Syrien im Umbruch? Zwischen Wiederaufbau, islamistischer Vergangenheit und den Debatten, die bis nach Deutschland reichen. – Eine Podcastfolge von KN:IX talks
19. August 2026 | Radikalisierung und Prävention

Abstrakte Illustration eines Podcast-Mikrofon und Gesichtern; KI-generiertes Bild

Wie entwickelt sich Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes? In Folge 42 von KN:IX talks geht es um die politische Transformation der HTS, Perspektiven aus Syrien und der syrischen Community in Deutschland sowie die Reaktionen salafistischer und islamistischer Akteure in den sozialen Medien. Welche Bedeutung haben die Entwicklungen in Syrien für Präventionsarbeit und Pädagogik in Deutschland? Zu Gast sind Joseph Röhmel (Bayerischer Rundfunk), Wael Alokla (Hallesche Jugendwerkstatt) und Dr. Friedhelm Hartwig (modus|zad – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung gGmbH).

Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 und der Machtübernahme durch die von Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) angeführte Übergangsregierung, steht Syrien vor politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Der Wiederaufbau des Landes, die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und die Verbesserung der Lebensbedingungen stehen dabei ebenso im Fokus wie die Frage, welche politische Richtung die neue Führung künftig einschlagen wird. Wie gestaltet sich der politische Wandel? Welche Perspektiven haben Menschen in Syrien und Mitglieder der syrischen Community in Deutschland? Und wie nutzen islamistische Online-Akteure die neuen Entwicklungen für ihre Narrative?

In dieser Folge von KN:IX talks sprechen wir mit Joseph Röhmel, Wael Alokla und Dr. Friedhelm Hartwig über den Wandel der HTS von einer dschihadistischen Gruppierung zu einer politischen Führung, die Herausforderungen des Wiederaufbaus, dem Einfluss von Onlineakteuren und -diskursen sowie die Bedeutung der aktuellen Entwicklungen für Präventionsarbeit und Pädagogik in Deutschland.

Der Podcast KN:IX talks ist ein Angebot von KN:IX connect | Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung. In diesem Podcast sprechen wir mit Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Lösungsansätze in der Islamismusprävention und Demokratiebildung. Der Podcast bietet Einblicke in die Arbeit engagierter Akteur*innen und beleuchtet gesellschaftliche Zusammenhänge rund um die Themen Islamismus, Radikalisierung und Prävention.

Im Verbund KN:IX connect arbeiten wir mit IFAK e.V., modus|zad und der BAG RelEx zusammen. Bei ufuq.de ist Judith De Santis für den Podcast verantwortlich.

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Transkription dieser Folge:

(Musik im Hintergrund)

Joseph Röhmel:

[…] dann hat sich al-Scharaa praktisch ideologisch von Al-Qaida gelöst und abgegrenzt und gesagt, wir haben mit Al-Qaida nichts zu tun.

Die Hanna Hansen ist halt eine Figur. Warum reist sie dahin? Warum feiert sie das so?

Wael Alokla:

Ich glaube, sehr wichtig zu bedenken ist, dass wir die Situation in Syrien hier in Deutschland oft durch unsere eigene Brille oder Perspektive betrachten.

Für die Menschen in Syrien stehen mittlerweile vor allem die grundlegenden Lebensbedingungen im Vordergrund.

Dr. Friedhelm Hartwig

Am Machtwechsel in Syrien kann man sehr gut nachverfolgen, wie heterogen islamistische Akteure und ihr Publikum aktuelle Konflikte im Nahen Osten beurteilen.

(Musik im Hintergrund)

Charlotte Leikert (KN:IX connect):

KN:IX talks – der Podcast zu aktuellen Themen der Islamismusprävention.

Judith De Santis (KN:IX connect):

Am 8. Dezember 2024 endete in Syrien die jahrzehntelange Herrschaft von Baschar al-Assad. Eine von der islamistischen Gruppierung Haiʾat Tahrir asch-Scham, kurz HTS, angeführte Rebellenallianz stürzte das Assad-Regime. Seitdem steht Syrien unter einer Übergangsregierung unter Führung von Ahmed al-Scharaa, früher auch bekannt als Abu Mohammed al-Julani. Das Land steht damit vor einer grundlegenden politischen Neuordnung und vor dem Wiederaufbau einer durch den Krieg schwer beschädigten Infrastruktur.

Vor knapp einem Jahr haben wir bei KN:IX talks bereits auf den Machtwechsel in Syrien und seine Folgen geblickt. In dieser Episode schauen wir erneut auf die Entwicklungen im Land: auf die dschihadistischen Ursprünge der HTS, ihren Wandel von einer bewaffneten Gruppierung hin zu einer politischen Führung und die Frage, wie diese Entwicklung einzuordnen ist. Denn während al-Scharaa den Wiederaufbau Syriens offenbar vorantreiben will, stellt sich die Frage, welche politische und gesellschaftliche Ausrichtung das Land künftig nehmen wird. Wie stark prägen die islamistischen Ursprünge der HTS die neue Regierung? Und wie bewerten unterschiedliche Akteure diese Entwicklung?

Dabei geht es auch darum, wie Menschen in Syrien und in der syrischen Community in Deutschland auf die Entwicklungen blicken, wie islamistische und salafistische Akteure die Situation in sozialen Medien aufgreifen und welche Bedeutung diese Dynamiken für Präventionsarbeit und Pädagogik haben können.

Und damit: Hallo und herzlich willkommen zur 42. Folge von KN:IX talks. Ich bin Judith De Santis und verantworte die Folgen für ufuq.de. Schön, dass ihr reinhört!

Zu Gast im Podcast ist der Journalist Joseph Röhmel. Er beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Extremismus, Terrorismus und innerer Sicherheit. Joseph Röhmel ist für das Nachrichtenprogramm BR24 des Bayerischen Rundfunks und weitere ARD-Anstalten tätig. Dabei recherchiert er unter anderem zu Prozessen gegen Islamisten, Terrorfinanzierung und der Ausbreitung des IS in Europa.

Außerdem spreche ich mit Wael Alokla. Er ist Berater bei der Halleschen Jugendwerkstatt und arbeitet dort im Bereich Delinquenz und Resilienz. Er berät Fachkräfte bei der Analyse und Bearbeitung von Konflikt-, Gewalt- und Radikalisierungsdynamiken und begleitet sie im Umgang mit herausfordernden Fallkonstellationen im schulischen, pädagogischen und behördlichen Kontext.

Und ich spreche mit Dr. Friedhelm Hartwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei modus|zad mit dem Schwerpunkt religiös begründeter Extremismus im digitalen Raum. Er beschäftigt sich insbesondere mit dem Monitoring und der Analyse von Online-Diskursen salafistischer und islamistischer Akteure.

(Musik im Hintergrund)

Judith De Santis:

Zu Beginn meiner Recherche habe ich versucht, die Ursprünge der HTS nachzuvollziehen: Wie ist die HTS eigentlich entstanden? Welche Ideologie prägte die ausländischen Kämpfer, die einst nach Syrien ausreisten und sich Gruppierungen im Umfeld der HTS anschlossen? Und welche Bedeutung haben diese dschihadistischen Prägungen heute noch?

Journalist Joseph Röhmel, der sich insbesondere mit gewaltbereiten islamistischen Gruppierungen befasst, hat mir einen Einblick gegeben:

Joseph Röhmel:

al-Scharaa war ja zuerst beim islamischen Staat, dann gab es diverse Streitigkeiten und Auseinandersetzungen. Dann ist die al-Nusra-Front entstanden, die ja erst als Al-Qaida-nah galt. Schließlich ist die HTS entstanden und al-Scharaa hat sich ideologisch von Al-Qaida gelöst und abgegrenzt und gesagt, wir haben mit Al-Qaida nichts zu tun.

Was damals schon ersichtlich war: Viele der deutschen Ausgereisten haben sich schon in den 2010er-Jahren in Telegram-Gruppen und diversen Kanälen sehr offensiv geäußert. Daran war klar ablesbar, dass sie nicht nur wegen des dort hingereist sind, sondern auch Osama bin Laden und Al-Qaida uns so weiter befürworteten. Dieses Denken – diese Al-Qaida-Ideologie – ist geblieben.

