Zwischen Anerkennung und Stigmatisierung – Muslimische Vereine in der Präventionsarbeit. Zur neuen Folge unseres Podcasts KN:IX talks
14. Juli 2022 | Demokratie und Partizipation, Religion und Religiosität

Muslimische Selbstorganisationen bewegen sich innerhalb der Förderlandschaft auf widersprüchlichem Terrain. Einerseits werben sie in der Öffentlichkeit um Anerkennung, andererseits begegnen ihnen Stigmatisierungen durch gegebene Strukturen. Matthias Schmidt vom Projekt Kamil 2.0 aus Hamburg erzählt in diesem Interview mit Jenny Omar (KN:IX), welchen Umgang er und seine Kolleg*innen in ihrer Projektarbeit mit der Widersprüchlichkeit gefunden haben. Wie würde eine Normalisierung muslimischer Identität in der Gesellschaft aussehen?


Das Kompetenznetzwerk „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX) ist ein Bündnis der drei Träger Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx)Violence Prevention Network sowie ufuq.de. Gemeinsam wurde der Podcast KN:IX talks ins Leben gerufen, um unterschiedlichen Fragen der Präventions- und Distanzierungsarbeit in Deutschland und international Raum zu geben. In vier Staffeln pro Jahr interviewt KN:IX verschiedene interessante Akteur*innen und Expert*innen der Präventionsarbeit. Zuhörer*innen erhalten in den bis zu 45-minütigen Folgen vielfältige Praxiseinblicke in diverse Bereiche der Islamismusprävention sowie deren Methoden und Ansätze. Für ufuq.de verantworten Jenny Omar und Thy Le den Podcast.

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Staffel 2

Folge 4: „Zwischen Anerkennung und Stigmatisierung – Muslimische Vereine in der Präventionsarbeit“ mit Matthias Schmidt vom Projekt kamil 2.0
Folge 5: „Religion – Ressource oder Herausforderung in der Prävention?“ mit Solomon Caskie (Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V.)
Folge 6: „Wer darf mir sagen, ob ich als gute Muslima eine Kfz-Versicherung abschließen kann?“ mit Dr. Jens Ostwaldt

 

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Transkription der Folge

(O-Ton, Musik im Hintergrund)

Matthias Schmidt:

Aber unsere Zielgruppe ist jetzt nicht per se gefährdeter als irgendwelche anderen Zielgruppen. Und wir erwehren uns dieser Verdachtslogiken. Eine Sache, die mir noch ganz wichtig wäre, dass Muslim*innen in Stadtteilen mitgedacht werden und dass sie auch in den Strukturen mitgedacht werden.

(O-Ton, Musik im Hintergrund)

(Musik im Hintergrund)

Charlotte Leikert (Intro KN:IX talks):

Herzlich willkommen zu dem Podcast zu aktuellen Themen der Islamismusprävention. Bei KN:IX talks sprechen wir über das, was die Präventions- und Distanzierungsarbeit in Deutschland und international beschäftigt. Für alle, die in dem Feld arbeiten oder immer schon mehr dazu erfahren wollten. Islamismusprävention, Demokratieförderung und politische Bildung. Klingt interessant? Dann bleiben Sie jetzt dran und abonnieren Sie unseren Kanal KN:IX talks. Überall da, wo es Podcasts gibt.

(Musik im Hintergrund)

Jenny Omar (KN:IX):

