Was bedeutet es, gleichzeitig queer, muslimisch und migrantisch zu sein – in einer Welt, die dafür kaum Vorbilder kennt? Davon erzählt Hijab Butch Blues von Lamya H, ein Coming-of-Age-Roman, der religiöse Tradition und queere Identität nicht als Widerspruch, sondern als Möglichkeit begreift. Unser Kollege Niklas Krüger erzählt im Interview, was ihn an dem Buch inspiriert hat – und was Fachkräfte für ihre Arbeit daraus mitnehmen können.
Maike Tragsdorf (ufuq.de):
Lieber Niklas, was hat dich zu diesem Buch gebracht?
Niklas Krüger (ufuq.de):
Das Buch war ein Geburtstagsgeschenk. Ich war zunächst überrascht und zugleich neugierig. Die farbenfrohe Aufmachung, die zahlreichen Rezensionen und der Plot haben mich sofort angesprochen. Nach den ersten Kapiteln war ich mir noch unsicher, wie dramatisch sich die Geschichte entwickeln würde; die kurzen Kapitel und der fesselnde Erzählstil haben mich dann regelrecht in einen Sog gezogen. Mich hat von den ersten Seiten an interessiert, wie es mit der Protagonistin weitergeht – ihr ganz besonderes Coming-of-Age.
Maike Tragsdorf:
In der Kurzbeschreibung ist von einer Coming-of-Age-Geschichte einer queeren, kopftuchtragenden und migrantischen Muslimin die Rede. Worum geht es konkret?
Niklas Krüger:
Das Buch erzählt die Geschichte der Autorin Lamya H, die in einem Urdu-sprachigen Land geboren ist, ihre Schulzeit in einem reichen arabischen Land verbringt und schließlich in die USA emigriert. Gemeinsam mit ihrer Familie wächst Lamya in diesem ihr fremden Land auf und erlebt dabei vielfältige Grenzziehungen – etwa entlang von Herkunft und Staatsbürgerschaft, Hautfarbe, Einkommen, Nachbarschaft und nicht zuletzt auch rund um die Entwicklung ihrer queeren Identität. Dieser Prozess setzt sich während ihres Studiums in den USA fort.
Maike Tragsdorf:
Die Kapitel tragen Namen wie Maryam, Jinn, Asiyah oder Nuh. Was hat es damit auf sich?
Niklas Krüger:
Die Kapitelnamen verweisen auf religiöse Figuren aus der islamischen Tradition, so ist zum Beispiel Maryam in der christlichen Tradition auch als Maria bekannt, ähnlich wie Nuh unter dem Namen Noah. In den jeweiligen Kapiteln werden diese Figuren mit ihren überlieferten Eigenschaften und Erlebnissen aufgegriffen, um Lamyas eigene Geschichte zu rahmen und zu vertiefen. Denn genau diese religiösen Vorbilder haben ihr Aufwachsen maßgeblich geprägt: Mal arbeitet sie sich an ihnen ab, mal an ihrer Rezeption in der religiösen Community – und manchmal erweitert sie die Überlieferungen aus der Perspektive ihrer queeren Identität heraus.
Maike Tragsdorf:
Ein zentrales Element des Buches ist die Selbstermächtigung durch das Erzählen der eigenen Geschichte. Wie lässt sich diese Methode des Storytellings in der pädagogischen Arbeit nutzen, um Empowerment-Prozesse bei Jugendlichen mit ähnlichen Biografien anzustoßen?
Niklas Krüger:
Lamya verbindet ihre Erlebnisse mit ihren damaligen und heutigen Idealen und setzt sie zueinander in Beziehung. Hierbei merkt man, dass sie die tradierten Ideale ihrer Herkunft respektiert und gleichzeitig mit Ihnen ringt. Diese Auseinandersetzung zieht sich durch das komplette Buch: Auf der einen Seite stehen ihr eigenes Empfinden und ihre gelebte Realität, auf der anderen religiöse und gesellschaftliche Normen. Wer bestimmt, wie eine queere, muslimische, kopftuchtragende Frau zu sein hat?
Für die pädagogische Arbeit ist das eine wichtige Ermutigung: Jugendliche wachsen in einer Welt auf, die von Widersprüchen durchzogen ist – und bestimmte Jugendliche sind aufgrund struktureller Diskriminierungen damit besonders konfrontiert. Das Buch zeigt, dass es möglich ist, sich diesen Widersprüchen ehrlich und mutig zu stellen, ohne sich selbst dabei aufzugeben.
Maike Tragsdorf:
Gibt es eine zentrale Botschaft des Buches, die Fachkräfte unbedingt mitnehmen sollten?
Niklas Krüger:
Mehrere! Erstens: Jugendliche können eine selbstbestimmte Identität vor allem dann entwickeln, wenn sie in die Auseinandersetzung mit ihren Idealen, erlernten Traditionen und ihrem persönlichen Empfinden gehen. Dafür brauchen sie Räume, in denen diese Auseinandersetzung willkommen ist. Auch jahrhundertealte religiöse Traditionen können dabei ein echter Identifikationsraum sein und kein Hindernis.
Zweitens: Erfahrungen von Rassismus, Klassismus und anderen Formen von Abwertung müssen von Fachkräften genauso ernst genommen werden wie romantische Gefühle oder sexuelle Anziehung. Beides prägt die Lebensrealität von Jugendlichen nachhaltig.
Und schließlich: Das Buch macht die Bedeutung von Beziehungen sichtbar. Familie und Peers spielen eine zentrale Rolle. Entscheidend ist dabei nicht, die eine perfekt passende Gruppe zu finden, sondern überhaupt in Beziehungen zu sein.
Zitate aus dem Buch
„I find myself fascinated with this person who happens to be a woman.“ (S. 17)
„No one has sat us down to talk about race, but we feel the hierarchies in our bones.” (S. 32)
„I notice that my Black friends are treated horribly by everyone in authority; my friends with accents are assumed to be stupid; my immigrant friends are always being asked where they´re really from.“ (S. 52)
„My brown skin and my hijab don´t make me less than, don´t make white people and light-skinned Arabs better than me.“ (S. 60)
© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild
