
In der Manosphere wird eine spezifische Form von Mannsein und Männlichkeit inszeniert, die ohne eine ebenso spezifische Form von konstruierter Weiblichkeit nicht auskommt. Unsere Autorin erkennt darin marktförmige Strategien zur Kompensation von Verletzlichkeit, Unsicherheit, Zurückweisung oder Bedeutungsverlust durch Härte, Ausgrenzung und vermeintliche Natürlichkeit. Als Forscherin zu sozialen Konflikten, die auch in der Präventionsarbeit tätig ist, und nicht zuletzt als Mutter eines Sohnes fragt sie (sich) vor diesem Hintergrund, wie Bedingungen beschaffen wären, in denen Kinder und Jugendliche sich nicht erst beweisen müssen, um sich als wertvoll erleben zu können.
Die Dokumentation von Louis Theroux Inside the Manosphere beschreibt unterschiedliche Ausprägungen aktueller Inszenierungen von Männlichkeit. Nachdem ich sie gesehen hatte, blieb bei mir weniger Empörung als vielmehr ein Gefühl der Irritation zurück. Irritation darüber, wie eindimensional die in der Manosphere vermittelten Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit sind, und wie vertraut sie zugleich wirken.
Als Mutter eines zehnjährigen Sohnes und als jemand, die im Bereich der Extremismusprävention arbeitet und zu sozialen Konflikten forscht, konnte ich die gezeigten Dynamiken nicht als Randphänomen abtun. Im Gegenteil: Vieles erinnerte an Muster, die sich auch in anderen Kontexten finden: im Rechtsextremismus, im Islamismus oder in sogenannten Incel-Communities.
Was diese unterschiedlichen Phänomene ideologisch verbindet, ist eine bestimmte Vorstellung von Geschlecht: die Idee nämlich, dass es sich bei Männlichkeit und Weiblichkeit um klar definierte, hierarchisch geordnete Rollen handelt, und dass der eigene Wert davon abhängt, diese Rollen «richtig» zu erfüllen.
Gleichzeitig fällt auf, dass diese Vorstellungen heute nicht nur vertreten, sondern systematisch verwertet werden. Was sich in der Manosphere und in der Inszenierung sogenannter «Tradwives» zeigt, ist kein bloßer Kulturkampf, sondern ein Geschäftsmodell: die Vermarktung von Identität im Markt der Unsicherheit.
Und vielleicht noch grundlegender: Hinter der demonstrierten Stärke, der inszenierten Kontrolle und der behaupteten Überlegenheit wird etwas anderes sichtbar, eine Form von Verletzlichkeit, die nicht verarbeitet, sondern überdeckt wird.
1. Inszenierte Gegensätze
Ein zentrales Element der in der Manosphere verbreiteten Formate besteht darin, komplexe gesellschaftliche Realitäten auf einfache Gegensätze zu reduzieren. In Podcasts wie dem von Myron Gaines werden gezielt Frauen eingeladen, die bestimmten, gesellschaftlich bereits stark aufgeladenen Stereotypen entsprechen, etwa aus dem Umfeld der Online-Plattform OnlyFans. In der Inszenierung dieser Gespräche entsteht so der Eindruck, es gebe nur zwei Arten von Frauen: die sexualisierte, als «wertlos» markierte Frau auf der einen Seite und die «wertvolle», dem Mann untergeordnete Frau auf der anderen. Diese Gegenüberstellung wirkt deshalb so eindeutig, weil sie auf fest verankerten gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit aufbaut und diese gezielt verstärkt.
Dass diese Auswahl nicht repräsentativ ist, sondern bewusst getroffen wird, liegt auf der Hand. Frauen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, etwa solche, die berufliche Verantwortung tragen, Care-Arbeit leisten oder beides miteinander verbinden, kommen in diesen Formaten kaum vor.
