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Junge Muslime: "Engagement macht sichtbar – Sichtbar werden durch Engagement"

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von Götz Nordbruch

(ursprünglich erschienen auf der Webseite der DIK)

Über 300 junge Muslime nahmen im Dezember 2011 am I-Slam teil, einem Dichtwettbewerb in der Tradition des Poetry Slam, der im Alten Stadthaus in Berlin stattfand. Neun junge Frauen und Männer traten mit selbstverfassten Gedichten gegen einander an und warben um den Applaus des Publikums. In den Texten ging es um Fragen des Glaubens, aber auch um Freundschaft, Familie, das Konsumverhalten von Jugendlichen, den Umgang mit Alkohol und die Folgen von Diskriminierung und antimuslimischen Ressentiments.

Mit ihrer Initiative hat das sechsköpfige I-Slam-Team einen Nerv getroffen, das wurde nicht nur bei der Berliner Veranstaltung deutlich. Ähnliche Events fanden in den folgenden Monaten auch in Hamburg, Bremen und Köln statt, und auch hier stießen die Organisatoren rund um die beiden Studenten Youssef Adlah und Younes Al-Amayra auf großen Zuspruch. Die Veranstaltungen sollen „jungen, talentierten Muslimen die Möglichkeit geben, gehört zu werden, wenn sie sich zu gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Themen äußern”, erklären die Veranstalter.

Damit liegen sie im Trend. Seit einigen Jahren sind zahlreiche Initiativen und kleinere Vereine entstanden, in denen sich junge Muslime engagieren. Gemeinsam ist ihnen der Wunsch, sich in die Gesellschaft einzubringen und ihre Umwelt aktiv zu gestalten. Deutsch-Sein und Muslim-Sein ist für sie kein Widerspruch, sondern selbstverständlicher Ausdruck ihrer Interessen und Erwartungen.

Auch unter Nicht-Muslimen fordern junge Muslime dabei eine Stimme – zum Beispiel im Internet. Den Machern von Online-Initiativen wie dem Filmportal Muslime.tv geht es mitnichten darum, sich über religiöse Fragen auszutauschen. In den professionell gemachten Kurzfilmen, die von den jungen Filmemachern produziert werden, kommt vor allem auch der Wunsch zum Ausdruck, den weitverbreiteten Vorbehalten von Muslimen als fremd und rückständig entgegenzutreten.

Die Botschaft dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist entsprechend selbstbewusst. Sie sehen sich nicht als Bittsteller, sondern als Bürger mit legitimen Rechten und Interessen, die in der deutschen Öffentlichkeit bisher zu kurz kommen. So beklagt ein eindringlicher Filmbeitrag des Filmportals  das „laute Schweigen“ über das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 während des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien über 8.000 Muslime getötet wurden. Das Massaker, das die Biographien vieler junger Muslime – und nicht nur der etwa 500.000 Muslime aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in Deutschland leben – prägte, kommt im historischen Gedächtnis der Gesellschaft allerdings kaum vor. Der Kurzfilm über Srebrenica steht daher für die Forderung, die Biographien von Muslimen in der deutschen Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Der ausdrückliche Wunsch nach Sichtbarkeit und nach Partizipation unterscheidet diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen von der Generation ihrer Eltern und Großeltern. Bis heute orientieren sich viele Muslime der ersten Generation an den Traditionen ihrer Heimatländer. Dabei spielt der Islam auch für viele Jugendliche eine wichtige Rolle. Mehrere Studien, die in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden, dokumentieren die Bedeutung, die dem Islam und wertkonservativen religiösen Vorstellungen im Alltag von Jugendlichen zukommt. Dennoch unterscheidet sich die Art und Weise, wie die Religion von Jugendlichen gelebt wird, immer deutlicher von den Traditionen und Glaubenslehren der Eltern. Das zeigt sich nicht zuletzt im Stellenwert, dem viele Jugendliche der deutschen Sprache zumessen. Für Jugendliche, die sich bei den Lifemakers, dem Rat muslimischer Studierender und Akademikern oder in der muslimischen Umweltinitiative HIMA organisieren, ist Deutsch die selbstverständliche Sprache des Alltags. Das gilt für die Diskussion theologischer Fragen und die Sozialberatung von Studenten genauso wie für öffentliche Aktionen zu den Themen Fairtrade und Ökologie.

In diesem Wandel des Selbstverständnisses spiegelt sich eine Öffnung gegenüber der nicht-muslimischen Umwelt. Der Islam und die umma, die Gemeinschaft der Muslime, bleiben auch für sie ein wichtiger Bezugspunkt, ohne dass dies einem Rückzug aus der Gesellschaft gleich käme. Entsprechend verärgert reagieren gerade junge Muslime auf die fortwährenden Debatten um Integration und den Platz des Islam in Deutschland. An ihren Lebenswirklichkeiten gehen diese Auseinandersetzungen schlicht vorbei.

 

Foto: I,slam in Berlin, Dezember 2011.