Herzlich willkommen zur fünften Folge von KN:IX Talks. Schön, dass Sie eingeschaltet haben. Mein Name ist Jenny Omar und gemeinsam mit Thy Le verantworte ich diesen Podcast für ufuq.de, einem der drei Träger von KN:IX. In dieser Staffel von KN:IX talks geht es um die Rolle von Religion in der Präventionsarbeit und wir wollen uns heute die Rolle islamischer Vereine und deren Zugänge in der Präventionsarbeit genauer ansehen. Islamische Vereine in der Präventionsarbeit gegen religiös begründeten Extremismus stehen in ihrer Arbeit besonderen Herausforderungen gegenüber. So erhalten sie häufig den Vorwurf, sich nicht genügend gegen Islamismus zu engagieren. Gleichzeitig begegnen ihnen viele Behörden und Mittelgeber mit Skepsis und Unsicherheit. In der Studie „Islamische und migrantische Vereine in der Extremismusprävention“ untersucht Autor Jens Ostwaldt die Erfahrungen und Herausforderungen islamischer und migrantischer Vereine im Bereich der Islamismusprävention. Eines der Ergebnisse der Studie lautet, dass religiöse Verbände durchaus eine aktive Rolle in der Präventionsarbeit einnehmen sollen und dies vielfach auch tun. Gleichzeitig beobachten die befragten Gemeinden eine große Gefahr der Stigmatisierung durch die Präventionsarbeit. Diese Stigmatisierung findet sowohl nach innen innerhalb der muslimischen Gemeinden als auch nach außen in der Gesellschaft statt. Für die Gemeinden ist es daher umso wichtiger, für sich selbst und für andere zu klären, wie sie ihre Rolle in der Präventionsarbeit verstehen und aus welcher Motivation und mit welchem Ziel sie zu diesem Thema arbeiten. Viele islamische Träger haben Schwierigkeiten, als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt zu werden und in die Jugendhilfe und Sozialhilfe eingebunden zu werden. Oft liegt das an formalen Hürden, aber auch an Vorbehalten auf Seiten von Behörden und anderen Stellen. Eine Professionalisierung der Jugendarbeit in den Gemeinden kann aber nur funktionieren, wenn es eine strukturelle Unterstützung gibt. Einer der wenigen Wege, um eine solche Förderung bei der Professionalisierung zu erhalten, läuft dabei über den Weg der Präventionsarbeit. Wir haben heute Matthias Schmidt vom Projekt Kamil 2.0 aus Hamburg eingeladen. Matthias Schmidt hat islamische Theologie in Osnabrück studiert, hat anschließend bei der Schura Bremen gearbeitet und ist jetzt Projektleiter von Kamil 2.0. Kamil 2.0 macht muslimische Jugendarbeit und arbeitet dabei mit dem Präventionsansatz. Getragen wird das Projekt vom Bündnis Islamischer Gemeinden in Norddeutschland. Matthias Schmidt kann uns heute genauer erzählen, wie er und seine Kolleg*innen mit dem Spannungsfeld umgehen, in dem sich muslimische Akteure in der Präventionsarbeit befinden, wie sie sich als Projekt selber verorten und ob auch sie Stigmatisierung durch Präventionsarbeit erleben. Herzlich willkommen, Matthias, stelle dich und das Projekt noch einmal kurz vor.

Matthias Schmidt:

Vielen Dank, dass ich heute hier sein darf. Mein Name ist Matthias Schmidt. Ich wohne in Hamburg und bin dort Projektleiter des Modellprojekts Kamil 2.0. Unser Projekt läuft so, dass der Träger unseres Projektes quasi der Dachverband ist, dem ganz viele Moscheen angehören. Das ist das Bündnis der islamischen Gemeinden in Norddeutschland. Und genau dazu gehören viele Moscheen und viele Jugendorganisationen und Unterorganisationen. Wir arbeiten auf Basis langfristiger Beziehungsarbeit dann in einem offenen Angebot mit einzelnen Gruppen und bieten dort politische Bildung an. Was uns ein bisschen besonders macht, ist, dass auch unsere Zielgruppenbeschreibung nicht so ist, dass wir so defizitorientiert herangehen und sagen ‚okay, da sind jetzt junge Muslime und die sind gefährdet, weil…‘, sondern wir haben da den Spieß umgedreht und richten den Fokus eher auf diejenigen, die die Ansprache machen und sagen ‚unsere Zielgruppe ist einfach in den unterschiedlichen Sozialräumen, in denen sie sich bewegt, verunsichert.‘ Also das heißt einmal Stadtteil, aber auch Internet und so, weil sie da eben Ansprachen seitens demokratiefeindlicher politischer Islamist*innen ausgesetzt sind und wir versuchen, in unseren Gruppen Angeboten der politischen Bildung Raum zu geben und das irgendwie aufzuarbeiten und Religion an sich dann nicht zu problematisieren und als Problem zu sehen, sondern als Ressource zu nutzen und für demokratische Werte erfahrbar zu machen. Das machen wir, in kurz und knapp.

