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„Importierte Konflikte?“ – Ungleichheitsvorstellungen und antipluralistische Tendenzen unter jungen Migrantinnen und Migranten

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Der folgende Beitrag von Götz Nordbruch ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Überblick des IDA-NRW erschienen.

„Importierte Konflikte” – unter diesem Schlagwort wird immer wieder über Spannungen berichtet, die in den vergangenen Jahren in den Einwanderungsgesellschaften Europas zu beobachten waren. „Wiens Ethnien und ihre Kleinkriege” titelte beispielsweise die österreichische Zeitung Die Presse angesichts der politischen Konflikte, die unter Migrant/innen aus dem ehemaligen Jugoslawien und anderen Konfliktregionen in der österreichischen Hauptstadt auszumachen seien. (diepresse.com, 30. Mai 2009) Auch in Deutschland wird immer wieder die Befürchtung geäußert, dass Konflikte in den Herkunftsregionen der mittlerweile fast 16 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund zu Spannungen führen könnten. Dem Nahostkonflikt, der Situation der Kurden in der Türkei und den ethnisch-nationalistischen Konflikten im ehemaligen Jugoslawien werden besonderes Konfliktpotential zugeschrieben.

Diesen Szenarien liegt die Vorstellung zugrunde, dass die Ereignisse im Nahen Osten oder in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien prägend seien für die Erfahrungen und Lebenswelten eines Teils der deutschen Bevölkerung, welcher durch biographische Bande von den Geschehnissen in Sarajevo, Diyarbakir oder Gaza besonders betroffen sei. Übersehen wird dabei, dass die Mehrzahl der Migrant/innen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Staaten wie Frankreich oder Dänemark nach Jahrzehnten maßgeblich von den Wirklichkeiten in Europa selbst geprägt ist. Über 3.7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund zwischen 14 und 29 Jahren leben heute in Deutschland, wo sie in Alltag, Schule und Ausbildung durch deutsche Institutionen und Sozialkontakte sozialisiert wurden. Trotz fortwährender Bindungen und Erinnerungen an die Herkunftsländer der Eltern und Großeltern, die in vielen Familien auch in der zweiten und dritten Generation überliefert werden, ist es notwendig, den hiesigen Bedingungen nachzugehen, welche die Lebenswirklichkeiten junger Migrant/innen prägen. Das ist auch deshalb naheliegend, da sich auch unter Migrant/innen prägnante Unterschiede hinsichtlich Identität und Zugehörigkeit zeigen. So identifizieren sich viele Jugendliche mit italienischem oder polnischem Familienhintergrund mittlerweile kaum mehr über die Herkunftsländer ihrer Großeltern. Auch unter Kindern iranischer Einwanderer spielt der familiäre Hintergrund oft nur noch eine nachrangige Rolle – was der weitverbreiteten Annahme widerspricht, gerade Muslim/innen würden in besonderer Weise tradierten Wertvorstellungen, Normen und Orientierungen anhängen. Die Möglichkeit, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen und auch emotional als Teil derselben akzeptiert zu werden, sind hingegen Faktoren, welche die Selbstwahrnehmung junger Migrant/innen und ihre Positionierung gegenüber der sozialen Umwelt wesentlich prägen.

Denunziation des Anderen und Normierung der Umwelt
Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen deutschtürkischer Jugendliche bedeutsam, die ihre fortwährende Bindung an die Türkei mit Entwicklungen in Deutschland selbst erklären. Dabei werden die rassistischen Übergriffe gegen türkische Migrant/innen zu Beginn der 1990er Jahre und das Ausbleiben einer entschiedenen politischen Reaktion vielfach als Zäsur beschrieben. Das „Trauma von Mölln”, wie es der Berliner Journalist Deniz Yücel im Rückblick auf den Mord an einer aus der Türkei stammenden Familie im November 1992 nennt, habe auch bei ihm tiefe Spuren hinterlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe er sich selbst keineswegs als „Türke” verstanden. Die Brandanschläge von Mölln und Solingen lehrten ihn allerdings, „dass wir bedroht waren. Dass man uns hier nicht wollte. Dass es überhaupt ein Uns gab” (taz, 11. Februar 2008). Ganz ähnliche Erfahrungen werden von jungen Muslim/innen beschrieben, die ihren Bezug zum Islam als Reaktion auf antimuslimische Ressentiments in der deutschen Gesellschaft erklären. Die Bedeutung von Diskriminierungserfahrungen von Muslim/innen im Alltag und Berufsleben wurde in zahlreichen Studien herausgestellt. Der rassistische Mord an der Ägypterin Marwa El-Sherbini in einem Dresdener Gerichtssaal im Juli 2009 stellte für viele Muslim/innen eine ähnliche Zäsur dar. Die nur zögerliche Verurteilung der Tat von Seiten der Bundesregierung wurde von ihnen als Mangel einer öffentlichen Solidarisierung mit Muslim/innen in Deutschland gedeutet (ufuq.de, 4. Juli 2009). Die empfundene Ausgrenzung von der deutschen Gesellschaft und die zeitgleiche Hervorhebung der „Andersheit“ durch die Umwelt begünstigen eine Suche nach alternativen Bezugspunkten, die es ermöglichen, als handelnde Subjekte anerkannt zu werden: als „Türke” oder als „Muslim” kann man sich gegenüber der Umwelt positionieren, als „Ausländer” bleibt man außen vor.

Berichte von Lehrer/innen und Sozialarbeiter/innen, welche den wachsenden Gebrauch von Schimpfworten wie „Jude”, „Scheißkurde” oder „Schwuler” unter jugendlichen Migrant/innen dokumentieren, stehen mit diesen Erfahrungen in Zusammenhang. Seit einigen Jahren häufen sich Beobachtungen aus Schulen und Jugendeinrichtungen, nach denen Ressentiments und Anfeindungen gegen Jüdinnen und Juden, Homosexuelle oder Angehörige vermeintlich anderer Nationalitäten zunehmend offen geäußert werden. Zugleich wird aus manchen Einrichtungen von einem wachsenden sozialen Druck berichtet, der sich gegen angeblich „unmuslimisches Verhalten” unter jungen Muslim/innen richtet. Diese Entwicklung wird mittlerweile durch Studien bestätigt, die der Zustimmung zu nationalistischen, islamistischen und antisemitischen Einstellungen unter jugendlichen Migrant/innen und Muslim/innen nachgehen. Im Mittelpunkt dieser Untersuchungen steht dabei oft die Frage nach der Vergleichbarkeit dieser Dynamiken mit antipluralistischen und rechtsextremen Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft. Häufig wird auch die Befürchtung geäußert, dass eine eingehende Auseinandersetzung mit diesem Thema für das Schüren von Vorbehalten gegenüber Migrant/innen und Muslim/innen instrumentalisiert werden könnte. Tatsächlich mischen sich in die Kritik von traditionellen Geschlechterrollen oder islamistischen Vorstellungen immer wieder generalisierende und rassistische Anschuldigungen. Dies zeigte sich zuletzt in der von Thilo Sarrazin angestoßenen Debatte, in der Muslim/innen wiederholt aus kulturalistischer Perspektive heraus mit rückständigem Denken und Handeln in Verbindung gebracht wurden.

Dennoch ist eine Problematisierung entsprechender Vorstellungen ohne essentialisierende Zuschreibungen möglich. Im Folgenden werden vier Denkmuster skizziert, die in den vergangenen Jahren unter jungen Migrant/innen ausgemacht wurden. Gemeinsam ist ihnen die Annahme einer grundsätzlichen Ungleichheit der Menschen, die mit einer Denunziation des vermeintlich Anderen als „minderwertig“, „unrein“ oder „unmoralisch“ einhergeht. Diese Abgrenzung beschränkt sich nicht auf den eigenen Lebensentwurf, sondern beinhaltet eine mehr oder weniger explizite Botschaft an die Umwelt. Die Wahrnehmung von Unterschieden verbindet sich hier mit einer antipluralistischen Haltung, die auf die Normierung des Anderen entsprechend der eigenen Vorstellungen abzielt. Bei den hier beschriebenen Denkmustern von Islamismus, ethnischem Chauvinismus, Homophobie und Antisemitismus handelt es sich insofern nicht um legitime Ansichten, die der freien Entscheidung des Einzelnen überlassen bleiben. Angesichts des Anspruches, den sie gegenüber der Gesellschaft geltend machen, fallen sie in den Bereich demokratiegefährdender Phänomene, denen nicht zuletzt im pädagogischen Bereich begegnet werden sollte. Dabei ist vor allem die Beobachtung wichtig, dass Jugendliche in der Regel noch nicht durch geschlossene Weltbilder geprägt sind. Hier stellt sich auch die Frage nach der Übertragbarkeit pädagogischer Ansätze, die in der Auseinandersetzung mit nationalistischem, autoritärem und sexistischem Denken in der Mehrheitsbevölkerung entwickelt wurden.

Islamismus als antipluralistische Weltsicht
In der öffentlichen Debatte sind es vor allem islamistische Vorstellungen, die als besonders problematisch angesehen werden. Von Islamismus lässt sich allerdings nicht erst dann sprechen, wenn offen zu Gewalt gegen „Ungläubige“ aufgerufen wird. Als islamistisch lassen sich solche Einstellungen und Verhaltensweisen definieren, die auf die Durchsetzung vermeintlich „authentischer“ islamischer Werte und Normen in gesellschaftlichen Beziehungen abzielen. Die Verbreitung entsprechender Vorstellungen lässt sich anhand aktueller Studien abschätzen, die in den vergangenen Jahren unter Muslim/innen in Deutschland durchgeführt wurden. So zeigten nach einer Studie 11,6% der muslimischen Jugendlichen in Deutschland eine hohe Distanz zu den Prinzipien von Demokratie und Rechtstaatlichkeit – in der muslimischen Allgemeinbevölkerung waren es 9,9%. (Brettfeld/Wetzels 2007: 268) Entscheidend dabei ist allerdings die Feststellung, dass eine solche Ablehnung der hiesigen Gesellschaftsordnung in engem Zusammenhang mit den Lebensverhältnissen der Befragten steht. Stellt man sozialstrukturelle Differenzen in Rechnung, so zeigt sich, dass „das Phänomen von Autoritarismus und Demokratiedistanz unter jungen Muslimen in einer ähnlichen Größenordnung verbreitet (ist) wie unter einheimischen Jugendlichen und nicht für muslimische Migranten spezifisch“ (Brettfeld/Wetzels 2007: 307).

Der Wunsch nach einer islamischen Ordnung richtet sich in islamistischen Ideologien nicht nur auf die eigene Lebensführung, sondern wendet sich in gleicher Weise an das persönliche Umfeld und die Gesamtgesellschaft. Die eigene Weltsicht erscheint als absolute Wahrheit, während „Abweichungen“ von derselben – und zwar auch solche von Muslim/innen, die diese Auslegungen nicht teilen – als „unislamisch“ denunziert werden. Islamismus ist dabei nicht gleichbedeutend mit traditionellen und fundamentalen Glaubensvorstellungen. Das Festhalten an überlieferten religiösen Traditionen oder restriktiv ausgelegten Glaubenslehren verbindet sich nicht notwendigerweise mit dem Anspruch, die Anpassung anderer an die persönlichen Überzeugungen durchzusetzen. Gerade in der pädagogischen Arbeit stellt sich hier die Frage einer Abgrenzung einer normierenden Missionierung von öffentlich gelebter Religiosität. Schließlich beinhaltet das Selbstverständnis als gläubiger Muslim/in – ganz ähnlich wie für viele Christ/innen – oft auch den Wunsch, andere von der Heilsbotschaft des eigenen Glaubens zu überzeugen. Die Widersprüchlichkeit der islamischen Traditionen, mit denen sich sowohl religiöse Toleranz als auch ein Absolutheitsanspruch des Islam begründet lassen, bietet den Raum für unterschiedliche Ansichten über die Da‘wa, der „Einladung zum Islam“.

Gerade im salafitischen Spektrum zählt die Da‘wa zu den individuellen Pflichten der Muslim/innen. Der Salafismus gründet auf einer wortgetreuen Auslegung der islamischen Quellen. In den vergangenen Jahren entstanden in zahlreichen deutschen Städten salafitische Initiativen, die mit charismatischen Predigern gerade auch unter jungen Muslim/innen Interesse hervorriefen. Die strikten Vorgaben zur persönlichen Lebensführung und die Betonung der Gemeinschaft der „Brüder“ und „Schwestern“ vermitteln klare Orientierung und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem solidarischen Kollektiv. Die Aktivitäten von Initiativen wie „Die Wahre Religion“ oder „Einladung zum Paradies“, die von Predigern wie Ibrahim Abou Nagie und Pierre Vogel geführt werden, zielen dabei nicht ausschließlich auf religiöse Unterweisung. Auf so genannten Islam-Seminaren, die bundesweit organisiert werden, geht es auch um die Vermittlung einer vermeintlich korrekten islamischen Lebensweise.

Die Bedeutung der salafitischen Strömung liegt nicht in erster Linie in der Zahl ihrer Anhänger, die auf mehrere Tausend bundesweit geschätzt werden. Trotz des beachtlichen Zuspruchs, den diese Initiativen auf ihren Veranstaltungen erhalten, ist es vor allem ihre Präsenz im Internet, die ihren Einfluss gerade unter jungen Muslim/innen ausmacht. Für Jugendliche und junge Heranwachsende endet die Suche nach Informationen über den Islam vielfach auf Webseiten, die von salafitischen Initiativen betrieben werden. Mit hunderten YouTube-Videos und diversen Internet-Foren prägen salafitische Initiativen mittlerweile Diskussionen unter deutschsprachigen Muslim/innen über Auslegungen des Islam. Im Ringen um die Deutungshoheit gelingt es ihnen, mit traditionellen Vertretern des Islam in Deutschland zu konkurrieren. In jüngster Zeit bemühen sich Vertreter des Salafismus zudem, über die öffentlich zelebrierte Konversion bekannter Personen um neue Anhänger/innen zu werben.

Die konfrontative Weltsicht der salafitischen Strömungen stößt mittlerweile auch unter Anhänger/innen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görü? (IGMG), der mitgliederstärksten Organisation aus dem islamistischen Spektrum in Deutschland, auf Kritik. Mit etwa 25-30.000 Mitgliedern und über 300 Gemeinden verfügt die IGMG über großen Einfluss unter deutschen Muslim/innen. Die Organisation ist Teil der Anfang der 1970er Jahre von Necmettin Erbakan in der Türkei gegründeten Milli Görü?-Bewegung („Nationale Sicht“) und orientiert sich in weiten Teilen auch weiterhin an der Ideologie des im Februar 2011 verstorbenen Parteigründers. Erbakan propagierte noch in den vergangenen Jahren einen Kampf gegen den „Westen“, den er als ungläubig und imperialistisch denunzierte. Der „Zionismus“ verkörperte für ihn die feindliche Ordnung, gegen die sich die Muslim/innen zur Wehr setzen müssten. (siehe Dantschke/Seidel/Yildirim 2002) Diese türkisch-islamistische Weltsicht geriet gerade unter jungen Muslim/innen in Deutschland zunehmend in die Kritik, was sich nicht zuletzt in ihrem Wunsch nach einer Öffnung zur deutschen Gesellschaft und Ausrichtung der IGMG an deutsche Realitäten niederschlug. Unter jungen Funktionär/innen mehrten sich die Stimmen, die einen ideologischen Veränderungsprozess und eine konstruktive Beteiligung am gesellschaftlichen Gestaltungsprozess vor Ort einforderten (siehe Schiffauer 2010). Der vereinsinterne Widerstand gegen einen solchen Wandel trug allerdings ebenso wie die fortwährende Kriminalisierung durch die Behörden zur Frustration ebendieser Bemühungen bei. Bis heute sieht sich die Führung der IGMG in einer Opferrolle, durch die die eigene Verantwortung für die fortbestehende Kritik ausgeblendet wird. So spiegeln sich in den Aktivitäten des Vereins weiterhin deutliche Vorbehalte gegenüber einer kritischen Auseinandersetzung mit der Ideologie der Gründerväter.

Die Schwierigkeit, die Ziele und Aktivitäten mancher islamischer Vereine von einer problematischen Missionierung abzugrenzen, zeigt sich gerade in der Auseinandersetzung mit Initiativen wie dem Modelabel Style-Islam oder dem Internetprojekt myumma.de, die in den vergangenen Jahren im Umfeld der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD) entstanden sind. Auch hier steht das Festhalten an einer vermeintlich richtigen Weltsicht in direktem Verhältnis zur verweigerten Anerkennung der eigenen Lebensentwürfe durch die nicht-muslimische Mehrheit. Trotz ideologischer Bezüge zu islamistischen Akteuren, die die MJD vor allem in den Jahren nach ihrer Gründung Mitte der 1990er Jahre unterhielt, engagiert sich der Verein unter seinen Mitgliedern ausdrücklich für die Stärkung einer muslimischen und deutschen Identität. Der gegenwärtige und zukünftige Lebensmittelpunkt ihrer Mitglieder, daran lässt die MJD keinen Zweifel, ist Deutschland. So bemüht sich der Verein nicht zuletzt darum, Jugendliche auf eine erfolgreiche und aktive Teilnahme an der Gesellschaft vorzubereiten und sucht den Austausch mit verschiedenen nicht-muslimischen Vereinen und Einrichtungen. Dies spiegelt sich auch in fehlenden Bezugnahmen auf die Herkunft der Eltern und Großeltern ihrer Mitglieder. Sprachliche und nationale Unterschiede spielen in der Ausrichtung der MJD kaum eine Rolle. „Der Islam ist unsere Religion, Deutschland unsere Heimat, der wir uns verbunden und verpflichtet fühlen”, erklärt Hischam Abul Ola, der Vorsitzende der MJD, die Ausrichtung des Vereins. „Wir machen deutlich, dass es für uns keine Alternative hierzu gibt, weil wir genau das sind: deutsche Muslime. Das ist das Land, in dem wir geboren sind, dessen Werte, Bräuche und Sprache wir kennen, wie keine anderen.” (ufuq.de, 29. Mai 2010)

Gerade für bildungsnahe Jugendliche bietet diese Strömung damit ein alternatives Identitätsangebot, dass den Wunsch nach modernem Lebensstil und persönlichem Erfolg in Deutschland ausdrücklich einschließt. Auch hier spielen allerdings konservative und bisweilen sehr rigide Vorstellungen über islamisch-korrektes Verhalten eine Rolle. So basieren die Argumentationen in Publikationen aus dem MJD-Umfeld ebenfalls auf Warnungen vor nicht-islamischen Einflüssen. Disko-Besuche oder die unkontrollierte Begegnung der Geschlechter werden als Versuche des Teufels beschrieben, Muslim/innen von einer richtigen Lebensführung abzubringen. „Sünden tragen dazu bei, dass der persönliche Niedergang und daraus folgend der Niedergang der Gesellschaft beschleunigt wird“, heißt es beispielsweise in einem Buch, das sich ausdrücklich an junge Muslim/innen richtet. (Demiryürek 2007, 134) Trotz der Verortung in der deutschen Gesellschaft laufen diese Argumentationen damit Gefahr, Nicht-Muslim/innen – oder Muslim/innen, die diese Einschätzungen nicht teilen – als unmoralisch und als potentielle Bedrohung für das individuelle Heil zu denunzieren.
Am Beispiel dieser Strömung lässt sich die Wechselseitigkeit der Identitätskonstruktionen zeigen. Das Angebot einer positiven Identität als „deutsche Muslime“, das von diesen Initiativen vertreten wird, stößt in weiten Teilen der medialen und politischen Öffentlichkeit weiterhin auf Vorbehalte. So wurde die Erklärung von Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum 3. Oktober 2010 über die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland ausdrücklich als positiver Schritt gewürdigt. Die Öffnung dieser Initiativen und damit auch die ausdrückliche Anerkennung einer gesellschaftlichen Vielfalt, die sich beispielsweise in dem Bemühungen um Kooperation mit nicht-islamischen Einrichtungen zeigt, steht damit nicht allein im Widerspruch zu fortbestehenden traditionellen religiösen Vorstellungen. Auch die öffentlichen Debatten über eine vermeintliche Unvereinbarkeit von islamischer Identität und Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft bilden eine Hürde, Alternativen zur „deutschen Leitkultur“ auf der einen Seite und einer an überlieferten Traditionen verhafteten Gemeinschaft der Muslim/innen auf der anderen zu entwickeln.

