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„Home-grown-Terrorismus“: Analyse und Prävention aus polizeilicher Sicht

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Erfahrungen und Empfindungen von Diskriminierung sowie die Ideologisierung in Form radikal-islamistischer Weltinterpretation – das nennt Christiane Nischler als zwei der wesentlichen Motive des „Home-grown“-Terrorismus. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Die Kriminalpolizei“ analysiert die derzeit im Bayerischen Staatsministerium „für Integrationsbelange“ beschäftigte Wissenschaftlerin  Studien über „Terrorismus- und Radikalisierungspotentiale“ und stellt – aus polizeilicher Sicht – Präventionsansätze vor.  

Dabei hebt sie hervor, dass der Begriff vom „Home-grown-Terrorismus“ erst vor ein paar Jahren mit den Anschlägen in Madrid und London etabliert wurde. Er markiert, dass die Motive des Terrorismus – es geht dabei ausschließlich um islamistisch motivierte Anschläge – nicht länger auf, wie sie schreibt, nach Europa „importierte“ nicht-europäische Probleme zurückgehen. Vielmehr wurde der islamistische Terrorismus nun als „internes europäisches Problem“ verstanden, teilweise ausgeübt duch scheinbar bestens integrierte Muslime der zweiten oder dritten Generation. Dabei spiele jedoch die vor allem durch das Internet vermittelte Idee einer weltweiten Gemeinschaft der Muslime und die Ideologie des globalen Jihadismus eine zentrale Rolle, so Nischler:

„Erst vor dem Hintergrund dieser Entwicklung konnte es überhaupt dazu kommen, dass sich in Europa geborene bzw. aufgewachsene Muslime als Vertreter einer Ideologie verstehen, deren Ursprünge zwar außerhalb Europas liegen, die sie aber als ihr ureigenstes Anliegen begreifen.“

Die Erstellung eines „typischen Täterprofils“ habe sich indes als schwierig erwiesen. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Biografien, unter denen sich „wiedergeborene“ Muslime, desillusionierte Jugendliche, Kriminelle oder Konvertiten mit insgesamt verschiedenen sozioökonimischen Hintergründen fänden. Dennoch ließen sich einzelne Merkmale ausmachen:

In den einzelnen europäischen Ländern stammen die meisten Täter aus derjenigen Bevölkerungsgruppe, die unter den Migranten den größten Anteil ausmacht. (Ausnahme: In Deutschland waren – bezogen auf eine Studie aus 2004 – keine Jihadisten türkischer Herkunft registriert.) Außerdem waren die Täter laut einer Studie (Bakker 2006) meist unverheiratete junge Männer aus „wirtschaftlich unterprivilegierten“ Schichten, die oft bereits durch Kleinkriminalität aufgefallen waren. Allerdings, so Nischler, scheint dabei „relative Deprivation eine größere Rolle zu spielen als absolute Armut“. Will heißen: „Eine viel größere Rolle als die persönliche Betroffenheit durch soziale Armut scheinen Elemente wie Diskriminierungserfahrungen, Frustration und moralische Empörung – beispielsweise über die Situation der Muslime in Europa oder weltweit zu spielen. Diese Elemente werden mit allgemeinen politischen oder religiösen Erklärungsmustern vermengt und zu einem in sich schlüssigen Weltbild geformt.“

Dabei würde – und diese Beobachtung ließe sich anhand der Analyse politischer Statements verschiedenster Art von Jugendlichen im Internet bestätigen – die „moralische Wut“ über die Lage von Muslimen etwa in Krisenregionen mit persönlichen Erfahrungen in Verbindung gebracht. Dies kann in ideologische Erklärungsmodelle münden und damit zu einem  zentralen Element von Radikalisierungsprozessen werden. „Integrationsdefizite“, so Nischler,  erklärten zwar Radikalisierung nicht hinreichend, „doch sie bereiten den Nährboden durch ein diffuses Gefühl direkter oder indirekter Benachteiligung“. Terrorismus entstehe also nicht im „sozialen Vakuum“, sondern bedürfe „eines gewissen Rückhalts zumindest innerhalb gesellschaftlicher Minderheiten“.    

Spätestens hier tritt die Ideologie hinzu. Und bei deren Konstituierung und Vermittlung spielen, so Nischler, salafitische Strömungen und Organisationen eine wesentliche Rolle. Sie bieten auf Grundlage ihrer Lesart des Islam eine gerade für viele Jugendliche wichtige Gemeinschaft von Gleichgesinnten und sie legen den Rückzug aus der nicht-islamischen Umgebung nah mit dem Ziel, „langfristig eine authentische islamische Gesellschaft als Gegenmodell entstehen zu lassen“. Dabei vermitteln sie meist ein polarisierendes Weltbild mit einfachen Antworten und einer deutlichen Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Der Personenkreis, der durch den Salafismus angesprochen würde, reiche – so Nischler etwas pauschalisierend – „von Jugendlichen auf der Sinnsuche über Personen mit Lebensbrüchen bis zu Personen mit krimneller Vergangenheit. Dies schließt Muslime der zweiten und dritten Einwanderergeneration, welche den Salafismus als ‚wahren’ Islam in Abgrenzung zur Religion ihrer Eltern entdecken, ebenso mit ein wie Konvertiten“.  

Anzumerken ist dabei, und auch die Autorin weist darauf hin, dass diese Formen von Abgrenzung und Radikalisierung nicht automatisch zu Gewaltbereitschaft führen. So distanzieren sich die salafitischen Prediger in Deutschland in der Regel ausdrücklich von Gewalt. Sie tun dies aber sicher auch deshalb so explizit, weil sie wissen, dass sich unter ihren Anhänger eine, wenn auch kleine, Zahl „gefährdeter“ junger Männer befindet. Schließlich legt die salafitische Ideologie den Schritt von der verbalen Verdammung alles „Unislamischen“ zu seiner direkten Bekämpfung durchaus nahe.           

Hier schließen sich die Überlegungen von Christiane Nischler zu Präventionsstrategien an, die aus ihrer Sicht unbedingt „ganzheitlich“, das heißt unter Einbeziehung von Politik, Wirtschaft, nicht-staatlichen Akteuren, Medien und lokalen Initiativen erfolgen sollten. Aus polizeilicher Sicht betont sie vor allem die Vermittlung von Hintergrundwissen zur Erlangung von Handlungskompetenz. Das heißt zunächst, dass Polizei und Polizisten sich allgemeine Kenntnisse über die Vielfalt von Religion und Kultur, über das soziale Umfeld von Muslimen sowie über die verschiedenen Erscheinungsformen radikaler Ideologien aneignen müssen – nicht zuletzt um Pauschalisierungen zu vermeiden oder um in der Lage zu sein, zwischen traditionalistischen und islamistischen Einstellungen und Verhaltensformen unterscheiden zu können.

Dazu führt die Autorin ein Beispiel aus dem Bereich der polizeilichen Aus- und Fortbildung an – will dieses aber ebenso auf soziale Einrichtungen und insbesondere für Lehrer übertragen wissen.  Denn auch hier gelte: „Je mehr Hintergrundwissen vorhanden ist, desto leichter fällt es, religiöse Besonderheiten in ihrer Vielfalt zu respektieren, andererseits aber Formen von Extremismus konsequent und handlungssicher zu begegnen.“

Hinzu käme auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, aber auch in der konkreten Polizeiarbeit, die „Zusammenarbeit mit der Bevölkerung mit Migrationshintergrund“. Der Kontakt sollte sich dabei nicht auf religiöse Vereine, Organisationen oder Moscheen beschränken – schließlich wäre es „fatal, die Religionszugehörigkeit generell als Identifikationsmerkmal zu sehen“, denn das würde islamistische Denkweisen reproduzieren. Auch schließe dieser Prozess Maßnahmen wie Verbote einzelner Organisationen etwa wegen Verstößen gegen die FDGO nicht aus. Im Mittelpunkt einer präventiven Ideologiebekämpfung stünde jedoch die Vertrauensbildung – wozu die Vermittlung interkultureller Kompetenz und die Etablierung von Netzwerken entscheidend beitragen. Und nicht zuletzt – so die Autorin in einem anderen Text –  sollte doch die Anzahl von Polizisten migrantischer Herkunft erhöht werden.  

(Hier der gesamte Text und hier ein weiterer Beitrag der Autorin zum Thema. Hier der Leitfaden „Polizei und Moscheevereine“, der aus einem Dialogprozess zwischen Sicherheitsbehörden und muslimischen Verbänden entstanden ist; hier und hier Berichte über die Kritik der IGMG an diesem Prozess.)