Jenny Omar (KN:IX):

Dankeschön. Was war die Motivation, die zur Initiative dieses Projekt führte? Es ist ein Projekt, das einen anderen Ansatz hat als viele herkömmliche Präventionsprojekte.

Matthias Schmidt:

Es gibt zwei Gründe dafür. Der erste Grund ist, dass mein Freundeskreis und ich uns eigentlich schon lange mit Gegennarrativen zu diversen salafistischen Narrativen beschäftigt haben und auch Internetinitiativen hatten, wo es dann auf bestimmte Fragestellungen aus Sicht einer traditionellen sunnitischen Theologie Antworten gab, die auf den vier Rechtsschulen und zwei Glaubensschulen fußt - und nicht nur so ganz plump aus irgendwelchen zusammengewürfelten Koranversen und Hadithen besteht. Zum anderen habe ich durch meinen eigenen beruflichen Werdegang in der Prävention ab 2015 gemerkt, dass damals in der ersten Förderperiode zwar viele muslimische Träger vertreten waren, aber keine*r hat wirklich gewusst, wo das eigentlich hingeht und was Prävention für die Träger als Religionsgemeinschaften bedeutet, wofür man ist, wogegen man arbeitet und wie man arbeiten muss? Es muss auch Wirkmodelle geben oder Grundannahmen, anhand derer man die Prävention aufbaut. Wir haben ganz grob gesagt: „Das, was wir als Phänomene wahrnehmen, also Salafismus und Islamismus, zeichnet sich religionssoziologisch dadurch aus, dass es eigentlich eine entwurzelte Form von Religiosität ist.“ Wir glauben, dass wir eine Prävention erwirken können, indem wir die Menschen an eine gelebte Tradition von Gelehrsamkeit und von Theologie rückbinden. Das ist der grobe Ansatz. Und da kann man auch mit politisch-bildnerischen Mitteln ganz gut arbeiten und Kontroversität herstellen, ohne dass man in den Bereich von Religionspflege fallen würde.

Jenny Omar (KN:IX):

Du hast gerade beschrieben, wie ihr Präventionsarbeit versteht. Ich habe auch auf eurer Internetseite gesehen, dass ihr euch explizit verortet und sagt, wo ihr euch als Verein, als Projekt in diesem Bereich der Präventionsarbeit seht. Vielleicht kannst du dazu noch mal genaueres sagen?

Matthias Schmidt:

Es tut jetzt vielen Trägern und Projekten unrecht, aber oft wirkt es so, als würde man sagen: „Da sind gefährdete junge Muslim*innen und die sind gefährdet, weil sie a) Muslim*innen sind, b) sozial benachteiligt sind, c) einen Migrationshintergrund haben und d) Diskriminierung ausgesetzt sind“. Das heißt, man macht einen wahnsinnig großen Fundus an Defizitdiagnosen aus und negativen Zuschreibungen gegenüber diesen Menschen und indem man sagt: „Sie sind alle gefährdet, weil sie so schlimm benachteiligt sind und da einfach so schlimme Dinge in ihrem Leben und so viele Probleme haben und dann brauchen sie unsere Hilfe, um nicht radikal zu werden und sich am Ende nicht in die Luft zu sprengen.“ Wir finden das ein bisschen unverschämt, dass man für diese ganzen jungen Menschen und Jugendlichen diese Zuschreibungen macht, weil das unserer Wahrnehmung nach auch nur in Bezug auf Muslim*innen gemacht wird und in Bezug auf islamistischen Extremismus. Man würde jetzt nie auf die Idee kommen, irgendwo im Hamburger Norden, in einem reichen Stadtviertel, wenn da irgendein Mädchen und ein Junge aus gutbürgerlicher Familie in der Schule sind, und dann sind sie PETA-Aktivist*innen und die sagen: „Boah‚ das Leben von dem Kaninchen und unseren kleinen Geschwistern ist gleich viel wert und wir dürfen nicht dies sein, das sein…“ Das ist auch brutal, menschenfeindlich und abwertend und sonst was, aber niemand würde auf die Idee kommen, da ein Präventionsprogramm aufzustellen und da Millionen hineinzupumpen und zu sagen: „Sie sind jetzt gefährdet, weil sie den und den Hintergrund haben.“ Oder man würde auch nicht sagen, dass man jetzt eine Suchtprävention für reiche Weiße Kinder braucht, weil sie alle später Jura studieren werden und dann während ihres Studiums Betäubungsmittel missbrauchen, damit sie dem Leistungsdruck gerecht werden. Da würden alle zu Recht auf die Straßen gehen und sagen, dass es eine krasse Unverschämtheit sei, da so einen Generalverdacht aufzustellen. Bei Muslim*innen wird das aber gemacht und das finden wir nicht gut. Deswegen drehen wir das um. Es gibt eine Gefährdung, die entsteht, aber durch bestehende Ansprache. Wir versuchen mit Fokus auf diese Ansprache zu arbeiten, diese vorherrschenden Ansprachen aufzugreifen, dem ganzen Raum zu geben. Aber unsere Zielgruppe ist nicht per se gefährdeter als irgendwelche anderen Zielgruppen und wir erwehren uns dieser Verdachtslogiken oder versuchen es zumindest. Natürlich funktioniert Prävention gar nicht ohne diese Verdachtslogiken, aber wir wollen es zumindest nicht so unkritisch hinnehmen.

Jenny Omar (KN:IX):

Das ist, glaube ich, nicht immer ganz einfach, aber auf jeden Fall ein sehr guter Versuch, das zu tun. Es gibt häufig auch den Vorwurf von innen, also aus der muslimischen Community oder aus den Gemeinden heraus, dass durch die Initiierung von Präventionsprojekten Stigmatisierung stattfindet. Erlebt ihr das auch?

Matthias Schmidt:

Ja, klar, das gibt es auf jeden Fall. Man ist da schon sehr kritisch und man muss halt auch sagen, die Leute sind ja zu Recht kritisch. Wenn man sich anguckt, was vor allem in der letzten Förderperiode dann teilweise von muslimischen Akteuren gemacht worden ist, dann hat man ja genau das gemacht und hat gesagt: „Unsere Jugendlichen oder unsere Gemeinden sind gefährdet. Deswegen brauchen wir mal dies und das.“ Und das ist natürlich ein Problem.

Jenny Omar (KN:IX):

Und habt ihr bei euch im Projekt einen Umgang damit gefunden?

Matthias Schmidt:

Wir machen das anders und dann mündet das manchmal in eine sehr konfrontative Auseinandersetzung. Oft ist das auch nur so, weil a) die Menschen einfach ihre Bedenken äußern wollen und b) dass man sich aber in der Community immer im Fokus fühlt. Prävention ist nur eins der Probleme, die da hineinspielen und man sagt: „Wir sind sowieso schon diskriminiert.“ Der hauptsächliche Unmut besteht darin, dass die Menschen wahrnehmen, dass es für Prävention Geld gibt. Aber gleichzeitig sind wir keine Träger der freien Jugendhilfe. Wir kriegen keine Hilfen beim Strukturaufbau. Wir werden gar nicht irgendwo in Verweisberatungsstellen als feste Akteure mit aufgenommen. Und wir sind immer noch in ganz vielen Teilen marginalisiert, obwohl wir eigentlich wichtig wären. Nur in dem Bereich Radikalisierungsprävention bekommen wir ein bisschen Anerkennung. Und es birgt natürlich auch die Gefahr, dass man dann im Bereich Radikalisierungsprävention Dinge macht, die mit Prävention gar nichts zu tun haben. Das ist auch nicht im Sinne des*r Erfinders*in. Und eigentlich ist das ein politisches Problem und man müsste Muslim*innen mehr anerkennen, mehr in der Regelstruktur fördern, auch Strukturaufbau fördern und gucken, dass man da wirkliche Teilhabe hinbekommt.

