Ersetzt politische Bildung Extremismusprävention? Die neue Folge unseres Podcasts KN:IX talks
18. Januar 2023 | Jugendkulturen und Soziale Medien, Radikalisierung und Prävention
Symbolbild; Bild: Marjan Blan/unsplash

Rechtsextremismus, Islamismus, Antisemitismus, Antifeminismus – verschiedene gesellschaftliche Phänomene, die oft auch mit unterschiedlichen Präventionsansätzen einhergehen. Welche Ansätze universeller Extremismusprävention existieren? Stehen sie mit politischer Bildungsarbeit in Konkurrenz? Wissenschaftlerin Sina Marie Nietz, Autorin unserer neuen KN:IX-Analyse, meint: Nein, sie können sich gegenseitig befruchten.


Das Kompetenznetzwerk „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX) ist ein Bündnis der drei Träger Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx)Violence Prevention Network sowie ufuq.de. Gemeinsam wurde der Podcast KN:IX talks 2021 ins Leben gerufen, um unterschiedlichen Fragen der Präventions- und Distanzierungsarbeit in Deutschland und international Raum zu geben. In verschiedenen Staffeln zu einem Oberthema interviewt KN:IX verschiedene interessante Akteur*innen und Expert*innen der Präventionsarbeit. Zuhörer*innen erhalten in den bis zu 45-minütigen Folgen vielfältige Praxiseinblicke in diverse Bereiche der Islamismusprävention sowie deren Methoden und Ansätze. Für ufuq.de verantwortet Thy Le den Podcast.

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Transkription der Folge

(Musik leise im Hintergrund)

Sina Marie Nietz:

Es sind in der Praxis auch häufig Akteur*innen, die in der politischen Bildung verankert werden können, die eben Extremismusprävention auch betreiben. Die Grenzen sind da fließend und ich glaube, es ersetzt auf keinen Fall das eine das andere. Sondern es geht eher darum: Wie können diese Bereiche möglichst gut ineinandergreifen, um wirksam zu werden?

(Intro KN:IX talks)

Thy Le (KN:IX/ufuq.de):

Hallo und herzlich willkommen zur zwölften Folge von KN:IX talks. Schön, dass Sie zum ersten Mal oder wieder eingeschaltet haben. Mein Name ist Thy Le. Das Oberthema der vierten KN:IX talks-Staffel lautet ja „phänomenübergreifende Arbeit“. Und haben Sie schon die zehnte Folge „Brückennarrative, Extremismus und die ‚Mitte der Gesellschaft‘“ gehört? Wenn nicht, dann lade ich Sie herzlich dazu ein. Denn diese Folge hier baut auf ihr auf und legt den Fokus auf Islamismus und Rechtsextremismus, bzw. den Folgen für den Bereich der universellen Prävention und Offenen Kinder- und Jugendarbeit.

Blicken wir mal in die Anfänge der 2000er Jahre zurück: Zu dem Zeitpunkt begann im großen Stil die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und in den Folgejahren auch mit dessen Wechselwirkungen. Bevor viele zivilgesellschaftliche Träger zur Islamismusprävention übergegangen sind, waren sie im Bereich der Rechtsextremismusprävention aktiv, wie z.B. bei Cultures Interactive.

Ein anderes prominentes Beispiel in der politischen Bildung wäre das bundesweit aktive Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Dementsprechend wird auch die Arbeit durch die Vorerfahrungen mit Rechtsextremismus geprägt. Phänomenübergreifende Ansätze finden, wie Manuela Freiheit in der zehnten KN:IX talks-Folge sagt, insbesondere in der universellen Prävention Anwendung.

Aber sind Methoden und Ansätze eines Phänomens auf andere Arbeitsbereiche übertragbar? Wie ist es mit Rechtsextremismus und Islamismus? Vielleicht kann mir die Politikwissenschaftlerin Sina Marie Nietz Rede und Antwort stehen… Hallo, herzlich willkommen! Schön, dich in der Hauptstadt zu wissen.

Sina Marie Nietz:

Ich freue mich, hier zu sein.

Thy Le:

Sina Marie Nietz ist Doktorandin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. In ihrer Dissertation setzt sie sich mit einer Ursachenanalyse für das Erstarken des Rechtspopulismus und Ansatzpunkten für die politische Bildung auseinander. Von unserer Gästin dürfen Sie in Kürze eine KN:IX-Analyse erwarten. Wenn Sie die Veröffentlichung nicht verpassen wollen, sollten Sie einen unserer Kanäle abonnieren. Links dazu finden Sie in den Shownotes.

