„Die Attraktivität und den Nutzwert von Frieden greifbar machen“ – Uli Jäger über die aktuelle Bedeutung der Friedensbildung
19. Dezember 2022 | Demokratie und Partizipation, Geschichte, Biografien und Erinnerung

Friedensbildung hat eine lange Tradition, ist aber aktueller denn je. Im Gespräch betont Prof. Uli Jäger von der Berghof Foundation die Bedeutung der Friedensbildung, um junge Menschen im Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten und internationalen Krisen zu stärken. Jäger ist Co-Autor eines Berichtes (hier zum Download), den die Berghof Foundation kürzlich zum Stand der Friedensbildung an Schulen veröffentlicht hat.

 

Götz Nordbruch (ufuq.de):

Uns geht es bei ufuq.de sicherlich wie vielen Trägern, die in der politischen Bildung und der Präventionsarbeit tätig sind: Mit Friedensbildung haben wir uns bisher kaum beschäftigt, obwohl das eigentlich auf der Hand läge. Sie sind mit der Berghof Foundation seit langem in der Friedensbildung tätig und haben kürzlich einen Bericht über Ansätze und Herausforderungen der Friedensbildung an Schulen verfasst. Wie würden Sie die Aufgabe von Friedensbildung heute beschreiben?

Uli Jäger:

In unserer Arbeit in Schulen und durch Fragen auf unserem Onlineportal www.frieden-fragen.de können wir große Bedürfnisse in zwei Bereichen beobachten: Die Schüler*innen suchen zum einen nach verständlichen Informationen zu den aktuellen globalen Herausforderungen, also dem Klimawandel, der Coronapandemie oder dem Krieg in der Ukraine. Zum anderen wünschen sie sich Sicherheit angesichts der als bedrohlich wahrgenommenen Gefahren, die mit einer Ausweitung des Krieges einhergehen würden. Und sie sind auf der Suche nach Handlungsmöglichkeiten, um aus der daraus resultierenden Ohnmacht auszubrechen. Hier kann die Friedensbildung Angebote machen und sie sollte, wie ich finde, diese sogar verstärken, vor allem auch durch die Nutzung digitaler Räume.

Götz Nordbruch:

Welche Angebote kann die Berghof Foundation denn machen?

Uli Jäger:

Wir sind dabei, Grundlagen und Elemente einer digitalen Friedenspädagogik systematisch zu entwickeln und mit Peer-Ansätzen zu erproben. So leiten wir Studierende an, um Workshops in Schulen zum Umgang mit Hatespeech, Desinformation und Verschwörungstheorien durchzuführen. Über allem steht aber die Zielsetzung, Menschen in ihrer Rolle als Friedensstifter*innen zu bestärken, zu inspirieren und auch zu qualifizieren – im zwischenmenschlichen Alltag genauso wie in gesellschaftlichen und internationalen Kontexten. Dies ist in Deutschland genauso wichtig wie in anderen Regionen dieser Erde.
In einem erst kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt („State-of-the-Art Report zur Friedensbildung im deutschsprachigen Raum“) haben wir mit Blick auf den formalen, schulischen Bildungsbereich festgestellt, dass Friedensbildung ihre gewaltpräventiven Ansätze verstärken sollte. Zum Beispiel sollten wir neue Impulse aus den Bezugswissenschaften aufnehmen, also aus der Friedensforschung, der Pädagogik, Soziologie, Sozialpsychologie, Neurowissenschaften, Genderforschung oder auch den Medien- und Kommunikationswissenschaften. Dabei spielen auch aktuelle Transformationsinitiativen und -netzwerke im Bildungswesen eine Rolle, bei denen es um neue Formen des gemeinsamen Lernens bzw. um eine als überfällig erachtete Transformation des Bildungssystems insgesamt geht. Schließlich ist verstärkt der reichhaltige Schatz der Peace Education zu beachten, den es international gibt. Aber dies alles geht mittelfristig nicht ohne eine strukturelle Stärkung, also den Ausbau der Infrastruktur für Friedensbildung. Womit wir bei der leidigen Ressourcenfrage wären. Aber nur so wird Friedensbildung nachhaltig wirken.

Götz Nordbruch:

In Ihrem Bericht gehen Sie auf die Überschneidungen, aber auch Unterschiede der Friedensbildung beispielsweise zu Ansätzen wie dem Globalen Lernen oder der Demokratiepädagogik ein. Worin sehen Sie die Besonderheit der Friedensbildung – und an welchen Punkten wäre aus Ihrer Sicht eine Integration von Friedensbildung beispielsweise in die Prävention von Ideologien der Ungleichwertigkeit sinnvoll?

Uli Jäger:

Friedenspädagogik hat ja eine lange Tradition und kann auf sehr intensive Phasen von Praxisentwicklung und theoriegestützten Diskursen zurückblicken. Ein Ergebnis ist die immer noch wichtige systematische Gewaltkritik, basierend auf einem umfassenden Gewaltverständnis. Hinzu kommt ein positives Konfliktverständnis mit dem Ziel, den konstruktiven Umgang mit Konflikten zu erlernen und somit eine Eskalation in Gewalt möglichst zu vermeiden. Schließlich orientiert sich die Friedenspädagogik an einem prozessorientierten Friedensbegriff und setzt auf die Attraktivität gemeinsamer Lernprozesse bezüglich der Frage „Wie wollen wir heute und in Zukunft zusammenleben – und was können wir in Gesellschaft und Politik dafür tun?“ Darauf aufbauende Lernarrangements können auch die genannten, mit der Friedensbildung verwandten pädagogischen Ansätze bereichern.

