Newsblog
Ramadan: Zwischen spirituellem Erlebnis und „Rechenschaftsberichten“
Freitag, 07. August 2009 um 09:36 Uhr
Der Ramadan ist für Muslime ein Erlebnis – und zwar ein frohes und lang erwartetes. Die Enthaltsamkeit und das Fasten während des Ramadan, der dieses Jahr vom 22. August bis zum 20. September begangen wird, ist eine Gelegenheit, sich des eigenen Glaubens zu vergewissern. Der Ramadan ist nicht Last und Zwang, wie man als Nicht-Muslim vielleicht vermuten könnte. Die Enthaltsamkeit steht vielmehr für eine positive Überwindung des "nafs", des eigenen Egos. (Siehe nebenstehenden Ankündigung einer Geschenkstickeraktion des Modelabels Style-Islam.)
Im Ramadan geht es schließlich nicht so sehr um Verbote und die Einhaltung von Regeln als um ein spirituelles Erlebnis, das sehr viel auch mit dem Gefühl der Gemeinschaft zu tun. So ist das gemeinsame Fastenbrechen in der Familie und unter Freunden ein Ritual, das nicht nur von Kindern erwartungsvoll begangen wird. Mit den Einschränkungen einer Diätkur hat der Ramadan für die meisten Muslime kaum etwas gemein.
Gerade deshalb sind die „Zielkontrollen“ und „Rechenschaftslisten“ interessant, die kürzlich von der Berliner Nur-Moschee verschickt wurden. Mit diesen Tabellen kann man sich Rechenschaft über das eigene Verhalten während des Ramadan abgeben. Hat man sich zum Beispiel „überflüssigem Gerede“ enthalten, gibt es in der Tabelle ein „+“, während es mit einem „-“ zu Buche schlägt, wenn einem tagsüber die „Zunge außer Kontrolle“ geriet.
Unter den 25 Fragen, die es hier zu beantworten gilt, wird auch danach gefragt, ob man sein „tägliches Pensum an Lesen des Qur'an geschafft“ – oder ob man bei dieser Aufgabe „versagt“ hat. Auch soll man sich fragen, ob man „etwas für die islamische Ummah getan (hat) oder (ob man denkt), dass ich mich erst mal um mich selbst kümmern muss?“ Am Ende kann man auszählen, wie viele der 25 möglichen „+“ man an den einzelnen Tagen der Woche erreicht hat.
Den meisten Muslimen dürfte bei der Lektüre dieses Rechenschaftsberichtes ein kalter Schauer den Rücken hinunterlaufen. Für islamische Gelehrte wie den Schweizer Theologen Tariq Ramadan ist der Glaube an einen solchen religiösen Formalismus ein Gräuel. Gerade für salafitische Strömungen des Islam, wie sie zum Beispiel auch in der Berliner Nur-Moschee vertreten sind, ist dieser Formalismus aber charakteristisch. (Einen guten Einblick in diese Szene bietet ein Bericht, der kürzlich in der taz erschien.) Hier geht es weniger um spirituelle Erfahrungen als um klar definierte Wegmarken, an denen sich der Gläubige zu orientieren hat. Ein so verstandener Glaube bietet nicht nur Halt, sondern schafft auch Identität, die sich anhand eindeutiger Kriterien belegen lässt. Das individuelle Heil ist dabei gar nicht mal so fern: Wie nahe man ihm ist, lässt sich einer Excel-Tabelle entnehmen.

Wenn Sie sich unser RSS-Lesezeichen anlegen wollen, klicken Sie bitte


