„Ich wollte wissen, was junge Muslim*innen über islamische Normen, Scharia und Grundgesetz denken.“
2. September 2026 | Demokratie und Partizipation, Diversität und Diskriminierung, Religion und Religiosität

Abstrakte Illustration einer Moschee und einer Großstadtskyline; KI-generiertes Bild

Wie gehen junge Muslim*innen in Deutschland mit islamischen Normen um? Welche Bedeutung haben religiöse Vorschriften in ihrem Alltag? Mit diesen und weiteren Fragen hat sich Dr. Simone Trägner in ihrer Studie „Islamische Normen in Deutschland. Strategien und Aushandlungsprozesse junger muslimischer Erwachsener“ beschäftigt. In qualitativen Interviews hat sie junge religiöse Muslim*innen zwischen 20 und 30 Jahren befragt. Im Gespräch mit ufuq.de berichtet die Wissenschaftlerin von ihren Erkenntnissen und darüber, was diese für pädagogische Arbeit und gesamtgesellschaftliche Integrationsprozesse bedeuten.

Jochen Müller (ufuq.de):

Frau Trägner, wie sind Sie auf Ihre Fragestellung gekommen?

Simone Trägner:

Die Frage nach dem Verhältnis von islamischen und säkularen Normen wird in den letzten Jahrzehnten sowohl in gesellschaftlichen als auch in innermuslimischen Diskursen kontrovers diskutiert. Zumeist wird davon ausgegangen, dass beide in einem essenziellen Gegensatz zueinanderstehen oder gar unvereinbar miteinander sind. Aussagen wie „Muslim*innen ist die Scharia wichtiger als deutsche Gesetze“ oder „die Scharia, als vermeintlich unveränderbares Gottesgesetz, ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar“, prägen die Diskurse. Hier setzt das Erkenntnisinteresse meiner qualitativen Studie an. Ich wollte wissen, was junge muslimische Erwachsene über islamische Normen, Scharia und Grundgesetz denken: Wie gehen junge muslimische Erwachsene in Deutschland mit islamischen Normen und Normativität um? Wie rezipieren sie islamische Normen, und welche Relevanz schreiben sie ihnen für ihren Alltag zu?

Jochen Müller:

Junge Muslim*innen sind in Deutschland sehr viel mehr mit Fragen zu ihrer Religion und ihrem Religionsverständnis konfrontiert, als sie es in stärker muslimisch geprägten Gesellschaften wären. Welche Rolle spielt die nicht-muslimische Umgebung in ihren alterstypischen Orientierungsprozessen?

Simone Trägner:

Diskurse über Muslim*innen und Islam sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und in der Regel negativ konnotiert. Junge Muslim*innen wachsen damit auf, dass sie ihre Religion erklären, sich rechtfertigen oder verteidigen müssen. Diese Erfahrung wirkt sich auf ihr Religionsverständnis, ihr Verhältnis zur Gesellschaft und ihre Identität aus. Sie beeinflusst auch ihren Umgang mit und ihr Verständnis von islamischen Normen.

Die „Strategien der individuellen Relevanzmachung von islamischen Normen“, die ich in meiner Studie herausgearbeitet habe, verdeutlichen, wie stark junge Muslim*innen auf ihre Umgebung – nicht-muslimisch, aber auch muslimisch – reagieren. Der eigene Lebenskontext und biographische Erfahrungen, insbesondere Diskriminierungen und ein Gefühl des Nicht-Dazugehörens, sind unter anderem ausschlaggebend dafür, dass sich meine Interviewpartner*innen intensiver mit islamischen Normen auseinandersetzen (müssen).

Themen wie Geschlechtertrennung, Hijab, Menschenrechte oder Scharia, die auch öffentlich breit diskutiert werden, stehen dabei im Fokus – unabhängig davon, ob die Themen für sie selbst relevant sind. Das führt einerseits zu Überforderung und Frust, bietet ihnen andererseits aber auch die Möglichkeit, eine eigene Haltung zu islamischen Normen und deren Relevanz für sich selbst zu entwickeln.

Jochen Müller:

Was sind denn eigentlich „islamische Normen“? Und welche spielen im Alltag ihrer Interviewpartner*innen eine wichtige Rolle?

Simone Trägner:

Islamische Normen (ḥukm/aḥkām) sind Regeln, die von Rechtsgelehrten anhand einer Rechtsmethodik aus religiösen Quellen abgeleitet werden und einen religiös-normativen Charakter besitzen. Sie können zwischenmenschliche Beziehungen, das Verhältnis des Menschen zu Gott und in geringerem Maße auch Strafrechtsnormen betreffen.

Für meine Interviewpartner*innen spielen insbesondere Normen der Ritualpraxis, bzw. solche, die ihr alltägliches Leben betreffen, eine große Rolle: etwa wie sich das Fasten oder das fünfmalige Gebet am Tag mit ihrer Arbeit vereinbaren lassen, welches Fleisch als halal betrachtet werden kann oder welche Relevanz das Tragen eines Kopftuches für den eigenen Lebenskontext hat. Daneben betonen sie die Bedeutung von Normen, die den zwischenmenschlichen Umgang betreffen, also ethische und moralische Normen. Gerecht zu handeln, hilfsbereit und tolerant zu sein, andere zu respektieren, wird besonders hervorgehoben. Diese werden einerseits religiös begründet, andererseits als gesellschaftliche Normen betrachtet, die allgemein gültig sind.

Auffällig ist, dass diese ethischen Normen in direktem Bezug zum eigenen Erfahrungshorizont meiner Interviewpartner*innen stehen – insbesondere zu Diskriminierungserfahrungen und dem Empfinden, nicht gerecht behandelt und nicht als Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Jochen Müller:

Sind nicht Menschenrechte und zentrale Normen in der demokratischen Gesellschaft mehr oder weniger identisch mit denen, die religiös (hier: islamisch) begründet werden? Wo entstehen Widersprüche?

Simone Trägner:

Genau das sagen meine Interviewpartner*innen: Diese Normen sind für sie universell und letztlich kann sich nur die Herleitung beziehungsweise Begründung unterscheiden.  Eine*r meiner Interviewpartner*innen wirft dabei die Frage auf, ob das „Labeln“ von Normen als islamisch überhaupt notwendig ist.

Was jedoch auch deutlich wird: Durch die Betonung der Anerkennung dieser Normen versuchen die Befragten, ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft zu bekräftigen. Es ist der Versuch, das vermeintliche Anders- oder Fremdsein als muslimisch gelesene Person zu nivellieren, um als Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Nichtsdestotrotz ist das Verständnis davon, was diese Normen im Alltag konkret bedeuten, unterschiedlich oder bleibt vage. Bei Fragen der Geschlechtergerechtigkeit wird dies besonders deutlich: Was bedeutet die Gleichheit der Geschlechter im Alltag und in religiösen Kontexten konkret?

Jochen Müller:

Wie gehen Ihre Interviewpartner*innen mit solchen Widersprüchen um? Welche Rolle spielen dabei äußere Autoritäten und welche Rolle das eigene Gewissen?

Simone Trägner:

Meine Interviewpartner*innen setzen sich kritisch mit islamischen Normen auseinander. Normen müssen für sie stimmig sein – im Hinblick auf ihr eigenes Religionsverständnis und ihren Lebenskontext, aber auch in Bezug auf ihre eigenen Werte, Haltungen und ihr Gewissen.

In ihren verschiedenen Strategien der Relevanzmachung werden Normen kontextualisiert, ihnen wird eine Funktion zugeschrieben, sie werden personalisiert oder dienen der eigenen Positionierung gegenüber der Gesellschaft und muslimischen Communities. Diese Strategien können als Ressourcen verstanden werden, um mit empfundenen Spannungen zwischen Normen einen Umgang zu finden und eine Passung zur eigenen Lebenswirklichkeit herzustellen.

Beispielhaft zeigt sich das an islamischen Strafrechtsnormen, die in gesellschaftlichen Debatten oft als Beleg dafür dienen, dass islamische Normen grundsätzlich nicht in unsere Gesellschaft passen. Dabei sind sie auch unter muslimischen Rechtsgelehrten umstritten, und ihre Anwendung in der Vormoderne ist kaum belegt. Für meine Interviewpartner*innen haben sie im Alltag keine Bedeutung. Sie lehnen eine Beschäftigung damit ab oder setzen sich theoretisch mit ihnen auseinander, eignen sich Wissen an, holen Rat ein und diskutieren sie mit anderen. Durch historische und/oder geografische Kontextualisierung stellen sie ihre Relevanz für die Gegenwart infrage oder weisen sie zurück.

Das eigene Gewissen als innere Autorität ergänzt dabei externe Autoritäten wie Gelehrte, Familie, Freunde und Peer Groups. Durch diese individuellen Reflexionsprozesse erweitern sich die Spielräume bei der Deutung von islamischen Normen und deren Flexibilität wird sichtbar. Darüber hinaus findet bei meinen Interviewpartner*innen eine Selbstermächtigung in Bezug auf die Relevanz islamischer Normen statt.

