Mehr Zeit für Glauben und Zweifeln – Vorstellung des Zusatzkurses zu Religion, Zugehörigkeit, Gesellschaft und Zusammenleben
13. Dezember 2023 | Demokratie und Partizipation, Religion und Religiosität

Symbolbild; Bild: Faruk Kaymak/ Unsplash

Am Campus Rütli in Berlin Neukölln wurde der Zusatzkurs „Glauben und Zweifeln“ entwickelt und im Unterricht etabliert. Tobias Nolte, ehemaliger Lehrer an der Gemeinschaftsschule, stellt die Kursinhalte vor. Deutlich wird, dass der Kurs auf kritische Selbstreflexion abzielt, und nicht darauf, den eigenen Glauben anzuzweifeln.

Zentraler Auftrag von Schule ist die Erziehung zu Mündigkeit und Demokratie. Um diesem Auftrag aber gerecht zu werden, muss man sich die Bedürfnisse und Voraussetzungen der jeweiligen Schüler*innen vor Augen führen. Und man muss bereit sein, auf diese zu reagieren. Schule ist besonders gut und erfolgreich, wenn sie es schafft, sich auf die Lebenswelt ihrer Schüler*innen einzustellen. So kann sie Möglichkeiten zur individuellen Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und dessen gesellschaftlichen Einbettung bereitstellen.

Diskussionsraum schaffen: Die Einrichtung des Zusatzkurses Glauben und Zweifeln

Die Schülerschaft unserer Sekundarstufe und gymnasialen Oberstufe am Campus Rütli ist zu einem großen Teil von sozialer Benachteiligung betroffen und hat eine Migrationsgeschichte. Der Islam spielt für die meisten Jugendlichen unserer Schule eine wichtige Rolle und dient als Orientierungsrahmen für die richtige Art zu leben. Gleichzeitig ist es für viele Schüler*innen eher ungewohnt, sich differenziert und kritisch-reflexiv mit ihrer eigenen Lebenswelt auseinanderzusetzen. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Schüler*innen aufgrund ihrer Religion und Herkunft mit Diskriminierung und Abwertung konfrontiert sind. Besonders Religion wird/kann dann zu einem umso bedeutenderen Identitätsmarker werden, den es gegen Angriffe zu verteidigen gilt.

Gerade deshalb braucht es die Sicherheit einer guten Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler*in und die Gewissheit, dass der Kurs nicht auf eine einseitige Kritik von Religion, sondern auf eine vertiefte (Selbst-)Reflexion abzielt. Hierfür braucht es Zeit, die wir uns im Rahmen des Zusatzkurses Glauben und Zweifeln nehmen.

Viel zu selten gibt es in Schule die Räume, sich mit Fragen zu Religion, Identität, Integration, Geschlechterrollen, aber auch zu Verschwörungsmythen oder zur Rolle der Medien intensiver auseinanderzusetzen. Und viel zu oft schlagen diese Themen in der Schule nur dann auf, weil es bestimmte Ereignisse gegeben hat, die für Gesprächs- und Zündstoff sorgen. Doch dann werden sie nur angerissen und schnell wieder fallengelassen  – weil der Rahmenlehrplan ruft.

Wir wollen mit unseren Schüler*innen über diese Themen nicht nur reden, wenn die Nachrichtenlage es gerade unausweichlich macht und die Situation  emotional aufgeladen ist. Stattdessen wollen wir über einen Zeitraum von zwei Jahren (1. bis 4. Kurshalbjahr) einen Diskussionsraum schaffen, in dem sich Denken, Haltungen und Weltbilder auf Basis einer guten Beziehung, gegenseitigen Vertrauens und eines ehrlichen Austauschs entwickeln können. Der Zusatzkurs Glauben und Zweifeln reagiert auf das tiefe Bedürfnis unserer Schüler*innen, sich vom Ausgangspunkt ihrer Lebenswelt Gedanken über die Gesellschaft zu machen, in die sie gerade hineinwachsen. Pro Kurshalbjahr wird eine Klausur geschrieben.

