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Nimet Seker: 'Begriffe wie konservativ, religiös und säkular bringen uns nicht weiter"

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Nimet Seker ist Islamwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 2011 gibt die 31-Jährige "Horizonte - Zeitschrift für muslimische Debattenkultur" heraus. Im Gespräch mit ufuq.de erklärt sie, warum Kontroversen kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Selbstverständlichkeit sein sollten.

Als Herausgeberin der Zeitschrift Horizonte bieten Sie ganz verschiedenen muslimischen Stimmen ein Forum. Es geht Ihnen ausdrücklich um die Diskussion, um kontroverse Meinungen. Dagegen betonen die Vertreter der großen islamischen Verbände immer wieder, es fehle den Muslimen gerade eine einheitliche Stimme. Weshalb interessiert Sie die Kontroverse?

Mich interessiert die Kontroverse, weil ich meine, dass man zunächst einmal seine Standpunkte darlegen muss, bevor man überhaupt zu einer Einigung kommen kann. Unsere Tradition ist, anders als man weitläufig meint, nicht erstarrt. Gerade der Islam der klassischen Gelehrten hat Kontroversen ausgehalten, ja sie sogar gesucht. Es ging ihnen nicht darum, einen Einheitsislam zu denken oder zu praktizieren, sondern sich zunächst die Quellen, also den Koran und das prophetische Vorbild, zu erschließen, zu verstehen und sich danach zu richten. Dies hat eine enorme Vielfalt und Debatten mit sich gebracht – das ist unser eigentliches kulturelles Erbe, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. In der Moderne haben viele Strömungen mit dieser Tradition der Vielfalt und Meinungsverschiedenheit gebrochen, daraus sind letztlich die intoleranten Bewegungen entstanden.
Die Haltung der Verbände erkläre ich mir durch den politischen Druck, dem sie als Repräsentanten einer Minderheit in Deutschland ausgesetzt sind. Und hinter den Kulissen wird ausgiebig debattiert, davon bin ich überzeugt. Es ist auch nicht so, dass man innerhalb einer Einheit eine Vielfalt nicht denken kann. Gerade dies war für den klassischen Islam charakteristisch.

In diesen Kontroversen geht es ja nicht nur um abstrakte Fragen, viele Diskussionen haben direkte Auswirkungen auf den Alltag. Welche Rolle kommt jungen Muslimen in diesen Debatten zu?

Das kommt darauf an, wo diese jungen Muslime sitzen und in welchen Diskursen sie sich bewegen. Wir sehen nun langsam die ersten jungen Muslime in der Öffentlichkeit, die nicht mit einer einheitlichen Stimme sprechen, sondern eben die Vielfalt in der Community darstellen. Ich denke da zum Beispiel an die Journalisten Kübra Gümüsay und Eren Güvercin, aber auch an Internetplattformen wie Migazin.de. Hier und zunehmend auch in den überregionalen Zeitungen finden teilweise innermuslimische Debatten statt, wenn sie sich auch stets auf das Gespräch mit der Mehrheitsgesellschaft beziehen. Mit der Zeitschrift Horizonte möchte ich eine Intellektualisierung dieser Debatten vorantreiben und junge, frische Autoren fördern. Da die Jugend die Zukunft ist, stellt sie die Speerspitze in der Entwicklung der muslimischen und migrantischen Community in Deutschland. Diese Community ist selbstverständlich nicht homogen, sondern in sich sehr pluralistisch und nicht mit einfachen Kategorien wie „liberal“, „konservativ“, „religiös“ oder „säkular“ zu beschreiben. Diese Begriffe bringen uns nicht weiter, und erst recht nicht, wenn es darum geht, die Situation von jungen Muslimen zu beschreiben.

Sie sprechen die aktuelle Diskussion um Begriffe wie "liberal" und "konservativ" an, die ja nicht zuletzt durch die Gründung des Liberal-Islamischen Bundes ausgelöst wurde. Ist diese Diskussion denn nicht ganz in Ihrem Sinne? Schließlich wird doch hier deutlich, dass das unausgesprochene Motto der etablierten islamischen Verbände - "Islam ist Islam. Punkt." – mit der Lebenswirklichkeit gerade der jungen Muslime nicht mehr viel gemein hat?

