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Anmerkungen zum Vergleich von Islamophobie und Antisemitismus
Samstag, 06. Dezember 2008 um 14:52 Uhr
Durch Islamfeindlichkeit (oder: Islamophobie) und Antisemitismus werden Gruppen (Muslime bzw. Juden) diskriminiert. Darüber besteht Einigkeit. Umstritten ist hingegen, ob und in welcher Weise ein Vergleich beider Diskriminierungsformen sinnvoll sein kann, wenn es um Geschichte und Gegenwart von Minderheiten in der deutschen Gesellschaft geht. Der folgende Beitrag kann diese Frage nicht beantworten, stellt sie aber in den Kontext aktueller Diskurse und politischer Auseinandersetzungen:
von Jochen Müller/ufuq.de*
Diskriminierung und Rassismus sind heute prägende Erfahrungen im Alltag von Muslimen in Deutschland. Man muss nicht lange googeln, um aktuelle Beispiele zu finden – meist reicht ein Blick in die Tagespresse. Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter verwunderlich, dass neue Begrifflichkeiten zur Beschreibung dieses Phänomens Eingang in den Sprachgebrauch finden: War früher noch vom anti-islamischen Rassismus oder vom „Feindbild Islam“ die Rede, so ist mittlerweile die Bezeichung „Islamophobie“ an ihre Stelle getreten. Keine Konferenz zum Thema Integration, kein offizieller Bericht und kaum eine Rede von Vertretern muslimischer Verbände, die ohne einen Verweis auf die grassierende Islamophobie auskommt.
Nun mag dieser neue Sprachgebrauch auf tatsächlichen Gegebenheiten beruhen, trotzdem wären zu Geschichte, Bedeutung und Verwendung des Begriffs Islamophobie ein paar Fragezeichen angebracht – ohne dass dies die zunehmenden Ressentiments, sowie Rassismus, Diskriminierung und Intoleranz gegenüber Muslimen in unserer Gesellschaft infrage stellen oder relativieren soll.
Der Begriff der Islamophobie hat erst seit ein paar Jahren Konjunktur. Das hat seine Ursachen unter anderem sicherlich in der insbesondere nach dem 11.9.2001 wachsenden Ablehnung und einem zunehmenden Generalverdacht gegenüber Islam und Muslimen in den „westlichen Gesellschaften“. Diese Entwicklung schlägt sich in den öffentlichen Diskursen nieder und wird bestätigt durch Analysen der Medienberichterstattung sowie durch Erhebungen wie der des EUMC (European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia) oder der Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer. (1)
Neben dieser eher als „quantitativ“ zu bezeichnenden Entwicklung, trägt der neue Begriff auch einer inhaltlichen Verschiebung Rechnung: Islamophobie beschreibt weniger die Verletzung individueller Menschenrechte von Muslimen aufgrund typischer rassistischer Zuschreibungen, sondern bezeichnet Feindschaft und Angst (phobie) gegenüber dem Islam als Religion und den Muslimen als deren Repräsentanten. Vor diesem Hintergrund kann Islamophobie als eine Spielart von insgesamt neuartigen, weil kulturalistisch begründeten Rassismen gelten, die in den 80er und 90er Jahren den biologistischen Rassismus abgelöst haben. (2)
Und es geschah auch in diesem Kontext der zunehmenden Diskriminierung von Gruppen von Menschen aufgrund ihrer religiös- und/oder ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit, dass der französische Soziologe Ètienne Balibar 1998 einen Vergleich mit der Judenfeindschaft anstellte und die neuen Formen des Rassismus als „verallgemeinerten Antisemitismus“ bezeichnete. Seither werden Antisemitismus und Islamophobie häufig als zwei Formen von Rassismus in einem Atemzug genannt. (3)
Damit wird suggeriert, dass beide Formen von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) sich inhaltlich lediglich durch die Gruppe der Opfer - hier Juden, dort Muslime – unterscheiden würden. Dass aber eine solche Gleichstellung zum einen analytisch nicht haltbar ist, möchte ich im Folgenden an einigen Punkten aufzeigen. Zum anderen soll angedeutet werden, dass meines Erachtens die gemeinsame Thematisierung von Antisemitismus und Islamophobie auch auf politischer Ebene, d.h. nicht zuletzt bei der notwendigen Bekämpfung beider Phänomene nur wenig weiterhilft. Deutlich wird dies insbesondere, wenn die Islamophobie, also Angst und Feindschaft gegenüber dem Islam, von muslimischen Kommentatoren mitunter ins Feld geführt wird, um Kritik am Islam oder an Muslimen abzuwehren.
Vor dem Hintergrund der hier schon angedeuteten Vielschichtigkeit des Diskurses soll sich ein kurzer kritischer Blick zur Gleichstellung von Antisemitismus und Islamophobie auf zwei Punkte konzentrieren:
Das ist zum einen die Frage, ob sich der Antisemitismus als eine Form von Rassismus subsumieren und vor diesem Hintergrund mit der Islamophobie sinnvoll vergleichen lässt? Der andere Punkt, den ich ansprechen möchte, ist die politische Funktion dieses Vergleichs.
Unterschiede zwischen Antisemitismus und Islamophobie
Grundsätzlich ist ein wissenschaftlicher Vergleich verschiedener Formen von Vorurteilen und Diskriminierungen sinnvoll. Er fördert die Erkenntnis darüber, wie Gruppen von „Anderen“ konstruiert werden und wie sich darin eigene kollektive Identität erst konstituiert. Das Wissen um die Prozesse, mit denen Gruppen systematisch diskriminiert, stigmatisiert, ausgegrenzt und ihrer Rechte beraubt werden können, hilft dabei, solche Entwicklungen frühzeitig erkennen und ihnen entgegen zu wirken.
So hat der spanische, in den USA lehrende Soziologe José Casanova die aktuelle Islamophobie mit spezifischen Diskriminierungen und Zuschreibungsformen verglichen, denen sich katholische Einwanderer ausgesetzt sahen, die aus verschiedenen europäischen Ländern im 19. Jahrhundert in die USA einwanderten. Die Parallelen sind beeindruckend.
Nun lassen sich solche Parallelen aber zwischen den verschiedensten Formen von Vorurteilstrukturen, pauschalisierenden Diskriminierungsprozessen und Rassismen ziehen. Und die Gefahr ist groß, dass die Besonderheiten der einzelnen historischen wie aktuellen Konstellationen und Ideologien nivelliert werden und zu einer großen Geschichte von Verfolgung und Diskriminierung verschwimmen.
Ich möchte daher auf zumindest vier Besonderheiten hinweisen, die den Antisemitismus – in seinen historischen wie aktuellen Erscheinungsformen – deutlich von der Islamophobie unterscheiden:
1. Die Vernichtungsdrohung
Dem modernen Antisemitismus, über dessen Entstehung im 19.Jh wir sprechen, geht es nicht um die Diskriminierung einer Religion bzw. ihrer Angehörigen. Vielmehr erfindet er in Form biologistischer und/oder nationalistischer Zuschreibung eine Rasse bzw. eine Nation.
Diese ist aber keine herkömmliche Rasse oder Nation – so wie etwa Islam und Judentum Religionen unter anderen, Deutsche und Franzosen Nationen unter anderen wären. In rassistischen oder nationalistischen Konzepten können diese sich feindlich gegenüberstehen, bleiben aber dennoch Bestandteile des Ganzen. Die Juden jedoch sind gegenüber solchen antagonistischen Kräften das „ganz andere“, sie stellen als Gruppe die Ordnung der Welt insgesamt in Frage und sind daher umso gefährlicher. Sie sind das „Antivolk“, die „Figur des Dritten“ (Klaus Holz), die allen anderen Kollektiven feindlich gesonnen sind. Damit werden die Juden mitsamt der ihnen vorgeworfenen Verschwörungen zum teuflischen Feind der Menschheit insgesamt.
Vor diesem Hintergrund wohnt die Idee der Vernichtung, also die Auslöschung der Gruppe der Juden als Feinde der Menschheit, dem modernen Antisemitismus seit seiner Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts inne.
Eine solche Antifigur stellen die Muslime im Kontext der Islamophobie sicher nicht dar. Der moderne Antisemitismus beruht auf Fantasien einer jüdischen Weltverschwörung. Dagegen tauchen in der Islamophobie verschwörungstheoretische Ideologeme nur in Einzelfällen auf. Vielmehr beruht die Islamophobie auf solchen kulturalistischen Zuschreibungen, die für die „neuen“ Formen des Rassimus typisch sind: Auf der Grundlage einer christlich-europäisch, sich aufgeklärt wähnenden „Leitkultur“ werden Muslime und ihre Religion immer wieder pauschal und in kolonialistischer und rassistischer Manier als zurückgeblieben, unaufgeklärt und mitunter als terroristisch diskriminiert. Hier dominiert ein kulturalistisch-rassistisches Bild der Anderen. Diese „sollen bleiben, wo sie hingehören“ oder sich anpassen und angleichen. Eine auf Verschwörungsfantasien beruhende „eliminatorische Islamophobie“ existiert aber nicht. Die Islamophobie sollte daher auch nicht mit dem modernen Antisemitismus gleichgestellt werden.
2. Unbehagen in der Moderne
Der moderne Antisemitismus ist vor allem ein Ausdruck von Krisenerscheinungen im Kontext gesellschaftlicher Modernisierungen. Es handelt sich um einen Ausdruck des Unbehagens und Aufbegehrens von Menschen, die sich im Zuge der Modernisierung diskriminiert oder zukurzgekommen wähnen und Verantwortliche für Entwicklungen suchen, welche sie irritieren und verunsichern. Zu nennen wären da unter anderen die Individualisierung, Materialismus, Liberalismus, Aufhebung der Geschlechtertrennung und freiere Sexualität, neue Ausdrucksformen in Kultur und Medien. Im antisemitischen Weltbild sind es die Juden, die hinter den Kulissen anonymer gesellschaftlicher Entwicklungen die Fäden ziehen. Sie werden für als krisenhaft erfahrene Modernisierungsprozesse verantwortlich gemacht, ihnen wird vorgeworfen die gewohnte Ordnung der Gemeinschaft zersetzen und zerstören zu wollen.
Der moderne Antisemitismus ist antimodern. Die Islamophobie hingegen beruft sich in der Regel explizit auf die Tradition der Moderne und gibt sich als anti-traditionalistisch – es ist ja der Islam, dem vorgeworfen wird, eine vormoderne Religion zu sein und der notwendigen Aufklärung und Säkularisierung im Wege zu stehen. Damit bringt die Islamophobie eine ganz andere Art von Krisenempfinden innerhalb der „Mehrheitsgesellschaft“ zum Ausdruck als der Antisemitismus.
3. Antisemitismus als Fiktion
Der moderne Antisemitismus ist eine Weltanschauung, die auch ohne Juden „funktioniert“: Unabhängig vom realem Verhalten von Juden beruht der Antisemitismus gänzlich auf der Fiktion von den Juden als Verschwörern. Das Menschen der Vorstellung anheim fallen, dass Juden die Welt beherrschen und sich dazu aller nur erdenklichen Methoden bedienen, sagt viel über das Denken dieser Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben; es sagt aber nichts über die Juden und ihr konkretes Verhalten. Das Denken über „den Juden“ ist reine Projektion, es ist gewissermaßen schon vorher da – und findet sich im zufälligen Einzelfall, etwa dem reichen Juden, lediglich bestätigt.
Anders im Fall der Islamophobie: Wie in allen Vorurteilsstrukturen wird zwar auch hier vom Einzelfall – etwa terroristischer Islamisten - pauschal auf die Militanz des Islam und der Gesamtheit der Muslime geschlossen. Und auch hier sagen Ängste, Verdächtigungen und Rassimus nichts über das tatsächliche Verhalten von Muslimen aus. Diese sind also ebenso wenig „schuld“ am Rasismus wie Juden „schuld“ am Antisemitismus sind.
Dennoch liegen der Islamophobie konkrete gesellschaftliche Probleme der Integration, des Terrorismus und andere Phänomene und Fragen zugrunde, die - anders als im Fall der gesellschaftlichen Ursachen des Antisemitismus - durchaus mit dem Islam und der Existenz von muslimischen Minderheiten zu tun haben. Die Islamophobie ist keine reine Projektion eines allgemeinen Krisenempfindens auf eine beliebige Gruppe, daher muss über die real existierenden Probleme, welche die Islamophobie anfeuern und über Optionen zur Begegnung dieser Probleme anders gesprochen werden als über den Antisemitismus.
