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„Umschalten auf Al-Jazeera“: Zum Israelbild junger Muslime

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Zuletzt hat der Gazakrieg gezeigt, wie die israelische Politik Muslime in Deutschland – vor allem arabischer Herkunft – mobilisiert. Auch unter Jugendlichen ist das Bild von Israel meist negativ und vor allem durch den Nahostkonflikt geprägt. Darüber sprach das Magazin ‚Zenith - Zeitschrift für den Orient’ mit dem ufuq-Mitarbeiter Jochen Müller. Müller betont dabei zunächst die Unterschiedlichkeit der Jugendlichen, die meist unter dem Begriff „junge Muslime“ zusammengefasst werden:

„Zwar suggeriert ‚junge Muslime’ eine gewisse über die Religion hergestellte Gemeinsamkeit, aber die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Szenen ist immens – auch was das Religionsverständnis angeht. So gibt es auf der einen Seite sehr konservative und teils radikale junge Muslime, etwa im salafitischen Milieu. Dem gegenüber steht aber die große Zahl der in den aufgeregten Diskursen um den Islam in Deutschland so oft vergessenen Muslime, die ich in Anlehnung an den Begriff der ‚Weihnachtschristen’ als ‚Ramadanmuslime’ bezeichnen würde. (…) Insgesamt unterscheiden sich die Jugendlichen in Kleidungs- und Musikstilen, ihren Vorbildern und Idolen, ihren sozialen Milieus, ihren politischen Interessen, in der Herkunft ihrer Eltern und Großeltern und in ihrem Religionsverständnis. Zu beobachten ist aber ein zunehmender und zunehmend selbstbewusster Bezug auf Herkunft und kulturelle Merkmale, darunter auch religiöse.“

Am Beispiel der Proteste gegen den Gazakrieg weist Müller dann auf die verschiedenen Perspektiven auf den Nahostkonflikt hin:

„Die Proteste gegen den Gazakrieg auf der Straße und im Internet haben gezeigt, dass es auch hier ein breites Spektrum an Positionen gibt. Das reicht von rationaler Kritik an der Besatzungspolitik, über Empörung über einen Krieg, den die meisten Jugendlichen als ungerecht und ungerechtfertigt empfinden, bis hin zu antisemitischen Parolen, wie ‚Tod den Juden’ und brutalsten Hassfantasien. (…) Dabei wissen meiner Erfahrung nach die meisten Jugendlichen sehr sehr wenig über die Region und ihre Geschichte – geschweige denn über den Staat Israel. Das gilt auch für Jugendliche palästinensischer oder libanesischer Herkunft, selbst wenn viele von ihnen die Region weiterhin als ihre Heimat bezeichnen."

"Ihr meist sehr einseitiges Bild von Israel und dem Nahostkonflikt beziehen dabei viele aus arabischen oder türkischen Medien und sicher aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern, das heißt den in der Community vorherrschenden Diskursen. Sehr häufig hört man, dass sie den deutschen Medien in dieser Frage nicht trauen und sie lieber auf Al-Manar oder Al-Jazeera umschalten.“

Unter anderem führe eine starke emotionale Bindung an die Region, aber auch Erfahrungen, die Jugendliche in Deutschland machen, zu teils verzerrten Bildern:

„Das weitgehende Unwissen trägt in Kombination mit einer sehr starken emotionalen Bindung zu der Region bei vielen Jugendlichen dazu bei, dass sie auch verzerrte Bilder und Hassideologien aufgreifen. Die haben dann mit dem Konflikt oft nur äußerlich zu tun. Dazu trägt auch die Situation in Deutschland bei. Hier spielt meiner Einschätzung nach das fehlende Gefühl von Zugehörigkeit und Anerkennung vieler Jugendlicher eine wichtige Rolle: Israel und die Juden werden auch deshalb zum Feindbild und zum Sündenbock, weil sie als Ventil für Frustrationen und Aggressionen dienen, die Jugendliche erleben. Dabei erfüllt das Bild von Israel auch die Funktion, eine Gemeinschaft der Araber und Muslime zu konstituieren. (…) Die Proteste im Januar diesen Jahres gegen die militärischen Aktionen Israels im Gazastreifen waren daher meiner Meinung nach nicht nur Demonstrationen gegen einen Krieg, sondern auch Manifestationen einer muslimischen Gemeinschaft in Deutschland und Europa. Das Feindbild Israel fungiert hier – jenseits aller berechtigter oder unberechtigter Kritik an Krieg und Besatzung – als Kitt und als Projektionsfläche für reale, oft aber auch lediglich eingebildete ‚Erfahrungen’, die viele Jugendlichen in ihrem Alltag hier in Deutschland machen.“

Abschließend geht Müller auf Optionen der pädagogischen Bearbeitung und der Prävention von Feindbildern ein:

„Auf der einen Seite muss den Jugendlichen mit Anerkennung, Respekt und Interesse für ihre Person, aber auch für ihre Positionen, Erfahrungen und Erzählungen begegnet werden. Das ist auch die Voraussetzung dafür, Kenntnisse zu vermitteln und auf diese Weise Projektionen und Feindbildern entgegen wirken zu können. Auf der anderen Seite muss solchen Projektionen, Feindbildern und – wenn sie auftreten - antisemitischen Einstellungen auch klar und konfrontativ begegnet werden. Das ist ein schwieriger Prozess, weil hier ganz verschiedene Ebenen zusammen kommen.“

(Hier lesen Sie das vollständige Interview mit Jochen Müller auf Zenith-Online.)