Mein Eindruck ist, dass der Begriff „phänomenübergreifend“ Konjunktur hat, womit ja auch noch lange nicht gesagt ist, dass alle Praktiker*innen dasselbe meinen. Aber was bedeutet denn für dich in knapper Ausführung phänomenübergreifende Arbeit?

Sina Marie Nietz:

Für mich bedeutet phänomenübergreifende Extremismusprävention zunächst einmal, dass ganz einfach nicht ein spezifischer Phänomenbereich, also bspw. Rechtsextremismus oder islamistisch motivierter Extremismus betrachtet und thematisiert wird, sondern dass man verschiedene Phänomenbereiche, also extremistische Ideologien betrachtet, thematisiert und vor allem auch die Überschneidungen und Gemeinsamkeiten, also geteilte Narrative oder geteilte Mobilisierungsstrategien, in den Fokus rückt.

Thy Le:

Wenn wir uns mal jetzt Rechtsextremismus und Islamismus zuwenden: Rechtsextremismus denke ich hier als Ideologie, die Privilegien der Mehrheitsgesellschaft verteidigen möchte und dabei andere Menschengruppen abwertet. Islamismus in Deutschland hingegen als eine Ideologie, die sich an Nicht-Privilegierte richtet. Worin bestehen für dich die prägnantesten Unterschiede zwischen diesen beiden Ideologien?

Sina Marie Nietz:

Ich würde sagen, die Unterschiede beginnen bereits in der Mobilisierung, also bei den Faktoren, die eine Hinwendung zu einer extremistischen Szene oder zu einer extremistischen Ideologie wahrscheinlicher machen. Im Rechtsextremismus sind das tendenziell, wenn man sich die Biografien anguckt, eher Ausgrenzungserfahrungen, wohingegen im islamistischen Extremismus häufiger Diskriminierungserfahrungen eine Rolle spielen. Beides kann in ganz unterschiedlichen Kontexten passieren. Eine große Rolle spielen dabei bereits Erfahrungen in Bildungseinrichtungen, bspw. in der Schule. Man muss aber auch dazu sagen, dass diese Radikalisierungsverläufe immer sehr individuell sind und dass auch die Forschung, die Erfassung von diesen biografischen Verläufen, immer die individuellen Verläufe erfasst und man dann versucht, gerade durch eine phänomenübergreifende Perspektive Gemeinsamkeiten daraus abzuleiten. Das heißt, dass  Diskriminierungs- bzw. Ausgrenzungserfahrungen ein Faktor sein können, der eine Radikalisierung wahrscheinlicher macht, aber dass es nicht gegeben sein muss.

Und bezüglich der Ideologie selbst würde ich sagen, dass es in den Narrativen bzw. in der grundsätzlichen Konstruktion eigentlich viele Gemeinsamkeiten gibt. Es geht immer um die Konstruktion einer „Ingroup“, der ich mich zugehörig fühle, in Abgrenzung zu einer Gruppe. Dadurch erhalte ich ein Identifikationsangebot. Wie diese Gruppe allerdings konstruiert wird, das unterscheidet sich natürlich sehr stark im islamistischen Extremismus und im Rechtsextremismus, weil wir im Rechtsextremismus vor allem diese Bezugsgröße der Nation haben, wohingegen im islamistischen Extremismus eben eine religiöse Begründung im Vordergrund steht.

Thy Le:

In deiner bald erscheinenden KN:IX-Analyse sprichst du von „identitärem Aktivismus“. Es lässt sich ein Erstarken sowohl des deutschnationalen Aktivismus als auch des „islamistischen Aktivismus“ von Realität Islam etc. beobachten. Kannst du die Zuhörer*innen abholen und erklären, was du jeweils mit „identitärem Aktivismus“ und „islamistischem Aktivismus“ meinst?

Sina Marie Nietz:

Mit „identitärem Aktivismus“ meine ich, dass es einen starken Bezug auf die nationale bzw. die religiöse Identität gibt und dass der Schutz dieser Identität durch eine vermeintliche Bedrohung von außen zum obersten Ziel dieser Bewegungen und des Aktivismus erhoben wird. Im deutschen Kontext der rechtsextremistischen Szene ist da in den letzten Jahren vor allem die Identitäre Bewegung, die das sogar in ihren Namen aufgenommen hat, sehr präsent gewesen.

