Es sind oft keine großen Gespräche, die den Grundstein für Sexualerziehung legen. Es sind die leisen Momente dazwischen: wenn ein Kind sich nackt durchs Wohnzimmer bewegt, wenn eine kleine Hand neugierig beim Windel wechseln im Intimbereich landet oder wenn eine scheinbar einfache Frage fällt: „Mama, wo kommen Babys her?“. Warum perfekte Antworten nicht wichtig sind und was eine islamische Sexualerziehung ausmacht – darüber haben wir mit der Sexualpädagogin Magdalena Zidi gesprochen.
Maike Tragsdorf (ufuq.de):
Islam und Sexualität, das klingt erstmal nach einem Widerspruch… Was haben sie denn miteinander zu tun?
Magdalena Zidi:
Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht widersprüchlich – ist es aber nicht. Im islamischen Verständnis ist der Körper kein Tabu, sondern eine Amanah: ein anvertrautes Gut. Allah sagt im Koran: „Und Wir haben den Menschen gewiss in schönster Gestaltung erschaffen“ (Sure 95:4). Und an anderer Stelle: „Und in euch selbst – wollt ihr denn nicht sehen?“ (Sure 51:21). Diese Verse laden dazu ein, den eigenen Körper nicht nur funktional, sondern bewusst wahrzunehmen, als Teil der göttlichen Schöpfung. Wenn der Körper als Amanah verstanden wird – von Anfang an, nicht erst später – dann ergibt sich daraus auch eine Verantwortung, möglichst früh gut über ihn aufzuklären, statt ihn zu verschweigen.
Maike Tragsdorf:
Du entwickelst als Sexualpädagogin Angebote für Kinder, Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte. Ab welchem Alter sollte man mit Kindern und Bezugspersonen über Sexualität sprechen?
Magdalena Zidi:
Das Thema ist entgegen der verbreiteten Ansicht nicht erst ab der Pubertät relevant. Wir sind von Geburt an sexuelle Wesen – das zeigt sich schon biologisch: Ab der 16. Schwangerschaftswoche lässt sich im Ultraschall die Erektionsfähigkeit nachweisen, allerdings rein reflexhaft, ohne jede sexuelle Bedeutung im Sinne von Fantasien. Diese Bedeutung legen erst wir als Erwachsene hinein.
Kinder sammeln in den ersten zehn Lebensjahren sogenannte „Lustpakete“: Das neuronale System ist darauf ausgelegt, angenehme Reize zu wiederholen. Dabei gibt es drei angeborene Bereiche: orale Lustfähigkeit, etwa der Genuss beim Essen oder Stillen, anale Lustfähigkeit, also das erleichternde Gefühl beim Ausscheiden, und genitale Lustfähigkeit, ein Kribbeln, das Kinder oft zufällig entdecken. Je mehr alternative Lustpakete ein Kind sammeln darf – wie Trampolinspringen, im Matsch wühlen, Kuscheln, Schaukeln oder Barfußlaufen – desto weniger muss es auf die rein genitalen Reize zurückgreifen, um sich selbst zu spüren oder zu regulieren. Wenn ein Kind unter Stress steht, nutzt es oft die ihm bekannten Wege, um sich selbst zu regulieren. Das ist neurologisch ganz normal und hilft ihnen, Stress abzubauen und ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln.
Im Prinzip ist es nie zu früh, um Wissen zu vermitteln. Eltern, Bezugspersonen und pädagogische Fachkräfte sollten befähigt werden, Themen rund um Körper und Beziehungen altersangemessen und respektvoll zu begleiten.
Maike Tragsdorf:
Erwachsene fühlen sich oft unwohl oder überfordert, wenn Kinder sich selbst entdecken.
Magdalena Zidi:
Ein häufiges Missverständnis ist, die kindliche Sexualität durch die „Erwachsenenbrille“ zu betrachten. Dabei unterscheidet sie sich grundlegend von der Sexualität Erwachsener. Ich nenne gerne zwei Prinzipien: Zum einen das Hier-und-Jetzt-Prinzip: Kinder leben im Augenblick. Wenn sie ein Bedürfnis haben – sei es ein Eis oder die Berührung des eigenen Körpers – wollen sie es sofort befriedigen und können es noch nicht auf später verschieben. Und dann gibt es da noch das Gleichwertigkeitsprinzip: Für ein Kind ist das Barfußlaufen durch nasses Gras, das Schlecken einer Teigschüssel oder das Berühren des Genitals auf einer Ebene. Es ist alles gleich lustvoll und spannend, ohne die sexuelle Bedeutung, die Erwachsene hineininterpretieren.