Jochen Müller:

Ihre Interviewpartner*innen haben alle einen akademischen Werdegang und sind durch ihren Bildungsweg mehr oder weniger privilegiert. Wie weit lassen sich Ihre Ergebnisse auf junge Muslim*innen aus anderen sozialen Kontexten – mit anderen oder ohne Bildungsabschlüsse – übertragen?

Simone Trägner:

Diskriminierungserfahrungen erleben junge Muslim*innen unabhängig von ihrem Bildungsabschluss, ihrem sozialen Status oder dem Milieu, aus dem sie kommen, wie bei meinen Interviewpartner*innen deutlich zu sehen ist. Die gläserne Decke existiert weiterhin und muslimisch gelesene Personen haben es immer noch schwer im Studium, im Beruf, bei der Wohnungssuche usw. Allerdings – und das mag ein Unterschied sein – hat die von mir untersuchte Gruppe aufgrund ihres sozialen Status mehr Möglichkeiten, auf Diskriminierungserfahrungen proaktiv zu reagieren, so wie sie es auch auf Diskurse zu islamischen Normen tun.

Um zu erfahren, wie andere Gruppen mit islamischen Normen umgehen, bedarf es Vergleichsstudien, die an meinen Erkenntnissen anknüpfen und diese überprüfen.

Jochen Müller:

Was folgt daraus für gesellschaftliche Debatten und für die pädagogische Praxis? Wie könnten junge Erwachsene, die sich selbst als mehr oder weniger muslimisch wahrnehmen, bei ihren Orientierungsprozessen unterstützt werden?

Simone Trägner:

Was wir an meinen Studienergebnissen sehen, ist, dass der Umgang mit islamischen Normen im Diskurs und in der Interaktion entsteht. Der Lebenskontext und gesellschaftliche Diskurse stehen in Wechselwirkung mit der Deutung und Relevanz von Normen. Die Art, wie wir über Islam und Muslim*innen reden, hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie junge Muslim*innen sich zu islamischen Normen verhalten und diese verstehen.

Ausgrenzende und stigmatisierende Debatten bringen uns als Gesellschaft nicht weiter. Wir – und damit meine ich die Gesellschaft und die muslimischen Communities – sollten jungen Muslim*innen den Raum geben, sich kritisch mit notwendigen Diskursen wie Geschlechtergerechtigkeit oder Menschenrechten auseinanderzusetzen, ohne ihnen allein aufgrund ihres Muslimseins eine bestimmte Haltung zuzuschreiben. Andernfalls fördern wir das Gefühl der Ablehnung, das im schlimmsten Fall mit einer Abkehr von der Gesellschaft und der Hinwendung zu einem radikalen Verständnis von religiösen Normen einhergehen kann. Diskurse sollten daher differenzierter und lösungsorientierter geführt werden, und muslimische Communities sollten diese Diskurse unbedingt selbstkritisch mitgestalten. Dabei dürfen Themen wie Radikalisierung und Muslimfeindlichkeit nicht ausgespart werden.

Junge Muslim*innen sollten dabei unterstützt werden, ihren individuellen Weg zu finden. Dies geht nur, wenn sie nicht unter Generalverdacht gestellt werden und sich nicht fortlaufend rechtfertigen oder erklären müssen. Letztlich geht es darum, die heterogenen Lebensrealitäten von Muslim*innen wahrzunehmen und sie als gestaltenden und integralen Teil der Gesellschaft anzuerkennen. Nur so ist ein gelingendes gesellschaftliches Miteinander möglich.

Jochen Müller:

Was wäre die für Sie wichtigste Botschaft, die Sie aus Ihren Gesprächen mit jungen Muslim*innen in Deutschland ableiten?

Simone Trägner:

Meine Interviewpartner*innen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie sind engagiert und gebildet, verstehen sich als Teil der Gesellschaft und als muslimisch. Ihr Umgang mit islamischen Normen ist dabei sehr individuell. Ich wünsche mir, dass wir sie als das wahrnehmen, was sie sind: Individuen mit unterschiedlichen Einstellungen, Erfahrungen und Perspektiven, die sie in die bestehenden Diskurse einbringen können, ohne auf eine stereotype muslimische Identität reduziert zu werden. Das könnte erheblich zu konstruktiveren Diskursen beitragen und die Vielfalt muslimischen Lebens in Deutschland sichtbarer machen.

© Bildnachweis: mit Midjourney generiertes Bild

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