Die Identitäre Bewegung propagiert einen Ethnopluralismus. Bei dem geht es ganz stark darum, dass es zwar prinzipiell in Ordnung ist, wenn verschiedene Kulturen nebeneinander existieren, dass diese aber nicht per se für ein Zusammenleben geeignet sind und darum geografisch getrennt bleiben sollten, um eine vermeintliche Vermischung dieser Kulturen zu vermeiden. Mit dieser Argumentation weisen sie häufig Rassismusvorwürfe zurück. Die Krux daran ist: Es ist eine Form von Rassismus. Das ist eben kein biologistischer Rassismus mehr, es ist ein kulturalistischer Rassismus. Und in diesem Kontext wird dann die kulturelle Identität, die an den Nationalstaat oder an die Herkunft geknüpft ist, sehr hochgehoben und als bedroht konstruiert – durch Migration oder Zuwanderung bzw. eine vermeintliche Vermischung von Kulturen.

Im islamistischen Extremismus geht es dann eher um die religiöse Identität, dass gesagt wird, dass Muslim*innen ihre Identität nicht ausleben können, weil es einen Assimilationszwang durch die westliche Kultur geben würde, durch verschiedene Einflüsse der Globalisierung, dass die Gefahr bestünde, dass die Religion dadurch nicht ausgelebt werden kann.

Thy Le: 

In welchem Verhältnis stehen die beiden Phänomene?

Sina Marie Nietz:

Sie bedingen sich wechselseitig, es gibt gewisse Interdependenzen. Da spricht man dann auch von einer Art Co-Radikalisierung. Wenn terroristische Anschläge, sowohl rechtsextremistisch-motivierte Anschläge als auch islamistisch-motivierte Anschläge, in der Öffentlichkeit sehr präsent sind, dann wird das natürlich von den jeweiligen Gruppierungen intensiv genutzt, gerade auch über ihre Social Media-Kanäle und verschiedene Kommunikationsstrategien, um das für die Konstruktion von Bedrohungsszenarien zu instrumentalisieren. Es heißt dann, dass die vermeintlich abendländische Kultur bedroht sei. Ein anderes Beispiel sind die Diskussionen um den Bau von Minaretten oder Moscheen, die sehr stark instrumentalisiert werden, um zu zeigen: „Hier, das ist nicht Teil unserer vermeintlichen Identität.“ Wie gesagt, Kultur und Identität werden hier als etwas Statisches, als essentialistisch begriffen, als etwas, das auch nicht im Wandel ist, sondern irgendwie vermeintlich greifbar wäre, was es ja niemals ist.

Thy Le:  

Welche Erklärung gibt es für den vermehrten Bezug auf den Nationalstaat?

Sina Marie Nietz:

Ich würde nicht sagen, dass sich vermehrt auf den Nationalstaat bezogen wird. Nationalismus ist eine der wirkmächtigsten Ideologien überhaupt. Benedict Anderson spricht von „imaginierten Communities“. Er sagt: Das Faszinierende an dieser nationalstaatlichen Konstruktion ist, dass man sich als Teil einer Gruppierung fühlt, zu der man sich auch zugehörig fühlt, obwohl man die allermeisten dieser Gruppe niemals treffen wird oder nicht mal von deren Existenz erfahren wird. Aber durch solche Dinge wie Mythen, Erzählungen, Märchen, Hymnen wird eine vermeintliche nationalstaatliche Identität konstruiert. Und das ist eine ganz wirkmächtige Ideologie, für die Menschen schon seit Jahrhunderten in den Krieg ziehen und letztendlich ihr Leben riskieren.

Thy Le:  

Quasi: „Wer gehört zu meiner Gruppe, wen stelle ich mir da zugehörig vor?“

Sina Marie Nietz:

Genau. Das funktioniert dann eben über solche Narrative, über Erzählungen, auch viele historische Erzählungen. Das stiftet eine vermeintliche Zugehörigkeit. Ich würde sagen, das Neue am „identitären Aktivismus“ ist eben nicht der Bezug auf den Nationalstaat, sondern die veränderte Form des Auftretens. Gerade die Identitäre Bewegung präsentiert sich als unheimlich jung und dynamisch. Sie versuchen, sich als progressiv darzustellen. Sie ist auch ein Teil der Neuen Rechten, die sich durch einen sehr intellektuellen Gestus auszeichnet und versucht, sich  von der Vorstellung, die man von rechtsextremistischen Szenen hat, zu befreien. Obwohl sie auf gleiche Narrative zurückgreifen und diese nur anders umdeuten. Das wäre dann der Punkt, dass aus einem biologistischen Rassismus ein kulturalistischer Rassismus geworden ist.

Thy Le:

Bestehen Gemeinsamkeiten zwischen deutschnationalem Aktivismus und islamistischem Aktivismus?

Sina Marie Nietz:

Definitiv. Das macht genau die phänomenübergreifende Perspektive aus: Man fokussiert sich weniger auf die Inhalte, sondern stärker auf Mobilisierungsstrategien. Die neuen Formen identitären Aktivismus, die versuchen, sich als sehr jung und dynamisch zu präsentieren, greifen häufig auf Social Media zurück. Das wäre eine Gemeinsamkeit: eine intensive Nutzung verschiedener Gruppierungen aus den entsprechenden Spektren von Social Media, die Inszenierung von popkulturellen oder jugendkulturellen Elementen, das Aufgreifen von Elementen aus Filmen, aus Videospielen…

Es gibt aber auch darüber hinaus grundlegende  Gemeinsamkeiten. Und das ist die Konstruktion eines Feindes. Es braucht immer ein Feindbild. Dieses Feindbild kann sogar unter Umständen ein geteiltes Feindbild sein. Das sehen wir bei antisemitischen Verschwörungsideologien, die tatsächlich sowohl im Rechtsextremismus als auch im Islamismus geteilt werden, die dann sogar zu kurzzeitigen Querfronten führen können, obwohl das eigentlich zwei Phänomenbereiche sind, die sich entgegenstehen bzw. sich als Feinde verstehen. Durch so ein geteiltes Feindbild können da kurzzeitig Synergien entstehen.

Thy Le:

Ist es nicht absurd, dass Allianzen entstehen?

Sina Marie Nietz:

Es gibt ja nicht den Rechtsextremismus oder den Islamismus. Aber ich würde da eine Doppelrolle sehen, also als Feind und Verbündete*r gleichzeitig. Und das ist natürlich schon paradox. Aber es geht hier nicht um eine tatsächliche Gemeinsamkeit, dass dadurch dann das Feindbild dekonstruiert wird, sondern wirklich nur zu temporären Zwecken.

(Musik)

Thy Le:

Was unterscheidet phänomenübergreifende Ansätze von politischer Bildung? Sollen sie sie ersetzen?

Sina Marie Nietz:

Ich würde sagen, dass das erst mal in der Praxis gar nicht so einfach voneinander abzugrenzen ist. Die Grenzen sind da fließend bzw. es kann sich auch gegenseitig beinhalten. Was ich damit meine, ist, politische Bildung ist ja ein sehr weites Feld. Politische Bildung, die bspw. im Bereich der Demokratiebildung verankert werden kann, also wenn es um die Stärkung demokratischer Haltungen, Werte, aber auch Fähigkeiten geht, dann sind das ja ganz eindeutig Überschneidungen zur universellen Präventionsarbeit. Es sind sozusagen gemeinsame Ziele. Es sind in der Praxis auch häufig Akteur*innen, die in der politischen Bildung verankert werden können, die Extremismusprävention auch betreiben. Die Grenzen sind da fließend und ich glaube, da ersetzt auf keinen Fall das eine das andere. Sondern es geht eher darum: Wie können diese Bereiche möglichst gut ineinandergreifen, um wirksam zu werden?

Thy Le:

Ist phänomenenübergreifendes Arbeiten im Grunde dann nicht auch intersektionales Arbeiten?

Sina Marie Nietz:

Ich würde universelle Präventionsarbeit schon als intersektionale Bildungsarbeit begreifen und verstehen, weil es genau darum geht, sich verschiedene Kategorien von Diskriminierung und verschiedene Narrative von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit anzuschauen, also bspw. rassistische Narrative, aber auch Antifeminismus. Die Autoritarismus-Studie (2022), die Leipziger Studie, die früher unter dem Namen „Mitte-Studie“ erschienen ist, thematisiert auch immer wieder die gegenseitige Bedingung. Also dass es bei Menschen, die in einem Phänomenbereich gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aufweisen oder diesen Aussagen zustimmen, sehr wahrscheinlich ist, dass sie auch in einem anderen Phänomenbereich solchen Aussagen zustimmen. Wenn dann Bildungsangebote z.B. nur Rassismus thematisieren, dann werden sie sehr wahrscheinlich auch nur in Bezug auf Rassismus wirksam, obwohl es vielleicht sinnvoll wäre, hier auch eine feministische Perspektive mithineinzunehmen, weil das miteinander zusammenhängt. Und das ist dann einfach unheimlich sinnvoll für Präventionsarbeit, auf diese Querverbindungen zu verweisen und die in den Blick zu nehmen.

