Interview: „Grauzonen des Islamismus? Neue Akteur*innen in sozialen Medien“
24. Januar 2024 | Jugendkulturen und Soziale Medien, Radikalisierung und Prävention

Symbolbild; Bild: Solen Feyissa/Unsplash

In dieser Analyse beschäftigt sich Heiner Vogel mit vier reichweitenstarken Akteur*innen auf YouTube und TikTok, welche sich aufgrund ihrer problematischen Inhalte und islamistischer Versatzstücke einer Grauzone des Islamismus zurechnen lassen. Ziel der Analyse ist es, Praktiker*innen der Präventionsarbeit für problematische Inhalte und Akteur*innen zu sensibilisieren und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Im Kurzinterview mit ufuq.de erläutert der Autor den Begriff der Grauzone sowie dessen Potenziale und Gefahren im Kontext von Islamismus.

 

Fatima El Sayed (ufuq.de):

Was umschreibt der Begriff der Grauzone und inwiefern lässt sich dieser für den Phänomenbereich Islamismus verwenden?

Heiner Vogel:

Der Begriff der Grauzone beschreibt Bereiche oder Situationen, in denen die Unterscheidung zwischen verschiedenen Handlungen, Positionen oder Zuständen nicht klar oder einfach zu bestimmen ist. Häufig taucht der Begriff im Zusammenhang mit juristischen oder ethischen Fragestellungen auf. In Bezug auf den Phänomenbereich Islamismus kann der Begriff dazu dienen, Unsicherheiten bei der Einordnung von Akteur*innen und deren Aktivitäten im Internet deutlich zu machen und eindeutige Zuschreibungen zu vermeiden. Im Internet sind viele Menschen aktiv und äußern ihre Meinungen und Haltungen. Diese können auch demokratiefeindliche oder antipluralistische Narrative enthalten. Das muss aber nicht bedeuten, dass es sich um organisierte Extremist*innen bzw. Islamist*innen handelt. Provokationen und Polarisierungen im Rahmen der multimedialen Aufmerksamkeitsökonomie sind heute stark verbreitet.

Fatima El Sayed (ufuq.de):

Weshalb ist der Begriff wichtig? Welches Potenzial und welche Gefahren birgt seine Verwendung?

Heiner Vogel:

Als Arbeitsbegriff kann er dazu dienen, Eventualitäten bei der Einordnung von komplexen Sachverhalten stärker zu berücksichtigen. Vor allem beim Thema Islamismus kann es durch Beobachter*innen vorschnell zu problematisierenden Zuschreibungen gegenüber Personen oder Gruppen kommen, die diesen möglicherweise nicht gerecht werden. Im Bereich der Islamismusprävention müssen sich Fachkräfte mit unterschiedlichen Ideologien und Positionen auseinandersetzen, die auch ambivalent sein können, situativ sind oder sich im Laufe der Zeit verändern. Insofern kann der Grauzonen-Begriff auch dabei helfen, auf diese Unsicherheiten aufmerksam zu machen, Widersprüchlichkeiten zu konkretisieren und sich genauer mit Personen und Inhalten auseinanderzusetzen. Allerdings kann der Begriff auch als wertende und damit problematisierende Zuschreibung wahrgenommen werden.

Fatima El Sayed (ufuq.de):

Lässt sich auch in Bezug auf andere demokratiegefährdende Ideologien, wie etwa den Rechtsextremismus, von Grauzonen sprechen?

Heiner Vogel:

Sicherlich lassen sich auch im Bereich anderer Phänomenbereiche bestimmte Akteur*innen und ihre Inhalte einer Grauzone zuordnen. Letzteres bildet aber keinen Oberbegriff für einen eigenen Phänomenbereich. Akteur*innen und Inhalte müssen immer individuell betrachtet werden. Gegenwärtige Debatten über die Einordnung von Bewegungen, Politiker*innen und Parteien zu bestimmten Phänomenbereichen wie dem Rechtsextremismus spiegeln die Unsicherheiten solcher Zuschreibungen wider. Durch „Mainstreamisierung“ bestimmter Meinungen oder Sprachregelungen können allerdings Grenzen verschwimmen, wodurch es schwieriger wird, eindeutige Zuordnungen vorzunehmen.

Die KN:IX-Analysen erfassen aktuelle Entwicklungen und Handlungsbedarfe im Phänomenbereich „Islamistischer Extremismus” und bieten praktische Ansätze und Empfehlungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis.

 

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Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerkes „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX).
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