
Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit im Schulalltag: Wie können Lehrkräfte in solchen Momenten angemessen reagieren? Ramses Oueslati skizziert konkrete Handlungsoptionen für Lehrkräfte und Pädagog*innen.
Bundesweit berichteten zuletzt viele Schulen über sexualisierte Gewalt, zunehmende Homo- und Transfeindlichkeit oder übersteigerte Formen von Männlichkeit bei Schüler*innen. Viele Lehrer*innen beschreiben dies unter anderem als Folge der übermäßigen Nutzung von Social Media in den Zeiten der Corona-Lockdowns. Im öffentlichen Diskurs werden demgegenüber oft vermeintlich kultur- und religionsbedingte patriarchale Einstellungen muslimischer Jugendlicher in den Mittelpunkt gestellt. Jenseits der Frage nach den Ursachen müssen aber Lehrer*innen und pädagogische Fachkräfte oft sehr schnell reagieren, wenn sie mit sexistischen und LGBTIQ+-feindlichen Positionen und Verhaltensweisen konfrontiert sind. Im Folgenden skizziert Ramses Queslati, Lehrer und Mitarbeiter im Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung in Schulen in Hamburg sowie Mitglied im Beirat von KN:IX connect, verschiedene Optionen für Reaktions- und Handlungsweisen von Lehrenden in solchen Situationen.
Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist eine Szene im Unterricht einer 5. Klasse: In einem Arbeitsblatt zum Thema „Kinder der Welt“ [1] ging es um einen bi- oder homosexuellen Vater, der sich von seiner Frau scheiden ließ und nun mit einem Mann zusammenlebte. Im Unterrichtsgespräch reagierte ein Kind spontan und sehr emotional: „Wenn mein Sohn gay wird, ich schlag‘ ihn und verstoße ihn!“ Einige Schüler*innen stimmten ihm zu. Andere sagten, es müsse doch jede oder jeder selbst wissen und der Schüler solle nicht so herumschreien…
Wie kann die Lehrkraft auf den Ausruf eines 11-jährigen reagieren? Das Spektrum zwischen eher konfrontierenden bis hin zu eher nachfragenden Reaktionen ist breit. Eine Reihe unterschiedlicher Reaktionsmuster lässt sich exemplarisch anhand unterschiedlicher Beispielsätze benennen und illustrieren:
Sachlich: „Bi- oder Homosexualität ist keine Krankheit. Man sucht sich das nicht aus.“
Menschenrechtlich: „Gewalt ist nie in Ordnung!“
(Die Würde jedes Menschen wird verletzt, wenn ihm Gewalt angedroht und angetan wird oder die Person beleidigt und ausgeschlossen wird.)
Empathiefördernd: „Was würdest du tun, wenn dein geliebter Papa mit einem Mann zusammenleben würde? Was würde das ändern? Liebt er dich nicht genauso wie früher?“
Sensibilisierend: „Bitte sprich respektvoll, wenn du deine Meinung oder etwas Kritisches über andere Menschen äußern möchtest!“
Schutz von Betroffenen: „Wenn du es gerade nicht schaffst, dich an unsere Regeln zu halten, kannst du auch kurz raus gehen und dann wieder reinkommen. Wir sprechen später dann zu zweit nochmal darüber.“
Empowernd: „Welche Meinungen gibt es noch in der Klasse?“
Demokratisch: „Du musst das ja nicht toll und richtig finden – aber du darfst andere nicht beleidigen oder bedrohen.“
(Eine konservative Ablehnung von LGBTQI+ vor dem Hintergrund eines heteronormativen Familien- und Geschlechterbildes ist laut Grundgesetz und Beutelsbacher Konsens demokratisch gedeckt, wenn die Äußerungen nicht abwertend, feindlich oder sexistisch sind.)
Religiös: „Nicht du, sondern Gott entscheidet ja letztendlich, was Sünde ist und was nicht. Ich kenne Menschen, die schwul und sehr religiös sind.“
(Allerdings behaupten Jugendliche oft, dass Homosexuelle eben keine „richtigen“ Muslime seien.)
Persönlich: „Einige Lehrkräfte an der Schule sind schwul und haben Kinder. Du weißt nicht, ob auch ich vielleicht bi oder schwul bin….“
Disziplinarisch: Setzt der Schüler sein feindseliges Verhalten fort, müssen die Eltern einbezogen werden.
(Falls diese ähnliche Einstellungen vertreten sollten wie ihr Kind, sollte ihnen dargelegt werden, dass unterschiedliches Verständnis von Religion und Ethik im Zusammenleben natürlich möglich ist, Abwertungen und Feindseligkeiten aber die Menschenwürde verletzen und nicht toleriert werden.)
Diese weitestgehend unkommentierte Aufzählung möglicher Handlungsweisen ist bei weitem nicht vollzählig. Sich aber solche und andere Optionen einmal vor Augen zu führen und zu vergegenwärtigen, kann die Aufmerksamkeit von Lehrkräften schärfen und Orientierung bieten. Klarheit darüber, ob eine eher konfrontierende und ggf. repressive oder eine eher nachfragende und gesprächsorientierte Haltung angemessen ist, gibt die Liste nicht, denn jede Situation ist je nach beteiligten Personen, nach Dynamik und im jeweiligen Kontext anders und spezifisch. Vor diesem Hintergrund gibt es wohl keine „richtigen“ oder „falschen“ Reaktionen – nur mehr oder weniger gelingende. Ziel wäre es, jeweils in ein Gespräch zu kommen, in dem „problematische“ Einstellungen irritiert werden und sich mögliche Betroffene in der Gruppe sicher und geschützt fühlen. Aber immer gilt: Gehandelt werden muss.
[1] Arbeitsblatt: Kinder in Deutschland – Kinderportrait Hamburg – Eimsbüttel; und Unterrichtsreihe „Kinder der Welt“: https://li.hamburg.de/qualitaetsentwicklung-von-unterricht-und-schule/beratungsstellen/praevention-von-radikalisierung/standhalten-gesellschaftswissenschaften-662190; aus: Michalski/Oueslati (Hg.): standhalten. Rassismuskritische Unterrichtsmaterialien und Didaktik, Hamburg 2019.
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