Thy Le:  

Du hast vorhin angerissen, dass phänomenübergreifende Ansätze oder Universalprävention und politische Bildung sich auch gegenseitig befruchten können. Wie könnte das aussehen? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit man sagen kann: „Das ist ein gutes Beispiel“?

Sina Marie Nietz:

Ich würde sagen, es geht immer um einen ganzheitlichen Ansatz. Was phänomenübergreifende Extremismusprävention ja auch stark in den Fokus stellt, sind eben Fähigkeiten oder soziale Kompetenzen. Ich mag den „Kompetenzbegriff“ nicht so gerne; ich meine „Fähigkeiten“.

Also dass bspw. keine künstliche Trennung entsteht von der Vermittlung von Wissen, also ein vermeintlich rationaler Zugang und einem Zugang auch zu den Emotionen, die da eine Rolle spielen. Weil sich eben gezeigt hat, dass da diese Dichotomie, eine künstliche Trennung, eigentlich nicht haltbar ist oder nicht zielführend ist. Und wenn ich in der phänomenenübergreifenden Extremismusprävention gesellschaftliche Widersprüche und gesellschaftliche Konflikte thematisiere und dem auch Raum gebe, dann kann das Ambiguitätstoleranz fördern, dass ich lerne, mit Komplexität und mit Widersprüchlichkeit, die unsere heutige Gesellschaft ganz klar auszeichnen, umzugehen.

Das wäre ganz wichtig ist für die phänomenübergreifende Extremismusprävention. Dass hier eben nicht nur keine Trennung nach Phänomenbereichen stattfindet, sondern auch eine gewisse Offenheit der Zugänge. Nehmen wir das Beispiel Förderung von Ambiguitätstoleranz: Können die jugendkulturelle Perspektive oder Methoden auch sinnvoll sein? Oder bediene ich mich an Elementen aus der klassischen Demokratiepädagogik – also eine inhaltliche, aber auch methodische Offenheit.

(Musik)

Thy Le:  

Wir haben jetzt vor allem über Jugendliche geredet. Aber bei Angeboten, die sich nicht an Jugendliche richten, müssen Unterschiede bedacht werden. Wie lässt sich universelle Prävention mit Erwachsenen denken?

Sina Marie Nietz:

Die Radikalisierungsforschung hat sich wirklich lange Zeit sehr stark auf diese Phase der Adoleszenz oder der Jugend konzentriert, weil man davon ausgeht, dass in dieser Phase politische Weltbilder noch nicht so stark gefestigt sind. Ein Aspekt, der für diese These spricht, ist, dass häufig zu Beginn von Radikalisierungsprozessen die Ideologie selbst gar nicht so stark im Vordergrund steht, sondern eher gruppendynamische Prozesse: Dass ich mich da aufgehoben fühle, dass ich da ein Identifikationsangebot bekomme. Diese Suche nach Orientierung, nach Sinnhaftigkeit.

Jetzt sehen wir allerdings, dass diese Suche nach Orientierung und Sinn Menschen auch genauso im Erwachsenenalter umtreiben und beschäftigen kann. Gerade in Zeiten von Unsicherheit oder gesellschaftlichen Krisen, wie wir das jetzt bspw. im Kontext der Corona-Pandemie erlebt haben, kann eine Hinwendung zu radikalen Szenen auch zu einem späteren Zeitpunkt im Leben stattfinden. Wenn nämlich die eigenen Deutungsmuster, die ich habe, um soziale Realität und Komplexität zu interpretieren und auch zu bewältigen, nicht ausreichen und sich so eine Art Überforderung einstellt und sich dann meine sozialen Deutungsmuster irgendwie zuspitzen, also radikalisieren müssen.

Ich glaube, dass in der Erwachsenenbildung häufig der Zugang eine Herausforderung sein kann, weil Angebote der Erwachsenenbildung eigentlich immer auf Freiwilligkeit basieren. Das ist eine Frage, die sich natürlich auch in der Jugendarbeit stellt, aber in der Erwachsenenbildung vielleicht noch mal mit anderen Herausforderungen verbunden ist: Wie schaffe ich überhaupt den Zugang zu meiner Zielgruppe oder zu den Menschen, die ich gerne erreichen möchte? Und wie gehe ich als Pädagog*in damit um, dass mir vielleicht schon sehr gefestigte Weltbilder oder politische Ideologien begegnen können?