Maike Tragsdorf:
Ein Schwerpunkt deiner Arbeit ist die islamische Sexualpädagogik. Wodurch zeichnet sich diese aus?
Magdalena Zidi:
Islamische Sexualpädagogik ist zunächst einmal kein Widerspruch zur Fachwissenschaft, sondern lässt sich über drei zentrale Prinzipien sehr gut mit ihr verknüpfen:
Da ist zunächst Haya, oft fälschlicherweise als „darüber spricht man nicht“ interpretiert. Im Kern bedeutet Haya jedoch innere Würde und Achtsamkeit gegenüber sich selbst, anderen und Allah. Der Prophet (saws) sagte: „Schamhaftigkeit ist ein Teil des Glaubens.“ Wir bringen Kindern bei, dass ihr Körper wertvoll und schützenswert ist. Scham sollte dabei nicht durch Schuldgefühle oder Angst, sondern durch Respekt vor der eigenen Privatsphäre vermittelt werden.
Dann Karama, die Würde des Menschen: „Und Wir haben den Kindern Adams Würde verliehen…“ (Sure 17:70). Jeder Mensch besitzt eine von Allah gegebene Würde. Das bedeutet auch, dass Kinder das Recht haben, Nein zu sagen – auch gegenüber Erwachsenen. Wir stärken ihre Karama, indem wir ihre Körpergrenzen respektieren, sie beispielsweise nicht ungefragt vor anderen wickeln oder umziehen und ihre Meinung ernst nehmen.
Und schließlich Sidq, Ehrlichkeit in der Beziehung: Fragen über die Herkunft von Babys oder den Körper sollten ehrlich und altersgerecht beantwortet werden. Mythen wie der Storch sind wenig hilfreich und können sogar das Vertrauensverhältnis stören. Nutzen Sie die „Häppchenmethode“: Eltern sollten besser kurze, wahre Antworten (z.B. „Das Baby wächst im Bauch der Mama, weil Allah Leben schenkt“) geben. Als Erwachsener sollte man sich stets kritisch selbst befragen: Antworte ich ehrlich oder weiche ich aus? Halte ich die Spannung aus, nicht alles perfekt erklären zu können?
Maike Tragsdorf:
Warum fällt es Eltern und pädagogischen Fachkräften oft so schwer, mit Kindern über Sexualität zu sprechen?
Magdalena Zidi:
Zum einen bewegen sich viele Eltern in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, ihre Kinder zu schützen, und der eigenen Unsicherheit im Umgang mit Körperlichkeit und dem Thema Sexualität. Zum anderen entstehen unsere Reaktionen selten spontan: Sie sind geprägt von Erfahrungen, unausgesprochenen Regeln und oft auch von Leerstellen. Viele Erwachsene haben nie gelernt, über ihren Körper in einer ruhigen, wertschätzenden Sprache zu sprechen. Stattdessen existieren häufig diffuse Schamgefühle, Unsicherheiten im Benennen oder das Bedürfnis, Themen schnell zu beenden. Erwachsene sollten sich fragen, welche Botschaften sie über ihren Körper verinnerlicht haben und wie sie selbst aufgeklärt wurden. Was war erlaubt, was wurde tabuisiert?
Diese Reflexion ist kein Selbstzweck. Sie ist Voraussetzung dafür, Kindern einen anderen Zugang zu ermöglichen. Sexualerziehung beginnt also nicht beim Kind, sondern bei uns selbst. Der Prophet Muhammad (saws) war in seiner Vermittlung übrigens bemerkenswert klar. Menschen kamen mit sehr persönlichen Fragen zu ihm – und er antwortete ohne Beschämung, aber mit Orientierung. Diese Balance ist zentral: Würde und Wissen schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie gehen Hand in Hand.
Letztlich geht es nicht darum, perfekte Reaktionen und Antworten zu geben. Sondern darum, eine tragfähige innere Haltung und Sicherheit zu entwickeln, damit unsere Kinder wissen, dass sie bei uns auch mit diesem Thema sicher sind.
Maike Tragsdorf:
Das Thema sexualisierte Gewalt ist dir sehr wichtig. Was versuchst du, Kindern und Erwachsenen in deinen Workshops mitzugeben?