Ethnischer Chauvinismus als gesellschaftliche Alternative
Die Suche nach Gemeinschaft und der Wunsch nach eindeutiger Orientierung äußern sich allerdings nicht allein in religiös begründetem Denken. Eine ähnliche Funktion erfüllen auch nationalistische Ideologien, in deren Mittelpunkt die Zugehörigkeit zu einem ethnisch definierten Kollektiv steht. Auffallend ist dabei die Ähnlichkeit der Argumentationsketten, die eine klare Unterscheidung in vermeintlich überhistorische Wir-Gruppen ermöglicht. In neueren sozialwissenschaftlichen Forschungen werden islamistische Ideologien als Makro-Nationalismus beschrieben, der die umma, die weltweite Gemeinschaft der Muslim/innen, zum alleinigen Bezugspunkt macht. Auch ethnisch-nationalistische Vorstellungen bieten Jugendlichen eine Alternative zur ambivalenten Identität als „Ausländer“, und damit Ausgegrenzte, in der Gesellschaft.

Die Grauen Wölfe sind unter deutschtürkischen Jugendlichen die einflussreichste Strömung und ein Beispiel für eine Bewegung mit ethnisch-chauvinistischer Ausrichtung. In Deutschland ist die Bewegung vor allem in Nordrhein-Westfalen aktiv. Allein in diesem Bundesland zählen über 70 Vereinen zu den Grauen Wölfen, bundesweit sind es über 200 Vereine, die knapp 10.000 Mitglieder auf sich vereinen. Damit bilden die Grauen Wölfe die größte Organisation unter Migrant/innen, die eine rechtsextreme Orientierung vertritt. Ihr Einfluss zeigt sich unter anderem in Jugendeinrichtungen und Schulen in einem aktiven Werben um Anhänger/innen (zu den Grauen Wölfen und ihren Anhänger/innen in Deutschland, siehe Bozay 2005).

Die Grauen Wölfe verbinden eine ethnisch-nationalistische, aber zugleich stark islamisch geprägte Ideologie mit nationalem Chauvinismus und autoritären Ordnungsvorstellungen. Die Ursprünge der Bewegung gehen auf die MHP zurück, eine rechtsextreme Partei, die 1969 in der Türkei unter Alparslan Türke? gegründet wurde. Seit Ende der 1970er Jahre sind die Grauen Wölfe auch unter deutschtürkischen Migrant/innen in Deutschland aktiv. Im Mittelpunkt ihrer ideologischen Ausrichtung steht die Glorifizierung einer großtürkischen Nation und Einheit der turksprachigen Völker. In der Vergangenheit kam es zu einer Ausdifferenzierung dieser Bewegung, welche die fließende Akzentuierung religiös und ethnisch begründeter Identitäten deutlich macht. So betont der Verband der Türkischen Kulturvereine in Europe (ATB) in Abgrenzung zur ursprünglichen nationalistischen Ausrichtung die „neue“ religiöse Dimension der nationalen Weltsicht. Gemeinsam ist den Anhänger/innen dieser Strömung die Verklärung der türkischen Nation als mythische Gemeinschaft, der eine Führungsrolle in der Region und unter Muslimen zukommt. Der Islam gilt dabei als ein ursprünglich türkisch geprägter Glaube, für dessen Zukunft den Türken eine besondere Bedeutung zukommt. Das Symbol des Wolfes spielt dabei auf den turanischen Mythos an, der die überhistorische Geschichte der Türken herausstellt. Die Verklärung der idealen Gemeinschaft und die Warnung vor ihren vermeintlichen Feinden gehen mit einer Abgrenzung gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten einher, die als Bedrohung für das national-religiöse Kollektiv beschrieben werden. Dabei dienen die Auseinandersetzungen in der türkischen Geschichte mit Griechen, Kurden, Juden und Aleviten als Beleg für eine fortwährende Feindschaft dieser Gruppen. Auch in der heutigen Agitation der Bewegung stehen Angehörige dieser nationalen oder religiösen Minderheiten im Verdacht, der türkischen Nation zu schaden.

Unter Jugendlichen findet dieses Denken in Ressentiments und Ablehnung vom vermeintlich feindseligen Anderen Ausdruck. So sind es gerade auch Jugendliche, die sich in den vergangenen Jahren an Veranstaltungen und Demonstrationen der Bewegung beteiligten. Die öffentlich inszenierte Feindschaft gegen Kurden hat dabei eine besonders mobilisierende Wirkung. Der Einfluss unter Jugendlichen wird auch durch eine aktive Jugendarbeit befördert. Neben Freizeitaktivitäten spielt das Werben im Internet eine wichtige Rolle. In YouTube-Videos und auf türkisch- und deutschsprachigen Webseiten finden sich zahlreiche Beispiele für eine nationalistische Radikalisierung, die sich in der Abwertung des Nicht-Türkischen äußert. Eine ähnliche Rolle spielen auch türkische Sänger wie Ahmet ?afak, die unter Deutschtürken auf Zuspruch stoßen. Dabei geht es um das Schüren eines Feindbildes, gegen das die eigene Gemeinschaft konstruiert wird.

Diese Verbindung von kämpferischem Appell und Einschwören auf die nationale Gemeinschaft findet allerdings nicht nur unter deutschtürkischen Jugendlichen Zuspruch. Ressentiments und Aufforderungen zum Kampf gegen Angehörige „fremder“ Nationen spiegeln sich auch in Beiträgen, die von Jugendlichen mit libanesischem, kroatischen oder serbischen Familienhintergrund im Internet abgegeben werden. Die Aussagen gehen dabei oft über eine Selbstethnifizierung als „Kurde“, „Serbe“ oder „Kroate“ hinaus. Ein Beispiel dafür ist der deutschalbanische Gangsta-Rapper Bözemann, der sich in seinen Musikvideos unter Titeln wie „Der totale Krieg“ als albanischer Nationalist im Kampf gegen seine Umwelt inszeniert. Zwar spielen auch hier religiöse Symbole eine Rolle, im Zentrum steht allerdings die Verteidigung der albanischen Nation gegen Feinde jeglicher Couleur. Das szenetypische „Dissen“ anderer Rapper geht hier in offen gewaltverherrlichende nationalistische Hetze über.

Auch in Internetforen wie dem balkanforum.info werden diese Auseinandersetzungen ausgetragen. In diesen Debatten kommen u.a. Anhänger/innen eines kroatischen und serbischen Nationalismus zu Wort. Die Musik des rechtsextremen kroatischen Sängers Marko Perkovic (alias Thompson), der sich offen auf die faschistische Bewegung der Ustasha bezieht, die im Zweiten Weltkrieg mit Nationalsozialismus und Faschismus kooperierte, dient dabei unter Jugendlichen mit kroatischem Familienhintergrund der identitären Selbstfindung. Bei Konzerten des Sängers in Frankfurt, München und im Ruhrgebiet folgten in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Besucher den nationalistischen Hymnen. Ganz ähnlich funktionieren die Lieder serbischer Nationalist/innen, welche die nationalistischen Konflikte in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien in den hiesigen gesellschaftlichen Kontext übersetzen. Die Verklärung der Nation geht oft mit traditionellen Geschlechterbildern einher. In die martialische Symbolik mischen sich männliche Dominanzvorstellungen, während Frauen als Hüterinnen nationaler Werte und Traditionen präsentiert werden.

Homophobie und die Ablehnung des Anderen
In Studien, die in den vergangenen Jahren unter jungen Migrant/innen durchgeführt wurden, wurde auf die Verbreitung von Vorbehalten gegenüber Homosexualität hingewiesen, die in einem engen Zusammenhang mit traditionellen Geschlechtervorstellungen stehen. Dies zeigt sich nicht zuletzt Liedern und Musikvideos aus der Hiphop- und Gangsta-Rap-Szene, in denen die Charakterisierung „schwul“ zur Abgrenzung des eigenen Lebensstils verwendet wird. Aufrufe zur Gewalt gegen Schwule, die sich in Liedern von Sängern wie Bushido oder Gökhan ?ensan alias G-Hot finden, stoßen mittlerweile auch in der Szene selbst auf entschiedenen Widerspruch.

Die Existenz entsprechender Vorbehalte wird durch zahlreiche Berichte aus Jugendeinrichtungen bestätigt. Dort werden Aussprüche, wie beispielsweise „Du Schwuler” oder „Das ist schwul” von jungen Migrant/innen als Schimpfworte verwendet. Eine Untersuchung unter Berliner Gymnast/innen und Gesamtschüler/innen kam zu dem Ergebnis, dass homosexuellenfeindliche Aussagen unter männlichen Jugendlichen mit türkischem Familienhintergrund besonders ausgeprägt sind. Auffallend war allerdings die Verbreitung homophober Ressentiments über kulturelle und soziale Unterschiede hinweg. 78,9% der befragten deutschtürkischen Jungen stimmten danach der Aussage zu, das Küssen von Männern auf der Straße sei abstoßend. Unter deutschstämmigen Jungen lag die Zustimmung bei 47,7%. Bedeutsam waren nach dieser Untersuchung die geschlechtsspezifischen Unterschiede; so lag die Zustimmung zu der entsprechenden Aussage mit 59,6% bzw. 10,2% bei den Mädchen deutlich niedriger. Ähnliche Zustimmungsraten wie unter jungen Deutschtürk/innen zeigten sich unter jugendlichen Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch hier beschrieben 75,8% der Jungen und 63,5% der Mädchen das Küssen unter Männern als abstoßend (vgl Simon 2008).

Ein wesentliches Ergebnis der Studie bestand dabei in dem Zusammenhang, der zwischen Einstellungen zur Homosexualität, Akzeptanz traditioneller Männlichkeitsnormen und der Religiosität der befragten Jugendlichen festgestellt wurde. Gerade bei deutschtürkischen Jugendlichen, aber in abgeschwächter Form auch unter deutschrussischen Jugendlichen, spielte die Religiosität für die Einstellungen gegenüber Homosexuellen eine wesentliche Rolle. Als weitere Einflussfaktoren wurden das Gefühl individueller Desintegration und die Erfahrung und Wahrnehmung von Diskriminierungen ausgemacht. Auch in diesem Zusammenhang spielt die Erfahrung von Desintegration und Diskriminierung insofern eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung der sozialen Umwelt und der Akzeptanz pluralistischer Lebensentwürfe. Vor diesem Hintergrund wird von Initiativen wie Gladt und LesMigras, in der homosexuelle und transsexuelle Migrant/innen aktiv sind, auf die Wechselwirkung von gesellschaftlichem Rassismus und homophoben Einstellungen unter Migrant/innen hingewiesen. Auch in die Kritik homophober Ressentiments mischen sich nach Ansicht dieser Initiativen immer wieder rassistische Vorbehalte gegenüber Migrant/innen und Muslim/innen. Ähnlich wie in den Auseinandersetzungen um Zwangsehen und „Ehrenmorde“ werden entsprechende Einstellungen danach zur Abgrenzung gegenüber einem vermeintlich rückständigen Islam instrumentalisiert.

Die Ablehnung „der Juden“ als Ressentiment und Welterklärung
In den Aussprüchen „Du Schwuler“ oder „Du Jude“ spiegelt sich die Abwehr von Verhaltensweisen oder Ansichten, die als nicht-konform und letztlich als verwerflich wahrgenommen werden. Antisemitismus als spezifische Weltsicht lässt sich in dieser Hinsicht nicht auf eine Feindschaft gegen Juden reduzieren. In modernen antisemitischem Denken, das sich wesentlich von klassischer christlicher Judenfeindschaft unterscheidet, stehen die „Juden“ für die Komplexität moderner Gesellschaften. Das Unverständnis für die komplexen Zusammenhänge in pluralistischen Gesellschaften äußert sich in dem Bemühen, die als bedrohlich wahrgenommene Unübersichtlichkeit zu personifizieren. In der Geschichte des Antisemitismus standen „die Juden“ dabei im Zentrum der Anfeindungen. Im Unterschied zu religiös begründeter Judenfeindschaft, in der Jüdinnen und Juden vor allem wegen ihrer vermeintlichen Gottesfeindschaft attackiert werden, erscheinen sie in modernen antisemitischen Wahrnehmungen als Ursache von persönlichen und gesellschaftlichen Konflikten. Im europäischen Kontext waren es dabei vor allem christlich begründete Stereotype, die diese Identifikation begünstigten. Auch im islamischen Kontext bieten die religiösen Traditionen Anknüpfungspunkte für entsprechende Deutungen, welche „die Juden“ als Ursache für gesellschaftlichen Wandel und damit in Zusammenhang stehende Konflikte verantwortlich machen. Im Koran und in den Hadithen, den Berichten über das Handeln des Propheten Muhammads, finden sich Aussagen, die eine Feindschaft gegen Juden und Jüdinnen begründen können. Die Auflösung der islamischen Gemeinschaft, Anfeindungen gegenüber Muslim/innen und das Infragestellen religiöser Gewissheiten lassen sich in dieser Wahrnehmung auf „jüdische Machenschaften“ zurückführen. Nicht zufällig werden moderne Ideologien und Gesellschaftsformen wie Kapitalismus und Kommunismus, aber auch Demokratie, von einigen islamischen Gelehrten auf den Einfluss von Jüdinnen und Juden zurückgeführt.

Die Behauptung, „die Juden“ seien für aktuelle Konflikte verantwortlich, stößt auch in der Mehrheitsbevölkerung auf deutliche Zustimmung. Knapp 20% der Deutschen äußern in Umfrage latent antisemitische Einstellungen. Auch unter jungen Migrant/innen findet sich diese Vorstellung, wobei in jüngerer Zeit vor allem auch auf die Verbreitung entsprechender Vorstellungen unter Jugendlichen mit polnischem und russischem Familienhintergrund hingewiesen wurde (Brettfeld/Wetzel 2007, 275). Aktuelle Statistiken bestätigen, dass junge Migrant/innen neben Rechtsextremen mittlerweile für den größten Anteil an antisemitischen Vorfällen und Übergriffen verantwortlich sind. Gerade bei Jugendlichen ist dabei in der Regel nicht von einem gefestigten Weltbild, sondern von mehr oder weniger verfestigten Ressentiments und Stereotypen über „die Juden“ auszugehen. Die beiläufige Verwendung von „Jude“ als Schimpfwort gibt vielmehr eine affekthafte Abwehr des Unerwünschten und vermeintlich Bedrohlichem wieder. (siehe dazu Dantschke 2009, Kiefer 2009, Müller 2009) Besondere Bedeutung gewinnen solche Vorstellungen im Zusammenhang mit dem Israel-Palästina-Konflikt, der nicht nur unter gläubigen Muslim/innen vielfach als Symbol für bestehende Ungerechtigkeiten auf lokaler und globaler Ebene gedeutet wird. Nicht zufällig zählen Motive, in denen auf „Palästina“ verwiesen wird, zu den gängigen Angeboten, wie sie von Modelabels wie Style-Islam vertrieben werden.