Thy Le:  

Wie kann man damit umgehen?

Sina Marie Nietz:

Da gibt es leider keine Zauberformel (lacht). Das wäre schön. Das merkt man tatsächlich immer ganz stark, wenn man sich Veröffentlichungen dazu anschaut, dass wenn es dann konkret werden soll, dann fällt das meistens eher ein bisschen dünn aus.

Aber es gibt natürlich Punkte, die sich bewährt haben bzw. die einfach wichtig sind. Und das ist definitiv ganz unabhängig davon, ob ich jetzt in der Jugendarbeit oder mit Erwachsenen tätig bin. Ein wertschätzender Umgang ist wichtig, dass ich mich selber in meiner pädagogischen Tätigkeit permanent reflektiere und gucke, in welchen Kategorisierungen denke ich eigentlich auch? Um eben diesen wertschätzenden Umgang mit Teilnehmer*innen ermöglichen zu können und dann auch erst mal so unvoreingenommen wie möglich da heranzugehen und zu gucken: Inwiefern sind das politische Überzeugungen, die eine Grenze überschreiten (wo man sich natürlich auch ganz klar positionieren muss)? Und inwieweit sind das vielleicht auch Dinge, die ich aushalten kann und muss?

Worauf ich abziele: In der politischen Bildung ist ja der Beutelsbacher Konsens unser Minimalkonsens, auf den wir uns berufen. Da gibt es das Gebot, dass wir Dinge als kontrovers darstellen müssen, die in der gesellschaftlichen Realität auch kontrovers verhandelt werden. Das bedeutet zum einen, dass ich wirklich auch mal in diesen Diskurs und in den politischen Streit sozusagen gehe und das aushalte. Das heißt aber auch zugleich, dass ich trotzdem menschenfeindliche Aussagen nicht tolerieren muss. Also im pädagogischen Kontext, gerade auch bei Lehrer*innen, ist da häufig die Sorge ganz groß, dass ich mich nicht klar politisch positionieren darf. Und das meint der Beutelsbacher Konsens nicht. Da eine Balance zu finden ist wahrscheinlich eine Herausforderung, aber auch sehr wichtig.

Thy Le: 

Wo liegen diese roten Linien? Ich habe dabei an Offene Jugendarbeit gedacht. Wie reagiert man angemessen, wenn ein Schüler oder eine Schülerin etwas Antisemitisches äußert? Es wäre für mich ein moralischer Konflikt, einerseits dem oder der Jugendlichen anerkennend entgegentreten zu wollen oder die Aussage von der Person zu trennen, aber auch die rote Linie aufzuzeigen.

Sina Marie Nietz:

Ich denke, es ist ganz wichtig, diese rote Linie aufzuzeigen. Also klar zu sagen: „Das ist nicht tolerierbar, hier geht es um menschenfeindliche Äußerungen.“ Aber es ist auch wichtig, zu schauen: In welchem Kontext passiert das und wo kommt das her? Das ist ja eigentlich die gesamtgesellschaftliche Frage, also in pädagogischer Arbeit, aber genauso auch in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit: Wie gehen wir damit um?

Sagen wir, wir gehen gar nicht in den Diskurs darüber, weil das eben nicht tolerierbar ist? Versuchen wir, in einen Diskurs darüber zu gehen, woher kommt das, also die Ursachen – ohne die Narrative zu übernehmen? Ich glaube, das ist der Knackpunkt, dass ich unterscheiden muss, war das einfach eine Aussage, vielleicht auch aus Unwissenheit? Komme ich hier wirklich weiter mit einer Einordnung, warum das nicht in Ordnung ist? Oder warum das eine Linie überschreitet? Oder steht da schon keine Ideologie, aber eine Haltung oder eine Einstellung dahinter? Und dann? Was sind die Ursachen dafür?