Auf der einen Seite gab es al-Scharaa, der sich davon möglicherweise gelöst hat. Die vielen Ausländer, die nach Syrien gereist sind, verfolgten jedoch klare Ziele: Erstens wollten sie dort eine Art Gottesstaat errichten. Zweitens handelten sie weiterhin aus einer global-dschihadistischen Haltung heraus – ähnlich wie Al-Qaida -, mit dem Bestreben, den Islam nach strengen Vorstellungen weltweit zu etablieren, möglicherweise auch in durch Anschläge.

Judith De Santis:

Er betont also, dass nur weil al-Scharaa sich von al-Qaida lossagt, noch lange nicht alle radikalen Kräfte aus dem Land sind. Die syrische Übergangsregierung wird dementsprechend in Politik und Medien, auch international, unterschiedlich eingeschätzt.

Joseph Röhmel erklärt, wie er sie einordnet:

Joseph Röhmel:

Es scheint, dass sich al-Scharaa eindeutig von diesem dschihadistischen Denken gelöst hat. Ich kann natürlich nicht in ihn hineinschauen, und ich bin auch kein Syrienexperte. Ich kann nur das beurteilen, was ich über die Medien wahrnehme und was mir andere erzählen. Mein persönlicher Eindruck ist jedoch, dass da tatsächlich jemand gewillt ist, sein Land wieder aufzubauen. Und das möchte ich ihm um Gottes Willen auch nicht absprechen.

Was ich allerdings auch mitbekomme: Es gibt unterschiedliche Charaktere, und in westlichen Sicherheitskreisen ist man sich nicht ganz sicher, in welche Richtung das Ganze läuft.

Wegen dieser Entwicklung gibt es dort weiterhin mindestens hunderte ausländische Kämpfer, die sich einst den Gruppierungen rund um die HTS angeschlossen haben. Teilweise sind das Hardliner. Und diese Hardliner müssen irgendwo zufriedengestellt werden, weil al-Scharaa auf sie angewiesen ist, um seine Macht zu sichern. Er braucht diese ausländischen Kämpfer – und dementsprechend kann er aus Syrien natürlich keinen komplett moderaten Staat machen.

Die Annahme, dass das eine Art ‚Taliban light‘ wird – vielleicht nicht ganz so extrem, aber doch in diese Richtung gehend -, ist durchaus vorstellbar. Das ist zumindest eine Befürchtung, die aktuell besteht, ob sie nun am Ende zutrifft oder nicht.

Judith De Santis:

Außerdem ist seine Einschätzung zum Wandel der HTS:

Joseph Röhmel:

Ich habe nicht gehört, dass es von der HTS initiierte große Deradikalisierungsprogramme gibt. Dementsprechend halte ich es für verfrüht zu sagen, dass alle deradikalisiert sind und nur weil sich Friedrich Merz mit al-Scharaa trifft, alles wieder gut ist. Das würde ich definitiv verneinen.

Judith De Santis:

Deradikalisierungsprogramme – dafür braucht es ja vielleicht auch noch einmal andere Bedingungen in einem Land, das derzeit mit ganz anderen Problemen zu tun hat.

Joseph Röhmel:

Ja natürlich, klar. Wenn man glaubhaft vermitteln will, dass man sich von Al-Qaida gelöst hat, kein Dschihadist mehr ist und als Staatsmann Syrien wieder aufbauen möchte, müsste man eigentlich auch klarstellen: Diese ausländischen Kämpfer mit dschihadistischer Einstellung müssen ihre Haltung ändern. Das ist vor Ort extrem komplex und schwierig umzusetzen, das kann man vielleicht nicht direkt erwarten. Aber in meinen Augen macht es den Wandel trotzdem nicht glaubwürdiger. Das ist eine wirklich schwierige Gemengelage.

Judith De Santis:

Wir haben also erfahren, dass die HTS einen Wandel durchgemacht hat, von einer Miliz hin zur Regierungspartei, und dennoch sehr unterschiedlich bewertet wird.

Doch wie blicken Menschen in Syrien und in der syrischen Community in Deutschland auf die aktuelle Entwicklung? Wael Alokla, Berater für Konflikt- und Radikalisierungsdynamiken bei der Halleschen Jugendwerkstatt, sagt:

Wael Alokla:

Ich glaube, sehr wichtig zu bedenken ist, dass wir die Situation in Syrien hier in Deutschland oft durch unsere eigene Brille oder Perspektive betrachten. Das heißt, die Themen, die uns interessieren, sind nicht unbedingt die, die Syrer interessieren.

Für die Menschen in Syrien stehen mittlerweile vor allem die grundlegenden Lebensbedingungen im Vordergrund, also Themen wie Sicherheit, Wohnraum, die Auflösung der Flüchtlingscamps. Die Übergangsjustiz ist mittlerweile sehr wichtig, da sich immer noch viele Kriegsverbrecher auf freiem Fuß befinden. Themen wie der Wiederaufbau der Infrastruktur. In Damaskus zum Beispiel wurde in diesem Jahr erstmals seit vielen Jahren ein Tag gefeiert, wo die Menschen 24 Stunden Strom hatten. Also sehr lange waren es nur 2-6 Stunden Strom pro Tag.

Genau solche Entwicklungen geben den Menschen Hoffnung und das Gefühl, dass sich ihre Lebensbedingungen Schritt für Schritt verbessern.

Aber natürlich gibt es auch Syrer, die Angst haben – dass es nicht klappt oder dass die Gewalt zurückkommt. Besonders bei einigen sogenannten ethnischen oder religiösen Minderheiten, nämlich den Kurden, Drusen und Alewiten. Diese Sorgen haben sich verstärkt, vor allem nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Gruppen, die die zentrale Regierung unterstützen und bewaffnete Gruppen aus diesen Gemeinschaften. Dabei kam es leider auf allen Seiten zu Kriegsverbrechen.

Man muss auch sagen, dass in Syrien nach 50 Jahren oder 54 Jahren Diktator und 15 Jahren Krieg es in keiner Stadt eine richtige Armee oder Polizei gab oder gibt, wie man es hier in Deutschland kennt. Die Regierung versucht allerdings eine Art Rechtsstaat zu bauen. Sie ist zum Beispiel gegen Milizen vorgegangen, die besonders brutal waren in diesen Auseinandersetzungen und hat Kämpfer wegen Massakern an Alewiten verhaftet.

Judith De Santis:

Für Syrer*innen ist also die Frage nach Sicherheit und den Lebensbedingungen in Syrien sehr zentral. Diese Fragen stellt sich auch die deutsche Regierung: Kurze Zeit nach dem Sturz des Assad-Regimes und der Einsetzung der Übergangsregierung unter Ahmed al-Scharaa wurden in Deutschland migrationspolitische Debatten über Abschiebungen nach Syrien laut.

Gleichzeitig denken – wie mir Wael Alokla erzählt hat – auch viele geflüchtete Syrer*innen über eine selbstgewählte Rückkehr in ihr Land nach. Doch wann ist eine solche Rückkehr möglich? Diese Frage begegnet auch dem Berater in seiner Arbeit:

Wael Alokla:

Wir erhalten auch Fragen zum Thema Rückkehr von Geflüchteten nach Syrien. Das Thema wird auch in der syrischen Community zurzeit intensiv diskutiert. Es heißt, dass anderthalb Millionen Menschen sogar schon nach Syrien zurückgekehrt sind.

Ganz wichtig zu sagen ist hier, dass das Land immer noch stark zerstört ist: Jedes vierte Wohnhaus ist durch den Krieg schwer beschädigt oder zerstört. Zahlreiche Menschen finden nur Ruinen vor, wenn sie zurückkommen. Da sich die Mieten verdrei- oder vervierfacht haben, weil es keinen Wohnraum mehr gibt, können sich viele Menschen jetzt nicht mehr die Miete leisten. Neben dem Wohnraum sind insbesondere der Zugang zu Schulen, medizinischer Versorgung, Strom, Wasser und Internet entscheidend.

Diese Faktoren werden in der Zukunft darüber entscheiden, ob eine Rückkehr tatsächlich realistisch ist.

Judith De Santis:

Neben dem Wiederaufbau einer kompletten Infrastruktur in Syrien und den weiterhin sehr schwierigen Bedingungen für eine mögliche Rückkehr, stellt sich für Syrer*innen laut Wael Alokla auch die Frage, ob und inwiefern die Übergangsregierung islamistisch geprägt ist.