Die metaphorische Verwendung Palästinas – und damit auch die Identifikation der Juden – zeigt sich auch in dem weitgehenden Fehlen von Kenntnissen über die realen Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern. Anders als Jugendliche mit palästinensischem oder libanesischem Familienhintergrund, deren Familiengeschichten in der Regel real von Krieg, Vertreibung und Flucht geprägt sind, besitzen andere Jugendliche vielfach kaum Informationen über die Hintergründe des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Dennoch haben gerade die Ereignisse in Israel und Palästina – anders als beispielsweise die Konflikte auf dem Balkan, in Tschetschenien oder in Darfur, wo Muslim/innen in großer Zahl zu den Opfern zählen – eine besondere mobilisierende Wirkung. Angesichts von überlieferten Vorbehalten gegenüber Jüdinnen und Juden eignet sich dieser Konflikt besonders für die Thematisierung eigener Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung.

Die symbolische Bedeutung Palästinas, die über die reale Situation der Palästinenser/innen hinausgeht, kommt dabei in der Interpretation der Ereignisse in Israel/Palästina zum Ausdruck. Die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung erscheint hier als Metapher für Diskriminierungen, denen sich Migrant/innen mit arabischen oder türkischen Familienhintergrund auch in Deutschland ausgesetzt sehen. In diversen deutschsprachigen Liedern und Musikvideos, die auf myspace.de oder YouTube im Zusammenhang mit dem Krieg im Libanon im Sommer 2006 und in Gaza im Januar 2009 veröffentlicht wurden, mischen sich die Auseinandersetzungen im Nahen Osten mit der Situation von Migrant/innen und Muslim/innen in Europa. In dem Lied „Juden-Diss“, das seit 2007 auf YouTube kursiert, wird diese Verbindung deutlich. Aber auch in Liedern wie „Wie lange noch“ des Berliner Rappers Scarabeuz wird das Leid der Bevölkerungen in den verschiedenen Konflikten im Nahen Osten mit der Situation in Deutschland parallelisiert. Immer wieder wird dabei auf die Benachteiligung als „Ausländer“ hingewiesen, der Migrant/innen auch in der zweiten und dritten Generation ausgesetzt seien. Antijüdische Ressentiments, wie sie von Jugendlichen formuliert werden, und die Fokussierung auf Palästina als Symbol von Ungerechtigkeit und Diskriminierung, erscheinen insofern auch als Ausdruck des Versuches, einen Gestaltungsanspruch einzufordern. Der Verweis auf Palästina bietet zugleich die Möglichkeit, sich über das Engagement für eine gemeinsame Sache zu identifizieren.

Gemeinschaft, Identität, Orientierung – und die Abgrenzung von der Gesellschaft
Erfahrungen von Desintegration und Diskriminierung bilden einen wichtigen Hintergrund für die Suche nach persönlichen Alternativen. Der Mangel an identitären Angeboten, dem sich junge Migrant/innen und Muslim/innen gegenübersehen, endet dabei nicht selten in Ungleichheitsvorstellungen und der entschiedenen Abwehr des vermeintlich Anderen. Die Herausforderungen, die sich in den vergangenen Jahren im Umgang mit Fragen von Migration und Islam in Deutschland abzeichnen, machen insofern auch auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft Veränderungen notwendig. Dabei bieten die Bemühungen von Migrant/innen und Muslim/innen um alternative Vorstellungen von Identität und Zugehörigkeit wichtige Ansätze, die eine Einbindung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den gesellschaftlichen Alltag ermöglichen könnten. Gerade vor diesem Hintergrund weisen die Auseinandersetzungen, die in der „Sarrazin-Debatte“ zur Sprache kamen, in die falsche Richtung. Kulturalistische und essentialisierende Zuschreibungen, die sich gegen ewige „Kopftuchmädchen“ und „türkische Gemüsehändler“ richten, bestätigen dabei eine Weltsicht, die von Migrant/innen und Muslim/innen zu Recht kritisiert wird.

Literatur
Bozay, Kemal (2005): „... ich bin stolz, Türke zu sein!“ Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung, Schwalbach
Brettfeld, Katrin/Wetzel, Peter (2007): Muslime in Deutschland – Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierte Gewalt – Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen, Hamburg
Dantschke, Claudia (2009): Feindbild Juden – zur Funktionalität der antisemitischen Gemeinschaftsideologie in muslimisch geprägten Milieus, in „Die Juden sind schuld“ - Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus, Amadeo-Antonio-Stiftung, Berlin, S. 14-19.
Dantschke, Claudia/Luzar, Claudia (2007): Aspekte der Demokratiegefährdung in Berlin - Mitte und Möglichkeiten der Intervention – Nachfolgestudie. Eine Kommunalanalyse im Berliner Bezirk Mitte, Berlin
Dantschke, Claudia/Seidel, Eberhard/Yildirim, Ali (2002): Im Namen Allahs. Der Islamismus - eine Herausforderung für Europa, Berlin
Demiryürek, Murat (2007): Jung & Muslim, Berlin: Greenpalace.
Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München (2010): Heimatliebe, Nationalstolz und Rassismus – Einzelmeinungen oder Trend? Extrem rechte politische Weltanschauungen von MigrantInnen (in München), 2 Teile, München
Kiefer, Michael (2009): „Was wissen wir über antisemitische Einstellungen bei muslimischen Jugendlichen? Leitfragen für eine künftige Forschung“, in „Die Juden sind schuld“ - Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus, Amadeo-Antonio-Stiftung, Berlin, S. 20-23.
Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg (2005): „Militaristischer „Idealisten-Eid" auf ADÜTDF-Veranstaltung im Raum Stuttgart“, 07/2005
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