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Islamistische Stimmen gegen Demokratie und Wahlen [Nachtrag: Video]

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(Salafitisches Video zu der Frage, ob es Muslimen gestattet ist, sich an Wahlen zu beteiligen. Quelle: Youtube.com)

Zahlreiche muslimische Verbände und Organisationen rufen derzeit dazu auf, sich an den Bundestagswahlen zu beteiligen (s. dazu hier den Eintrag auf ufuq.de vom 15.9.). Dagegen sprechen sich einige extremistische Strömungen ausdrücklich gegen eine Beteiligung von Muslimen an Wahlen aus. „Jetzt wollen sie uns zu ihrem Dien [Religion] zwingen“ vermutete zum Beispiel eine Teilnehmerin eines vornehmlich von jungen Erwachsenen genutzten deutschsprachigen salafitischen Internetforums anlässlich der nach der Europa-Wahl diskutierten Idee, eine Wahlpflicht einzuführen. In ihrem Eintrag verlinkt sie zur Erläuterung ihrer Haltung auf das Buch „Die Religion der Demokratie“. Dieses findet sich auf Al-Azr.com – einer deutschsprachigen islamistischen Seite, deren Betreiber von sich erklären, dass sie auch jeglichen „Staatsislam“ und dessen Anhänger „vollkommen ablehnen“ würden –  ebenso wie „sonst eine gesetzgebende oder dem Unglauben loyale Institution“.

Al-Azr (dt.: ‚Stärke’) präsentiert vor allem ins Deutsche übersetzte Schriften - das Logo der Seite zeigt einen Federhalter - salafitischer Autoren sowie Grundlagenwerke islamistischer Ideologie etwa von Ibn Taimiyya oder Sayyid Qutb. Der Autor von „Die Religion der Demokratie“ (arab. Original: Ad-Dīmuqrātiyya Dīn) ist der palästinensische Jordanier Abu Muhammad al-Maqdisi, der als geistiger Vater des irakischen Jihadisten und Al-Qaida-Führers Abu Musab al-Zarqawi weltbekannt geworden ist. Maqdisi zählt zu den international einflussreichsten Theoretikern des Jihadismus.

Auf dem Cover des Buches stehen sich ein Bild der von Gläubigen umkreisten Kaaba und das Halbrund eines Parlamentes gegenüber. Der Originaltitel „Die Demokratie ist eine Religion“ wird unten auf dem Einband mit den Worten fortgesetzt: „Und wer eine andere Religion als den Islam begehrt: nimmer soll sie von ihm angenommen werden, und im Jenseits wird er unter den Verlierern sein“.

Dieses Postulat von der Demokratie als einer falschen Religion bestätigt auch der Übersetzer des Buches. Er schreibt: „Nachdem ich dieses Buch gelesen hatte (…) empfand ich die Pflicht die nicht-arabisch sprechenden Muslime von dieser gefährlichen Katastrophe (der Demokratie) zu informieren. (…) Ich war lange Zeit auf der Suche, um eine verständliche Widerlegung der Einführung der Demokratie und der polytheistischen Parlamentsräte durch die Ungläubigen, zu finden. (…) Ich fand all dies in diesem großartigen Buch, so beschloss ich, es (…) zu übersetzen, damit es (auch) dem Rest der Menschen, die nicht in der Lage sind arabisch zu verstehen, möglich ist, die Wahrheit von der Falschheit, die Leitung von der Fehlleitung zu unterscheiden.“

Der von Maqdisi vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Irak geschriebene Text ruft dann deutlich zur Bekämpfung der Demokratie und damit nicht zuletzt fast aller Muslime auf – derjenigen nämlich, für die Demokratie und Islam kein Widerspruch sind:

„Wir haben, gezeigt, dass die Demokratie eine Religion ist. Jedoch ist sie nicht die Religion Allāhs. (…) Wir müssen jene, die der Demokratie folgen, zerstören und wir müssen ihre Anhänger als Feinde betrachten - sie hassen und einen großen Jihād gegen sie ausführen.“ Der Jihad gegen die „Anhänger und Helfer“ der Demokratie diene laut Maqdidsi dazu, „dieses menschengemachte System zu zerstören und zu versuchen, die Menschen dazu zu bringen, sich von der Anbetung (an dieses System) abzuwenden und zur Anbetung an Allāh allein zurückzukehren.“

In der Folge lehnt Maqdisi Mehrheitsentschiedungen des Volkes, Parlamente und Verfassungen ab, weil in einer Demokratie die Verse des Koran und die Überlieferungen des Propheten nicht berücksichtigt würden. Gesetze würden vielmehr nach den „Wünschen und Launen“ ihrer Repräsentaten gemacht, die „in Wahrheit aufgerichtete, geschnitzte Bildnisse, angebetete Götzen und aufgesetzte Götter [sind], welche aufgerichtet und bestimmt wurden in ihren Tempeln, ihren heidnischen Heiligtümern (in den Parlamenten).“ [Hier die deutsche Übersetzung von Maqdidis Buch auf  Al-Azr.com.]

Ähnlich argumentiert die Hizb ut-Tahrir, die Partei der Befreiung. Die in Deutschland verbotene HuT ist eine islamistische Organisation, die ein Kalifat mit einer wörtlich verstandenen Scharia als Grundlage der „islamischen Ordnung“  errichten will und die Integration von Muslimen in westlichen Gesellschaften bekämpft. Sie rekrutiert ihre Anhänger vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. [Hier und hier mehr zur HuT.] Ein Muslim darf nach Auffassung der HuT „im Westen“ keiner Partei beitreten. Wer es trotzdem tut, begehe eine Sünde, weil keine der westlichen Parteien auf dem Islam basiere, der allein Grundlage von Politik sein dürfe.

Muslime dürften zwar wählen, aber wiederum nur streng islamische Parteien und Vertreter. Die Wahl von Regenten, Parlamentsabgeordneten, Parteilisten, Bürgermeistern und Gemeinderatsmitgliedern „im westlichen System“ sei jedoch „einer sündhaften Handlung gleichzusetzen“. Denn, weil „die Arbeit der Gewählten eine verbotene Tätigkeit darstellt, da sie nicht auf dem Islam basiert, ist folglich die Wahl und Akzeptanz einer Person, die sündhaft handelt, ebenfalls islamrechtlich nicht erlaubt“, heißt in der bereits etwa älteren Erklärung der HuT, die hier auf ihrer Website kalifat.com nachzulesen ist.

Am „System des Unglaubens“ dürfen sich Muslime nach Auffassung solcher radikal-islamischen Organisationen also nicht beteiligen - auch nicht bei Wahlen. Seine Stimme abzugeben, ist aus dieser Perspektive für einen Muslim nicht als Bestandteil politischer Partizipation zur Vertretung allgemeiner oder auch spezifisch muslimischer Interessen zu betrachten, sondern stellt eine Sünde dar. Politisch betätigen sollen sich die Muslime aber dennoch: So sollen Muslime nach „erlaubten Alternativen“ suchen, um Einfluss auf die „falschen Systeme“ zu nehmen und sie zu verändern. Und sie sollen zum Islam aufrufen, „damit die Unwahrheit durch die Wahrheit auf der Welt ersetzt werden kann.“ [Hier ein weiterer Beitrag zu Diskussionen über Wahlen unter religiösen und islamistischen Jugendlichen.]