Um das Gesagte noch mal ein bisschen zu konkretisieren: Häufig stehen hinter solchen Aussagen ja auch Ängste bzw. bestimmte Gefühlslagen, die vielleicht auch diffuser sind, die man gar nicht so zuordnen kann. Das können Angst oder Wut oder Hass sein. Dieses Gefühl von Ungerechtigkeit, dass mir eigentlich etwas zusteht und ich bekomme das nicht, sondern jemand Anderes bekommt das. Ob das jetzt in Form von sozialstaatlichen Zuwendungen ist oder öffentlicher Aufmerksamkeit, wie auch immer. Diese Ängste und Sorgen bzw. Ursachen muss man thematisieren und aufgreifen, ohne das Narrativ zu übernehmen. Ein Beispiel ist, wenn von rechtsnationalistischen Akteur*innen gesagt wird: Wir haben 100.000 Arbeitslos*innen und wir haben 100.000 Migrant*innen – da gibt es, tadaa, eine einfache Lösung!

Was dahinter steht, ist die Angst vor einem sozioökonomischen Abstieg. Und das kann konkrete Ansatzpunkte für realpolitische Maßnahmen bieten, dass wir sagen „kay, vielleicht müssen wir gucken, braucht es einen höheren Mindestlohn? Braucht es mehr sozialen Wohnungsbau?“ Ohne das Narrativ zu übernehmen und sich darauf einzulassen, zu sagen: „Migrant*innen nehmen Arbeitsplätze weg“ oder nehmen diese nicht weg, weil auch wenn ich dagegen argumentiere, habe ich das Narrativ übernommen.

Und das hat man gesehen, dass dieses Framing, also diese Verbindung von zwei Themenbereichen wie im Rechtsextremismus üblich, Migration und Kriminalität oder dieser vermeintliche Verlust von Arbeitsplätzen, dass das sehr wirkmächtig ist, dadurch, dass das Thema einfach immer wieder platziert wird und diese Verbindung immer wieder in unterschiedlichen Kontexten fällt. Die Herausforderung besteht darin, dieses Narrativ nicht zu übernehmen und trotzdem dahinterstehende Ängste oder Ursachen ernst zu nehmen.

Thy Le:  

Du hast jetzt mehrfach Ängste angesprochen. Emotionen scheinen eine sehr entscheidende Rolle in der Extremismusprävention zu spielen.

Sina Marie Nietz:

Absolut. In der Extremismusprävention ganz besonders, weil natürlich extremistische Gruppierungen auch gezielt emotionalisieren und das als Mobilisierungsstrategie nutzen. Sei das jetzt über Darstellungen auf Social Media oder über rhetorische Strategien und Emotionen bei der Hinwendung. Das heißt, wir müssen uns die auch anschauen. Präventionsarbeit kann nur wirksam werden, wenn sie an den Ursachen ansetzt und nicht im kontextleeren Raum. Das geht aber über Extremismusprävention hinaus. Das gilt eigentlich für die gesamte politische Bildung.

Ich hatte das vorhin auch schon mal kurz angesprochen, dass so eine künstliche Trennung oder ein Raushalten von Emotionen, weil man vielleicht auch Angst vor dem Umgang mit diesen hat, nicht förderlich ist. In der politischen Bildung gab es ganz lange diese sehr einseitige Fokussierung auf Rationalität als Blaupause zur Instrumentalisierung von Emotionen im Nationalsozialismus. Man hat hinterher gesagt „Okay, wir müssen uns ganz stark auf Rationalität und die damit einhergehenden Fähigkeiten konzentrieren.“ Das hat sich jetzt verändert. In den letzten Jahren hat da sozusagen eine emotive Wende stattgefunden, weil wir auch aus den Neurowissenschaften wissen, dass diese künstliche Trennung zwischen Emotionalität und Kognition und v.a. diese Gleichsetzung mit „auf der einen Seite haben wir Rationalität und auf der anderen Seite haben wir Irrationalität“ nicht haltbar ist. Das heißt, es gibt jetzt immer mehr Ansätze, Methoden, aber auch Projekte, die ganz gezielt Raum schaffen für eine Thematisierung von Emotionen. Dass man diese Themen nicht extremistischen Gruppierungen überlässt. Also dass man nicht sagt: „Rechtsextremist*innen oder auch Nationalpopulist*innen können so eine Art Issue-Ownership mit Emotionen betreiben, weil die aus dem restlichen politischen Geschehen rausgehalten werden.“ Dann geht es nicht nur um für uns negativ konnotierte Emotionen wie Hass und Wut, die in diesem Kontext präsent sind, sondern auch um positiv konnotierte Emotionen, die eine Identifikation mit demokratischen und pluralistischen Werten fördern können. Weil auch Demokratie auf der einen Seite natürlich eine Regierungsform und eine Form von Institutionalisierung ist, aber gerade in der Bildungsarbeit ist auch wichtig, dass es auch eine Art von Wertvorstellung ist oder auch eine Art von Vorstellungen gesellschaftlichen Lebens gibt. Und da können Emotionen unglaublich förderlich sein, um eine Identifikation damit zu schaffen.

