Buchrezension: „Die Wütenden. Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen“ von Fabian Reicher und Anja Melzer
22. März 2022 | Radikalisierung und Prävention

Buchcover "Die Wütenden".

Warum radikalisieren sich manche Jugendliche? Wie kann es gelingen, jenen, die einer islamistischen Ideologie anhängen, den Weg zum Ausstieg zu ebnen? Fabian Reicher, der als Streetworker und Sozialarbeiter in der österreichischen Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit tätig ist, beschreibt gemeinsam mit der Sozial- und Gerichtsreporterin Anja Melzer fünf ausgewählte Biografien radikalisierter Jugendlicher. Sie machen Hoffnung: Mit einer zugewandten pädagogischen Haltung und Interventionen auf Augenhöhe kann der Ausstieg gelingen. Michael Gerland hat das Buch besprochen.

Das Buch, das bereits in seinem Titel die Forderung stellt, radikal umzudenken im Umgang mit dschihadistischem Terror, hat bei mir zunächst Erinnerungen an das bereits 2015 im Fischer Verlag erschienene Buch von Ahmad Mansour, „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“, hervorgerufen. Dadurch, dass es auch weiterhin viele Unklarheiten und Widersprüche zum Umgang mit dschihadistischen Bewegungen gibt, ist die Ausstiegs-, bzw. die Deradikalisierungsarbeit stets aufs Neue damit konfrontiert, dass Vertreter*innen dieses Arbeitsfeldes öffentlich zum Umdenken auffordern. Die meisten richten ihre Forderungen, direkt oder indirekt, an die Politik und an die Sicherheitsbehörden.

Nicht so Fabian Reicher und Anja Melzer. Ihre Aufforderung richtet sich vielmehr an die Zivilgesellschaft. Sie benennen weniger die Lücken der politischen Verantwortungsträger und Institutionen, sondern decken vielmehr strukturelle Missstände in den sozialen Systemen auf, die dazu beitragen können, dass sich unter den betroffenen Jugendlichen eine radikalisierende Atmosphäre ausbreiten kann. Dabei ist das Buch keineswegs unpolitisch, sondern verfolgt den Prozess der politischen Sozialisation und der Ideologisierung von jungen Männern, die sich in unterschiedlicher Weise der Ideologie des Dschihadismus annähern.

Es gelingt den Autor*innen auf anschauliche Weise, die Komplexität des Phänomens in all seinen Facetten deutlich zu machen. Anhand von Fallbeispielen und Praxiserfahrungen werden individuelle Unterschiede herausgearbeitet und in einem sozialen, kulturellen und politischen Kontext verortet. Dadurch werden Schnittmengen in den jeweiligen Radikalisierungsprozessen deutlich, was es den Leser*innen ermöglicht, zu verallgemeinern, ohne zu pauschalisieren. Die Erzählungen der Autor*innen sind in einer Ich-Form gehalten, was die Authentizität des Inhalts unterstreicht. Dabei erfahren die Leser*innen auch etwas über den persönlichen Zugang des Erzählers Fabian Reicher.

Die im Buch beschriebene, konkrete Arbeit umfasst vielfältige Ebenen und Arbeitsfelder. Die erzählten Beispiele entstammen dem (Online-)Streetwork, der sozialen Gruppenarbeit, der Beratungsarbeit innerhalb und außerhalb des Justizvollzuges sowie Maßnahmen der politischen Bildung. Die Arbeit wird beschrieben als Arbeit an der Herstellung von tragfähigen, verlässlichen Bindungen. Im Vordergrund der Arbeit steht das, was von den Adressat*innen sozialer Arbeit an Bedürfnissen und Interessen eingebracht wird. Als handelnde, empfindende und denkende Subjekte ernst genommen, liefern diese stets selbst das Material für die diskursive Auseinandersetzung und die psychosoziale Begleitung. Der Ansatz der hier beschriebenen sozialen Arbeit ist ein ganzheitlicher, das heißt er umfasst das handelnde Subjekt in seiner ganzen Persönlichkeit. Die Autor*innen reflektieren dabei zugleich die Wandlungen im dschihadistischen Milieu, wenn sie schreiben:

Es gibt ein großes Missverständnis in der Diskussion über die De-Radikalisierung von Jugendlichen. Es reicht nicht, ausschließlich auf der Ebene des Verstandes anzusetzen, denn in dem Prozess, der gemeinhin als Radikalisierung bezeichnet wird, ist vor allem die Ebene der Emotionen entscheidend. Und niemand wusste das besser als der sogenannte Islamische Staat. Die Propagandavideos hatten sich verändert. Das Kalifat war verbrannt, daher spielten sie ihre letzte und beste Karte aus. Sie setzten auf ein dunkles, kaum kontrollierbares Verlangen, das jeden heimsuchen kann: Rache.