Götz Nordbruch:

Welche Rolle spielt denn historischer „Unfrieden“ in der Friedensbildung? Aktuelle und zukünftige Konflikte und Kriege sind ja beispielsweise stark durch die europäische Kolonialgeschichte bedingt.

Uli Jäger:

Der friedensorientierte Umgang mit gewaltsamer Vergangenheit ist ein Grundelement der Friedensbildung, denn die Frage einer adäquaten „Erziehung nach Auschwitz“ beschäftigt uns noch heute. „Dealing with the Past“ und „Transitional Justice“ sind im internationalen Kontext zentrale Ansätze. Besonders wichtig sind auch Schulbuchanalysen, die sich kritisch mit den Darstellungen von gewaltsamer Vergangenheit – wie z. B. der genannten europäischen Kolonialgeschichte – auseinandersetzen. Dabei geht es auch darum, Kriterien und Leitfäden zu entwickeln, wie man in der Bildungsarbeit mit jungen Menschen, die ja sehr vielfältige biografische Hintergründe haben, unterschiedliche Gewalterfahrungen gemeinsam aufarbeiten kann. Hier geht es auch um die Entwicklung neuer, intergenerationaler Ansätze und die Arbeit an einer inklusiven Erinnerungskultur.

Götz Nordbruch:

Aus demokratiepädagogischer Sicht ist es in der Bildungsarbeit wichtig, gerade die Normalität von Konflikten in der Gesellschaft herauszustellen und junge Menschen darin zu unterstützen, mit Konflikten umzugehen – statt Konflikte per se als Problem zu begreifen. Steht das im Widerspruch zu Ansätzen der Friedensbildung?

Uli Jäger:

Für die Friedenspädagogik ist ein grundsätzlich positives Konfliktverständnis von zentraler Bedeutung. Und dies im vollen Bewusstsein darum, wie zerstörerisch Konflikte sein können – psychisch und körperlich. Ein konstruktiver Umgang mit Konflikten kann Interessensunterschiede, divergierende Werteorientierungen oder identitätsbedrohende Entwicklungen sichtbar und damit gemeinsam bearbeitbar machen. Dies setzt allerdings die Bereitschaft aller Beteiligten zur Konfliktbearbeitung voraus. Deshalb ist es auch eine Aufgabe der Friedensbildung, den Vorteil gemeinsam entwickelter Lösungsansätze greifbar zu machen: die Attraktivität und den Nutzwert von Frieden. Hier ist – wie wir immer wieder sehen – manchmal ein Scheitern nicht ausgeschlossen.

Götz Nordbruch:

Friedensbildung steht vor einem ähnlichen Dilemma wie die Demokratiepädagogik: Schule als Institution basiert auf Hierarchien, auf Machtgefälle, auf Bewertungslogiken – also auf Strukturen, die sowohl zu Demokratie als auch zu Frieden im Widerspruch stehen. Welche Möglichkeiten sehen Sie, in Schulen dennoch eine „Kultur des Friedens“ zu schaffen?

Uli Jäger:

Auch die Entwicklung einer „Kultur des Friedens“ ist prinzipiell ein Prozess, mit Fortschritten und Rückschritten. Als einen Fortschritt können wir festhalten, dass an vielen Schulen Schritte auf diesem Weg gegangen werden, zum Beispiel durch Streitschlichtungsprogramme oder die Beteiligung an unterschiedlichen, friedensorientierten Projektschulmodellen. Aber bei der Partizipation von Schüler*innen an grundlegenden Fragen oder der Aufwertung von bewertungsfreien Lebenskompetenzen ist noch viel Luft nach oben. Das setzt aber eine grundlegende Reform von Schule voraus. Hier bedarf es der Schaffung von (Frei-)Räumen, damit sich Schüler*innen gemeinsam mit Lehrer*innen mit diesen Fragen überhaupt auseinandersetzen können. Jede Schule kann diese Räume im Rahmen ihrer Möglichkeiten schaffen. Und Friedensbildung, Demokratiepädagogik, Menschenrechtsbildung oder Bildung für Nachhaltige Entwicklung können dabei im Zusammenspiel eine herausragende, unterstützende Rolle spielen.

Weiterführende Hinweise

Cora Bieß, Assia Bitzan, Uli Jäger, Anne Kruck (Berghof Foundation, Berlin 2022): Friedensbildung an Schulen. Entwicklungen, Potenziale, Impulse, Empfehlungen.

Dieser Bericht fokussiert auf den Lernort Schule. Er bilanziert Erkenntnisse aus Theorie und Praxis, beschreibt Friedensbildung im Kontext verwandter pädagogischer Ansätze, befragt andere Wissenschaften nach Synergien und leitet daraus Empfehlungen für (schul-)politische Entscheidungsträger*innen und für die pädagogische Praxis an Schulen ab.

Cora Bieß (Berghof Foundation, Berlin 2022): Pädagogische Konzepte mit Nähe zur Friedensbildung. Bildung für Demokratie, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung.

Das Paper setzt Friedensbildung in Bezug zu verschiedenen Nachbardisziplinen wie der politischen Bildung, dem globalen Lernen, der entwicklungspolitischen Bildung, der Menschrechtsbildung, der Demokratiepädagogik, der Global Citizenship Education, der (inter-)religiösen Bildung, der Umweltbildung und der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Die Beiträge im Portal dieser Webseite erscheinen als Angebot von ufuq.de im Rahmen des Kompetenznetzwerkes „Islamistischer Extremismus“ (KN:IX).
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