1. Kurshalbjahr – Die Frage nach Erkenntnis: Was kann ich wissen?

Corona, Reichsbürger, QAnon, russische Desinformation auf Telegram oder der Nahostkonflikt auf TikTok: In den letzten Jahren wurde mehr als deutlich, wie gefährlich das Internet als Brutstätte von abstrusen Verschwörungsmythen und Desinformation sein kann. Auch unsere Schüler*innen sind hiervon betroffen, da sie sich vorwiegend über Social Media informieren und die konsumierten Inhalte nur selten kritisch hinterfragen. So entstehen leicht Vorurteile und Feindbilder. Eine Dichotomie von Gut und Böse wird erzeugt.

Hier besteht Handlungsbedarf: Die Schüler*innen wachsen in eine Welt hinein, in der es immer wichtiger ist, Falschmeldungen oder problematische Verkürzungen zu erkennen. Es braucht ein Bewusstsein für Manipulation. Und es sollten den Schüler*innen Wege eröffnet werden, sich mithilfe „besserer“ Informationsquellen – und dazu gehören nicht nur Zeitungen, sondern auch wissenschaftliche Texte – selbst ein Urteil bilden zu können. Es geht hier in entscheidendem Maße um Medienkompetenz: Welcher Quelle, welcher Nachricht kann ich trauen? Woran erkenne ich problematische, fragwürdige Inhalte?

Gleichzeitig bereitet diese Medienkompetenz die Schüler*innen auch auf die Anforderungen der fünften Prüfungskomponente im Abitur vor, in welcher sie mit möglichst verlässlichen Quellen arbeiten und diese reflektieren sollen. Gleichwohl wird wissenschaftliche Methodik nicht nur thematisiert, sondern ebenfalls einer kritischen Reflexion unterzogen.

Gelegentlich zeigten und zeigen sich bei den Schüler*innen aber auch Bezugnahmen auf als absolut gültig angesehene Wahrheiten und Autoritäten, die jedweder Diskussion oder Kritik entbehren. Das ist vor allem dann problematisch, wenn dadurch Verhaltensweisen gerechtfertigt werden, die mit den Wertvorstellungen pluralistisch-demokratischer Gesellschaften kaum zu vereinbaren sind. Auch hier besteht die Notwendigkeit der kritischen Reflexion über scheinbare Gewissheiten.

2. Kurshalbjahr – Die Frage nach Gott: Was kann ich glauben?

Ausgangspunkt der Überlegungen zum zweiten Kurshalbjahr ist die Tatsache, dass Religion im Denken und in der Lebenswelt der meisten Schüler*innen an unserer Schule eine sehr große Rolle spielt. Daran ist zunächst nichts auszusetzen. Problematisch wird dieser Stellenwert von Religion in dem Moment, wenn aus ihr Abwertungen gegenüber Andersdenkenden sowie die Vorrangstellung religiöser Gesetzgebung gegenüber staatlicher abgeleitet werden. Da der Islam für viele Schüler*innen identitätsstiftend ist und ohnehin in öffentlichen Debatten stark kritisiert wird, muss man als Lehrkraft sehr behutsam sein, damit sich die Schüler*innen bei diesem Thema nicht persönlich angegriffen fühlen. Auf der Beziehungsarbeit aus dem ersten Kurshalbjahr aufbauend steht im zweiten eine allgemeine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft an. Die Schüler*innen setzen sich mit dem historischen Konflikt zwischen Galileo Galilei und der katholischen Kirche auseinander und sehen am Beispiel des Kreationismus, dass der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft auch in der Gegenwart nicht gelöst ist. Im Anschluss beschäftigen sie sich mit der Schwierigkeit des wortwörtlichen Verständnisses von Offenbarungsschriften. Sie lernen, was man unter historisch-kritischer Lesart versteht, und beschäftigen sich mit unterschiedlichen Exegese-Traditionen des Islam. In der Folge denken die Schüler*innen über verschiedene Fragestellungen zu Religion nach: Sind Gottes Allwissenheit und de freie Wille ein Widerspruch? Wie kann ein allmächtiger und allgütiger Gott eine so ungerechte Welt erschaffen? Und wann sollen die Muslim*innen im norwegischen Tromsø ihr Fasten brechen, wenn im Sommer die Sonne nicht untergeht?

