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"Das ist Faschismus" - Innerislamische Kontroverse um die Reportage "Koran im Kopf"

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In dem Film „Koran im Kopf“ berichtete der WDR vor einem Jahr über den Weg des jungen Kölner Konvertiten Barino in den radikalen Islam (siehe hier). Die Dokumentation sorgte für großes Aufsehen. Sie zeigt, wie sich Barino als 18-jähriger dem Islam zuwendet und sich immer absoluter von „Ungläubigen“ und der nicht-islamischen Gesellschaft abgrenzt. Am Ende bringt er sogar Verständnis für Terroranschläge im Namen des Islam auf.

Fünf Jahre nach seinem Übertritt zum Islam konvertierte Barino jetzt erneut – diesmal zur Religion seines Vaters, einem koptischen Christen ägyptischer Herkunft. Und wieder berichtete der WDR („Koran im Kopf II – Barinos Ausstieg“, s. hier).

Aus diesem Anlass veröffentlichte der 27-jährige Hannoveraner Blogger Omar Abo-Namous nun einen e-mail-Austausch mit Barino. (hier) Betroffen von dessen Aussagen in „Koran im Kopf“ hatte er im vergangenen Jahr versucht, mit Barino ins Gespräch zu kommen – und zwar aus einer „rein islamischen Perspektive“, wie Abo-Namous erklärt, der neben dem Weblog Too Much Cookies auch das Islam-Portal Islam in Hannover betreibt.

Der Briefwechsel zwischen Barino und Omar Abo-Namous zeigt die Bedeutung einer innerislamisch geführten Debatte. Und sie zeigt die Schwierigkeiten, die auch sehr religiöse Muslime in der Auseinandersetzung mit radikalen Islamisten über das Verhältnis zu Christen und Juden, die Legitimation von Gewalt und die Akzeptanz anderer Lebensvorstellungen haben.

Abo-Namous greift in seinen e-mails mehrere Aussagen Barinos aus der WDR-Dokumentation vom Herbst 2007 heraus, um ihnen aus islamischer Sicht zu widersprechen. So wendet er sich gegen die von Barino vertretene Ansicht, dass man „keine Ungläubigen als Freund nehmen“ dürfe, sondern sie im Gegenteil „in unserem tiefsten Herzen“ hassen solle. Für Abo-Namous ist dies grundfalsch, schließlich habe der Prophet ja selbst eng mit Nicht-Muslimen zusammengelebt und auch enge persönliche Bindungen von Christen und Muslimen gebilligt.

Die Barmherzigkeit des Propheten „beschränkt sich nicht auf Muslime“, schreibt Abo-Namous: „Von Hassen kann keine Rede sein, da wir stets angehalten werden, nett zu allen Menschen zu sein. Wie kann man einen Hass auf Nichtmuslime mit dem Beispiel des Propheten mit seinem jüdischen Nachbarn in Einklang bringen? Wie kann man Hass (auf die Ungläubigen) auch damit in Einklang bringen, dass ein muslimischer Mann eine Christin oder eine Jüdin heiraten darf? Wie kann er sie heiraten, wenn er sie hasst?“

In seiner Erwiderung räumt Barino ein, dass es nicht mit dem Islam vereinbar sei, „Ungläubige“ zu hassen. Schließlich solle man nach islamischer Lehre auch seinen Feinden „Respekt“ entgegenbringen – auch wenn die Feinde „Feinde des Islam“ blieben. Dennoch bleibt er dabei, dass „der Koran mir eine Freundschaft mit Ungläubigen“ verbiete, was gegenseitiges Vertrauen, Zuneigung und gemeinsame Interessen ausschließe.

An Barinos grundsätzlicher Abgrenzung gegenüber der nicht-islamischen Gesellschaft kann Abo-Namous nichts ändern. Auch ihm gegenüber legitimiert Barino Angriffe auf das „Jahili-System“, also auf die nicht-islamische gesellschaftliche Ordnung der „Ignoranz“ wie er sie nennt: „Im Islam ist ein Angriff auf ein Jahili-System allerdings ohne Zweifel gerechtfertigt. D.h. gegen die Führer, das Militär und dessen Vertreter“ – und zwar, so Barino, nicht “nur zur Verteidigung von so genannten islamischen Staatsgrenzen“. Der Tötung von Zivilisten seien dabei aber Grenzen gesetzt, denn: „Ein bekehrter Ungläubiger ist besser als ein toter“.

Besonders erschrocken zeigt sich Abo-Namous in der Folge über das Ziel, eine „reine Gesellschaft“ zu errichten, das im Film von einem Prediger aus Barinos Umfeld formuliert wird: eine Gesellschaft ohne Betrug, Lügen, Krieg, „uneheliche Unzucht“, Alkohol etc.

Angesichts dieser Vorstellung gibt Abo-Namous zu bedenken, dass es Gott selbst gewesen sei, der eine „sündige“ Gesellschaft geschaffen habe:

„Von einer 'reinen Gesellschaft' reden leider meist Leute, die alles, was ihrer Vorstellung einer reinen Gesellschaft nicht entspricht, austilgen wollen – und notfalls mit Gewalt. Das ist aber nicht so vom Islam oder von Gott beabsichtigt. Versteht du dann die Angst vieler Zuschauer, die sich die Ausführungen in der Sendung angeschaut haben? Das ist Faschismus!“

In seinen Antworten zeigt sich Barino unbeeindruckt von diesen Einwänden. Auch im innerislamischen Dialog mit Abo-Namous betont er, dass es gerade für Muslime in Europa so wichtig sei, dass die islamischen Quellen „unverfälscht“ gesehen und umgesetzt würden – schließlich gehe es dem Westen darum, „Muslime ohne Islam“ hervorzubringen.

Barino besteht letztlich darauf, dass es die von ihm angeführte Interpretation des Islam sei, die allein den religiösen Quellen (Koran und Sunna) gerecht würde. Dieses für radikale Strömungen charakeristische Argumentationsmuster richtet sich vor allem gegen andere Islamdeutungen. Eine Auseinandersetzung mit dem Denken solcher Strömungen ist auch für konservative Muslime oft kaum möglich. Abo-Namous, dessen Frau selbst zum Islam konvertierte, gab die Diskussion mit Barino nach einigen Wochen schließlich auf.