Die Realität wird zugunsten einer klaren, leicht vermittelbaren Erzählung reduziert. Komplexität wird nicht erklärt, sondern entfernt. Auffällig ist dabei, dass nicht nur bestimmte Bilder von Weiblichkeit produziert werden, sondern auch bestehende gesellschaftliche Dynamiken von Sichtbarkeit, Anerkennung und ökonomischer Verwertbarkeit aufgegriffen und zugespitzt werden. Was hier sichtbar wird, ist keine Beschreibung von Wirklichkeit, sondern ihre gezielte Vereinfachung.
2. Das Spiegelbild: Tradwives
Auf den ersten Blick scheint die Figur der sogenannten «Tradwife» eine weibliche Version der Manosphere zu bieten. Statt Dominanz und Wettbewerb stehen hier Fürsorge, Häuslichkeit und Hingabe im Vordergrund. Doch dieser Eindruck hält einer genaueren Betrachtung nur begrenzt stand.
Was als Rückkehr zur Tradition inszeniert wird, ist in Wirklichkeit ein hochmodernes Produkt. Die dargestellte Häuslichkeit existiert nicht unabhängig von digitalen Plattformen, sondern ist auf sie angewiesen. Kochen, Putzen, Kindererziehung, all das wird nicht einfach gelebt, sondern gefilmt, kuratiert und veröffentlicht. Der häusliche Raum wird zur Bühne, Intimität zur Ressource.
In diesem Sinne handelt es sich weniger um gelebte Tradition als um ihre Inszenierung. Jean Baudrillard beschreibt solche Phänomene als Simulationen, also als Realitäten, die nicht mehr auf ein ursprüngliches Vorbild verweisen, sondern sich aus ihrer eigenen Darstellung speisen. Tradition erscheint hier nicht als Praxis, sondern als ästhetisch aufbereitete Form, die Aufmerksamkeit generiert und ökonomisch verwertbar ist.
Gerade darin liegt die Paradoxie: Das vermeintliche Gegenmodell zur modernen Erwerbsarbeit ist ihrerseits Teil derselben Logik. Es ersetzt nicht den Markt, sondern integriert sich in ihn. Was hier sichtbar wird, ist kein Rückzug aus der Gegenwart, sondern eine spezifische Form, in ihr erfolgreich zu sein.
3. Zwischen Stärke und Leerstelle
Was in der Manosphere als Stärke inszeniert wird, ist bei genauerem Hinsehen oft das Gegenteil. Dominanz, Kontrolle und emotionale Distanz erscheinen weniger als Ausdruck von Sicherheit, sondern als Reaktion auf deren Fehlen. Die Inszenierung von «Alpha-Männlichkeit» funktioniert wie eine Oberfläche: klar, geschlossen, unangreifbar. Gerade diese Überzeichnung verweist jedoch auf das, was darunter liegt.
Es handelt sich nicht primär um Stärke, sondern um eine Form von unverarbeiteter Verletzlichkeit. Erfahrungen von Unsicherheit, Zurückweisung oder Bedeutungsverlust werden nicht integriert, sondern überlagert, durch Leistung, durch Härte, durch Abgrenzung.
Dieses Muster ist nicht neu. In der psychologischen Forschung – etwa auch zum autoritären Charakter – wird seit Langem darauf hingewiesen, dass nicht verarbeitete Unsicherheit häufig in kompensatorische Strategien von Kontrolle und Überlegenheit übersetzt wird. Auch in der Geschlechterforschung wird betont, dass solche Überzeichnungen von Männlichkeit weniger Ausdruck von Stärke als vielmehr eine Form kompensatorischer Praxis sind (vgl. Raewyn Connell). In diesem Sinne sind viele der dort vertretenen Modelle weniger Lösungen als Strategien der Vermeidung. Sie bieten keine Bearbeitung von Unsicherheit, sondern ihre Umdeutung: Aus Verletzlichkeit wird Überlegenheit, aus Ambivalenz wird Gewissheit.
Dass diese Strategien nicht tragen, zeigt sich nicht zuletzt in der permanenten Selbstbestätigung, die sie benötigen. Wer überzeugt ist, muss nicht ununterbrochen überzeugen.
4. Ein gemeinsames Geschäftsmodell
Die Gegensätze sind inszeniert. Die Logik dahinter ist dieselbe. Sowohl die Manosphere als auch die Inszenierung von «Tradwives» bewegen sich innerhalb eines Kontextes, den Zygmunt Bauman als «flüchtige Moderne» beschrieben hat, eine Gesellschaft, in der Sicherheiten brüchig werden und Identität zur Daueraufgabe wird.
In diesem Kontext entstehen Angebote, die Orientierung versprechen. Sie reduzieren Komplexität auf klare Rollen und übersetzen offene Fragen in eindeutige Antworten. Männlichkeit wird zur Leistung, Weiblichkeit zur Anpassung. Beides lässt sich optimieren, darstellen und verkaufen.
Hier zeigt sich, was Michel Foucault analysiert hat: Die Definition dessen, was als «natürlich» gilt, ist nie neutral. Sie strukturiert Möglichkeiten, begrenzt Handlungsräume und schafft zugleich neue Formen der Verwertbarkeit. Die angebotenen Rollen sind daher nicht nur kulturelle Modelle, sondern ökonomische Produkte. Sie versprechen Orientierung, Zugehörigkeit und Bedeutung und knüpfen damit an Bedürfnisse an, die in einer unsicheren sozialen Umgebung besonders stark werden.
Was hier verhandelt wird, ist kein Kulturkampf. Es ist ein Markt, in dem Unsicherheit in Identität übersetzt und Identität in Ware verwandelt wird.
5. Wer verkauft und wer kauft
Bei aller Kritik ist eine Differenz entscheidend: zwischen denen, die diese Narrative produzieren, und denen, die sich an ihnen orientieren.
Die zentralen Akteure der Manosphere agieren nicht nur als Ideengeber, sondern als Unternehmer. Sie übersetzen Unsicherheit in Produkte: in Inhalte, Programme und Versprechen. Ihre Autorität speist sich nicht zuletzt aus ihrer Sichtbarkeit, und diese wiederum aus der Zuspitzung ihrer Aussagen.
Diejenigen hingegen, die diesen Angeboten folgen, sind in vielen Fällen nicht zynisch, sondern suchend. Sie reagieren auf Erfahrungen, die nicht zufällig sind: auf soziale Unsicherheit, auf fehlende Anerkennung, auf biografische Brüche oder auf das Gefühl, den eigenen Platz in der Gesellschaft erst finden zu müssen.
In der pädagogischen und präventiven Arbeit wird in diesem Zusammenhang häufig vom «legitimen Kern» oder einer „Pädagogik des guten Grundes“ gesprochen, also von den nachvollziehbaren Anliegen, die bestimmten problematischen Haltungen zugrunde liegen können. Dazu gehören etwa Erfahrungen von Ausgrenzung, von ökonomischem Druck, von Orientierungslosigkeit oder von fehlenden Bezugspersonen.
Ähnliche strukturelle Spannungen zeigen sich auch in Bezug auf die Inszenierung von Weiblichkeit. Für viele Frauen ist die Erfahrung einer doppelten oder sogar dreifachen Belastung durch Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Mental- und Emotional-Load alltäglich. Wenn diese Belastungen mit ungleichen Verteilungen von Ressourcen und Anerkennung einhergehen, kann die Vorstellung eines Rückzugs in klar definierte, vermeintlich «natürliche» Rollen als entlastend erscheinen. In diesem Sinne ist auch die Attraktivität von Tradwife-Inszenierungen nicht losgelöst von strukturellen Ungleichheiten zu verstehen. Sie bieten scheinbar einfache Lösungen für komplexe Probleme, die weniger in individuellen Entscheidungen als in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen begründet sind.
Aus meiner eigenen Praxis zeigt sich dabei immer wieder ein ähnliches Muster: Ideologische Angebote gewinnen insbesondere dort an Attraktivität, wo Menschen das Gefühl haben, keinen festen Platz in der Gesellschaft zu haben oder ihren eigenen Wert ständig unter Beweis stellen zu müssen.
Gerade für junge Männer können solche Konstellationen mit spezifischen Erwartungen verbunden sein, etwa der Vorstellung, für sich selbst oder für andere sorgen zu müssen, ohne über die notwendigen Ressourcen zu verfügen. In solchen Situationen kann das, was als Stärke inszeniert wird, auch als eine der wenigen verbleibenden Formen von Handlungsfähigkeit erscheinen. Der Journalist Selim Derkaoui beschreibt in diesem Zusammenhang eine Form von «muskulärem Kapital», das insbesondere in marginalisierten Kontexten an Bedeutung gewinnt, wenn andere Formen von Kapital, etwa ökonomisches, kulturelles oder soziales, schwer zugänglich sind.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Modelle, die Kontrolle, Überlegenheit und klare Hierarchien versprechen, eine solche Anziehungskraft entfalten können. Wird dieser Druck zusätzlich durch Erfahrungen von Unsicherheit, Ablehnung oder fehlender Anerkennung verstärkt, entsteht eine Leerstelle, die durch einfache, klare Angebote gefüllt werden kann. Die Manosphere liefert genau solche Angebote: eindeutige Antworten, klare Hierarchien und ein Versprechen von Kontrolle. Dass diese Versprechen häufig mit Abwertung und Entmenschlichung anderer einhergehen, bleibt dabei oft im Hintergrund.
Gleichzeitig zeigt sich eine ähnliche Dynamik auch in anderen Bereichen digitaler Selbstvermarktung. Plattformen wie OnlyFans machen deutlich, wie sehr Sichtbarkeit, Körper und Intimität zu ökonomischen Ressourcen geworden sind. Auch hier geht es weniger um einzelne Entscheidungen als um strukturelle Bedingungen, um Anerkennung, um ökonomischen Druck und um die Versprechen von Sichtbarkeit und finanzieller Teilhabe.
In diesem Sinne handelt es sich nicht um isolierte Phänomene, sondern um unterschiedliche Ausprägungen derselben Dynamik. Verkauft werden klare Rollen, einfache Antworten und die Aussicht auf Kontrolle. Gesucht werden jedoch häufig Orientierung, Anerkennung und die Hoffnung, im eigenen Leben eine Form von Stabilität zu finden.
6. Pädagogik, Prävention und Erziehung jenseits von Leistung und Rolle
Die Frage ist daher nicht, ob die angebotenen Modelle von Männlichkeit und Weiblichkeit überzeugen. Die entscheidende Frage ist, warum sie gebraucht werden.
Solange der Eindruck besteht, dass menschlicher Wert an Bedingungen geknüpft ist, an Leistung, an Anpassung, an die Erfüllung bestimmter Rollen, entsteht ein Bedarf nach Orientierung. Und wo dieser Bedarf besteht, entstehen Angebote, die ihn bedienen.
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung daher nicht darin, neue Rollenbilder zu entwerfen oder bestehende zu verteidigen. Sondern darin, die Voraussetzungen zu hinterfragen, unter denen solche Rollen überhaupt notwendig erscheinen.
Aus einer ethischen Perspektive ließe sich dies auch anders formulieren: Der Wert des Menschen ist nicht an Leistung oder Rolle gebunden, sondern ihm inhärent, er muss weder verdient noch verliehen werden. Die Herausforderung besteht weniger darin, ihn zu verdienen, als ihn anzuerkennen.
Gerade darin könnte auch eine andere Form von Männlichkeit liegen, eine, die sich nicht über Kontrolle oder Überlegenheit definiert, sondern die Fähigkeit einschließt, Unsicherheit auszuhalten und sich nicht permanent beweisen zu müssen.
Für mich stellt sich diese Frage nicht nur theoretisch, sondern ganz konkret. Als Mutter eines Sohnes geht es letztlich darum, Bedingungen zu schaffen, in denen ein Kind sich nicht erst beweisen muss, um sich als wertvoll zu erleben. Denn solange Menschen das Gefühl haben, ihren Wert verdienen zu müssen, wird es immer welche geben, die ihnen erklären, wie das zu tun ist, und die davon profitieren.
© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild
Dieser Text ist in einer kürzeren Fassung zuerst erschienen auf maenner.ch. Wir danken Ana Gjeci und maenner.ch für die Kooperation.