Magdalena Zidi:
Mir ist wichtig, zu vermitteln, dass ein Kind, das seine Grenzen spüren darf und kennt, sich selbst besser schützen kann. Es wird zudem auch bei anderen weniger übergriffig sein. Oft liest man, dass Kinder einfach nur lernen müssten „Nein zu sagen“: Doch das Nein eines Kindes findet meist wenig Gehör und wird oft von Erwachsenen übergangen. Wenn ein „Nein“ aber stehen bleiben darf – ohne Erklärung und ohne Relativierung – dann können Kinder wirklich lernen, dass ihr Nein Gewicht hat und dass das, was sie spüren und wahrnehmen, richtig und wichtig ist. Doch genau hier zeigt sich oft ein Spannungsfeld zwischen Erziehung und Erwartung. Wir sollten uns fragen: Wann fällt es mir schwer, ein „Nein“ zu akzeptieren? Welche Erwartungen stelle ich über das Körpergefühl meines Kindes?
Der Prophet (saws) hat gesagt: „Es darf weder Schaden zugefügt noch Schaden erwidert werden.“ Diese Aussage kann auch als Grundlage für körperliche Selbstbestimmung verstanden werden. Wenn Kinder erleben, dass ihre Grenzen respektiert werden, entwickeln sie ein Gefühl von Selbstwirksamkeit – eine zentrale Ressource für ihr späteres Leben. Und hier ist Sexualerziehung nicht nur Gesundheitsförderung, sondern aktive Gewaltprävention.
Maike Tragsdorf:
Was sind deine wichtigsten praktischen Tipps für den Alltag?
Magdalena Zidi:
Ich finde drei Themen besonders wichtig: Die korrekte Benennung der Genitalien, den Umgang mit Selbstexploration und die Rolle der Kita.
Wenn es um die Benennung der Genitalien geht, sollten Eltern die korrekten medizinischen Begriffe wie Penis, Vulva und Vagina nutzen. Im Kinderschutz hat sich gezeigt, dass Kinder, die nur Begriffe wie „Gänseblümchen“ oder „Pipimatz“ kennen, Schwierigkeiten haben, von Übergriffen zu berichten, da Erwachsene sie oft nicht verstehen. Wenn ein Kind weiß, wie seine Körperteile heißen, gibt ihm das Sprechfähigkeit und Sicherheit.
Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind sich im Genitalbereich berührt, sollten sie ohne Panik reagieren. Es ist eine normale Form der Erkundung und erwartbar. Wichtig ist es aber, soziale Regeln zu vermitteln in Bezug auf Nacktheit und Körperexploration. Noch sinnvoller ist eine Erweiterung der Lustpakete, um das Bedürfnis nach körperlichem Spüren zu stillen, wie etwa eine Massage mit Igelbällen oder gemeinsames Toben.
Eltern und Bezugspersonen sollten auch in ihrer Einrichtung nachfragen, ob diese ein Schutzkonzept und/oder ein sexualpädagogisches Konzept hat. Eine gute Kita geht offen mit dem Thema um, achtet auf die Privatsphäre in den Waschräumen und hat klare Regeln für den Umgang mit körperlichen Entdeckungsspielen. Transparenz seitens der Einrichtung schafft Sicherheit für die Eltern.
Maike Tragsdorf:
Diese Prinzipien beziehen sich auf die frühe Kindheit und die Familie. Was ändert sich, wenn du mit älteren Kindern oder Jugendlichen in der Schule arbeitest?
Magdalena Zidi:
Wenn man mit älteren Kindern und Jugendlichen in der Schule arbeitet, wird schnell deutlich, wie gut oder wenig ausgeprägt die Basis ist. Wenn Eltern und Bezugspersonen bereits über diese Themen gesprochen haben, kann man wunderbar anknüpfen und aufbauen. Gleichzeitig entstehen dann Fragen, die Jugendliche vielleicht nicht mehr an Bezugspersonen oder Lehrkräfte richten – aus Scham oder aus Angst, verurteilt zu werden. Als externe Fachperson habe ich den Vorteil, dass ich nur ein- oder zweimal in der Klasse bin: Die Schüler*innen können mich alles fragen und sehen mich danach vermutlich nie wieder. Deshalb halte ich externe Bildungsangebote in Schulen für so wichtig. Nicht, weil sie es besser machen, sondern weil sie eine sinnvolle Ergänzung sind. Meine Idealvorstellung sexueller Bildung wäre: Eltern und Bezugspersonen, engagierte Lehrkräfte und punktuell externe Sexualpädagogik – alle mit im Boot.
Maike Tragsdorf:
Themen, die oft im Zusammenhang mit muslimischen Jugendlichen, insbesondere Mädchen, besprochen werden, sind zum Beispiel die Jungfräulichkeit vor der Ehe, oder auch sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Orientierung. Welche Herausforderungen begegnen dir an Schulen in deiner Arbeit als Sexualpädagogin?
Magdalena Zidi:
Wichtig vorauszuschicken ist: Diese Themen sollten generell mit allen Menschen besprochen werden. Die Mythen sind bei muslimischen Jugendlichen nicht wesentlich verbreiteter als bei nicht-religiösen. Der Mythos des Jungfernhäutchens etwa zieht sich durch alle Gruppen, egal, ob man religiös aufgewachsen ist oder nicht.
Was ich in der Praxis am häufigsten als schwierig erlebe, ist, wenn sehr starke Überzeugungen oder schlicht falsches Wissen vom Elternhaus mitgegeben wurden. Das lässt sich in einem Workshop von wenigen Stunden nicht auflösen. Man kann Informationen anbieten und zum Weiterdenken anregen, mehr nicht.
Was mich am meisten beschäftigt und ärgert, ist der Gendergap. Aus religiöser Perspektive gilt die Enthaltsamkeit vor der Ehe für alle Geschlechter gleich – kulturell jedoch wird sie für Frauen deutlich strenger eingefordert als für Männer. Das ist kein ausschließlich muslimisches Phänomen: Auch in nicht-religiösen Kontexten gilt sexuelle Aktivität bei Jungen als akzeptabel, während Mädchen dafür mit abwertenden Begriffen wie „Schlampe“, „Bitch“, „leicht zu haben“ oder „Dorfmatratze“ belegt werden. Allein die Vielzahl solcher Begriffe für Mädchen und das Fehlen entsprechender für Jungen zeigt, dass wir hier ein Problem haben.
Maike Tragsdorf:
Wie gehst du mit Widerständen, z.B. von Eltern oder Lehrkräften um?
Magdalena Zidi:
Widerstände finde ich grundsätzlich gut, denn sie zeigen, dass Eltern oder Lehrkräften nicht egal ist, was zu diesem Thema vermittelt wird. Gleichzeitig ist es weder mein Ziel noch meine Haltung, Menschen von etwas zu überzeugen. Es geht darum, Wissen anzubieten, vielleicht die eine oder andere neue Perspektive zu eröffnen – und den Menschen zu überlassen, was für sie hilfreich ist. Das sage ich auch direkt, wenn ich auf Widerstände stoße: Sexuelle Bildung bedeutet nicht, eine bestimmte Ideologie zu vermitteln, sondern aufzuzeigen, wie vielfältig Sexualität und Gesellschaft sind.
Bei starkem Widerstand weise ich außerdem darauf hin, dass sexuelle Bildung auch ganz praktische Themen umfasst, die unumstritten sind: körperliche Veränderungen in der Pubertät, der Umgang mit der ersten Menstruation oder dem ersten Samenerguss. Gerade wenn man mit muslimischen Eltern arbeitet, ist das auch religiös relevant: Mit der Geschlechtsreife beginnt die religiöse Verantwortlichkeit. Gebet und Fasten werden verpflichtend, für Mädchen stellt sich oft die Frage des Kopftuchs. Das sind Themen, die auch Lehrkräfte kennen und sensibel begleiten sollten. Ich erlebe leider häufig, dass wenig nachgefragt wird und dass Mädchen, die von einem Tag auf den anderen Kopftuch tragen, vorschnell als unterdrückt wahrgenommen werden. Dabei ist das in den meisten Fällen ein langer, persönlicher Prozess – und sich mit Kopftuch in der Öffentlichkeit zu zeigen ist in Deutschland und Österreich nach wie vor mit echten Risiken verbunden.
Maike Tragsdorf
Was wünschst du dir?
Magdalena Zidi:
Ich wünsche mir, dass wir alle gemeinsam Haltung zeigen, auch in Fragen der Sexualerziehung. Es geht nicht um perfekte Antworten, sondern um Orientierung. Ich wünsche mir einen Raum, in dem der Körper weder beschämt noch entgrenzt wird und in dem Grenzen aus Selbstachtung entstehen, nicht aus Angst.
Der Prophet (saws) hat gesagt: „Jeder von euch ist ein Hirte, und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde.“ Diese Verantwortung zeigt sich nicht in Perfektion. Sondern in Präsenz, in Beziehung und in der Bereitschaft, sich selbst immer wieder zu reflektieren.
Und für die, denen es schwerfällt: Vielleicht beginnt Sexualerziehung nicht mit einem Gespräch. Sondern mit einem Blick, mit einer Haltung und mit der Entscheidung, den Körper und Sexualität nicht länger als schwieriges Thema zu behandeln, sondern als Teil der uns von Allah anvertrauten Würde.
Maike Tragsdorf:
Vielen Dank für das Gespräch!
© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild
