„Was postest Du? Politische Bildung mit jungen Muslim_innen online“

„Was postest Du? Politische Bildung mit jungen Muslim_innen online“ ist ein Pilotprojekt (gefördert durch die Robert Bosch Stiftung), in dem wir die Erfahrungen aus den Teamer_innen-Workshops aufgreifen und auf soziale Netzwerke übertragen. In diesem Projekt erarbeiten wir Inhalte und Strategien der politischen Bildung im Web 2.0 mit aktuellen Fragestellungen, die muslimisch sozialisierte Jugendliche im Alltag beschäftigen. Das Projekt fördert und initiiert Reflexionsprozesse und zeigt Möglichkeiten der Teilhabe und Mitgestaltung auf. Damit leistet es auch einen Beitrag zur Prävention im Vorfeld möglicher Radikalisierungsprozesse, die vielfach durch Entfremdungs- und Ohnmachtserfahrungen gekennzeichnet sind. Es greift aktuelle Debatten um Counter-narratives, Counter-speech und den Umgang mit Hate speech auf.

Bildschirmfoto 2015-07-03 um 10.52.13Aufsuchende Onlinearbeit

Ausgangspunkt ist der Versuch, polarisierenden und nicht selten demokratiefeindlichen Positionen in Online-Diskussionen unter muslimischen Jugendlichen durch alternative Sichtweisen und Deutungsmuster entgegenzuwirken. Mit der „aufsuchenden Onlinearbeit“, die von methodisch und inhaltlich geschulten muslimischen Teamer_innen geleistet wird, werden die Urteils- und Handlungskompetenzen der beteiligten Jugendlichen gefördert.

Ein Beispiel: Der Mord an Marwa El-Sherbini im Juli 2009 in einem Dresdener Gerichtssaal war ein einschneidendes Ereignis für viele junge Muslim_innen in Deutschland. Es dauerte mehrere Tage, bis überregionale TV- oder Printmedien ausführlich über den Mordfall berichteten. Unter jungen Muslim_innen wurde der Mord dagegen bereits wenige Stunden nach der Tat intensiv diskutiert und auf mögliche Folgen für den Alltag von Muslim_innen in Deutschland befragt. Die Wahrnehmung, dass das Problem des Rassismus in der deutschen Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen wird, bestärkt bei vielen Jugendlichen die Sorge über eine zunehmend islamfeindliche Stimmung in der Gesellschaft – was einige dazu bewegt, sich auf eine muslimische Identität zurückzuziehen. Im Internet instrumentalisieren salafistische Prediger entsprechende Erfahrungen und werben damit um Jugendliche.

Soziale Netzwerke als Feld der Meinungsbildung und Kommunikation

Diese Dynamiken illustrieren die wachsende Bedeutung von Online-Medien als Feld einer politischen Bildungsarbeit, die unmittelbar an den Lebenswelten junger Muslim_innen anknüpft und aktuelle Themen und Auseinandersetzungen direkt aufgreifen kann. Umso wichtiger ist es, alternative Deutungsmuster aufzuzeigen, die einen konstruktiven Umgang mit problematischen Erlebnissen und Erfahrungen ermöglichen und damit dem Entstehen einer „Opferideologie“ entgegenwirken.

Vor diesem Hintergrund greift das Pilotprojekt die Bedeutung von sozialen Netzwerken, Webforen und Content-Sharing-Plattformen für die Meinungsbildung auf und überträgt diese auf die politische Bildungsarbeit mit jungen Muslimen. Die pädagogische Bildungsarbeit wird dabei im Sinne eines Peer-Education-Ansatzes von jungen muslimischen Teamer_innen geleistet, die sich insbesondere auf Facebook über persönliche Projektprofile als Gesprächspartner in Diskussionen unter jungen Muslim_innen/Migrant_innen einbringen und mit Informationen, Denkanstößen und ggf. Verweisen auf Hilfsangebote zu Wort melden.

Teamer_innen als Gesprächspartner

Die Online-Interventionen der Projekt-Teamer_innen betonen die Normalität des Muslimseins in Deutschland, ermöglichen eine vorurteilsfreie Diskussion über religiöse Werte und Traditionen und beugen einem Selbstbild als Opfer der Verhältnisse sowie der Attraktivität simpler Weltdeutungen vor, wie sie von radikalen Strömungen im Netz in großem Umfang angeboten werden.

Die Wortmeldungen der Teamer_innen erfolgen als persönliche Stellungnahmen, werden aber zugleich für die Jugendlichen deutlich erkennbar als Aktivitäten im Rahmen der Projektarbeit kenntlich gemacht. Insofern geht es ausdrücklich nicht um eine anonyme Einflussnahme auf Diskussionen unter Jugendlichen, sondern um ein transparentes Angebot der politischen Bildung. Um eine inhaltlich kompetente und methodisch effektive Arbeit zu ermöglichen, wurden die Teamer_innen umfassend auf entsprechende Dialoge und Auseinandersetzungen vorbereitet.

Ergänzend zur aufsuchenden Arbeit bietet das Projekt eine offene Facebook-Gruppe, in der Diskussionen von unserer Seite, aber auch von Jugendlichen selbst initiiert und im geschützten Rahmen vertieft werden können.

Materialien und Erfahrungsbericht

Die Materialien und Erfahrungen wurden im Februar 2016 im Rahmen eines Fachaustausches vorgestellt. Die Handreichung können Sie hier herunterladen.

In der Handreichung finden Sie auch Materialien zu den Themen Islam und Demokratie, Rassismus und Islamfeindlichkeit und Geschlechterrollen, die konkrete Anregungen für die pädagogische Praxis in sozialen Netzwerken, aber auch in Klassenräumen, geben.

Beiträge zum Projekt

Sindyan Qasem, „Was postest Du? Politische Bildung mit jungen Muslim_innen online“, Außerschulische Bildung – Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, 3/2016

Sindyan Qasem, Herausforderung 2.0: Politische Bildung und Soziale Netzwerke, in: Dietmar Molthagen/Thilo Schöne (Hg.), Lernen in der Einwanderungsgesellschaft. Handbuch für die Bildungsarbeit in Schule, Jugendarbeit und Erwachsenbildung in einer vielfältigen Gesellschaft, Bonn 2016

Götz Nordbruch, Das Projekt „Was postest Du?“ Rat von „Sheikh Google“, qantara.de, 11. Nov. 2015

WDR-Doku #3sechzich, Vorurteile gegen Muslime / Islam-Bashing, 7. Nov. 2015

Interview mit Götz Nordbruch, NRW-denkt-nachhaltig.de, Sep. 2015

 

 

Gefördert durch die

RBS Logo