Jenny Omar (KN:IX):

Das schließt gut an meine nächste Frage an, und zwar wie ihr dann als Projekt von den Gemeinden, in die ihr geht, wahrgenommen werdet? Du hast es gerade schon beschrieben, dass tatsächlich Geld fehlt, zum Beispiel einfach für professionelle Jugendarbeit für Fachkräfte, die sich ausbilden können. Werdet ihr da eher als Ergänzung oder vielleicht sogar als Ersatz von ganz normaler Jugendarbeit in den Gemeinden wahrgenommen?

Matthias Schmidt:

Wir werden eigentlich nur als Ergänzung und als Supplement wahrgenommen. Wir sind nie Ersatz und wollen das auch nicht sein, weil das, was wir an Jugendarbeit und an Gemeindearbeit haben, muss einfach so weiterlaufen, auch wenn wir jetzt morgen wegfallen würden. Ich glaube auch, dass das gut funktioniert. Man springt zwar manchmal ein und hilft da. Wir helfen dann manchmal auch beim Strukturaufbau, wo das geht, oder helfen bei irgendwelchen Hürden, die es zu überwinden gilt. Aber eigentlich sind wir nur eine Ergänzung – und so werden wir auch wahrgenommen. Was vielleicht noch interessant ist, ist, dass wir uns nicht Prävention auf die Stirn schreiben und in unsere Gemeinden gehen und sagen: „Hey, wir wollen euch jetzt irgendwie präventiv behandeln, sondern wir machen das halt anders. Wir haben einmal das religiöse Setting, das sowieso schon da ist und dann geht es wirklich um Beziehungsarbeit. Also wir versuchen halt, mit den Jugendlichen und jungen Menschen Beziehungen aufzubauen, Vertrauen aufzubauen und dann auch die Themen abzuarbeiten, die die Leute wirklich interessieren. Und meistens deckt sich das dann auch mit dem Projektziel, weil das auch lebensweltnahe Themen sind, mit denen wir uns auseinandersetzen. Aber wir versuchen, die nicht zu überfordern. Es steht nicht auf unserer Stirn, weil wir das unverschämt und komisch finden, wenn man da ankäme und sagen würde: „Hey, wir machen jetzt Prävention mit dir. Dann könnte der Mensch aus der Zielgruppe auch verstehen: Er hat jetzt Angst, dass ich mich in die Luft sprenge und deswegen setzt er sich zwei Stunden mit mir hin. Und das ist nicht Sinn und Zweck der Sache. Deswegen ist es bekannt - wir verschleiern das nicht, aber wir schreiben es uns auch nicht auf die Stirn. Sondern wir machen einfach unsere Arbeit und nutzen die Struktur unseres Dachverbandes zur Zielgruppenerreichung. Das ist etwas, was für viele muslimische Träger modellhaft sein könnte. Und was auch in der ganzen Präventionslandschaft einzigartig ist, weil andere Modellprojekte an dieser Hürde der Zielgruppenerreichung schon scheitern. Bei uns ist das so: Wir können die Bedarfe oder den Wunsch nach Angebot gar nicht bedienen. Viele Projekte würden sehr viel davon profitieren, wenn sie mit muslimischen Strukturen enger kooperieren würden.

Jenny Omar (KN:IX):

Du hast gerade schon beschrieben, was euch von Präventionsprojekten unterscheidet, die nicht mit muslimischen Akteuren zusammenarbeiten. Gibt es da noch weitere Unterschiede? Was zeichnet euch aus?

