ufuq.de jetzt auch auf Facebook

Banner

Volltextsuche

Publikation

Banner

RSS-feed

rss-symbol Wenn Sie sich unser RSS-Lesezeichen anlegen wollen, klicken Sie bitte hier.

Newsblog

"Heimat ist..." Gespräch mit türkischen Jugendlichen über Kurden, Graue Wölfe, Islam und Deutschland

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail

Ende Oktober kam es in mehreren Städten in Deutschland zu Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Jugendlichen, die sich am Konflikt zwischen der Türkei und der PKK entzündeten. Im Anschluss an eine türkische Demonstration, die am 28. Oktober 2007 in Berlin-Neukölln gegen die  PKK stattfand, versuchten einige Jugendliche, kurdische Einrichtungen anzugreifen. Die Auseinanderstzung machte den Einfluss des türkischen Nationalismus unter deutsch-türkischen Jugendlichen deutlich sichtbar. Der Konflikt um kurdische Autonomiebestrebungen und Minderheitenrechte in der Türkei mobilisiert auch unter ihnen nationalistische Stimmungen. Dabei spielt die Propaganda in türkischen Medien aber auch durch hiesige Organisationen eine wichtige Rolle. So wurde bei den Protesten in Berlin von vielen Teilnehmern das Handzeichen der radikal-nationalistischen Organisation der Grauen Wölfe gezeigt, die offenbar wieder an Bedeutung gewinnen.

In einem Gespräch haben wir fünf Berliner Jugendliche türkischer Herkunft nach ihrer Sicht der Dinge befragt: Die 16-19jährigen jungen Männer sind politisch interessiert, informiert, differenziert - und selbstbewusst. Von Benachteiligungen in Deutschland ist nur am Rande die Rede. Das Gespräch, das im Rahmen des bpb-Projekts "Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen" stattfand, wurde moderiert von Aycan Demirel:   

Murat ist der Einzige, der einräumt, selbst bei der Demonstration in Neukölln dabei gewesen zu sein.

Aber auch die anderen fühlen sich direkt von den Konflikten zwischen der Türkei und der PKK betroffen. Für Murat ist es notwendig, „gegen PKK-Terroristen zu protestieren, die die Türkei spalten wollen.“ Denn: „Wir wollen nicht, dass die (Kurden) von der Türkei Land bekommen. Wir haben in der Vergangenheit viele Kriege geführt, wir wollen nicht, dass diese Kriege umsonst waren. Das war für unser Vaterland.“

Die PKK oder „die“ Kurden?

Empört zeigen sich die Jugendlichen vor allem darüber, dass die PKK ihre Anschläge auch gegen Kinder, Zivilisten und soga gegen Menschen beim Gebet richte. Ahmed stimmt Murat darin zu und auch er hält die Forderungen der PKK für ungerechtfertigt: „Sowas wie Kurdistan gab es nicht, es gab keine Grenzen von Kurdistan. Kurden hatten damals einen Platz im Land, aber es gab kein Kurdistan – Kurden haben unrecht, wenn sie uns angreifen.“

Wichtig ist ihm allerdings, dass es keineswegs um einen Kampf gegen „die“ Kurden ginge, sondern um Protest gegen radikale Strömungen, die mit Gewalt für einen kurdischen Staat kämpften. Als Alternative nennt er das Beispiel der arabischen Minderheit in Israel: „Die Kurden könnten in der Türkei wie Araber in Israel leben, sie sollen aber kein eigenes Land bekommen.“ Für Hakan  sind Türken und Kurden schlicht „Brüder“ - allerdings Brüder unter dem Dach der türkischen Nation: „Türken und Kurden sind zusammen die Türkei, und nicht getrennt.“ Und auch Murat ergänzt, dass Kurden selbstverständlich Türken sein könnten, wenn sie sich zur türkischen Nation bekennen.

Im Laufe des Gespräches äußern die Jugendlichen dennoch grundsätzliches Verständnis für den Wunsch der Kurden nach nationaler Souveränität. So sagt Ahmed: „Wenn ich mich in die Gedanken der Kurden hinein versetze, dann ist es schon normal, dass die ein eigenes Land haben wollen. Jedes Volk will ein Land haben, damit man seine eigene Kultur leben kann. Ich kann die schon verstehen. Ich find es auch scheiße, das Saddam Hussein so viele Kurden vergast hat. Das hat niemand anderes gemacht, das ist unmenschlich. Die sollten ihr Land im Nordirak haben, aber nicht in der Türkei.“ 

Dies schließt eine Kritik der türkischen Politik ein. Für Murat liegt es auch an der wirtschaftlichen und kulturellen Benachteiligung des Osten des Landes, dass die PKK dort auf Sympathien stößt: „Wenn wir den Osten aufbauen würden, so wie die West-Türkei, würde die PKK keine Unterstützer bekommen. Warum? Wofür soll man noch kämpfen, wenn man reich ist. Wenn es dort Schulen und Einkommen gäbe, würden sich die Leute von der PKK abwenden. Das wäre eine Kettenreaktion. So haben die Kurden kein Geld, sind bildungslos, die haben gar nichts.“ 

Dennoch wird in der Gruppe auch Rassismus gegenüber Kurden spürbar. So gibt Dogan eine weit verbreitete Überzeugung wider, wonach Kurden ausnahmslos Angehörige des Yezidismus seien – einer Religion, die unter Muslimen oft als Religion von „Teufelsanbetern“ verurteilt wird: „Kurden haben eine eigene Religion, Yeziden, das ist deren Hauptreligion. Kurden sind erst in muslimischen Ländern Moslems geworden, aber ihre Hauptreligion ist das Yezidentum.“  

Dies würde, so die Ansicht der Jugendlichen, durch das Vorgehen der PKK bestätigt: Anschläge gegen Zivilisten seien mit dem Islam nicht vereinbar. Muslimen, darüber ist sich die Gruppe einig, seien solche Angriffe schlicht verboten. 

Diese Aussage richtet sich allerdings nicht nur gegen die PKK, sondern auch gegen Islamisten, die unter dem Vorwand des Jihads terroristische Anschlägen verüben. Ahmed wendet sich ausdrücklich gegen die Vorstellung eines „Heiligen Kriegs“ im Islam: „Manche Muslime reden ja auch vom 'Heiligen Krieg', aber so was gibt es nicht.“ Dem stimmt Murat zu. Die Rede von „Islamisten“, die hinter Terroranschlägen stehen würden, sei irreführend: „Das können ja keine Moslems sein, weil die Bombenanschläge machen. Die Leute in Deutschland reden von Islamisten, das ist aber falsch.“

Türkischer Nationalismus, der Islam und die Heimat

Das Bekenntnis zur türkischen Nation ist den Jugendlichen wichtig. Dies schließt für einige ein ausdrückliches Bekenntnis zu den Grauen Wölfen ein. Dabei ist ihnen die Kritik an der Bewegung durchaus bekannt. Im Gespräch über Ideologie und Ziele der Grauen Wölfe zeigen sie sich aber angetan von deren Nationalismus. Gleichzeitig besteht der Wunsch, diesen Nationalismus gegenüber dem Vorwurf des Rassismus und Faschismus zu verteidigen – vor allem, weil ihnen die Assoziation von Nationalismus und Rechtsextremismus aus deutschen Debatten um rechtsextreme Parteien bekannt ist. Ahmed sagt dazu: „Die Grauen Wölfe sind nicht rechts. Rechts sein heißt ja rassistisch, aber die Grauen Wölfe sind nicht gegen Ausländer, sondern sind eigentlich gegen den Terror. Okay, es kann sein, dass manche zwischen Kurden und PKK nicht unterscheiden können. Das finde ich auch schlecht, die meisten unterscheiden das aber.“  

Murat ergänzt: „Republikaner und – was gab es da noch – die NPD sollte man nicht zulassen, die sind gegen Ausländer, das ist nicht demokratisch. Es gibt Rechte, die sind Faschisten. Und es gibt Rechte, die sind keine Faschisten. Graue Wölfe sind keine Faschisten. Ich bin auch von den Grauen Wölfen, aber ich sag nie: Scheiß-Kurden.“ 

Türkischer Nationalismus und Islam schließen sich für die Jugendlichen nicht aus. Zwar gilt Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, auch unter ihnen als Held, der die Gesellschaft modernisierte, die Rolle der Frau stärkte und die Religion aus dem öffentlichen Leben zurückdrängte. Dennoch kritisieren sie die Vorbehalte gegenüber dem Islam in der deutschen Gesellschaft.  

Im Widerspruch zum Bild Atatürks als Modernisierer, der den Laizismus in der Türkei durchsetzte, steht die Forderung der Jugendlichen, dem Islam in der deutschen Gesellschaft mehr Raum einzuräumen. So findet Hakan, der sich mit einem auffallenden Kettenanhänger mit dem Schriftzug „Allah“ als Muslim zu erkennen gibt, dass es Lehrerinnen in Deutschland erlaubt sein müsse, Kopftuch zu tragen: „Jeder Mensch hat doch ein Recht, sich so anzuziehen, wie er will. Und wenn eine ein Kopftuch tragen will, dann darf sie das doch. Meinungsfreiheit. Wenn sie das tragen will, dann muss man sie lassen.“ Ahmed sieht das ähnlich: „Ich sehe keine Nachteile, wenn eine Lehrerin ein Kopftuch trägt. Hat doch nichts damit zu, dass sie terroristische Ansichten hat.“ 

Dennoch gibt es Vorbehalte gegenüber der zunehmenden Religiosität von türkischen Jugendlichen in Deutschland. Mehrere Beispiele werden genannt, die belegen sollen, das Kopftuch-tragende Frauen keineswegs „besser“ seien als andere. Viele Mädchen trügen das Kopftuch nicht „vom Herzen, sondern zum Schein“. Manche gingen ins Solarium, trügen Schminke und gingen mit Jungen aus: „Wozu dann noch Kopftuch?!“ Hakan: „Die, die kein Kopftuch tragen, sind oft sauberer, viel reiner.“ 

Dabei gehört der islamische Glaube für die Jugendlichen ganz selbstverständlich in den Zusammenhang von Identität und Heimat. Auf die Frage, ob sie sich eher als deutsche oder als türkische Muslime sehen, zeigt sich Hakan empört: „Was ist denn der Unterschied? Ich versteh die Frage gar nicht?“ Die anderen stimmen ihm bei. Sie sehen keine Notwendigkeit, zwischen „Deutschland“, „Türkei“ und dem „Islam“ zu wählen. Der Türkei und Deutschland fühlen sie sich in gleicher Weise verbunden. „Natürlich“ sei die Türkei „ihr“ Land, sagt Hakan, schließlich seien sie mit dem Herzen in der Türkei. Dennoch würden sie sich auch als Deutsche bezeichnen. Schließlich sei Deutschland „sehr gut“, findet Murat. „Deutschland ist das demokratischste Land in Europa. Deutschland ist perfekt.“ „Die Deutschen“, erklärt Ahmed, „sind mir auch ans Herz gewachsen - es gibt ja immer gute und schlechte Menschen in einem Volk, auch bei Kurden, sogar bei den Juden.“ 

Die starke Bindung an Deutschland beschränkt sich dabei nicht auf die euphorische Unterstützung für die deutsche Nationalmannschaft während der Fußballweltmeisterschaft, sondern beinhaltet auch die ausdrückliche Bereitschaft,  Deutschland militärisch zu verteidigen: "Gegen Polen oder so würde ich Deutschland verteidigen - nur nicht gegen die Türken."

Und Dogan befindet: „Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt. In unseren Heimatstädten fühlen wir uns wohl, und hier fühlen wir uns auch wohl. Hier haben wir unser Zuhause, unsere Arbeit, die Leute, die wir mögen. Weil wir uns hier wohlfühlen, ist das Zuhause.“