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Dalil-Gespräch mit Berliner Imam: Wir sind deutsche Muslime
Montag, 07. April 2008 um 10:36 Uhr

Die arabischsprachige Zeitschrift al-Dalil widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe der Situation der arabischen Muslime in Berlin. Bereits in der Vergangenheit berichtete al-Dalil über die Zersplitterung der arabisch-islamischen Community in Deutschland und die damit verbundenen Konflikte. Für besondere Verärgerung sorgte im vergangenen Jahr die Uneinigkeit der islamischen Gelehrten bei der Bestimmung der Dauer des Fastenmonats Ramadan. Die Muslime in Deutschland feierten das Fest des Fastenbrechens schließlich an unterschiedlichen Tagen – abhängig davon, welchen Gelehrten sie sich anschlossen. Der Streit um das Fest, das ansonsten gerade für die Einheit der islamischen Gemeinschaft steht, erschien vielen als Symbol für die Unstimmigkeiten in der Community.
In einem ausführlichen Gespräch äußert sich der Berliner Imam Anwar Abd al-Salam al-Kobti zur Situation der arabischen Muslime in Berlin. Al-Kobti stammt aus Libyen und ist Absolvent der Universität von Medina:
„Der Islam in Deutschland im Allgemeinen, und nicht nur in Berlin, ist nicht organisiert, es gibt keine einheitliche Organisation, der die unterschiedlichen Strömungen zusammenführen würde. Bei uns in Deutschland gibt es eine große Gruppe von Türken, die 85% der Muslime stellen – die restlichen 15% sind Araber, Bosnier, Albaner oder andere. Der deutsche Staat findet unter uns keine Gesamtvertretung, mit der er sich austauschen und beratschlagen könnte: Die Türken haben viele Organisationen für sich selbst, die Araber und die anderen Muslime auch. Dies ist sehr seltsam und schade. Dies ist die Krankheit der Muslime in Deutschland. (…) Wir müssen eingestehen, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Muslimen in der islamischen Welt nach Deutschland getragen wurden. Es ist dringend erforderlich, dass wir die Probleme unter den hiesigen Muslimen angehen und die Probleme der islamischen Welt den dortigen Menschen zu überlassen. (…)
Wie ist es möglich, dass die (verschiedenen) islamischen Zentren (in Deutschland) zusammenfinden, wenn sie nicht mal bereit sind, einander zuzuhören?! Die islamischen Zentren werden von unterschiedlichen Autoritäten geführt, die jeweils eigene Beschlüsse fassen: Dieses Zentrum ist salafistisch, ein anderes folgt den Muslimbrüdern – und dann stellt sich die Frage, welches Zentrum die größere Autorität hat. (…)
Es ist nicht unser Wunsch, eine einzelne Person zu bestimmen, der über die Angelegenheiten zwischen Muslime in Deutschland entscheidet. Das wäre auch unmöglich. Wir wünschen uns die Schaffung eines großen Rates, der diese Gruppen zusammenbringt und die arabischen, türkischen und bosnischen Zentren vertritt – mit dem Ziel, dass sich diese islamischen Vereine auf ihre Gemeinsamkeiten einigen und dass der Rat diese gegenüber den Verantwortlichen des Staates vertritt. Leider existiert dieser gemeinsame Nenner momentan nicht. (…)
Wir können den islamischen Gruppen nicht einfach sagen, vergesst die Unterschiede und besinnt euch auf die Grundlagen der Religion. Es ist schon verwunderlich, dass wenn ein Deutscher zum Islam konvertiert, dann konvertiert er zu jener Strömung, für die Person steht, die ihn zum Islam brachte. War dies ein Sufi, dann folgt auch der Konvertit dem Sufismus, war es jemand von den Tabligh, dann wird der Konvertit ein Anhänger der Tabligh, war es ein Salafi, dann wird auch der Konvertit ein Salafi.“
Im weiteren Gespräch geht es auch um das Verhältnis der Muslime zur Mehrheitsgesellschaft. Dabei kritisiert Kobti die fehlende Bereitschaft vieler islamischer Zentren, ihre Lehren an die Situation in Europa anzupassen. So wendet er sich auch gegen den Begriff der „Fremde“, um das Leben der Araber und Muslime in Deutschland zu beschreiben. Anstatt sich als türkischer, arabischer oder sudanesischer Deutscher zu begreifen, sollten die Muslime sich endlich als muslimische Deutsche definieren. Mit dem Begriff der Fremde oder des Exils mache man sich schwächer als man ist: „Ich habe Angst, dass sich dieses Abkapseln sich auf die folgenden Generationen der Muslime überträgt und somit zum Entstehen von Hass beiträgt. Schauen sie sich die zweite und dritte Generation der Türken an, sie sind weder Türken noch Deutsche. Für die einheimische Bevölkerung sind sie Fremde und auch für die Türken (in der Türkei) kommen sie aus der Fremde – deshalb beobachtet man in der Generation soviele gesellschaftliche ‚Krankheiten‘.
al-Dalil: Wir müssen unseren Kindern also beibringen, dass sie deutsche Muslime sind, aber arabischer Herkunft?
Bruder, hör auf, der arabischen oder türkischen Herkunft soviel Gewicht beizumessen! Hört auf, sich auf das Erlernen der arabischen Sprache zu konzentrieren und die Kinder zum Arabischlernen zu zwingen. So sehr wir auch versuchen, den Kindern Arabisch beizubringen, ihnen wird das Arabische doch fremd bleiben. Bruder, wir haben das Arabische in einer arabischen Umgebung gelernt . Aber wie erwartest du von den Kindern, die hier geboren wurden, dass sie diese Sprache lernen - und wann?! Mit einem zweistündigen Unterricht pro Woche in einer arabischen Schule? Meinst Du, dass das reicht? Ich habe einen Lehrer gefragt, der in einer arabischen Schule in Berlin unterrichtet, wieviele der Kinder von ihren Eltern zum Arabischunterricht gezwungen werden, und er antwortete mir – und das ist die Aussage des Lehrers - dass über 80% der Kinder nicht freiwillig zum Unterricht gehen. Was sollen sie da lernen?
Bruder, die Kinder sollen die islamische Religion in der deutschen Sprache lernen, denn diese Sprache verstehen sie besser als die arabische. Ich sage nicht, dass Arabischschulen nicht auch von Nutzen sein können, denn Gott würdigt jede Mühe – ich halte den Nutzen allerdings für gering.“
Abschließend äußert sich Kobti auch zu einer oft geäußerten Kritik an der Qualität der Predigten, die von den Imamen in Deutschland gehalten werden. Oft sei es so, dass die Gläubigen kaum etwas von dem verstünden, was die Imame behandeln würden. Zur Verteidigung der Imame verweist Kobti dagegen auf die unterschiedlichen Hintergründe der Gläubigen, die in den Moscheen versammelt seien. Hier träfen sich Akademiker mit Menschen, die weder schreiben noch lesen könnten.
Wichtig sei es allerdings, dass die Imame ihre Predigten nicht für Angriffe auf andere Religionen nutzen. In der Vergangenheit sei einem Prediger wegen solcher Angriffe bereits der Aufenthalt in Deutschland verweigert worden: „Ich denke, wir müssen die Gesetze in diesem Land einhalten, denn hier leben wir in Freiheit.“


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