Matthias Schmidt:

Was uns auszeichnet, ist, dass wir tatsächlich Sekundärprävention machen und dass wir nicht sagen, wir machen Primärprävention und versuchen irgendwie gegen alles zu wirken, sondern dass wir einen sehr klaren Anspruch an uns selbst haben und dass wir uns in einem religiösen Kontext bewegen. Es macht einen großen Unterschied, in welchem Kontext man sich bewegt, weil Jugendliche immer genau wissen, in welchem Kontext sie selbst unterwegs sind und sich in einem Haus der Jugend vielleicht ganz anders verhalten als im Kontext Moschee. Wir sind vor allem wichtig, weil wir für den Kontext von Moschee und Gemeinde noch mal den Raum öffnen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die da sonst vielleicht nicht unbedingt Platz finden: vor allem politische Geschichten und Unmutsbekundungen über irgendwelche Demokratiedefizite, die man wahrnimmt… Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass das auch in Moscheen besprochen wird und dass man sich auch dort konfrontativ mit extremistischen Ansprachen auseinandersetzen kann und dass man auch Fachpersonal hat, das sich theoretisch auch auf einer theologischen Ebene damit auseinandersetzen kann und da auch helfen kann, religiöse Gegenargumente zu finden. Radikalisierung ist ein vielschichtiger Prozess. Hinwendungs- und Abwendungsprozesse sind ganz vielschichtig und die Menschen radikalisieren sich aus ganz unterschiedlichen Beweggründen. Das zeigen auch alle empirischen Studien. Wenn es aber jemanden gibt, der*die sich da auf dieser Schiene verrennt, denkt, dass sein*ihr Handeln gottgefällig wäre und dass seine*ihre Religion von ihm*r verlangt, dass er*sie ein weltweites Kalifat errichtet und sich dafür einsetzt… Dann ist es auch wichtig, dass man ihm*ihr mit religiösen Argumenten begegnet, weil diese Personen für säkulare Argumentationen gar nicht zugänglich sind. Dann kann ich so viel wie ich möchte mit einem systemischen Ansatz hantieren, die Eltern stärken und das Umfeld stärken, aber wenn sich niemand mit der konkreten Einzelperson auseinandersetzt und da überhaupt keine Antworten geliefert werden, weil es einfach niemanden gibt, der*die die Fragen ernst nimmt… dann glaube ich schon, dass wir da eine sehr wichtige Lücke füllen.

Jenny Omar (KN:IX):

Das ist tatsächlich eine typische Frage in der Präventionsarbeit: Inwieweit hantiert man wirklich mit religiösen Argumenten? Wer braucht sie und wer kann sie überhaupt geben?

Matthias Schmidt:

Es ist wie ein Streit zweier sehr ideologisch verhärteter Standpunkte. Die einen sagen, das sei nur ein religiöses Phänomen und die anderen sagen, Religion habe gar nichts damit zu tun. Ich glaube aber, dass beides nicht stimmt, sondern dass Menschen sehr unterschiedlich in ihren Zugängen zu der ganzen Thematik sind. Für manche spielt Religion eine Rolle und sie brauchen eine religiöse Antwort. Und für manchen ist Religion einfach nur ein Substitut für etwas anderes und er*sie braucht eigentlich etwas ganz anderes und dann soll er das auch bekommen. Aber ich glaube, dass uns in dem ganzen Kontext Prävention sehr gedient wäre, wenn die unterschiedlichen Akteure mit ihren verschiedenen Ansätzen wirklich produktiv zusammenarbeiten würden und wenn man sich über Fälle wirklich austauschen und sich gegenseitig mit einbeziehen würde.

Jenny Omar (KN:IX):

Es ist tatsächlich relativ einzigartig, wie ihr arbeitet. Es wird von den islamischen Akteuren in der Gesellschaft gefordert, sich auf der einen Seite aktiv gegen Radikalisierung einzusetzen. Auf der anderen Seite geraten sie auch immer wieder unter Verdacht oder werden unter Verdacht gestellt, selbst Radikalisierung Vorschub zu leisten. Das erlebt ihr bestimmt auch. Wie geht ihr mit diesem Spannungsfeld um?

