sich einer Gruppe zugehörig fühlen, der Unrecht getan wird und die selbst das Gefühl hat, dass ihr Unrecht getan wird. Eine Gruppe, die verfolgt wird, die durch den Kolonialismus in der islamischen Welt in Bedrängnis geraten ist, wo es Kriege gibt, die als Kampf gegen den Islam gelesen werden. Aber auch Diskriminierung und Druck auf die Community hier in Deutschland spielen eine große Rolle. Man ordnet sich somit einer Gruppe zu, die sich zumindest in diesem Kontext als Opfer definiert. Zudem erinnert man sich an eine Größe, die diese Gemeinschaft früher gehabt hat und an die man wieder anknüpfen möchte. Durch dieses Zurückblicken auf das Vorbild der Gefährten des Propheten und der Orientierung an ihnen möchte man zu dieser großen Stärke von damals wieder zurückkommen, um sich besser wehren zu können. Das Einordnen in die Gruppe der Opfer halte ich für ein sehr verbindendes Element.

Ein weiterer Punkt ist, dass diese Positionierung auch eine Möglichkeit der Gesellschaftskritik darstellt. Viele Leute, nicht nur diese Jugendlichen, sehen, dass sehr, sehr viele Sachen in der Gesellschaft schieflaufen. Sie sehen, dass Chancen je nach gesellschaftlicher oder ethnischer Herkunft oder sozialer Schicht ungerecht verteilt sind: Wenn man aus einer reichen Familie kommt, hat man bessere Chancen als wenn man aus einer Hartz-IV-Familie kommt, und wenn man Ahmed mit Vornamen heißt, dann hat man größere Schwierigkeiten, in der Schule gute Noten zu kriegen, als wenn man Leon heißt. Auch sonst sind sehr viele Sachen sehr ungerecht, und die Hinwendung zu einem sehr gleichmachenden Islam stellt in dieser Hinsicht eine Antwort dar. Gleichzeitig ist es auch die klare Ansage: „So wie ihr lebt, wollen wir nicht leben.“ Einerseits bekennt man sich also selbst zu einer Ideologie und einem Gesellschaftssystem, das vermeintlich gleichberechtigter oder gerechter ist und andererseits teilt man auch der Gesellschaft deutlich mit, dass man die Art des Lebens, wie wir es momentan führen, für den falschen Weg hält.

Die Orientierung an den Prophetengefährten bietet zudem einen gewissen einheitlichen Lifestyle. Aber es ist sehr interpretationsabhängig, was das Wichtigste an dieser Lebensart gewesen sei, und es gibt dazu sehr unterschiedliche Meinungen. Auch in den verschiedenen Gruppen von Jugendlichen existieren unterschiedliche Auffassungen darüber, wie man das jetzt zu leben hat. Hier hat sich in den letzten Jahren einiges verändert, beispielsweise im Hinblick auf Kleidungsvorschriften oder Musikhören.

Ein Jugendlicher hat mir einmal gesagt, das Praktische am Salafismus sei, dass alles so festgelegt ist. Da steht: Der Prophet mochte Aprikosen. Also esse ich auch Aprikosen. Auch wenn mir Aprikosen nicht schmecken, aber ich weiß, dass Aprikosen gut sind. Ich weiß vom ersten Moment an, von morgens bis abends, was ich machen soll und was ich nicht machen soll und es gibt eine unglaubliche Freiheit, weil man sich darüber keine Gedanken machen muss. Unsere Gesellschaft besteht doch aus so vielen Entscheidungen. Trink ich jetzt meinen Caffé Latte fettarm oder mit Fett? Diese Fragen brauche ich dann nicht mehr zu beantworten, denn ich trinke keinen Caffé Latte, denn der Prophet hat auch keinen Caffé Latte getrunken.

Typisch und verbindend ist außerdem, dass man Salafist oder Salafistin nicht so nebenbei sein kann. Es ist vielmehr ein sehr umfassendes Bild und ein sehr umfassender Lebensstil. Häufig ist er auch damit verbunden, dass man sein Umfeld, seine Familie, seine Eltern, seine Geschwister mindestens vor den Kopf stößt, oft auch mit ihnen bricht. Das bedeutet, dass man sich aus der Gruppe löst, in der man bisher war und dann als Individuum zu dieser neuen Gemeinschaft dazugehört. Die Verbindung wird schließlich auch dadurch gestärkt, weil die Leute nicht mehr so einfach zurück können.

