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Workshopbericht: „Hast Du etwa noch nie ein Mädchen geküsst?”

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[Der folgende Bericht aus einem Projekttag mit Jugendlichen ist auch in der aktuellen Ausgabe unseres Newsletters erschienen.]  

„Das find ich aber jetzt nicht gut, dass Sie uns das hier als Beispiel für Islamismus zeigen“, erklärt eine empörte Schülerin in einem Workshop zum Thema Islam und Islamismus an einer Berliner Oberschule. Die Teilnehmer sind zwischen 14 und 17 Jahren alt und meist türkischer oder arabischer Herkunft. Einige „Deutsche“ ohne Migrationshintergrund sind auch dabei. Der Einwand der Schülerin bezog sich auf ein Youtube-Video: In einem mit religiöser Musik untermalten Textvideo fordert ein junger Muslim seine „Schwestern“ auf, ein Kopftuch zu tragen. „Wach auf Schwester“, heißt es in dem für salafitische Strömungen charakteristischen Video – von denen es auf Youtube mittlerweile zahllose gibt. Für Anhänger dieser Strömung ist das Kopftuch nicht nur ein zentrales Symbol des Islam, das jedes muslimische Mädchen und jede Frau unbedingt zu tragen habe. Hier wird zudem starker moralischer Druck auf diejenigen ausgeübt, die diesem Islamverständnis nicht folgen mögen oder sich abweichend verhalten. (Hier ein anderes Beispiel solcher Kopftuchpropaganda auf Youtube, in der mit „schlimmsten Strafen“ im Jenseits gedroht wird.)

Auch der Macher dieses Videos spricht muslimische Mädchen und junge Frauen direkt an und behauptet, dass diese, wenn sie kein Kopftuch trügen, Allah offensichtlich nicht lieben würden – und wer Allah nicht liebe, den könne Allah natürlich auch nicht lieben. Die „lieben Schwestern“, so heißt es in dem Video, wüssten doch nur zu gut, was die „islamische Kleiderordnung“ von ihnen verlange. Sie kämen nicht ins Paradies, wenn sie Allahs Willen nicht gehorchten.

Als Beispiel für islamistisches Denken geht ein solcher Text bei den jugendlichen Teilnehmern des Workshops allerdings nicht durch – das macht der Einwand der Schülerin deutlich.

Unter Islamismus, so zeigt sich, verstehen sie nämlich ausschließlich Gewalt und Terrorismus. Vorbehalte gegenüber nicht-gewaltförmigen Ausprägungen islamistischen Denkens werden in der Folge schnell als Kritik am Islam an sich verstanden. Dass es dabei jedoch gar nicht um „den Islam“ oder eine Stellungnahme zum Kopftuch geht, sondern vielmehr darum, dass hier Muslimen ein bestimmtes Islam- und Weltverständnis aufgedrängt werden soll, ist den Jugendlichen nur schwer zu vermitteln. Im Gegenteil erzielt das Video bei einigen Mädchen, die sich selbst als sehr gläubig bezeichnen, aber kein Kopftuch tragen, die gewünschte Wirkung: Sie begannen ihr Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen.

Eine kritische Diskussion setzte dann erst an einem konkreten Punkt ein: Warum, so fragte ein Teilnehmer, könne der Macher des Videos eigentlich Frauen und Mädchen vorschreiben, was sie zu tun hätten? Stimmt, meinte ein Mädchen dazu, „immer sagen Männer, wie Frauen sich verhalten sollen“. Ein Schüler verteidigte das und erklärte, dass er seine Schwester bestimmt auch schlagen würde, wenn er sie mit einem Jungen sehen würde, weil sie damit die Ehre der Familie beschmutzen würde. Schließlich sei ja Küssen – und erst recht Sex vor der Ehe – „haram“.

An dieser Stelle hakt ein nicht-muslimischer Teilnehmer nach und fragt verwundert, ob denn der Wortführer etwa noch nie ein Mädchen geküsst habe? Das konnte dieser nun auch wieder nicht zugeben und geriet in einen, von der Gruppe mit großem Hallo begleiteten Erklärungsnotstand: „Klar“, meinte er dann, dass sei natürlich nicht in Ordnung, wenn da Frauen anders als Männer behandelt würden. Auch sein eigenes Denken sei deshalb falsch. Aber, so fügte er an, er könne da gar nichts machen, das sei so in ihm drin „von Geburt an“. „Von Geburt an?“, will der Leiter des Workshops wissen. „Naja nee“, so die Antwort, „das kommt eher mit der Familie und so, die ganze Umgebung eben.“ Mit dem Islam, da sind sich dann die muslimischen Schüler einig, habe es aber nichts zu tun, der wolle schließlich, das Männer und Frauen gleich sind.

Im Weiteren entwickelte sich eine Diskussion darüber, welche Werte denn eigentlich hinter bestehenden Regeln und Normen zu Sexualität oder zum Kopftuchgebot stehen. Ohne dass diese Normen dabei grundsätzlich infrage gestellt wurden, begannen die Jugendlichen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und die eigene Haltung und das eigene Verhalten zu überprüfen. Dabei wurden durchaus unterschiedliche Positionen deutlich. Begünstigt werden solche Auseinandersetzungen durch Themen, die direkt an den Alltag der Jugendlichen anknüpfen. Nicht weniger wichtig war allerdings das Gesprächsklima: Erst als die Jugendlichen den Eindruck hatten, dass es nicht darum geht, „den Islam“ zu kritisieren, verließen sie die Defensive und ließen sich auf eine Diskussion ein, in der es auch um ihre Überzeugungen ging. (Jochen Müller, ufuq.de)