Ringen um die Netzhoheit: Junge Muslim_innen wehren sich gegen dschihadistische Propaganda

Hatespeech und Hasspropaganda nehmen zu im Internet. Das gilt auch für menschenverachtende und zur Gewalt aufrufende Positionen, die unter Bezug auf „den Islam“ begründet werden. Wie kann man in der pädagogischen Arbeit darauf reagieren? In einem neuen Video zeigen i,Slam und Sami El – Islamische Gedichte zwei Wege auf, wie sie mit Hassbotschaften und Gewaltaufrufen im Namen des Islams umgehen: mit Comedy und mit ernsthafter religiöser Argumentation.

dschihad

In dem tausendfach geklickten kurzen Video parodiert der I,Slammer Sami El (I,Slam ist ein Gruppe junger Muslime, die sich mittels Slam-Poetry zu den verschiedensten Themen zu Wort melden) sogenannte „Internet-Dschihadisten“ – also Menschen, die ihr rigides, andere abwertendes und gewaltbefürwortendes Islam-Verständnis in sozialen Netzwerken verbreiten und die jedes andere Verständnis von Religiosität oder andere Formen des Zusammenleben ablehnen. Viele Jugendliche, die mit ihren Fragen im Netz auf der Suche nach Orientierung und Identitätsstiftung sind, stoßen auf solche Kommentare. Außerdem kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Vertreter_innen anderer Meinungen, die von Hass und verbaler Gewalt geprägt sind. So sind, wie im Video dargestellt, Nutzer_innen, die ganz selbstverständlich die Vereinbarkeit von islamischen und demokratischen Ideen repräsentieren, regelmäßig Anfeindungen und Hassreden ausgesetzt; übrigens nicht nur von „Internet-Dschihadisten“, sondern auch durch „Internet-Pegidisten“.

Das Video kann ein guter Ausgangspunkt sein, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen:

  • Wie gehen wir mit Hatespeech und Cybermobbing um?
  • Wie ernst nehmen wir Kommentare in sozialen Netzwerken?
  • Welchen Quellen vertrauen wir?
  • An wen wenden wir uns, wenn wir online beleidigt werden?
  • An wen wenden wir uns, wenn wir gefährliche Inhalte entdecken?

Im zweiten Teil des Videos kommt der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss zu Wort. Seine Botschaft, man solle das Urteilen in religiösen Fragen – etwa wenn es um den Dschihad geht – den Gelehrten überlassen, ist tief in der islamischen Orthodoxie verwurzelt. Er will offensichtlich vor allem diejenigen jungen muslimischen Nutzer_innen ansprechen, die eigenmächtig und ohne Kenntnis der islamischen Theologie andere Religionsverständnisse als falsch abstempeln und zum Kampf gegen Andersdenkende aufrufen. Die Position des Imams ist an einigen Punkten selbst nicht unproblematisch– doch seine religiöse Argumentation gegen Hatespeech und ausgrenzendes Verhalten kann durchaus als Ausgangspunkt für eine Diskussion darüber dienen, wie ein reflektiertes, kompetentes und mündiges Verhalten im Internet aussehen kann.

So lassen sich Gespräche einleiten, in denen Kamouss Aussage auch hinterfragt wird:

  • Sollte man das Nachdenken anderen Personen überlassen? Wer ist in religiösen Fragen kompetent – und wieso? Wem vertrauen wir?
  • Brauche ich für meinen Glauben (meine Überzeugungen) Gelehrte (Expert_innen)?
  • In welchen anderen Themen und Fragen verlasse ich mich auf „Expert_innen“?
  • Wer bestimmt über die Regeln unseres Zusammenlebens?
  • Wie wollen wir leben? (z.B. in der Klasse, der Schule oder der Gesellschaft)
  • Wer ist eigentlich ein_e gute_r Muslim_a? Und wer ist ein guter Mensch?
  • Und was ist mir selbst wichtig?

Wichtig wäre hier, die Jugendlichen nicht zu „überwältigen“ oder in religiösen Dingen belehren zu wollen. Vielmehr geht es darum, Gedanken anzustoßen und unterschiedliche – auch kontroverse – Positionen und Religionsverständnisse deutlich werden zu lassen, die am Ende nebeneinander stehenbleiben können.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Person von Abdul Adhim Kamouss. Die Nur-Moschee in Berlin-Neukölln, in der er bis vor kurzem predigte, gilt als Anlaufstätte junger Salafist_innen. Hier konvertierten viele Jugendliche und aus dem Umfeld der Moschee stammen auch einige Jugendliche, die nach Syrien ausgereist sind. Angesichts dieser Entwicklung distanziert sich Kamouss nicht nur seit geraumer Zeit explizit von Gewalt, sondern bemüht sich auch darum, einer Radikalisierung junger Muslim_innen aktiv entgegenzutreten. Mit seinem in weiten Teilen weiterhin „orthodoxen“ Islamverständnis erreicht Kamouss auch solche Jugendliche, die für dschihadistische Propaganda empfänglich sein könnten und vermittelt ihnen seine Botschaft, der zufolge ein Kampf gegen die „Kuffar“ („Ungläubige“) mit dem Islam unvereinbar sei. Anders als in dem Comedy-Video von Sami El geht es hier vielleicht nicht nur darum, Reflektionen über religiöse Werte und Traditionen anzuregen, sondern auch darum, evtl. bereits ideologisierte Jugendliche aus dem salafistischen Umfeld zu erreichen, dschihadistische Rethorik zu irritieren und zu hinterfragen.

Das Video bietet damit auch einen Anstoß für die Diskussion mit Jugendlichen, wie man Hatespeech und radikal-islamistischer Propaganda im Internet entgegenwirken kann: Was lässt sich gegen den Hass tun? Welcher Ansatz ist der Richtige? Oder gibt es womöglich mehrere Wege?

Weitere Anregungen für die pädagogische Praxis rund um soziale Netzwerke:

Junge Muslim_innen widersprechen Propaganda und präsentieren ihre Positionen: