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Islamkritik: Tabus brechen, wo keine sind

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Mit der Islamkritik ist es ein wenig wie mit der Kritik an Israel: Obwohl alle Welt – und dazu gehören natürlich auch deutsche Medien – beständig Israel für seine Besatzungspolitik kritisiert, besteht bei Vielen so eine Art „Bauchgefühl“, dass dies eigentlich doch nur ausnahmsweise geschehe und man für kritische Bemerkungen über israelische Politik schon allen Mut zusammen nehmen müsse. Beifall bekommt dementsprechend regelmäßig derjenige, der sich vor nach dem Motto „Man wird ja wohl noch…“ als Tabubrecher inszeniert: „Endlich traut sich mal jemand“, heißt es dann aus Volkes Mund, „das zu sagen, was doch alle denken“.

Ganz ähnlich ist es mit der Islamkritik: Kein Tag vergeht, an dem nicht in der deutschen Öffentlichkeit der Islam und die Muslime angegangen werden. (Ob zurecht oder zu Unrecht spielt hier zunächst keine Rolle.) Dennoch besteht ganz offenbar der Eindruck, dass dies als politisch unkorrekt gelte. „Respekt“, kommentieren dann die Leser zum Beispiel einen so schnöseligen wie populistischen Beitrag von Gideon Böss im Weblog der Welt, in dem dieser allein die Muslime für Integrationsprobleme in Deutschland verantwortlich macht: „Ein mutiger Artikel, der in der heutigen Zeit kaum noch möglich schien“. Oder: „Sehr gut, endlich mal jemand, der die Wahrheit ausspricht.“ Als ob hier tatsächlich einer ein Tabu gebrochen hätte.

Vielmehr, das zeigen eine ganze Reihe von Umfragen und Studien, dürfte Islamfeindschaft, zumindest aber die Kritik an Islam und Muslimen, hierzulande ebenso im Mainstream liegen wie in der Schweiz. (Hier wie dort sind dabei – das zeigen die Ergebnisse der Minarettabstimmung und die Ergebnisse einer Emnid-Umfrage in Deutschland – Skepsis, Angst und Ressentiment dort am ausgeprägtesten, wo kaum Muslime leben.)  

Zum einen gehört also wahrlich kein Mut dazu, den Islam zu kritisieren. Dies behauptet nur der Stammtisch. Zum anderen besteht für Feindschaft gegenüber Islam und Muslimen kein Grund. Darauf weist die Politologin Naika Foroutan in einem Beitrag in der Berliner Zeitung hin: Anhand der Ergebnisse einer ganzen Reihe von Studien über Muslime in Deutschland betont sie den darin dokumentierten Integrationswillen der meisten in Deutschland lebenden Muslime. (Unter andeem nennt Foroutan die BAMF-Studie: Muslimisches Leben in Deutschland; eine Sinus-Umfrage; die Heitmeyer-Studie: Deutsche Zustände; Allensbach-Umfragen; die Studie von Heiner Bielefeld: Das Islambild in Deutschland; oder Untersuchungen des Instituts für Mittelstandsforschung der Uni Mannheim.) Demnach nahmen 77% der dazu aufgeforderten Muslime an Integrationskursen teil, 70% der Musliminnen tragen kein Kopftuch (Tendenz fallend), 84% der „Türken“ meinen, dass man ohne die deutsche Sprache als Zuwanderer keinen Erfolg haben könne, 9000 kleine und mittelständische Unternehmen von „Türken“ beschäftigen 29.000 Menschen und erzielen einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro, 80% der Türken leben auf der Grundlage eigener Einkommensquellen. Und: 63% der Befragten sind der Meinung, dass jeder sich hocharbeiten kann, der sich anstrenge. (In der Gesamtbevölkerung sehen das nur 57%  so.)

Diese Ergebnisse von Forschungen und Umfragen, so resumiert Foroutan, würden indes kaum wahrgenommen bzw. könnten die „gefühlte Wahrheit“ über „die Muslime“ offenbar nicht infrage stellen.  So hätten 40% der Deutschen das Gefühl „fremd im eigenen Land zu sein“ (Heitmeyer) obwohl „Türken“ und „Araber“ keine 5% der Bevölkerung ausmachten; 67% halten die Werte des Islam für unvereinbar mit den eigenen; und drei von vier Deutschen verneinen, dass „die muslimische Kultur in unsere westliche Welt“ passe.          

Daraus schlussfolgert Foroutan: „Während ein Großteil von uns (Migranten) längst eine postintegrative Perspektive eingenommen hat und wir in unserem Deutschland bereits angekommen sind, während wir es formen, verändern, färben und prägen, legt sich über diese wirkliche, messbare und nachweisbare Wahrheit die träge Matrix der Hyperrealität - die Sehnsucht nach einem alten Deutschland, das vielleicht ein bisschen bunt, aber bitte ohne ´die Muslime´ daherkommen sollte. Diese Hyperrealität dominiert die Wahrnehmungswelt und in Folge leider unsere Lebenswirklichkeit: Mit steigenden Integrationserfolgen, Bildungsaufstieg und unserer Präsenz im Elitenraum, mit Deutsch als ´Muttersprache´ und Muslimen als Nachrichtensprechern und Kulturpreisträgern, beginnt die fiktive kollektive Identitätszuschreibung - ´Deutsch-Sein´ - als letzte sichere Ressource zu bröckeln. Dies lässt Abwehrmechanismen in der Mehrheitsgesellschaft wuchern, die ihre Identität dadurch zu festigen versucht, dass sie uns als ´Andere´ markiert. Dabei sind wir längst ein Paradigma. Als ´Paradigma-Neudeutsche´ bezeichnet uns Michael Wolffsohn: als orientalische Deutsche, Muslimisch-Deutsche, Türkisch-Deutsche, Iranisch-Deutsche, Arabisch-Deutsche - ja, das sind wir. Und stolz darauf!“

(Hier finden Sie den ganzen Beitrag von Naika Foroutan.)