Seine Einordnung dazu:

Wael Alokla:

Uns haben viele Fragen zu den politischen Entwicklungen in Syrien erreicht. Die Leute fragen etwa, ob die Übergangsregierung oder der syrische Staat nun islamistisch oder extremistisch ist.

Aus unserer Sicht ist das nicht der Fall. Vieles deutet darauf hin, dass die neue Führung versucht, „State Building“ zu machen. Ich meine hier Elemente des modernen Staatsaufbaus, staatliche Institutionen, eine marktorientierte Wirtschaft, internationale Zusammenarbeit, Freiräume für Medien und Pressefreiheit. Laut Reporter ohne Grenzen zum Beispiel hat Syrien im Jahr 2026 weltweit die größte Verbesserung der Pressefreiheit und ist im Ranking um 36 Plätze aufgestiegen.

Was auch für uns sehr interessant war, dass ein neuer renommierter traditionalistischer Gelehrter als Großmufti ernannt wurde. Großmufti ist der größte muslimische, theologische Stuhl im Land. Er ist zum Beispiel nicht bei den Islamisten und Salafisten beliebt, weil er ihre Doktrin nicht vertritt.

Aber natürlich sollen auch traditionelle und religiöse Werten nun eine große Rolle spielen. In Damaskus wurden beispielsweise Regelungen zum Verkauf von Alkohol eingeführt, was zu großen Diskussionen geführt hat.

Wir haben auf einer Seite Islamisten, die ihre Ideologie und Regeln stärker durchsetzen wollen und dafür die Regierung kritisieren. Auf der anderen Seite haben wir viele andere, für die es bereits jetzt zu weit geht. Also es ist eine typische Spannung für die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Syrien.

Judith De Santis:

Der Machtwechsel in Syrien wirkt sich auch auf die Aktivitäten salafistischer und islamistischer Akteure in sozialen Medien aus.

Wael Alokla erklärt, welche Entwicklungen er wahrnimmt:

Wael Alokla:

Natürlich wird die Situation in Syrien auch in islamistischen Kreisen diskutiert. Einige haben Hoffnung für die politischen Entwicklungen, während andere Akteure die Regierung kritisch betrachten, weil es ihnen einfach zu wenig ist.

Aber das Narrativ, dass es Propaganda gibt, die die Regierung positiv darstellt oder von der Regierung Unterstützung bekommt oder sich vielleicht an Jugendliche in Deutschland richtet – das sehen wir aktuell nicht.

Es gibt zwar Influencerinnen wie Hanna Hansen, die ein paar Videos aus Syrien gepostet haben. Aber wenn man das genau analysiert, haben diese Videos nur sehr wenig Reichweite und sind überhaupt nicht mit anderen Syrien-Reisenden zu vergleichen.

Was unter syrischen Jugendlichen in Deutschland hingegen sehr stark wahrgenommen wird, sind Nachrichten – besonders wenn die Lage eskaliert oder es zu Gewalt kommt. Dabei verbreiten alle Seiten viele Falschinformationen im Netz. Darauf muss man definitiv ein Auge haben, damit es hier in Deutschland nicht zu Streitigkeiten und Eskalationen kommt.

Judith De Santis:

Hanna Hansen – früher Model, DJ und deutsche Profiboxerin. Aufgrund einer Augenverletzung beendete sie ihre Karriere und konvertierte zum Islam. Anfang 2024 wurden Kontakte zur salafistischen Szene bekannt. Heute erreicht sie als salafistische Influencerin auf Plattformen wie TikTok und Instagram ein großes Publikum in Deutschland und verbreitet dort islambezogene ideologische Inhalte, die von Expert*innen in der Islamismusprävention als problematisch eingeordnet werden.

Im Mai 2026 postete sie auf ihrem X-Kanal ein Video, das sie laut eigener Caption in der syrischen Region Idlib aufnahm. Zu sehen ist eine weiße Fahne mit der Schahada, dem muslimischen Glaubensbekenntnis, in schwarzer Schrift, die im Wind weht. Die Fahne hat Symbolwirkung, da sie auch von islamistischen und dschihadistischen Gruppen verwendet wird. Die Inszenierung des Beitrags – insbesondere die Darstellung der wehenden Fahne – kann dabei eine symbolische Aufladung des Motivs vermitteln.

Wael Alokla hat dieses Posting von Hanna Hansen vorhin zunächst im Kontext weiterer Online-Akteure, die in Syrien herumreisen, eingeordnet, die er für reichweitenstärker hält.

Auch Joseph Röhmel hat den Post von Hanna Hansen bemerkt und ordnet ihn so ein:

Joseph Röhmel:

Die bekannte salafistische Akteurin Hanna Hansen – die sogar ein eigenes Kapitel im NRW-Verfassungsschutzbericht hat – war laut eigener Aussage vor ein paar Wochen in Syrien und reiste dabei auch nach Idlib – Idlib ist ja sozusagen das Kernland gewesen von der HTS, die sich jahrelang ursprünglich im Nordwesten Syriens bewegt hat –

Judith De Santis:

Und wirklich dort regiert hat.

Joseph Röhmel:

Genau. Bei einer Figur wie Hanna Hansen stellt sich die Frage: Warum reist sie dahin? Warum feiert sie das so und was hat sie dort konkret gemacht? So richtig klar geworden ist das nicht. Sie hat wohl gut gegessen und ein bisschen Urlaub gemacht. Aber es stellt sich natürlich die Frage: Was macht so jemand auf wessen Einladung in Syrien? Und warum muss sie diese Fahne plötzlich so prominent zeigen und einblenden?

Überschrieben ist ihr Posting auf X mit „übrigens, hier ist es sicherer als in Deutschland.“ Sie vermittelt also den Eindruck, dass die Lage vor Ort in Syrien sicherer sei als hierzulande. Das ist ein Narrativ, das in islamistischen Kreisen gerne verbreitet wird: Dass es in islamischen oder sehr islamisch geprägten Ländern sicherer ist als in Deutschland, weil dort drakonische Strafen drohen und sich niemand traut, beispielsweise etwa mit Drogen zu handeln.

Judith De Santis:

Neben Hanna Hansen äußerten sich zum Machwechsel in Syrien auch weitere Online-Akteure in den sozialen Medien, die sich an ein deutschsprachiges Publikum wenden – darunter etwa der bekannte salafistische Akteur Pierre Vogel.

Dr. Friedhelm Hartwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei modus|zad, ordnet Online-Entwicklungen rund um die Regierung von al-Scharaa (früher auch bekannt als Abu Muhammad al-Julani) folgendermaßen ein:

Dr. Friedhelm Hartwig:

Am Machtwechsel in Syrien kann man sehr gut nachverfolgen, wie heterogen islamistische Akteure und ihr Publikum aktuelle Konflikte im Nahen Osten beurteilen. So verteidigen salafistische Akteure wie zum Beispiel Pierre Vogel die neue, sunnitisch orientierte Regierung unter al-Julani, während schiitische Akteure, die das Regime im Iran unterstützen, sämtliche Positionen positiver Stimmen zum Machwechsel heftig attackieren.

Pierre Vogel sieht beispielsweise im Machtwechsel eine Chance für eine echte, streng gläubige islamische Gesellschaft und hält al-Julani für einen cleveren Diplomaten.

Der schiitische Influencer Modschtaba von One Mind for Iman betont dagegen die dschihadistische Vergangenheit von al-Julani und idealisiert Schiiten als die einzigen wahren Verteidiger des Islams und der gesamten Menschheit gegen Daesh und Al-Qaida. Er postet auch ein altes Bild von Pierre Vogel, das ihn in einem schwarzen Hoodie und dem Daesh-Zeichen zeigt.

Auch im Publikum zeigen sich deutliche unversöhnliche Konfliktlinien auf der religiösen Ebene, zum Beispiel zwischen Schiiten und Sunniten, wie ich das gerade schon erwähnt habe, oder der ethnischen Ebene, zwischen Arabern, Kurden und Türken. Es werden alte in der Region historisch gewachsene Konflikte und Rivalitäten deutlich. Der Konflikt mit Israel spielt ebenfalls eine Rolle, da z.B. Hoffnungen geäußert werden, dass al-Julani sich noch an einem Kampf gegen Israel beteiligt.