Das Buch setzt sich somit auf erfrischende Weise ab von Präventionsansätzen, bei denen die Arbeit mit Narrativen und Gegennarrativen im Vordergrund steht, und die auf einen kognitiven Prozess der Überzeugung und Distanzierung baut. Der hier dargestellte Wiener Ansatz respektiert die Identitätsbildung der Klient*innen, ohne jedoch die dekonstruierende Arbeit an den islamistischen Narrativen zu vernachlässigen.  Die Interventionen zielen prinzipiell auf die Befähigung zur Selbstreflexion der betroffenen jungen Männer ab. Hier ist tatsächlich mehr von sozialer Arbeit als von Sozialpädagogik zu spüren, wenngleich die Autor*innen durchaus von einem pädagogischen Verständnis ausgehen und die Arbeit von ihnen selbst als „Pädagogik der Wütenden“ beschrieben wird. Durch die parteiliche und solidarische Haltung gegenüber den Klient*innen wird ein der Pädagogik nicht selten inhärenter Paternalismus allerdings auf ein Minimum reduziert. Die theoretische Herleitung ihres Arbeitsansatzes wird daher nicht zufällig von den Ideen des „Pädagogen der Unterdrückten“, Paolo Freire, begleitet, der einem ganzheitlich-emanzipatorischen Ansatz folgte. Paolo Freire beschrieb eine „Kultur des Schweigens“ bei seinen Schüler*innen, die keine Wörter für ihre Erfahrungen aus Kränkungen und vergeblichen Anpassungsbemühungen hatten. Er wollte ihnen eine Sprache geben. So auch die Autor*innen von „Die Wütenden“, die für ihre Klient*innen festhalten: „Ihre Erfahrungen, das, was wirklich in ihnen vorging, blieb meist sprachlos in unserer Welt, und damit auch ohne Bedeutung.“

Zwei Begriffe ziehen sich wie ein roter Faden durch den Text: der intersubjektive Raum und das Window of Opportunity, als Beschreibung ihrer „Interventionen auf Augenhöhe“, die das Durchbrechen der Schweigsamkeit durch professionelle Nähe zum Ziel haben. Dadurch wird die Strategie der Beziehungsarbeit auf den Punkt gebracht und mit zahlreichen Beispielen unterfüttert. Die Begriffe, die im Text hinlänglich aufgeschlüsselt werden, verdeutlichen, dass die praktische Arbeit auf einem soliden theoretischen Fundament aufbaut, ohne dass der Text deshalb besonders theorielastig daherkommen würde. Die Autor*innen haben einen Text aus der Praxis für Praktiker*innen verfasst.

„Die Wütenden“ ist ein einfühlsam geschriebenes, leicht zu lesendes Buch. Es hat das Potenzial, die diversen Handouts und Praxisbeschreibungen, die bereits zum Thema Deradikalisierung und Distanzierungsarbeit existieren, substanziell zu unterfüttern und zugleich kritisch zu hinterfragen. Der hier beschriebene Präventionsansatz weist zudem über das Phänomen religiös begründeter Radikalisierungen hinaus. Indem die islamistische Ideologie nicht als Grund, sondern als Begründung für radikales Handeln begriffen wird, erhält der Text eine phänomenübergreifende Gültigkeit. Die Erzählform ist eingängig und authentisch. Die Illustrationen sind von einer emphatischen Ästhetik bestimmt, welche die dahinterstehende Problematik nicht unangemessen romantisiert. „Die Wütenden“ eignet sich sowohl als Einstiegslektüre für Anfänger*innen in der Präventionsarbeit, als auch für gestandene Berater*innen und Ausstiegsbegleiter*innen. Das Buch entfaltet das Potenzial sozialer Arbeit und macht dieses auch für Akteur*innen aus anderen Arbeitsfeldern der Präventionsarbeit zugänglich.

Reicher, Fabian, Melzer, Anja (2022): Die Wütenden. Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen. Westend Verlag GmbH, Frankfurt a. M. ISBN: 978-3-86489-363-6

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