Die Diskussion ist in meinem Sinne und die einzelnen Akteure in der Debatte müssen sich auch der Diskussion stellen. Ich denke aber, dass wir vom Glauben wegkommen müssen, dass wir mit den Verbänden, Vereinen oder Institutionen der Sache der jungen Generation gerecht werden können. Verbände werden wie Parteien wahrgenommen und sind – und das ist meine persönliche Meinung – einfach nur Interessenvertretungen. Sie sind Teil des politischen Prozesses wenn es um Muslime geht, wenn es etwa um die Einführung des islamischen Religionsunterrichts geht oder um die Gleichstellung von muslimischen Verbänden mit den Kirchen in Deutschland. Das sind politische und juristische Fragen, keine theologischen. Ich betrachte die Verbände auch nicht als Theologieschulen, auch wenn die DITIB Imame beschäftigt. Ich sehe auch nicht, dass muslimische Verbände eine bestimmte Richtung des Islams vertreten, vielmehr glaube ich, dass sie aufgrund des öffentlichen Drucks und innerer Dynamiken auf bestimmte Art handeln. In der Öffentlichkeit stehen oft politische Fragen im Mittelpunkt, wenn es um den Islam in Deutschland geht. Dabei gerät schnell in Vergessenheit, dass es ja um eine Religion geht.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die wichtigsten theologischen Fragen, die heute unter Muslimen in Deutschland diskutiert werden?

Im Alltag begegnen wir eigentlich stets ähnlichen Fragen, die sich um Ritualpraxis, um die korrekte Durchführung von Ritualen drehen. In der akademischen Welt steht die Koranhermeneutik im Vordergrund. Da geht es um grundsätzliche Fragen, etwa um die adäquate Methode einer historisierend-kontextualisierenden Exegese und um grundsätzliche Fragen wie "Was ist der Koran?", "Was ist Offenbarung?" Viele modernistische Strömungen, dazu zählt auch die Salafiyya in ihren unterschiedlichen Ausprägungen, gehen von einem Text- und damit Offenbarungsverständnis aus, das eigentlich vom Denken her westlich-europäisch geprägt ist. Sie übertragen dies auf den Koran. Genauso werden auch zeitgenössische Wertvorstellungen in die Koranexegese und in reformistische Auslegungen des islamischen Rechts hineinprojiziert. Diese Fragen werden diskutiert, allerdings stehen wir in Deutschland diesbezüglich noch ganz am Anfang.

Zentral ist auch die Frage, wie wir mit der über tausendjährigen Wissenschaftstradition der muslimischen Gelehrsamkeit umgehen – einfach alles über Bord werfen? Dann begehen wir genau den Fehler, den salafistisch-fundamentalistische Ansätze begehen.

Ihre Zeitschrift Horizonte möchte diese Diskussionen befördern. Wie sind denn die ersten Reaktionen?

Die Reaktionen sind bisher sehr positiv, oder positiv überrascht. Vor allem von Seiten muslimischer Multiplikatoren und Akademiker kommt aber bisweilen auch kritisches Feedback. Das wünsche ich mir auch. Es sind auch einige große Medien auf die Zeitschrift aufmerksam geworden, das bestätigt mich auch noch einmal in meinem Vorhaben, die Intellektualisierung von jungen Muslimen zu fördern. Es ist wichtig, eine Debattenkultur in der Community zu entwickeln und sich gleichzeitig auf Augenhöhe in die Debatten der Mehrheit einzubringen. Letztendlich geht es darum, dass Muslime nicht nur auf mediale und politische Diskurse reagieren, sondern selbstreflexiv eigene Fragen stellen. Ich glaube, wir finden uns dabei auf einem guten Weg.

Das Gespräch führte Götz Nordbruch.
Foto: Bozkurt/Basogul