Buchempfehlung: „Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird“

10406418_759334324116502_2990539241233533338_nEin Lesetipp für die länger werdenden Herbsttage: „Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird“ von Friedrich Wilhelm Graf (München, 2014). Man sollte sich nicht vom etwas plakativen Titel abschrecken lassen, das Buch bietet zahlreiche Anregungen, wie sich die Entwicklungen des Islam in Deutschland – auch jenseits der aktuellen Aufregung um Salafist_innen – verstehen lassen.

So lassen sich Grafs Ausführungen zu den „moralischen Ökonomien“ der unterschiedlichen pfingstkirchlichen Strömungen auch als Erklärung für die neue Selbstverständlichkeit und das neue Selbstverständnis gerade junger Muslim_innen in Deutschland lesen, die den Islam – in Abgrenzung sowohl von der Elterngeneration als auch von Salafist_innen – selbstbewusst neu entdecken. Dazu hier ein Auszug über die lateinamerikanischen Pfingstler:

„Die Pfingstler bieten eine ganz andere moralische Ökonomie als die katholische Kirche, die patriachalische Strukturen der Diskriminierung von Frauen ebenso konserviert wie sozialpaternalistische Entmündigung. (…) Niemals ist es dem Katholizismus gelungen, den Machismo zu überwinden oder starke sozialmoralische Prägekraft zu entfalten. Die Pfingstchristen hingegen vertreten eine zumeist äußerst strenge Auffassung innerweltlicher Askese. Gegen die herrschende Promiskuität im Machismo werde außereheliche Sexualbeziehungen tabuisiert sowie Drogen, Alkohol und nicht selten auch Tabakkonsum abgelehnt. Zu ihrem Erfolg trägt entscheidend bei, dass sie eine sittlich-religiöse Disziplinierung von Männern ermöglichen. (…) In den Favelas und anderen urbanen Welten katastrophaler Anomie geben die Pfingstler ein Heilsversprechen, das nicht erst im Jenseits, sondern hier und heute schon erfahrbar ist. (…) So sind, zugespitzt formuliert, die Pfingstkirchen in Lateinamerika und Asien Religionen der Mittelstandsbildung.“

Diese Beschreibung eignet sich sehr gut für ein Phänomen, das vor einigen Jahren in Anlehnung an ein auch heute noch lesenswertes Buch von Julia Gerlach als “Pop-Islam” apostrophiert wurde.