Zum Ende des Halbjahres beschäftigen sich die Schüler*innen mit der Frage nach ihrem Gottesbild. Ist es das eines strafenden und alles kontrollierenden Gottes? Oder das eines liebenden und barmherzigen? Wichtig ist, dass die Schüler*innen jederzeit die Sicherheit verspüren, dass es nicht darum geht, sie von ihrem Glauben abzubringen. Sehr schön wurde das in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung durch einen Schüler des Kurses auf den Punkt gebracht, in dessen Leben der Glaube eine große Rolle spielt: „Anfangs dachte ich, dass uns der Glauben und Zweifeln-Kurs von unserem Glauben abbringen soll. Das war schwer. Aber dann habe ich gemerkt, dass es darum geht, kritisch zu denken und andere Perspektiven kennenzulernen.“ (Süddeutsche Zeitung vom 14. November 2020). Aufgrund dieser kritischen Auseinandersetzung mit Religion und dem Glauben machen die Schüler*innen einen großen Schritt hin zu einem selbstständig denkenden, selbstbestimmten Individuum. Dieser Schritt widerspricht weder dem Glauben noch soll er ihm entgegenarbeiten.

3. Kurshalbjahr – Die Frage nach Freiheit: Wie kann ich leben und denken?

Erwachsenwerden bedeutet, sich zu verorten. Es bedeutet, herauszufinden, welche Person man sein will und wie man über die Welt denkt. Diese Identitätsfindung verläuft immer auch im Abgleich mit sozialen Gruppen, die das sich herausbildende Individuum umgeben und einen Orientierungsrahmen für die normative Erwartungshaltung des sozialen Umfeldes geben. Das gilt keineswegs nur in von Migrationsprozessen geprägten Gesellschaften. Allerdings lässt sich beobachten, dass das Spektrum der an die jungen Erwachsenen gestellten Erwartungshaltungen in solchen Gesellschaften breit ist. Die Schüler*innen oszillieren zwischen den Traditionen der Familie, den Vorgaben der Religion, dem Gefühl des Nichtdazugehörens zur Mehrheitsgesellschaft, verschiedentlichen Diskriminierungserfahrungen, den Anforderungen der Schule und den dort vermittelten Werten.

Sich dieses Spannungsfeldes bewusst zu werden und hierin eine bewusste Orientierung des eigenen Ichs auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit zu schaffen, ist Ziel des dritten Kurshalbjahres. Hierfür setzen sich die Schüler*innen zunächst mit theoretischen Grundlagen aus den Bereichen der Soziologie und Psychologie zum Komplex „Individuum und Gruppe“ auseinander. Darauf aufbauend sollen die Schüler*innen auch die Gefahren kennenlernen, die von Gruppen ausgehen können. In diesem Zusammenhang setzen sie sich mit den Dokumentationen „Kleine Germanen“ und „One of us“ auseinander, in denen es um die Befreiungsbewegung von Individuen aus repressiven Gesellschaften geht. Wichtig ist auch hier, dass bei den Schüler*innen nicht der Eindruck entsteht, dass solche Repressionen der Gruppe ein Alleinstellungsmerkmal muslimischer Gemeinschaften ist. Keineswegs sollten die sie umgebenden Gruppen ins Zentrum der Betrachtung gestellt werden. Die Schüler*innen sollten nicht in einen Loyalitätskonflikt geraten, sondern vielmehr das wiederkehrende System hinter der Auswirkung von Gruppen auf das Individuum erkennen und hinterfragen können. Im letzten Teil des Kurshalbjahres setzen sich die Schüler*innen mit den Themenkomplexen Gender und Integration auseinander. Während sie sich in Bezug auf Gender mit Auszügen aus dem Buch „Sei kein Mann“ von JJ Bola beschäftigen, lesen sie im Anschluss Passagen des Buches „Das Integrationsparadox“ des Soziologen Aladin El-Mafaalani. Wichtig ist in beiden Fällen, dass es sich um Autoren mit Migrationsgeschichte und Perspektiven handelt, die für die Schüler*innen zum einen Repräsentation und zum anderen auch Anschlussfähigkeit bedeuten. Die Schüler*innen sollen sich mit Herrschaftsansprüchen bestimmter Werte und Normen (Männlichkeit, stereotype Frauenbilder, Leitkultur etc.) beschäftigen und diese kritisch hinterfragen. Sie sollen reflektieren, welche Vorstellungen von Werten und Normen sie haben, aber auch hinterfragen, inwieweit diese von außen an sie herangetragen wurden. Zum Abschluss sollen sich die Schüler*innen mit der Frage beschäftigen, welche Normen und Werte sie für unerlässlich halten, damit eine von Diversität geprägte Gesellschaft funktioniert und für möglichst alle Menschen lebenswert ist.

