WomEx: Frauen und Mädchen als Schlichterinnen im Extremismus?

„Frauen, Gender und Extremismus“ – diesem Thema widmete sich der Berliner Verein cultures interactive in einem Forschungsprojekt. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach den Zusammenhängen von Geschlecht und Extremismus, die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen sind mittlerweile auch in einer Broschüre erschienen. Aylin Yavaş hat sich mit der Projektleiterin Silke Baer getroffen und mit ihr über die Rollen von Frauen in extremistischen Bewegungen, aber auch über Parallelen von Geschlechterrollen und genderspezifischen Themen in Islamismus und Rechtsextremismus gesprochen.

Worum geht es cultures interactive und was ist „WomEx“?

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Silke Baer ist pädagogisch-wissenschaftliche Leiterin des Vereins cultures interactive e.V. Seit 2002 ist sie in der Rechtsextremismus- und Gewaltprävention tätig. Um Jugendliche aus allen Milieus zu erreichen, entwickelte sie den jugendkulturellen Ansatz in der politischen Bildungsarbeit.

Cultures interactive ist ein Verein zur interkulturellen Bildung und Gewaltprävention. Wir versuchen über einen jugendkulturellen Ansatz Jugendliche zu erreichen, die sonst an politischen Bildungsformaten eher weniger interessiert wären. Wir machen also vor allem Jugendkulturarbeit. WomEx war ein Projekt der letzten zwei Jahre, mittlerweile ist es abgeschlossen, nun stellen wir die Ergebnisse zu genderreflektierten Praxisansätze vor. Auf der Homepage haben wir Profile von Trägern geschaffen, die im Bereich Prävention von Rechtsextremismus und religiösem Fundamentalismus genderreflektiert arbeiten. Die Profile werden weiterhin aktualisiert.

Die grundsätzliche Idee zu WomEx entstand mit dem Auffliegen des NSU – da waren zwei Männer und eine Frau. Das hat gezeigt, dass Frauen eine wichtige und bisher oft übersehene Rolle im Extremismus spielen. Für uns war es interessant zu untersuchen, welche genderspezifischen Erscheinungen wir vorfinden: Welche Weiblichkeits- und Männlichkeitsvorstellungen gibt es in den jeweiligen Szenen? Was haben diese Vorstellungen damit zu tun, dass sich Männer und Frauen bzw. Mädchen und Jungen anziehen lassen? Was ist ein genderspezifisches Attraktivitätsmoment oder ein Motiv, dorthin zu gehen? Dabei gibt es auch Parallelen zwischen Rechtsextremismus und Islamismus.

Die zweite große Frage war: Welche Phänomene und Typen von Mädchen und Frauen finden wir? Rechtsextremismus und militanter Islamismus stehen eher für traditionelle und vormoderne Rollenverteilungen. Aber gehen Frauen in diese Szenen, weil sie sich mit den neuen Herausforderungen und Freiheiten und mit modernen Rollenverteilungen nicht wohlfühlen? Oder haben sie dort auch etwas, was sie emanzipiert? Im Fall des ist das aus meiner Sicht sehr deutlich: Im Fall von jungen Frauen, die sich für den Islamischen Staates  interessieren ist das aus meiner Sicht sehr deutlich: ich kann mir durchaus vorstellen, dass Mädchen, die sich aufgrund ihrer muslimischen Herkunft in unserer Gesellschaft nicht wertgeschätzt fühlen, einen Einsatz für den militanten Jihad als Aufwertung für sich begreifen – auch in ihrer Rolle als Frau. Denn zunächst wird aus dem terroristischen Netzwerk signalisiert: kommt zu uns, hier habt ihr eine Aufgabe!

Die Hinwendung zum IS hat dementsprechend nicht nur etwas mit Zwang oder Mitläufertum zu tun. Dasselbe gilt auch für den Rechtsextremismus: Frauen schließen sich der Szene doch nicht nur an, um sich unterdrücken zu lassen, sondern finden dort auch eine Form von Empowerment, wodurch sich ihre Situation gegenüber ihrem bisherigen Leben scheinbar verbessert.

Wie seid ihr methodisch vorgegangen? Was war das Ziel?

Wir haben Interventionsforschung gemacht: Uns ging es darum, einen Überblick zu bekommen und zu beschreiben, welche Phänomene und Zugänge es gibt. Das ging über Fachaustausch, Konferenzen und Interviews mit Sozialarbeiter_innen und Praktiker_innen der Präventionsarbeit, Zeitungsanalysen, Literaturanalysen – das alles zusammenzutragen und damit genderspezifische Phänomene und relevante Aspekte zu beschreiben, wie zum Beispiel die Erkenntnis, dass es in extremistischen Gruppen nicht immer um Unterdrückung und Unterordnung geht, sondern es auch selbstempowernt sein kann.

