Newsblog
Jenseits von Parallelwelten - Mediennutzung junger Muslime
Mittwoch, 06. August 2008 um 19:36 Uhr
Die Nutzung von deutschsprachigen Medien durch Migranten gilt vielfach als Indikator für die emotionale und kulturelle Bindung an die deutsche Gesellschaft. Jugendlichen Migranten mit arabischem und türkischem Familienhintergrund wird dabei in öffentlichen Diskussionen oft unterstellt, kaum deutschsprachige Medien zu nutzen. Dagegen zeichnen Umfragen zur Mediennutzung von jugendlichen Migranten ein facettenreiches Bild.
Übereinstimmend kommen Studien, die sich in der Regel mit Jugendlichen aus türkischen Familien beschäftigen, zu dem Ergebnis, dass von einer Abschottung in „heimatsprachlichen“ Medienwelten keine Rede sein kann: Die meisten Jugendlichen finden sich sowohl in deutschsprachigen als auch in türkischsprachigen Medien wieder. Dass dies kein Manko, sondern eine Stärke ist, wurde in jüngster Zeit in der Migrationsforschung zur Identitätsentwicklung unter Jugendlichen hervorgehoben. „Deutsche“, „türkische“ und „muslimische“ Vorstellungen und Werte stellen demnach ein sich ergänzendes Mosaik dar, das sowohl auf die Elterngeneration und deren Herkunftsland als auch auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft Bezug nimmt. Gerade die Internet-Nutzung von deutsch-türkischen Jugendlichen ist ein Beispiel für die Entstehung eines „transnationalen sozialen Raums“ (Kai-Uwe Hugger), in dem sich unterschiedliche Themen, Sprachen und kulturelle Codes aus deutschen und türkischen Kontexten miteinander verbinden.
TV an erster Stelle
Als Informationsquelle und Unterhaltungsmedium steht das Fernsehen auch unter Jugendlichen mit türkischem oder arabischem Familienhintergrund weiterhin an erster Stelle. Aus herkunftsdeutscher Sicht löst dabei vor allem die Popularität von arabisch- und türkischsprachigen Sendern Unbehagen aus. Die Nutzung dieser Sender, so wird unterstellt, befördere die Entstehung radikaler Ideologien und würde letztlich zu einem Import der Konflikte aus dem Nahen Osten beitragen.
Tatsächlich berichten arabische Jugendliche gerade im Zusammenhang mit Krisen im Nahen Osten davon, dass sie die oft einpeitschenden Berichte von Sendern wie Al-Jazeera aufmerksam verfolgen. Die israelische Offensive gegen das Flüchtlingslager in Jenin im April 2002, der Libanon-Krieg im Sommer 2006 und die Kämpfe um die irakische Stadt Falludscha im Frühjahr und Herbst 2004 waren solche Momente, in denen die Bilder aus den Krisengebieten emotionale Reaktionen unter jungen Migranten auslösten. Die drastischen Darstellungen der zivilen Opfer und die oft ausdrückliche Positionierung der Sender auf Seiten des arabischen oder islamischen „Widerstands“ stehen dabei in deutlichem Kontrast zu den Bildern und Kommentaren, die in deutschsprachigen Nachrichtensendungen gesendet werden. Vor allem dem libanesischen Sender Al-Manar kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu. Als Sprachrohr der schiitisch-islamistischen Hizbullah diente Al-Manar gerade Migranten libanesischer Herkunft während des Krieges im Juli/August 2006 als wichtige Nachrichtenquelle. Dabei schreckt der Sender in seiner Berichterstattung auch vor antisemitischer Hetze nicht zurück, in der sich die Agitation gegen Israel mit islamistischer Ideologie verbindet.
Religiöse Medienangebote
Auch religiöse Programme, die von einzelnen arabisch- und türkischsprachigen Sendern ausgestrahlt werden, sind in Deutschland zu empfangen. Zumindest für türkischsprachige Migranten ist das Interesse an religiösen Sendungen durch Umfragen dokumentiert. Rigide und teilweise ausdrücklich antiwestliche Lesarten des Islam finden sich allerdings auch auf den arabischen Sendern Iqra und Al-Jazeera, die in Deutschland von vielen arabischsprachigen Muslimen gesehen werden. Dabei hängen Vorlieben für bestimmte Sendungen oder Internetseiten keineswegs allein von der Nationalität oder der religiösen Orientierung der Familie ab, sondern werden auch vom sozialen Status und vom Bildungsniveau stark beeinflusst. Dies sind Faktoren, die das jugendkulturelle Milieu prägen und die Entscheidung für ein bestimmtes Medien beeinflussen. Als Kommunikations- und Informationsmittel gewinnt daher das Internet auch unter jungen Migranten immer mehr an Bedeutung. Darin unterscheiden sie sich kaum von ihren herkunftsdeutschen Altersgenossen. „Offline-Leben“ und „Online-Leben“ sind auch für sie zwei eng miteinander verflochtene Sphären des Alltags.
Zu den Online-Angeboten, die insbesondere unter sehr religiösen Muslimen beliebt sind, zählen diverse deutschsprachige Seiten mit explizit religiös-politischen Inhalten. Unter ihnen finden sich Seiten, die stark vom Islamismus saudi-arabischer Prägung beeinflusst sind, wie die salafitischen Websites Way-to-Allah.com und DieWahreReligion.de. Besonders populär ist auch das englisch- und arabischsprachige Portal Islam-Online (islamonline.net), das unter der Ägide des gemäßigt-islamistischen Scheichs Qaradawi steht. Die Seite bietet nicht nur Beiträge über das Leben von Muslimen in nicht-islamischen Gesellschaften, sondern dient auch als „Cyber-Ratgeber“ bei Fragen rund um den „islamischen Alltag“. Die Antworten auf die Fragen von jungen Muslimen fallen dabei in der Regel sehr konservativ aus. Das gilt etwa in punkto Kopftuch und Geschlechtertrennung oder bei der radikalen Ablehnung von Homosexualität.
Die Popularität dieser Seiten, in denen „Scheich Google“ über islamisch-korrekte Kleidung oder den richtigen Umgang mit dem nicht-muslimischen Nachbarn aufklären soll, verweist auf einen Bedeutungsverlust traditioneller islamischer Autoritäten. Gerade in nicht-islamischen Gesellschaften übernimmt das Internet für junge religiöse Muslime zunehmend Funktionen, die bisher ausschließlich ausgewiesenen islamischen Gelehrten zustanden.
Multimedial
Die Bedeutung der multimedialen Angebote wurde auch von den islamischen Verbänden in Deutschland erkannt. So bemüht sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD), mit dem Multimedia-Portal Waymo junge Muslime zu erreichen. Mittlerweile bietet die Seite eine umfangreiche Auswahl an Koranrezitationen, Filmbeiträgen und selbstproduzierten Videos zu islamischen Themen. Aiman Mazyek, Generalsekretär des ZMD und verantwortlich für Waymo, beschreibt die Seite als Versuch, den Islam im Web 2.0 zu etablieren: „Wenn Sie so wollen ist Waymo ein Klon zwischen YouTube und StudiVZ, nur ganz auf die Bedürfnisse unserer Community zugeschnitten.“
Die im Frühjahr 2008 geschaffene islamische Community-Plattform MyUmma.de bringt den übergreifenden gemeinschaftsbildenden Charakter dieser Angebote zum Ausdruck. Ähnlich wie in social networks wie StudiVZ und Facebook geht es auch bei diesen Plattformen um einen Austausch unter Gleichgesinnten, wobei hier ausdrücklich auf Angehörige der „umma“, der islamischen Gemeinschaft, Bezug genommen wird. Dass sich diese Gemeinschaft keineswegs auf virtuelle Welten beschränkt, wird in der Anbindung der Seite MyUmma an islamische Jugendorganisationen wie der umstrittenen Muslimischen Jugend in Deutschland und den islamischen Streetwear-Anbieter Style-Islam deutlich.
Charakteristisch für viele dieser Online-Angebote ist die Vielfalt der jugendkulturellen und politisch-religiösen Einflüsse, die sich in Inhalten und Formen der Präsentationen widerspiegeln. So zählen selbstproduzierte oder kopierte Hiphop-Videos zu den gängigen Accessoires, die von jugendlichen Migranten beispielsweise in MySpace-Profilen verwendet werden. Dabei vermischen sich oft allgemeine Botschaften mit explizit politischen oder islamischen Texten. Seit dem Libanon-Krieg im Juli/August 2006 kursieren beispielsweise auf diversen Community-Portalen Musik-Clips, in denen die Kriegsgeschehnisse thematisiert werden. Neben der emotionalen und oft unmittelbar familiären Betroffenheit, die in diesen Liedern zum Ausdruck kommt, werden hier auch die ideologischen Einflüsse sichtbar, die von Organisationen wie der libanesischen Hizbullah über das Internet und das Satellitenfernsehen ausgehen: Israel und die israelische Armee werden meist als unmenschlicher und über Leichen gehender Machtapparat dargestellt, während ein kritischer Blick auf die arabische Seite des Konfliktes in der Regel ausgeblendet wird. Die Übergänge vom Entsetzen über die Opfer der israelischen Bombardierungen beispielsweise im Libanon zu antisemitischen Ausbrüchen und Aufforderungen zu Gewalt sind hier oft fließend.
Medienkompetenz fördern
Das Interesse an politischen und gesellschaftlichen Themen, das in solchen Beiträgen sichtbar wird, ist insofern keineswegs passiv. Gerade die Möglichkeit, eigene Inhalte im Web 2.0 unterzubringen, macht die besondere Popularität des Internets aus. Hier zeigt sich die Notwendigkeit, die Medienkompetenz von jungen Migranten zu stärken. Dabei geht es nicht nur darum, neue spezifische Methoden und Ansätze zu entwickeln. Gewaltvideos und sexistische, homophobe, rassistische und antisemitische Botschaften sind schließlich auch aus den Medienwelten herkunftsdeutscher Jugendlicher hinlänglich bekannt. Die Vielfalt des Angebotes, aus dem arabisch- und türkischsprachige Jugendlichen schöpfen, bleibt Pädagogen und Lehrern allerdings oft verschlossen. Dabei bieten gerade diese Medien einen guten Zugang, um sich in die besonderen Lebenswelten von Heranwachsenden mit Migrationshintergrund hineinzudenken.
Götz Nordbruch (erschienen in einer leicht veränderten Fassung in Sozial Extra - Zeitschrift für Soziale Arbeit Nr. 7/8-2008)

Wenn Sie sich unser RSS-Lesezeichen anlegen wollen, klicken Sie bitte