4. Antisemitismus von unten
Der moderne Antisemitismus ist eine Ideologie, die sich – abgesehen von seiner rassistischen Variante, wie sie etwa im Bild der Ostjuden als Untermenschen zum Ausdruck kommt - eine Ideologie, die sich meist „von unten nach oben“ artikuliert. Das heißt, dass sich Vertreter antisemitischer Anschauungen meist als ohnmächtige Opfer von übermächtigen Kräften inszenieren, wobei diese Kräfte in den Juden personifiziert werden. Diese besitzen demnach die Macht über das Kapital, die Medien, über Politik und Kultur. Vor diesem Hintergrund wollen Antisemiten sich und ihr Kollektiv aus den Fesseln der jüdischen Vormacht und ihrer Verschwörungen befreien. Antisemitismus schöpft seine Legitimation aus dieser Ideologie der Befreiung und Rettung der eigenen Gemeinschaft und der ganzen Welt.
Rassismus und Islamophobie hingegen argumentieren „von oben nach unten“ – hier geht es vor allem darum, den eigenen ideellen und materiellen Besitzstand und die eigene Überlegenheit gegen eine vermeintliche Bedrohung von außen zu wahren und zu verteidigen.
Noch einmal zusammengefasst: Die Juden sind – anders als die Muslime - im Antisemitismus die „ganz anderen“, das Antivolk, woraus auch der Wunsch nach ihrer Vernichtung abgeleitet wird, den es gegenüber Muslimen nicht gibt. Als Antwort auf gesellschaftliche Krisen ist der Antisemitismus antimodern, die Islamophobie hingegen gibt sich explizit anti-traditionalistisch. Dabei stellt die antisemitische Ideologie eine rein fiktive Übertragung allgenmeiner gesellschaftlicher Krisenerscheinungen auf die Gruppe der Juden dar, während die Islamophobie Muslime im Kontext gesellschaftlicher Probleme diskriminiert, die tatsächlich mit Muslimen zu tun haben. Islamophobie und Rassismus richten sich „von oben nach unten“ – gehen also von Menschen aus, die sich selbst überlegen fühlen, während der Antisemitismus eine „Opferideologie“ darstellt, die von Menschen ausgeht, die sich „befreien“ wollen.
„Islamophobie“ im politischen Diskurs
Das sind wesentliche Unterscheidungsmerkmale von Antisemitismus und Islamophobie, die dagegen sprechen, beide Phänomene gleichzustellen und unter dem Begriff des Rassismus zu subsumieren. Hinzu kommt ein zweiter Einwand gegen die unreflektierte Verwendung des Begriffs von der Islamophobie und ihre Gleichstellung mit dem Antisemitismus:
Der Begriff der Islamophobie erfüllt mitunter eine politische Funktion, wenn er nämlich dazu dient, den eigenen „Opferstatus“ zu betonen und Kritik abzuwehren: Abgewehrt wird dabei Kritik am Islam sowie Kritik am Verhalten und an Überzeugungen von Muslimen. Kritische Fragen an den Islam oder an Muslime werden häufig als islamophob diskreditiert. (4)
So steht bereits am Anfang der Begriffsgeschichte der Islamophobie die Absicht muslimischer und islamistischer Verbände in Großbritannien, missliebige Positionen von Muslimen als islamfeindlich oder als Verletzung religiöser Gefühle der Muslime abzuwehren. An erster Stelle wäre dabei die Kampagne gegen Salman Rushdie und sein Buch „Die satanischen Verse“ zu nennen. Ähnliches erfuhr später die Autorin Irshad Manji, die wegen ihrer kritischen Publikationen über ein traditionalistisches Islamverständnis unter anderem vom britischen IHCR (Islamic Human Rights Commission) verurteilt wurde.5
Dies soll in aller Kürze darauf hinweisen, dass neben der zweifellos zu verzeichnenden Zunahme von anti-muslimischem Rassismus und Islamophobie die Gefahr besteht, dass nicht mehr zwischen legitimer Kritik (auch Religionskritik) und rassistischem Ressentiment unterschieden wird. Die an sich berechtigte Klage über die Islamophobie würde dann – wie zumindest partiell im Karikaturenstreit zu beobachten - zum reflexhaft erwiderten Schlagwort und zu einem Instrument zur Vermeidung und Abwehr von unbequemen Fragen. […]
So dient die Klage über Islamophobie nicht zuletzt auch zur Begegnung von Kritik an Antisemitismus unter Arabern und Muslimen. Als solche ist sie Teil eines in arabischen und muslimischen Öffentlichkeiten verbreiteten Diskurses, demzufolge Islam und Muslime seit jeher Opfer von Islamophobie seien. Eines der dabei häufig verwendeten Argumentationsmuster ließe sich stark verkürzt etwa so zusammenfassen: „Ihr dürft uns nach Belieben beleidigen, aber wehe wir kritisieren Israel, dann ruft ihr gleich Antisemitismus“. Hier werden beide Formen von Diskriminierungen miteinander „verrechnet“. Heraus kommt, dass vom Antisemitismus unter Arabern und Muslimen bestenfalls derjenige sprechen dürfe, der gleichzeitig auch über die Islamophobie nicht schweigt. Aber selbst wenn Kritik am Antisemitismus unter Arabern und Muslimen in pauschaler und mitunter auch in „islamophober“ Intention erfolgen sollte - der Gegenvorwurf der Islamophobie sollte nicht dazu dienen, beides auf eine Stufe zu stellen und damt die Kritik zu den Akten legen zu können. […]
Wie schon betont soll mit diesen kursorischen Anmerkungen nicht die Existenz rassistischer Ressentiments und Diskriminierungen in Abrede gestellt und die Kritik daran diskreditiert werden. Vielmehr möchte ich auf die Gefahr hinweisen, dass der Begriff Islamophobie dazu verwendet werden kann, eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Religion und dem Verhalten und den Überzeugungen von Muslimen abzuwehren. Darüber hinaus kann der Vergleich von Antisemitismus und Islamophobie dazu dienen, einen Opferstatus von Muslimen zu betonen. Vor dem Hintergrund solcher aktueller Diskurse scheint es, dass eine Parallelisierung von Antisemitismus und Islamophobie zumindest in der politischen Auseinandersetzung die zu ihrer Begegnung notwendige inhaltliche Auseinandersetzung mit beiden Phänomenen eher verhindert.
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1 Claus Leggewie erklärte dazu jüngst in der TAZ, dass eine bis dato gerade im Mittelstand „übliche „Islamophilie…radikal umgekippt“ und „wachsendes Misstrauen… gegenüber dem Kern der muslimischen Minderheiten im Westen“ zu verzeichnen sei.
2 Der Begriff wird Mitte der 90er Jahre zunächst in Großbritannien von muslimischen Organisationen verwendet und in der Folge von Sozialwissenschaftlern, anti-rassistischen NGOs wie dem Runnymede Trust und Politikern übernommen. Gewissermaßen offiziell eingeführt wurde die Islamophobie 1997 durch den vom damaligen britischen Innenminister Jack Straw vorgestellten Bericht: „Islamophobia: a challenge for us all“. 2002 gab die EUMC einen Bericht unter dem Titel „Islamophobie in der EU nach dem 11.9.2001“ heraus, dem weitere folgten.
3 Im Jahr 2003 ging es einem EUMC-Bericht schon gleichermaßen um „Fighting Anti-Semitism and Islamophobia“. Und die OSZE-Konferenz in Cordoba 2005 („Konferenz über Antisemitismus und andere Formen der Intoleranz“), ihrerseits eine Folgekonferenz zur Berliner Konferenz gegen Antisemitismus von 2004, subsumierte den Antisemitismus zunächst unter „anderen Formen der Intoleranz“. Bestätigung aus differenz-soziologischer und antirassistischer Perspektive findet diese Entwicklung noch einmal duch Étienne Balibar, der (22.6. 2002 in der FR) erklärte: „Der Anti-Judaismus beziehungsweise der Judenhass stellt nicht mehr die einzige Form des Antisemitismus dar (…). Er ist zum einen Teil eines Begriffspaares geworden (…), dessen anderer Teil ist der Araberhass beziehungsweise die Islamfeindlichkeit.“ (zit. nach Wolter in:iz3w Nr.284).
4 Als Instrument zur Abwehr von Kritik in der politischen Auseinandersetzung wird auch der Vorwurf des Antisemitismus mitunter instrumentalisiert. Unabhängig voneinander sollte das eine wie das andere im jeweiligen Fall gleichermaßen kritisiert werden.
5 Hinweise auf diese Entwicklung in England verdanke ich Udo Wolter (unveröffentl. Vortragsmanuskript, Rote Ruhr-Uni-Bochum 2005).
* Gekürzte Fassung eines auf einem Vortrag beruhenden Beitrags aus einer Tagungsbroschüre des Fritz-Erler-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung (Baden-Württemberg). Die Tagung „Diskriminierung und Intolerenz gegenüber Muslimen“ fand am 11.7.2007 in Mannheim statt.


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