Matthias Schmidt:

Wenn man aus den empirischen Studien der Vergangenheit eines ablesen kann, dann, dass die Moscheen in Deutschland eine sehr geringe bis gar keine Rolle bei Radikalisierungsverläufen spielen. Daraus können Sie eigentlich schon schließen: Wir fordern bei den falschen Typen, sondern sie machen irgendwie schon ihren Job. Richtig so, sie sind nicht diejenigen, die jemanden ins Ausland schicken und da als Durchlauferhitzer fungieren, auch wenn das irgendwelche Populist*innen gerne formulieren. Die Frage ist: Wie können wir sie so stärken, dass sie ihren Job machen? Also der Job von Moscheen und von muslimischen Religionsgemeinschaften oder Verbänden ist Religionspflege und sie machen somit etwas ganz Wichtiges und die sind eigentlich das, was man auch gesellschaftlich immer fordert: Die muslimische Zivilgesellschaft sichtbar zu machen. Das ist die Moschee vor Ort und es ist egal, ob sie am Ende zur DITIB gehört oder zum Zentralrat oder sonst wohin. Sondern da sind Familien vor Ort, die mit ihrem privaten Geld über 20, 30 Jahre ein Gebäude gekauft haben, die Moschee aufgebaut haben und die das irgendwie am Laufen halten. Das ist eigentlich eine krasse Leistung, die aber null wertgeschätzt wird. Solange man da keine Normalisierung hat, sondern immer mit diesen dummen Verdachtslogiken arbeitet und Menschen Dinge unterstellt, mit denen sie nichts zu tun haben, wird das halt auch nicht weitergehen. Und auch die beste Präventionsarbeit ist irgendwie nutzlos, wenn die Menschen diese Werte nicht erfahren können. Ich kann über Zugehörigkeit sprechen, über Identitäten, darüber, dass natürlich alle Jugendlichen hybride Identitäten haben und auch zum großen Teil einfach deutsch sind, weil sie so sozialisiert sind, und was weiß ich... Das kann man am Wochenende dann super reflektieren und dann finden die das alle geil. Aber wenn sie am Montag dann gefragt werden, was die Eltern in der Türkei wählen würden und am Dienstag für die Militäroperation in XY verantwortlich gemacht werden und am Mittwoch gefragt werden, warum ihre Religion so frauenfeindlich ist und am Donnerstag dann gesagt wird, vom Ramadan wirst du sterben, weil du nichts trinken darfst. Das sei so ungesund. Dann ist halt diese Zugehörigkeit einfach gar nicht erfahrbar, sondern man wird dauerhaft problematisiert. Eine muslimische Identität, egal wie sie aussieht, ist einfach einer dauerhaften Problematisierung ausgesetzt. Das muss einfach enden. Muslimische Identitäten müssen in ihrer ganzen Vielfalt gestärkt werden, und zwar egal, worin diese Identität besteht. Das kann eine konservative, religiöse Identität sein und die gehört einfach genauso gestärkt wie eine muslimische Identität, die halt einfach anders ist.

Jenny Omar (KN:IX):

Was würdest du dir mit Blick auf die Themen, die du gerade angesprochen hast, wünschen? Was erwartest du von staatlicher Seite?

Matthias Schmidt:

Was ich erwarte, ist eigentlich egal. Was ich mir wünschen würde, ist eine Normalisierung muslimischen Lebens in Deutschland und einfach eine Gleichbehandlung. Das fängt damit an, dass man Muslim*innen als Religionsgemeinschaften anerkennt und dass man als Staat auch nicht sagt: „Ihr müsst euch aber organisieren wie die Kirchen“, sondern die Religionsfreiheit sollte so weit gehen, dass Muslim*innen einfach selbst entscheiden dürfen, wie sie sich organisieren und wie das auszusehen hat. Eine Sache, die mir noch ganz wichtig wäre, ist dass Muslim*innen in Stadtteilen und auch in den Strukturen oder in unterschiedlichen Kontexten mitgedacht werden. So wie ich das in Hamburg wahrnehme, und hier sind wir schon ziemlich weit, weil wir auch strukturell halbwegs gut aufgestellt sind und es einen Staatsvertrag gibt, ist es immer noch so, dass es ganz viele Runden in den Stadtteilen gibt, in denen man Fallkonferenzen hat, in denen man über unterschiedliche Dinge spricht, aber kein Vertreter irgendeiner Moscheegemeinde da ist oder von irgendeiner muslimischen Organisation, obwohl sie in dem Stadtteil ganz wichtig sind. Es ist oft so, dass man sagt: „Das Haus der Jugend, sie wissen schon so ungefähr, was da und da in der Moschee abgeht, weil sie eine Schnittmenge haben. Viele von deren Jugendlichen gehen da in die Moschee.“ Sie berichten uns dann quasi, was die Muslim*innen da machen. Aber es gibt da ganz oft den Fall, dass die Leute gar nicht auf die Idee kommen, mal bei den Moscheen oder bei dem Dachverband anzurufen und sagen: „Hallo, hier sind wir. Es gibt das und das Netzwerk. Wollt ihr euch nicht mit reinsetzen?“ Wenn wir eine Normalisierung hätten, dann läuft das alles. Muslim*innen sind einfach ganz normale Menschen und ganz normale Mitglieder der Gesellschaft. Man kann von ihnen fordern, was man von allen anderen fordert. Man kann sie auch überfordern, so wie man alle anderen überfordert, aber nicht aufgeben und einfach machen.

Jenny Omar (KN:IX):

Vielen Dank, Matthias, das ist doch ein gutes Schlusswort. Manchmal muss man vielleicht tatsächlich einfach machen. Vielen Dank auf jeden Fall, dass du heute hier warst und eure Erfahrungen mit uns geteilt hast.

Matthias Schmidt:

Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte. Bis bald!

Jenny Omar (KN:IX):

Matthias Schmidt hat mit uns seine Erfahrungen als muslimischer Träger in der Präventionsarbeit geteilt und beschrieben, welche Herausforderungen er in diesem Bereich sieht. Das war die fünfte Folge von KN:IX talks. Schön, dass Sie eingeschaltet haben. Sie finden ein Interview zu der anfangs erwähnten Studie von Jens Ostwaldt in den Shownotes verlinkt. Und vergessen Sie nicht, unseren Podcast zu abonnieren. Wenn Sie Fragen oder Anregungen zu dieser Folge haben, schicken Sie uns gerne eine E-Mail an info@kn-ix.de. Weitere Podcasts in dieser Reihe sowie weitere Informationen zum Netzwerk finden Sie unter www.kn-ix.de. Vielen Dank für das Einschalten, liebe Zuhörer*innen. Und wir hören uns, wenn Sie mögen, beim nächsten Mal wieder. Diese Folge wurde von ufuq.de im Rahmen von KN:IX umgesetzt.

(Abspann Musik)

Moderation: Jenny Omar Technische Umsetzung: Christian Kautz Inhaltliche Umsetzung, Schnitt und Postproduktion: Thy Le, Dr. Götz Nordbruch, Jenny Omar und Malte Fröhlich.

(Abspann Musik)

Charlotte Leikert (Abspann KN:IX talks):

Sie hörten eine Folge von KN:IX talks, dem Podcast zu aktuellen Themen der Islamismusprävention. KN:IX talks ist eine Produktion von KN:IX, dem Kompetenznetzwerk Islamistischer Extremismus. KN:IX ist ein Projekt von Violence Prevention Network, ufuq.de und der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, kurz BAG RelEx. Ihnen hat der Podcast gefallen? Dann abonnieren Sie unseren Kanal und schauen Sie auf www.kn-ix.de vorbei. Sie wollen sich direkt bei uns melden? Dann schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an info@kn-ix.de. KN:IX wird durch das Bundesprogramm Demokratie Leben! des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Weitere Finanzierung erhalten wir von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Bundesministerium des Inneren, Bau und Heimat, dem Bayrischen Landeskriminalamt, dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration in Sachsen-Anhalt, der Landeskommission Berlin gegen Gewalt und im Rahmen des Landesprogramms „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“.

(Abspann Musik)

Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerkes „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX)
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