Über die deutsche Politik findet man ebenfalls zahlreiche negative Positionen, bis hin zu dem Verschwörungsnarrativ, das auch häufig wiederholt wird, dass Deutschland seit Jahrzehnten gemeinsam mit den USA und Israel an einer ständigen Destabilisierung und Schwächung der islamischen Länder arbeitet.

Judith De Santis:

Und welche Bedeutung haben die Entwicklungen in Syrien für die Präventionsarbeit in Deutschland? Welche Auswirkungen können die aktuellen Entwicklungen auf Diskurse in den sozialen Medien und junge Menschen haben?

Friedhelm Hartwig ordnet ein:

Dr. Friedhelm Hartwig:

Der Machtwechsel in Syrien verdeutlicht, dass nicht nur aktuelle internationale Konflikte, sondern auch über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gewachsene religiöse, ethnische, politische und kulturelle Konfliktlinien im Nahen Osten auch die Creator und ihre Communities in Deutschland stark prägen.

Das Feld der Botschafter und ihr Publikum ist heterogen und es kommt auf der analytischen Ebene auf eine deutliche Differenzierung und Kontextualisierung an. Im gesellschaftlichen Zusammenleben in Deutschland können regionale Konflikte im Nahen Osten zu einer schärferen Spaltung und einer Eskalation innerhalb migrantischer Gruppen führen. Zumindest in den hoch emotionalisierenden Kommentaren, die fast ausschließlich auf Konfrontation und Beleidigung ausgerichtet sind, ist eine Eskalation deutlich spürbar.

Sichere Räume, in denen differenziertere Meinungen und die Möglichkeit zu Verständnisfragen möglich sind, ohne dass man bösartig beleidigt oder provoziert wird, sind unbedingt notwendig. Auf Social Media sehe ich das im Moment noch nicht.

Judith De Santis:

Friedhelm Hartwig betont also, dass es unbedingt Räume braucht, um über aktuelle Entwicklungen in Syrien sprechen zu können und warnt vor gesellschaftlicher Polarisierung, wenn wir das nicht tun. Aber wie geht das konkret? Was sollten Fachkräfte in Schulen oder der Jugendhilfe über die aktuelle Situation wissen, um die Entwicklungen einordnen und junge Menschen gut begleiten zu können?

Das habe ich Wael Alokla gefragt:

Wael Alokla:

Pädagogische Fachkräfte in Deutschland müssen berücksichtigen, dass die politische Situation in Syrien sehr komplex und vielschichtig ist und es keine einfachen Antworten gibt. Genau deswegen ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen nicht kritisiert oder stigmatisiert werden, wenn sie bestimmte politische Meinungen bzw. Emotionen äußern. Und das gilt eigentlich unabhängig, ob die Jugendlichen und Kinder pro oder gegen die Regierung sind. Also in Syrien gibt es viele Menschen, die pro Regierung oder pro Revolution sind. Die vielleicht Stolz und Hoffnung auf das neue Syrien haben.

Und auf der anderen Seite, wie gesagt, gibt es auch Menschen, die Ängste und Kritik äußern und sich gegen die Regierung stellen. Entscheidend ist immer, einen Raum zu schaffen, in dem unterschiedliche Perspektiven gehört und reflektiert werden können und in dem auch das Leid der anderen anerkannt und verstanden werden kann.

(Musik im Hintergrund)

Judith De Santis:

Die Entwicklungen in Syrien zeigen, wie komplex die aktuelle Situation ist und dass einfache Antworten ihr nicht gerecht werden.

Die syrische Übergangsregierung steht vor der Aufgabe, ein über viele Jahre zerstörtes Land wiederaufzubauen. Gleichzeitig wirft ihre dschihadistische Vergangenheit und der Umgang mit ehemaligen Kämpfern bis heute wichtige Fragen auf. Wie sich die neue Führung langfristig entwickelt und welche politische Richtung Syrien einschlagen wird, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Umso wichtiger ist es, die Entwicklungen aufmerksam zu beobachten und politische Entscheidungen ebenso wie den Umgang mit dschihadistischen Akteuren innerhalb der Machtstrukturen kritisch zu begleiten.