Nur wenige jugendliche Salafisten gehen in Richtung Gewalt

Welchen Stellenwert würden Sie Peerkontakten zuschreiben, beispielsweise für den Einstieg oder auch für den Verbleib in einer islamistisch geprägten Gruppe?

Auch da ist es wieder extrem schwer, pauschal zu antworten. Es gibt graduell große Unterschiede – ob Leute auf der spirituellen Suche sind und dann beim Salafismus als sehr rigider Form der Religionsausübung landen, oder ob sie sich ganz in diesen Lifestyle hineinbegeben, oder ob sie noch einen Schritt weiter in die Richtung von gewaltbereitem Salafismus gehen. Dieser Schritt zum Dschihadismus ist wirklich etwas ganz anderes, und aus der Gruppe von jugendlichen Salafisten ist es nur ein ganz kleiner Teil, der ihn tatsächlich macht. Den ersten Schritt, also sich auf die spirituelle Suche begeben, kann man auch alleine machen. Es ist natürlich schöner, wenn man eine Gemeinschaft hat, aber sehr, sehr viele Jugendliche, gerade deutsche, die konvertieren, sind in Gegenden zum Islam gekommen, in denen gar nicht so viele Muslime sind. Häufig ist es die Suche selbst gewesen, die einen auf eine Idee gebracht hat, beispielsweise durch ein Gespräch mit jemandem. Und dann hat man sich umgeguckt, im Internet recherchiert, gelesen und gedacht: „Hmm, vielleicht ist das was?“ Vielleicht hat man dann auch angefangen, andere kennenzulernen, aber grundsätzlich ist dieses Suchen sehr gut alleine möglich. Wenn man richtig eintauchen möchte und diesen Lebensweg oder diese ganze Szene richtig mitmachen möchte, braucht man dann natürlich eine Gemeinschaft. Sie ist sehr wichtig, um die Leute darin zu bestärken, dabeizubleiben und auch ein bisschen Druck auszuüben, dass man sich an die Regeln hält und sich von dem abwendet, was man bisher hatte. Bei vielen wiederum, die zu der dritten Gruppe gehören, also eher dschihadistisch eingestellt sind, gibt es auch Beobachtungen, dass sie vorher eigentlich überhaupt keinen Kontakt zu Muslimen hatten, sondern teilweise aus einem eher kriminellen Milieu kommen, häufig mit Drogenerfahrung. In diesem Kontext kann man vielleicht sagen, dass es sich um Jugendliche handelt, die sehr stark der Anerkennung bedürfen, die vielleicht aus einer Familie kommen, die nicht funktioniert hat, die eventuell seelische oder psychische Probleme hatten, die sie dazu gebracht haben, in dieser Richtung nach etwas, was ihnen Sinn und Halt geben kann, zu suchen. In den Biografien der Attentäter vor allem in Paris und Belgien war sichtbar, dass sie vorher nicht sehr viel in der Szene unterwegs waren, sondern dass sie erst im letzten Moment, kurz bevor sie ihre Entscheidung getroffen haben, in dieser Richtung gewalttätig zu werden, Kontakt bekommen haben und dabei häufig hauptsächlich übers Internet und weniger persönlich. Es ist also schwer pauschal zu beantworten und je nach Ausprägung sind es unterschiedliche Typen, die sich den Szenen anschließen und es sind unterschiedliche Bedürfnisse, die befriedigt werden.

Sie beobachten jugendkulturelle Ausprägungen von Islam und Islamismus ja schon längere Zeit. Welche Entwicklungen konnten Sie in den letzten Jahren erkennen?

Da hat sich ziemlich viel verändert. Als ich 2006 das Buch geschrieben habe (Anm. d. Hrsg.), bzw. zwischen 2000 und 2010, gab es zwar das Internet, aber es hat das Leben noch nicht so bestimmt wie heute über WhatsApp und so weiter. Die Jugendlichen haben sich noch viel mehr in Moscheen, Gemeinden oder Jugendtreffs getroffen, und es spielte noch eine viel größere Rolle, wenn jemand kam und einen Vortrag gehalten hat. In der Zeit war Pierre Vogel gerade sehr bekannt geworden und brachte sehr viele Leute zusammen, die sich tatsächlich physisch in einem Raum versammelt haben und zusammen ihre Szene gefühlt und zelebriert haben. So etwas gibt es auch immer noch, aber nicht mehr so stark. Das Chatten bzw. der Aufenthalt in Räumen im Internet hat das abgelöst und dadurch auch die Szene sehr stark verändert. Man kann jetzt sehr viel individueller Salafist oder Mitglied dieser Bewegung sein und muss nicht unbedingt dahin gehen und unbedingt tatsächlich dabei sein. Natürlich suchen trotzdem viele die Gemeinschaft, aber man kann auch ziemlich gut einfach nur online Salafist sein und das für sich selbst machen. Zudem gab es Events wie „Iqra!“/“Lies!“ (Anm. d. Hrsg./Red.) und so weiter, die eine stärkere Verfolgung und Überwachung nach sich zogen. Durch diese größere Aufmerksamkeit für die Salafisten hat sich alles stärker ins Internet verlagert. Es ist nicht mehr so einfach möglich, sich in diesen Kontexten zu versammeln. Es gibt zudem einen Rückzug in Privaträume, in denen man sich trifft. So trifft man sich nicht mehr unbedingt beispielsweise in der Al-Nur-Moschee, denn das funktioniert nicht mehr. Räume wurden geschlossen, Leute verdrängt, Gemeinden haben gesagt: „Ok, jetzt geht mal, wir wollen euch nicht mehr!“

Eine weitere Entwicklung kann man darin sehen, dass es vor etwa zehn Jahren eine andere, auch islamische Jugendbewegung gegeben hat, die sehr aufgeschlossen war. Ich habe das damals Pop-Islam genannt, und dieser war eher für gut gebildete, sehr ehrgeizige Jugendliche attraktiv, die gesellschaftlich etwas erreichen und die Gesellschaft verändern wollten und die vor allen Dingen dem schlechten Image des Islams nach 2001 etwas entgegensetzen wollten. Es gibt sie nach wie vor, sie werden aber nicht mehr so stark wahrgenommen und man spürt einen unglaublichen Frust in der Szene. Denn es ist sehr anstrengend, wenn man ein Kopftuch trägt und dann immer doppelt so gut sein muss wie alle Anderen, um etwas erreichen zu können: um z. B. die gleichen Noten zu bekommen oder an den gleichen Job oder den gleichen Studienplatz zu kommen. Und selbst wenn sie dies geschafft haben, bekommen sie nicht die gleiche Anerkennung. Es hatte dabei erst eine Phase von einer Art Normalisierung gegeben, während der es eine ganze Reihe von islamischen Organisationen und Jugendorganisationen geschafft hatten, staatliche Förderung zu bekommen, Preise zu gewinnen, mit Kommunen zusammenzuarbeiten oder auf anderem Wege von der Gesamtgesellschaft als gesellschaftlich wichtig anerkannt zu werden. Gerade gegen diese hat es in den letzten zwei Jahren eine Art Kampagne gegeben: Es tauchten plötzlich doch wieder Zweifel auf, es gab Presseberichte, die behaupteten, dass sie mit gefährlichen islamistischen Gruppen in Verbindung stehen würden oder sie wurden in irgendeiner anderen Art öffentlich angegriffen. Das hat bei den Aktiven dazu geführt, zu sagen: „Was sollen wir denn noch machen? Wir wollen dazugehören, aber wir schaffen es einfach nicht. Wir haben etwas Gutes gemacht und nun zieht es wieder Misstrauen auf sich.“ Für viele scheint dieser Weg nun als zu mühsam und auch zu frustrierend. Das bedeutet, dass für junge Muslime, die stärker islamisch leben möchten, eine wichtige Alternative, sich auszuleben, wegfällt.

„Pop-Islam“ als Gegenbewegung zum Dschihadismus

Wie sehen Sie das Verhältnis der Bewegung, die Sie gerade beschrieben haben, zum jugendkulturell geprägten Islamismus?

Die Übergänge sind fließend, gerade zu dem sehr frommen und sehr als Lifestyle gelebten Salafismus, aber nicht zum Dschihadismus. So kann man sich sehr stark mit dem Islam beschäftigen und Anleihen nehmen, sich aber dann doch für den Weg entscheiden, ein bisschen offener an die Welt und an die islamischen Quellen heranzugehen. Aber ansonsten haben sich diese Jugendlichen der „Pop-Islam“-Richtung immer als Gegenbewegung und auch als diejenigen verstanden, die dem Trend zur Radikalisierung etwas entgegensetzen. Viele haben sich in den letzten Jahren auch in Projekten engagiert, zu denen Präventions- und Deradikalisierungsprogramme gehören und sie werden da auch gebraucht. In diesem Bereich gab es, ähnlich wie in der Flüchtlingsarbeit, auch einen Moment von Wiederanerkennung für junge engagierte Muslime. Sie verstehen sich als diejenigen, die dem Trend zum Dschihadismus etwas entgegensetzen. Das ist insofern die Beziehung zwischen den beiden Ebenen.

Und wie könnte man den lifestyleorientierten Salafismus vom gewaltorientierten Islamismus abgrenzen, gerade im Hinblick auf die Rolle jugendkultureller Aspekte?

Ich glaube tatsächlich, dass das zwei unterschiedliche Dinge sind. Zudem ist es ein Problem in der öffentlichen Wahrnehmung und damit eines, das die Jugendlichen berührt, die sich entscheiden, offensichtlich Salafisten zu sein und sich so zu kleiden, sich so zu benehmen, sich so in dieser Szene zu bewegen. Sie werden schnell als jemand wahrgenommen, der sich jetzt gleich in die Luft sprengt. Aufgrund dieser erlebten Abgrenzung und Ausgrenzung und aufgrund dieses Misstrauens ziehen sie sich noch weiter in ihre Szene zurück. Denn ihnen wird ständig bestätigt, dass die Gesellschaft sie – und damit aus ihrer Sicht den Islam – ablehnt. Dieses Bild, dass alle diese Jugendlichen Dschihadisten seien, ist in einigen Köpfen verankert. Sicherlich gibt es sehr viele Gründe dafür, Angst zu haben, dass es Anschläge geben könnte und dass sich Jugendliche radikalisieren. Für die Ängste und Bilder der Menschen, die so reagieren, gibt es auch Gründe. Aber zugleich verstärkt dies die Abkapselung bei den Jugendlichen weiter. Und einige von ihnen, eine Minderheit, aber ja durchaus eine wichtige Zahl, haben sich beispielsweise den Dschihadisten in Syrien angeschlossen oder darüber nachgedacht, in Deutschland einen Anschlag zu verüben.

Es gibt aber auch Leute, die ohne den Umweg über die salafistische Szene sehr direkt zum Dschihadismus kommen. Insofern ist das Misstrauen gegenüber dieser Art von Salafisten und dieser Lifestyle-Szene nur zum Teil berechtigt. Und man sollte vielleicht den Jugendlichen, die den nicht-gewaltbereiten Salafismus leben, nicht mit diesem Misstrauen begegnen, das sie immer stärker zusammenbringt. Eher sollte man versuchen, sie da herauszulösen, indem man andere Fenster und Möglichkeiten aufmacht, wie sie einen Platz in der Gesellschaft finden können, wie sie eine Jugendkultur leben können, die sie nicht so komplett abgeschottet und die ihnen auch Möglichkeiten der Kommunikation nach außen offen hält. Viele überlegen es sich zudem nach einer Weile anders und wenden sich anderen muslimischen Organisationen oder muslimischen Szenen zu oder auch ganz davon ab – einfach, wenn diese Jugendphase vorbei ist. Das ist auch eine Parallele zu anderen Jugendszenen: Es dauert häufig nicht ewig an.

Cover Sozialmagazin 2. Sonderband 2018Das Interview erschien zuerst im 2. Sonderband Sozialmagazin „Gewaltorientierter Islamismus im Jugendalter“, herausgegeben von Michaela Glaser, Anja Frank, Maruta Herding. Wir veröffentlichen es mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Beltz, Weinheim.

Zitationsangabe: „Cooler Salafismus“. Zur Bedeutung von Szenen, Peers und jugendkulturellen Aspekten. Ein Interview mit Julia Gerlach. In: Glaser, Michaela/Frank, Anja/Herding, Maruta (Hrsg.) 2018: Gewaltorientierter Islamismus im Jugendalter. Perspektiven aus Jugendforschung und Jugendhilfe. 2. Sonderband Sozialmagazin. Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 80-88.

 

 

Zum Weiterlesen

„Generation Islam“ und Online-Islamismus: Interview mit Pierre Asisi, www.ufuq.de, Juli 2018

Die neuen Muslime – Warum junge Menschen zum Islam konvertieren: Interview mit Susanne Kaiser, www.ufuq.de, Mai 2018

Muslimische Jugendliche als besondere Zielgruppe der politischen Bildung?, www.ufuq.de, Juli 2015