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Streit um Frankfurter Imam - Pädagogik zum Nahostkonflikt
Dienstag, 23. Februar 2010 um 13:28 Uhr
Am Sonntag ist nach zweiwöchigen Debatten in Frankfurt der Imam der Hazrat-Fatima-Gemeinde zurückgetreten. Der Gemeinde gehören vor allem Schiiten türkischer Herkunft an. Ein Bericht des HR-Magazins defacto hatte Sebahattin Türkyilmaz beschuldigt, antisemitisch zu sein.
Anlass waren anti-israelische Predigten des Imams sowie die Teilnahme an Demonstrationen, auf denen zum Kampf gegen Israel aufgerufen und „Tod Israel“ skandiert wurde. Der Imam hatte dazu erklärt, er habe lediglich sein Recht auf Meinungsfreiheit gebraucht und seinem Protest gegen den Libanon-Krieg und seiner Kritik an der Besatzung palästinensischer Gebiete durch Israel Ausdruck verleihen wollen. Eine Stellungnahme der Moscheegemeinde wird heute Nachmittag erwartet. (Hier ein aktueller Bericht von „defacto“; sowie hier, hier und hier Berichte und Kommentare der Frankfurter Rundschau.)
Nun wird bereits seit geraumer Zeit darauf hingewiesen, dass unter anderem von Migranten muslimischer und arabischer Herkunft spezifische Positionen vertreten werden, die über legitime Kritik an der Politik Israels hinausgehen und dabei nicht selten auch antisemitische Stereotype aufgreifen. Insbesondere betrifft das auch Jugendliche, die in Deutschland geboren sind, sich aber emotional sehr mit „den Palästinensern“ verbunden fühlen und stark durch die Erfahrungen und Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern geprägt sind. Hier besteht ein dringender Bedarf nach politischer Bildung zum Nahostkonflikt, dem die pädagogischen Einrichtungen aber noch immer kaum nachkommen können. Darüber führte die Frankfurter Rundschau ein Interview mit ufuq-Mitarbeiter Jochen Müller:
Herr Müller, wie erklären Sie Jugendlichen muslimischer oder arabischer Herkunft die Sensibilität in Deutschland gegenüber dem israelischen Staat?
Es geht hier nicht um deutsche Sensibilitäten. Antisemitismus ist schließlich eine demokratiegefährdende Weltanschauung, der man grundsätzlich vorbeugen muss. Und wenn Jugendliche Israel nicht anerkennen wollen und teils sogar antisemitische Stereotypen verbreiten, dann hat das oft mit Unkenntnis oder Halbwissen über die Konfliktgeschichte und die Entstehung von Israel zu tun.
Aber diese Jugendlichen besuchen hier die Schule und haben Geschichtsunterricht ....
Ich habe den Eindruck, dass der Unterricht ungenügend ist und nicht auf die spezifischen Erfahrungen der Jugendlichen und ihrer Familien eingeht. Der Nah-Ost-Konflikt müsste genauer betrachtet und seine komplexe Geschichte aus Sicht der verschiedenen Seiten beleuchtet werden.
Wir brauchen also einen multiperspektivischen Blick?
Ja. Es müssen die unterschiedlichen arabischen Perspektiven und auch die israelischen Sichtweisen des Konflikts einbezogen werden, um Schwarz-Weiß-Denken und einer Unterteilung in Gut und Böse zu begegnen. So kann dargestellt werden, dass es Flucht und Vertreibung auf beiden Seiten gegeben hat. Die meisten Jugendlichen wissen etwa nicht, dass 1948 auch hunderttausende Juden ihre arabische Heimat verlassen mussten und nach Israel flohen. Vor dem Hintergrund des Holocaust kann das Bedürfnis Israels nach Sicherheit verständlich gemacht werden. Was die Jugendlichen von Zuhause über den Konflikt mitbekommen, ist meist die andere Seite der Geschichte. Diese Multiperspektive ist eine große Herausforderung für Pädagogen, es braucht Fingerspitzengefühl. Wenn es gelingt, beugt es Mythenbildung und einseitigen Wahrnehmungen vor. Und somit auch antisemitischen Überzeugungen.
Wieso identifizieren sich viele Jugendliche in dritter Einwandergeneration so stark mit den Menschen im Nahen Osten?
Der Nahostkonflikt ist ein Ventil für viele Jugendliche, die sich hier ungerecht behandelt und als Deutsche nicht akzeptiert fühlen. Der Nahostkonflikt wird für sie zur Projektionsfläche, weil dort aus ihrer Sicht Muslime und Araber ungerecht behandelt werden.
(Hier und hier finden Sie Texte und Materialien zur pädagogischen Begegnung von Israelhass und Antisemitismus im Kontext des Nahostkonflikts.)

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