4. Kurshalbjahr – Die Frage nach Gerechtigkeit: Wie wollen wir leben?

Alle vorherigen Themenfelder des Zusatzkurses Glauben und Zweifeln gipfeln im vierten Kurshalbjahr. Hier sollen sich die Schüler*innen den für sie konkreten ethischen und moralischen Fragestellungen zuwenden, mit denen sie sich als junge Erwachsene und Teile einer von Migrationsprozessen geprägten, diversen Gesellschaft  konfrontiert sehen. Im Zentrum steht die auf den Erkenntnissen des Zusatzkurses basierende Urteilskompetenz der Schüler*innen. Diese soll sie dazu befähigen, als autonom denkende Menschen zu eigenständigen Betrachtungen verschiedener Problemfragen zu gelangen, die aufgrund des eigenen lebensweltlichen Umfeldes von hoher Bedeutung für sie sind. Um den Schüler*innen theoretische Konzepte für diese Beurteilungen an die Hand zu geben, werden sie sich zunächst mit ideengeschichtlichen Prinzipien der Moralphilosophie auseinandersetzen. In einem zweiten Schritt sollen sie sich mit dem Grundgesetz und den ihm zugrundeliegenden Werten beschäftigen. Diese Grundlage für das hiesige Zusammenleben mitzudenken, ist unerlässlich, um zu begründeten Abwägungen und Urteilen zu gelangen.

Hierbei soll es um Fragestellungen gehen, die für die Schüler*innen aufgrund ihres lebensweltlichen Hintergrundes von besonderer Bedeutung sind. Wichtig ist, dass sie selbst mitbestimmen können, mit welchen Themenkomplexen sie sich zum Abschluss des Kurses auseinandersetzen wollen. Anbieten würden sich etwa die Debatten um ein Kopftuchverbot, Konzepte von Erziehung, der Umgang mit Homosexualität oder Vorstellungen von Liebe, Sexualität und Ehe. Anhand der von ihnen ausgewählten Fragestellungen sollen sich die Schüler*innen darüber bewusstwerden, welche normativen Bezugssysteme Einfluss auf ihre bisherigen Positionen haben. Sie sollen Argumente dieser unterschiedlichen Orientierungsrahmen sammeln und einander gegenüberstellen. Die Herausforderung wird sein, sich möglichst weit aus der eigenen bisherigen Vorprägung zu lösen, um zu einem auf selbstbestimmten Überlegungen basierenden Urteil zu gelangen. Den Abschluss des Zusatzkurses bildet ein Essay, den die Schüler*innen auf Grundlage eines Gedankenexperiments des Philosophen John Rawls verfassen sollen („Der Schleier des Nichtwissens“). In diesem sollen sie sich darüber Gedanken machen, wie wir in unserer Gesellschaft zusammenleben sollten.

Zum Bewertungssystem: Pro Kurshalbjahr wird eine Klausur geschrieben. Im Zentrum der Bewertung steht die mündliche Mitarbeit, zu der auch die schriftliche, argumentative Auseinandersetzung mit den behandelten Themen zählt. In Zusatzkursen kann die Klausur auch durch eine Projektarbeit ersetzt werden. Die erarbeiteten Ergebnisse werden durch die Vorlage eines schriftlichen Berichts (beispielsweise in Form von individualisierten, schriftlichen Formaten wie einem individuellen Lerntagebuch, einem Portfolio oder einem Essay) oder einer praktischen Arbeit dokumentiert und im Rahmen einer Präsentation vorgestellt.

Für Berliner Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen und Fachkräfte der Jugendbildungsarbeit wird 2024 der Zusatzkurs „Glauben und Zweifeln“ angeboten, der von März bis Juli in Berlin stattfindet. Die Anmeldung ist ab sofort möglich. Alle Infos zu den einzelnen Terminen und Themen finden Sie hier.

 

Ursprünglicher Erscheinungsort

Die erste Fassung dieses Beitrags wurde im Rahmen eines Fachbriefs der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (Nr. 40/ Januar 2021) veröffentlicht.

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Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerkes „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX).
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