Thy Le:  

Kannst du ein paar Projekte oder Methoden nennen, die das schon machen?

Sina Marie Nietz:

Die meisten Projekte, die das berücksichtigen bzw. Ansätze, die das mit aufnehmen, schreiben sich das nicht auf die Fahne, nach dem Motto „Wir sind ein emotionsbasiertes Projekt“, sondern es gibt dann Raum dafür , dass beispielsweise über medienpädagogische Ansätze Hasskriminalität im Internet stark thematisiert wird. Da gibt es zum Beispiel das Projekt de:hate. Da werden Emotionen auf Social Media thematisiert, wie die wirken, wie die mobilisieren können. Ich glaube, dass diese Sensibilisierung dafür dann auch schon der erste Schritt ist, um eine gewisse Anfälligkeit zu reduzieren. Wenn ich weiß, wie solche emotionalisierten Strategien über Bilder, über Videos, über Likes, über Kommentare, über diese ganzen Themen sich verbreiten und dadurch ein gewisses Feindbild wieder konstruiert und dämonisiert und verstärkt wird, dann werde ich schon sensibilisiert und weniger anfällig für diese Wirkmechanismen.

Thy Le:

Sehr spannend! Gibt es noch weitere Zugänge?

Sina Marie Nietz:

Absolut. Neben diesen medienpädagogischen Zugängen, die ich gerade ein bisschen angerissen hatte, gibt es natürlich aus den verschiedenen Bereichen der politischen Bildung ganz unterschiedliche Zugänge, demokratiepädagogische Zugänge oder feministische Perspektiven. Weil man hier auch einen klaren Zusammenhang sieht zwischen rassistischen und antifeministischen Narrativen.

Das ist ein Thema, das von der extremen Rechten, aber auch Nationalpopulist*innen stark mobilisiert wird oder stark instrumentalisiert wird. Also, dass Feminist*innen und gendergerechte Sprache und Gleichberechtigung sozusagen tatsächlich als Feindbild auch verstanden werden.

Wichtige Schlagworte sind „Angry White Men“ bzw. „Krise der Männlichkeit“. Das ist tatsächlich auch so, wenn wir das jetzt auf eine politische Ebene beziehen, wenn sich solche Ideologien dann in Parteien niederschlagen, dass die sehr stark nach wie vor einfach männlich geprägt sind.

Und das ist ein Aspekt, der auch zunehmend von politischer Bildung thematisiert wird. Wie können wir das mit feministischen Perspektiven verbinden? Allerdings hat sich das noch nicht so stark methodisch niedergeschlagen. Bisher gibt es tatsächlich relativ wenige konkrete Maßnahmen, Projekte oder Ansätze. Wie kann das thematisiert werden und welchen Zugang findet man hier? Das ist aber auch wieder eine Möglichkeit phänomenübergreifender Arbeit, weil wir gerade hier diese ganz unterschiedlichen Narrative thematisieren können und Raum dafür bieten, sowohl rassistische als auch sexistische oder antifeministische Aussagen zu thematisieren. Wie diese phänomenübergreifende Arbeit dann konkret aussieht, dazu habe ich eine Analyse geschrieben und drei Praxisbeispiele vorgestellt.

Thy Le:  

Vielen Dank. Ich würde sagen, das ist das perfekte Schlusswort! Ich bin heute zu Phänomenbereichen wie Rechtsextremismus und Islamismus schlauer geworden. Ich hoffe, Sie auch. Und Sie können sich auf die KN:IX-Analyse von Sina Marie Nietz freuen, aber auch auf den KN:IX-Report 2022. Darin wird es unter anderem auch ein Schlaglicht zu unserem Staffelthema geben. Bis dahin finden Sie ausgewählte Lektüren und Links zu dieser Folge – ja, Sie ahnen es schon – in den Shownotes. Und vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal, wenn Sie mögen.

Diese Folge wurde von ufuq.de im Rahmen von KN:IX umgesetzt.

Moderation, inhaltliche Konzeption: Thy Le. Postproduktion: Malte Fröhlich.

(Abspann)

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Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerks „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX).
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