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Reaktionen auf den Mord an Marwa El-Sherbini, Aufruf zur Demonstration in Berlin

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Der Mord an der 31-jährigen Marwa El-Sherbini am Mittwoch in Dresden scheint die Sorgen vieler Muslime über eine zunehmend aggressivere Stimmung gegenüber dem Islam und Muslimen in Deutschland zu bestätigen. Entsprechend zahlreich sind die Reaktionen, die der Mord im Dresdener Landgericht an der im dritten Monat schwangeren Ägypterin, die durch ihr Kopftuch als Muslimin zu erkennen war, ausgelöst hat. Für Sonntag ist nun eine Demonstration in Berlin-Neukölln angekündigt, bei der Muslime aus dem salafitischen Spektrum um den Kölner Prediger Pierre Vogel gegen die „Diskriminierung muslimischer Frauen“ protestieren wollen.

Anlass des Gerichtsverfahrens, in dessen Verlaufe Sherbini ermordet wurde, waren die Beschimpfungen als „Terroristin“ und „Islamistin“, mit denen der 28-jährige Alexander W. die Apothekerin im vergangenen Jahr auf einem Dresdener Spielplatz überzogen hatte. Während der Gerichtsverhandlung hatte W. die Mutter eines dreijährigen Sohnes erneut verbal angegriffen, bevor er schließlich unvermittelt mit einem Messer auf sie losging und sie mit mehreren Messerstichen tötete. Auch der Ehemann E.s wurde bei dem Angriff durch Messerstiche schwer verletzt – wobei er zudem durch den Schuss eines Polizisten, der ihn fälschlich für den Angreifer hielt, am Bein getroffen wurde. (Über den Mord wurde auch in arabischen Medien berichtet, zum Beispiel auf Al-Jazeera und in der ägyptischen Zeitung Al-Masri al-Yawm)

Angesichts der Umstände des Mordes erscheint es aus Sicht mancher Muslime umso unverständlicher, dass die rassistischen Motive des Täters in der Berichterstattung über die Tat nur am Rande erwähnt werden. Für Kathrin Klausing, eine deutsche Muslimin, die den Weblog Musafira.de betreibt, ist der Mord Anlass, auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, mit denen Muslime zu kämpfen haben, wenn sie sich gegen Diskriminierungen wehren. „Viele muslimische Frauen, die wegen ihrer Kleidung angefeindet oder diskriminiert werden, trauen sich nicht, sich damit an die zuständigen Stellen zu wenden“, schreibt sie. „Deswegen versucht man in vielen Gemeinden, Ausländerbeiräten und Antidiskriminierungsstellen, diese Frauen dazu zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben. Marwa E. hatte sich dazu entschlossen, sich nicht als ‚Terroristin‘ und ‚Islamistin‘ beleidigen zu lassen. In drei Monaten wollte sie zusammen mit ihrem Mann zurück nach Ägypten gehen.“

Das Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins gegenüber rassistischer Hetze wird von salafitischen Strömungen ausgenutzt, um Muslime vor der nicht-islamischen Umwelt zu warnen. Ähnlich wie bereits im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Pro-Köln-Kongress in Köln im Mai (siehe dazu hier im Newsletter "Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen") versuchen Vertreter dieser Strömung nun erneut, unter Muslimen das Bild einer durchweg feindseligen Umwelt zu schüren. Angesichts der weitverbreiteten Hetze gegen den Islam, so lautet die Botschaft, sei die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft der Muslime umso wichtiger. Während auf Webseiten wie einladungzumparadies.de zum Protest aufgerufen wird, gehen andere Vertreter dieses Spektrums weiter. Auf Youtube finden sich mittlerweile diverse Videos, in denen zum Beispiel vor „jüdischen Hasspredigern“, die für den Mord verantwortlich seien, gewarnt wird. In einem anderen Video heißt es: „Das Blut unserer Schwester Marwa wird nicht umsonst geflossen sein!!! INSHALLAH!!!“

Vor dem Hintergrund dieser Reaktionen mahnt Omar Abo-Namous auf seinem Weblog toomuchcookies.de, trotz des Mordes doch bitte „nicht durchzudrehen“. Es sei die Aufgabe von Predigern und muslimischen Gemeindevorstehern, „klaren Verstand (zu) bewahren und eventuelle Hitzköpfe (zu) beruhigen, statt sie noch weiter anzustacheln“, gibt Abo-Namous zu bedenken. Aus seiner Sicht gehen die nun kursierenden Demonstrationsaufrufe und die Youtube-Videos in eine falsche Richtung. „Leider dienen sehr viele Ankündigungen und Berichte oftmals dazu, Hass zu säen und Feindbilder zu schaffen. Auch jetzt ist es der Fall. Seien es Russen, Medien, Deutsche, Russlanddeutsche, Politiker, Christen oder sogar Juden – ein Schuldiger wird gesucht und mit Verallgemeinerungen wird nicht gespart. Ich lehne dies entschieden ab“, schreibt er. „Marwas Mörder war offensichtlich von Hass gegenüber Muslimen geprägt und – ja – das ist ein generelles Problem, was sich hier in einem Mord niederschlägt. Falsch ist es allerdings Hass mit Hass zu erwidern und sogar auszuweiten. Das hat keiner nötig. Beruhigt euch also und arbeitet an eurer eigenen Einstellung bzw. eurem eigenen Hass anderen Menschengruppen gegenüber.“