Ein Ziel war es, Projekte zu finden, die genderreflektiert arbeiten, wobei relativ schnell klar wurde, dass wir kaum Ansätze der Präventions- und Interventionsarbeit finden werden, die explizit genderreflektierten arbeiten. Deswegen haben wir geschaut, wo Projekte ansetzen sollten, wenn sie genderreflektiert bzw. mit Blick auf Frauen arbeiten wollen. Wir sind in die verschiedenen Felder der sozialen Arbeit gegangen, zum Beispiel in Mutter-Kind-Einrichtungen, wo es junge Mütter gibt, die in der Szene und gewalttätig sind und auch darüber sprechen wollen. Doch gibt es kaum jemanden zum Zuhören, keine Strukturen, die diesen Frauen Unterstützung bieten könnten, um Distanzierungsprozesse zu begleiten. Die Frauen gehen ohne Unterstützung zurück in ihr soziales Umfeld.

In der Broschüre, die im Projekt entstanden ist, benennen wir verschiedene Arbeitsbereiche, die für die Präventions- und Interventionsarbeit wichtig sind und formulieren dazu genderspezifische Empfehlungen. Zum Beispiel im Bereich Gewaltaufarbeitung: Es gibt nur 3-10 Prozent Mädchen und Frauen mit dieser Erfahrung. Was muss ich bedenken, wenn ich dieses Thema angehen will? Ein Punkt, den man in allen Bereichen bedenken muss ist, dass Frauen anders Gewalt ausüben. Sie stiften eher an, üben verbale Gewalt aus, sind aber durchaus auch gewalttätig. Die Polizei und das Strafrechtssystem haben das nicht mit im Blick. Hier gilt es umzudenken. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass Frauen das vermeintlich friedliche Geschlecht sind – das wird ja auch von den Szenen gnadenlos ausgenutzt. Im Rechtsextremismus schickt man beispielsweise die Frauen vor, um in den Elternbeirat zu gehen, damit sie dann später dort ihre Ideologie teilen können.

Ein weiteres Ziel dieses Projektes war es, eine Art Politikberatung zu bieten: Uns war es zum Beispiel wichtig, dass unsere Ergebnisse auch in den Strategien der EU zur Prävention und Bekämpfung von Terrorismus wahrgenommen werden.

Welche Parallelen gibt es denn zwischen Frauen in islamistischen und rechtsextremen Szenen?

Eine Gemeinsamkeit sind die traditionellen und vormodernen Rollenbilder und die Ablehnung von Homosexualität. Der Rechtsextremismus wendet sich politisch und ideologisch massiv gegen Gender Mainstreaming und Feminismus, sie gelten als europäische Umerziehungsprogramme wider die Natur. Da wird argumentiert: „Die in Brüssel sagen, wir müssen jetzt alle schwul werden“ oder „Wir dürfen als Mütter nicht mehr Zuhause bleiben und unsere Kinder erziehen“, als ob das plötzlich die Direktive sei.
Was auch gemeinsam ist, ist eine Form von pluralen und subkulturellen Rollenangeboten für Frauen. Frauen gehen nicht nach Syrien, um die unterdrückte Zweitehefrau von einem Kämpfer zu werden, sondern ihnen werden Angebote gemacht, wie sie sich politisch und idealistisch für ihre Sache einsetzen können. Sie haben zwar eine andere Rolle als die Männer, aber sie sind ausschließlich auf die Pflege von Heim und Nachwuchs  beschränkt. Sie sind beteiligt an einem  subkulturellen Kampf: Die Mädels machen Öffentlichkeitsarbeit, die übersetzen Texte und im Rechtsextremismus füllen sie Webseiten. Diskussionsforen werden von Frauen organisiert.

Inwiefern können Rechtsextremismus und Islamismus zusammengedacht werden?

Ich habe da nicht so große Berührungsängste, trotzdem braucht es unterschiedliches Fachwissen. Es gibt die Vorstellung, dass die Diskriminierungserfahrungen von muslimischen Kids einen wichtigen Unterschied ausmachen. Wahr ist, dass das eine aus einer Minderheitengruppe und das andere aus einer vermeintlichen Mehrheitsgruppe entsteht. Wenn man individuell schaut, stellt man fest, dass rechtsextreme Kids häufig genauso das Gefühl haben, Verlierer zu sein, ausgegrenzt und nichts mehr wert zu sein. Man spricht da von einer persönlich wahrgenommenen Benachteiligung. Und das finden wir auf beiden Seiten. Eine weitere Parallele – auch besonders für die Mädels – ist, dass sich aus der Zugehörigkeit zu der Gruppe eine Verbesserung ergibt. Es gibt ja wie gesagt die Vorstellung, dass Mädchen, die sich der rechten Szene anschließen, sexuell ausgenutzte Anhängsel wären – das gibt es auch, aber in der Mehrheit sind das selbstbestimmte Wege. Die Mädchen haben ebenso wie Jungen eigenständige politische Motive und teilen die zentralen Ideologien der Ungleichwertigkeit, die diese Szene ausmachen.

Gibt es noch andere Funktionen, die Frauen in islamistischen und rechtsextremen Szenen übernehmen?

Es geht schon auch um den Kampf, um Gewalt, wobei das vor allem für den Rechtsextremismus gilt. Mädchen schlagen eher geschlechtsspezifisch, d.h. sind für Angriffe auf Mädchen aus vermeintlichen Feindgruppen („Linke“ oder „Ausländer“) verantwortlich. Dadurch dass Frauen auch von Sicherheitsbehörden eher übersehen werden, werden sie gezielt eingesetzt, etwa indem sie Sprengstoff und Waffen transportieren. Und sie bringen sich in Diskussionen ein – im Gemeinwesen, in Schulen, in der Moschee: „Schwestern, überlegt euch mal, ob ihr auf dem richtigen Weg seid“. Dabei beginnen sie die Gespräche auf eine scheinbar moralisch harmlose Art und Weise, das kann auch eine Parallele zwischen Rechtsextremismus und militantem Islamismus sein.

Eine ganz wichtige Funktion ist die Stabilisierung der Szenen nach innen. Frauen galten früher als Ausstiegsmittel Nr. 1 im Rechtsextremismus. Weil es so wenig Frauen innerhalb der Szenen gab, suchten die Kameraden ihre Freundinnen außerhalb. Die fanden es dann an irgendeiner Stelle nicht mehr so schön, wenn ihre Partner ihre Freizeit mit Alkoholgelagen und Gewaltexzessen verbrachten und wirkten dahin, dass die Jungs die Szene verließen. Mit mehr Frauen und Mädchen in der Szene können sich intern Partnerschaften und Familien bilden. Ein Problem, dass uns in den nächsten Jahren stark beschäftigen wird, ist der Umgang mit Kindern aus rechtsextremen Familien und der Umgang mit dem Sorgerecht, bei Trennung von Partner und Szene.

Auch die Rekrutierungsstrategie des IS zeigt, dass sie auf eine Stabilisierung ihrer terroristischen Gemeinschaft aus sind. Es wird geschlechtsspezifisch rekrutiert. Mädchen werden angesprochen mit dem Versprechen Märtyrer heiraten und den Jihad durch Familiengründung unterstützen zu können. Für Jungen gibt es Rekrutierungsvideos in denen ihnen mehrere Frauen zur Verheiratung versprochen werden.

Wo kann die Präventions- und Interventionsarbeit mit Frauen und Mädchen ansetzen?

Wenn wir uns auf Mädchen und Frauen konzentrieren wollen, müssen wir woanders ansetzen als in der Arbeit mit Jungen und Männern: Präventions- und Distanzierungsangebote müssen mädchenspezifische Motive einer Hinwendung im Blick haben. Die Ursachen für die wahrgenommene Benachteiligung vieler junger Frauen kann z.B. in Girl-Power-Workshops aufgegriffen werden. Jugendarbeit sollte flächendeckend parteiliche Angebote für Mädchen und Jungen sowie genderirritierende Angebote bereitstellen. Themen, die Angebote von Rechtsextremen und militanten Islamisten für Jugendliche interessant erscheinen lassen, sollten von Schule in politischen Bildungsangeboten aufgegriffen (und auf keinen Fall übergangen) werden. Ausstiegshilfe für Frauen muss an anderen Orten etwa in Frauenhäusern und in Mutter-Kind-Einrichtungen durch Fortbildung und Coaching des Fachpersonals gewährleistet werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die ausführlichen Ergebnisse des Projekts, sowie Handlungsempfehlungen zum genderreflektierten Arbeiten in Präventions- und Interventionsprojekten können Sie in der Broschüre finden.