Clearing-Verfahren gegen Radikalisierung Jugendlicher an Schulen – ein Zwischenbericht

Symbolbild Personen im Gegenlicht, Bild: Gegenlicht-Leute von W. Schaube, CC_BY „Some rights reserved.“ Quelle www.piqs.de

Ein/e Clearing-Beauftragte_r an Schulen soll schon bei ersten Anzeichen klären, ob sich ein/e Schüler_in neosalafistisch oder rechtsextremistisch zu radikalisieren beginnt. Erhärtet sich ein Verdacht, plant ein Team aus Lehrer_innen und Schulsozialarbeiter_innen in einem siebenstufigen Verfahren pädagogische Maßnahmen. Ein Zwischenbericht evaluiert nun das seit 2016 laufende Modellprojekt.

Radikalisieren sich Jugendliche, wenn sie extrovertiert sind? Oder eher introvertiert? Oder wenn sie in einem gewalttätigen Familienumfeld aufwachsen? „Bisher gibt es keine klaren Indikatoren, die Radikalisierung anzeigen“, sagte Sanem Kleff, Leiterin Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, auf einer Fachkonferenz im September 2018 in Berlin. „Reine Checklisten für Lehrerinnen und Lehrer sind oft nicht ausreichend und können in die Irre führen.“

Radikalisierungsprozesse bei 12- bis 22-Jährigen mit einer strukturierten Fallarbeit zu unterbrechen, ist deshalb das Ziel des Modellprojekts „Clearing-Verfahren und Case Management: Prävention von gewaltbereitem Neosalafismus und Rechtsextremismus“ des Aktion Gemeinwesen und Beratung e. V. in Düsseldorf. Die Bundeszentrale für politische Bildung fördert das Projekt, das an sechs Schulen in Nordrhein-Westfalen und Berlin läuft. Lehrkräfte für Radikalisierung zu sensibilisieren, ist ein weiteres Ziel des Modellvorhabens.

Projektleiter Michael Kiefer sagt: „Wir versuchen, die Jugendlichen in der Spur zu halten, das heißt, dass sie einerseits ihren Bildungsabschluss hinbekommen und andererseits von ihren radikalen Ansichten ablassen.“ Dafür geht eine pädagogische Fachkraft als Clearing-Beauftragte_r an eine Schule, wo sie oder er Schüler_innen, Lehrer_innen und Schulsozialarbeiter_innen als Ansprechpartner_in und Berater_in zur Verfügung steht.

Sobald es Anhaltspunkte für eine beginnende Radikalisierung gibt, kommen in einem Clearingteam die Schulleitung, die Klassenleitung der/s betroffenen Schülers_in, die/der Clearing-Beauftragte und die Schulsozialarbeit zusammen. In einem bis zu sieben Stufen umfassenden Clearing-Verfahren besprechen sie gemeinsam den Fall und planen pädagogische Maßnahmen.

Dr. Andreas Eickelkamp ist Kommunikationswissenschaftler und bei ufuq.de für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.

Am Beispiel eines Schülers, der Koranexemplare der Kampagne „Lies!“ verteilte, erläutert Projektleiter Kiefer: „Clearing bedeutet zunächst einmal zu klären: Inwieweit ist der Schüler involviert?“ Wenn es stimme, dass der Schüler bei „Lies!“ engagiert ist, würde man versuchen, ihn aus diesem Zusammenhang herauszulösen und neu zu orientieren.

Die vier teilnehmenden Schulen aus Nordrhein-Westfalen und zwei Schulen aus Berlin hatten sich für das Projekt beworben. „Wir wollen nicht als Problemschule wahrgenommen werden“, sagte Lehrer Johannes Schwarzkopf vom Oberstufenzentrum für Informations- und Medizintechnik in Neukölln bei der Zwischenbilanz-Veranstaltung im September 2018. „Aber wir wollen gewappnet sein, wenn neosalafistische oder rechtsextremistische Probleme auftauchen.“

Dass die Lehrer_innen die Clearing-Beauftragten vor Ort als qualifiziert wahrnehmen, ist ein Ergebnis der Projektevaluation. Sie empfinden es als Entlastung, wenn eine Clearing-Stelle etabliert ist, die auftretende Fälle nachhalten, d. h. über den aktuellen Anlass hinaus verfolgen kann. Ängsten wie „Wir haben eine Salafistenzelle an unserer Schule“ würde so entgegengetreten.

42 Fälle mit vermuteten Anzeichen für eine Radikalisierung an sechs Schulen

42 Hinweise gab es an den sechs Schulen innerhalb der ersten beiden Jahre: Bei 10 Schülerinnen und 32 Schülern gab es vermutete Anzeichen von Radikalisierung. Unter den Hinweisen befanden sich 29 im Phänomenbereich Neosalafismus und 13 Hinweise im Phänomenbereich Rechtsextremismus. Daraus haben sich 21 Fälle für ein Clearing-Verfahren ergeben: 15 zum Neosalafismus und 6 Fälle zum Rechtsextremismus.

14 Fälle konnten geklärt oder abgeschlossen werden, in drei Fällen hat der/die Schüler_in das Verfahren abgebrochen. Vier Fälle werden noch bearbeitet (Stand: Juli 2018). Der Verfassungsschutz wurde in einem Fall eingeschaltet.

Die sieben Stufen des Clearing-Verfahrens bestehen aus:

1. Die/der Clearing-Beauftragte betreibt eine Vorrecherche: Gibt es tatsächlich Anhaltspunkte für eine beginnende Radikalisierung? Handelt es sich um einen Fall für das Clearing-Verfahren oder um einen Fall für die Schulsozialarbeit?
2. Das Clearing-Team wird einberufen, um alle relevanten schulischen Akteur_innen zu informieren.
3, In einer vertieften Recherche wird das soziale Umfeld beleuchtet. Wie weit ist eine Ideologisierung fortgeschritten, gibt es bereits Szenekontakte?
4. Das Clearing-Team beschließt pädagogische Maßnahmen und formuliert Ziele.
5. Eine Fachkraft des Projekts oder andere Akteur_innen führen die pädagogischen Maßnahmen durch.
6. Das Clearing-Team evaluiert die Maßnahmen und steuert gegebenenfalls um.
7. Die Maßnahmen werden weitergeführt. Falls nötig, werden die Schritte 6 und 7 wiederholt.

In der Praxis werden nicht alle sieben Schritte des Verfahrens durchlaufen. In den meisten Fällen kommt es nach Schritt 3 bis 5 zu einem Abschluss des Falls, wenn die Ziele erreicht wurden, die das Clearingteam im Hilfeplan des Case Managements festgehalten hat.

Abgeschlossen wird das Clearing-Verfahren auch, wenn die oder der Jugendliche den Bildungsabschluss erreicht hat oder wenn der Fall an eine andere Institution abgegeben wird. Auch wenn die oder der Jugendliche oder Schlüsselpersonen nicht kooperieren, endet das Verfahren. Hier zeigt sich eine Herausforderung des Verfahrens: Wenn der/die Schüler_in sein oder ihr Ziel erreicht hat, kann Radikalisierung noch erkennbar sein, das Clearing-Verfahren ist jedoch beendet. So wie bei einem 17-Jährigen, der bereits radikalisiert an die Schule kam und diese radikalisiert verließ. Der Radikalisierungsprozess konnte erkannt und mit dem Schüler und seinem Umfeld gearbeitet werden. Der Fall wurde nach dem Schullabschluss an eine externe Fachberatung weitergegeben.

Als schwierig erwies sich in der Praxis zuweilen, Termine für die Clearing-Teams zu finden, wenn die Schulleitung zu wenige freie Termine hat. Eine Gruppe externer Expert_innen, die das Modellprojekt aufgrund einer schriftlichen Beschreibung bewerteten, erkannte als mögliches Problem, dass die oder der Clearing-Beauftragte gleichzeitig zwei Rollen einnimmt: Sie oder er soll einerseits vertrauensvolle_r Ansprechpartner_in für die Schüler_innen sein, andererseits tritt sie oder er als Koordinator_in des Clearings in der Rolle eines Anwalts der Schule auf. Aus Sicht der Projektverantwortlichen zeige sich dagegen in der Praxis keine Problematik – die Clearing-Beauftragte trete nicht als „Anwalt der Schule“ auf, sondern stehe immer anwaltlich für den/die Schüler_in ein.

Im Modellprojekt hat sich ein_e Clearing-Beauftragte gleichzeitig um zwei Schulen gekümmert, was die Mitarbeiter_innen überforderte. Projektleiter Michael Kiefer empfiehlt für künftige Verfahren, an großen Schulen für eine_n Clearing-Beauftragte_n eine ganze Stelle einzurichten.


Im Rahmen des Modellprojekts werden seit April 2016 an sechs Schulen in Deutschland Clearing-Verfahren getestet. Der Praxistitel in Schulen lautet „Solidarisch und gemeinsam gegen Extremismus“. Das Projekt läuft noch bis Ende 2019 und wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

Zum Weiterlesen

Radikalisierung an der Schule – ein engagiertes Plädoyer aus der Praxis, www.ufuq.de, Juli 2018

Salafismus als Herausforderung für die Offene Kinder- und Jugendarbeit, www.ufuq.de, Dezember 2017

Bilals Weg in den Terror: Warum radikalisieren sich Jugendliche?, www.ufuq.de, März 2016

„AK-47, Perso und dann Munition und Granaten …“ – Wie sollen Pädagog_innen reagieren, wenn Jugendliche verdächtige Äußerungen machen?, www.ufuq.de, Oktober 2016