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Muhammad Shahrour – ein islamischer Querdenker
Freitag, 20. März 2009 um 15:32 Uhr
Es sind sehr oft junge, der extremen Form des Salafismus anhängende Muslime, die sich mehr auf die Sunna als auf den Koran beziehen. Die Sunna, das heißt die in Form der Hadithe nach dem Tod des Propheten Muhammads niedergeschriebenen Überlieferungen seiner Worte und Handlungen, ist neben dem Koran die wichtigste Quelle des Islam – und autoritative Grundlage religiös legitimierter Rechtsprechung.
Ketzerisch erscheinen demgegenüber die Überlegungen des syrischen Reformdenkers Muhammad Shahrour: In seinen Büchern geht er – ebenso wie etwa sein Landsmann Sadiq al-Azm – von einer Art Reformstau in den arabisch-islamischen Gesellschaft aus. Er meint, dass gesellschaftliche Reformen und Fortschritte nicht ohne eine Neubetrachtung des Islam zu haben sind: "Das religiöse Erbe muss kritisch neu gelesen und interpretiert werden. Kulturelle und religiöse Reformen sind wichtiger als politische, da sie die Voraussetzungen jedweder säkularer Reformen sind."
Und dabei – das beschreibt Loay Mudhoon in einem sehr interessanten Beitrag auf Qantara.de - spielt die Sunna für Shahrour gar keine Rolle. Vielmehr kritisiert er, dass die Hadithe nicht hinterfragt, sondern mit ihnen das Zeitalter des Propheten und der vier rechtgeleiteten Kalifen idealisiert worden seien. Damit, so Shahrour, wäre die freie Entscheidungsfindung in der Rechtsprechung beendet worden, da man nun glaubte, sämtliche Fragen durch Analogieschluss (qiyas) aus Mohammeds Leben beantworten zu können. Tatsächlich behaupten islamistische Bewegungen bis heute, ihre Positionen und ihr Schariaverständnis direkt aus den Prophetenhadithen abzuleiten. Nicht nur deshalb ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Sunna und ihrer Rolle in aktuellen Auseinandersetzungen um politische und gesellschaftliche Fragen dringend erforderlich. Muhammad Shahrour gibt dazu wichtige und provokante Stichworte.
Er will aber auch den Koran neu lesen – und das ist wörtlich zu verstehen. Muslime sollten sich nämlich unabhängig von der Autorität islamischer Gelehrter direkt „am Wortlaut der Offenbarungsschrift als eigentlichem Kriterium der göttlichen Wahrheit orientieren“. Denn, so fasst Mudhoon die These von Shahrour zusammen: „Das herrschende Islamverständnis steht im eklatanten Widerspruch zum wahren Geist der göttlichen Offenbarung.“ Dem Koran nähert sich Shahrour dabei sprachwissenschaftlich und unterscheidet zwei Bedeutungsebenen: "Prophetie" und "Botschaft". Dabei beschreibe die Prophetie die “göttlichen und deshalb objektiven und absolut gültigen Naturgesetze, während die Botschaft normative Bestimmungen enthalte, die insofern nur subjektive Geltung hätten, als der Mensch die Wahl habe, sie zu befolgen oder nicht.“
Vor diesem Hintergrund bewertet Sharour unter anderem auch die so genannten Grenzstrafen (hudud) neu: Demnach sei eine Vorgabe wie das Abschlagen von Händen als Bestrafung für Diebstahl, lediglich als obere Grenze oder maximale Form der Bestrafung zu verstehen – alles, was darunter liege, bleibe dem zeitlich bedingten menschlichen Befinden überlassen. Damit erweitert Shahrour theologisch begründet menschliche Handlungsspielräume und das Spektrum von Rechtsauffassungen gegenüber einem eng am Wortlaut orientierten Verständnis der religiösen Quellen . Dazu Mudhoon: „Bemerkenswert an seiner Argumentation ist die Tatsache, dass er die Notwendigkeit der historischen Relativität des Verständnisses der Rechtsquellen nicht in erster Linie mit Sachzwängen begründet, sondern vielmehr aus der islamischen Theologie heraus.“ Trotz der zumindest partiellen Geschichtlichkeit des Textes bleibt der Koran dabei, was er für einen Muslim ist: unveränderliches und ewig gültiges Wort Gottes.
Zwar wird Shahrours Islamverständnis nur von wenigen Intellektuellen wahr genommen und seine Positionen mögen mitunter etwas „abgehoben“ wirken mögen - dennoch bieten seine Überlegungen wichtige Ausgangspunkte für das religiöse islamische Denken allgemein und für die Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Positionen im besonderen. Auch wenn konservative islamische Gelehrte das ganz anders sehen. So erklärte der auch unter jungen religiösen Muslimen in Europa populäre und der Muslimbruderschaft nahe stehende Scheich Yusuf al-Qaradawi zu Shahrours Überlegungen: „Das ist eine neue Religion“. Das soll lapidar klingen, ist aber durchaus beunruhigend, wenn man bedenkt, dass nicht wenige konservative Muslime „Neuerungen“ mit einem Abfall vom Islam gleichsetzen. Und darauf kann die Todesstrafe stehen – so jedenfalls lesen einige radikal-islamlische Interpreten die Sunna des Propheten.
Hier der ausführliche Beitrag zum Denken Muhammad Shahrours und hier seine arabischsprachige Website.


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