Gleichzeitig macht der Blick auf die Perspektiven aus Syrien deutlich: Für viele Menschen steht nach Jahrzehnten von Diktatur und Krieg die Hoffnung auf Sicherheit, Stabilität und einen Neuanfang im Mittelpunkt. Auch diese Perspektive gehört zu einer differenzierten Einordnung der aktuellen Entwicklungen.

Deutlich geworden ist außerdem, dass die Ereignisse in Syrien auch in Deutschland Wirkung entfalten. Islamistische und salafistische Online-Akteure greifen die Entwicklungen sehr unterschiedlich auf – ihre Aussagen zum Thema sind ebenso unterschiedlich wie ihre ideologischen Hintergründe und Zielgruppen. Entsprechend wichtig ist es, Online-Diskurse genau zu beobachten und sorgfältig zu kontextualisieren.

Für die pädagogische und präventive Arbeit bedeutet das vor allem:

Jugendliche brauchen Räume, in denen sie über die Entwicklungen in Syrien, ihre Hoffnungen, Sorgen oder auch kontroverse Sichtweisen sprechen können – ohne vorschnelle Zuschreibungen, aber mit einer sensiblen und fachlich fundierten Begleitung.

In der nächsten Folge von KN:IX talks richten die Kolleg*innen der BAG RelEx den Blick auf die Islamismusprävention in Ostdeutschland – mit einem besonderen Fokus auf den ländlichen Raum. Gemeinsam mit ihren Interviewpartner*innen sprechen sie über die Herausforderungen und Potenziale von Präventionsarbeit dort, wo Fachstrukturen begrenzt und die Wege weit sind. Zudem thematisieren sie welche Rolle Schulen, Jugendhilfe, Kommunen und lokale Netzwerke für eine gelingende Islamismuspräventionsarbeit spielen.

Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal!

(Musik im Hintergrund)

Charlotte Leikert:

Dieser Podcast ist Teil von KN:IX connect | Verbund Islamismusprävention und Demokratieförderung. KN:IX connect wird umgesetzt von ufuq.de, modus|zad – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung, IFAK Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit und der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, kurz BAG RelEx. Alle Träger werden im Rahmen von KN:IX connect durch das Bundesprogramm Demokratie leben! des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Weitere Förderung erhalten wir von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt.

Der Podcast stellt keine Meinungsäußerungen des BMBFSFJ, des BAFzA oder der weiteren Mittelgeber dar. Für inhaltliche Aussagen und Meinungsäußerungen tragen die Publizierenden dieser Veröffentlichung die Verantwortung.

Weiterführende Infos:

Helberg, Kristin (2025). Syriens fragiler Übergang. Aufarbeitung und Neuanfang. Bundeszentrale für politische Bildung.
https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/562105/syriens-fragiler-uebergang/ 

Steinberg, Guido (2025). Zwischen Dschihadismus und Pragmatismus. Eine kurze Geschichte der Hai‘at Tahrir asch-Scham. In: APuZ, Aus Politik und Zeitgeschichte, 24-26/2025.
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/syrien-2025/562721/zwischen-dschihadismus-und-pragmatismus/

Adar, Sinem, Asseburg, Muriel, Azizi, Hamidreza, Klein, Margarete, Steinberg, Guido (2025). Der politische Übergang in Syrien: Regionale und internationale Interessen. SWP-Aktuell 2025/A 09.
https://www.swp-berlin.org/10.18449/2025A09/

Röhmel, Joseph (2026). Deutsche Dschihadisten Teil syrischer Streitkräfte. Bayerischer Rundfunk.
https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/deutsche-dschihadisten-teil-syrischer-streitkraefte,VJZWBG3

Othmann, Ronya (2026). Der syrische Islamismus ist auch unser Problem. Frankfurter Allgemeine Zeitung.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kampagne-syrischer-islamisten-auch-in-deutschland-ein-problem-accg-200922008.html

Hartwig, Dr. Friedhelm (2025). Islamistische Propaganda auf Social Media. In: APuZ, Aus Politik und Zeitgeschichte, 16-19/2025
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/islamismus-2025/561179/islamistische-propaganda-auf-social-media/

 

KN:IX talks Folge #33 | Syrien nach dem Machtwechsel und die Folgen für die syrische Diaspora.
https://kn-ix-talks.podigee.io/34-new-episode

 

© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild

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